die Faszination fahrender Autoreifen

kategorisieren, anschauen, verwalten, erraten, klassifizieren
es gibt die ganz alten, die wahrscheinlich auch im Stehen keine Löcher hätten (undurchsichtige)
es gibt die halbdurchsichtigen, die keine besonderen Merkmale haben
es gibt die (halb-)durchsichtigen mit der physikalischen Unmöglichkeit
es gibt die physikalisch unmöglichen oder die optisch täuschenden, die sich in die falsche Richtung drehen, und viel zu langsam noch dazu
es gibt selbstverständlich Mittellösungen, Überschneidungen und Unklassifizierbarkeiten, die allesamt wieder eine extra Klasse bilden könnten und dann, nach ausführlicher Betrachtung und nach vielzähligen Experimenten, wieder schön kategorisiert werden können würden
es gibt ein, zwei Stunden Übungszeit, die auf die Nachtprobe nicht genügend vorbereiten können
es gibt Müdigkeit oder tränende Augen oder sonstige Konzentrationsschwierigkeiten und bestimmte Erwartungen, unzureichende statistische Erhebungen
die optisch täuschenden sind am seltensten, weil Tunnel nicht zählen, dann kommen die ganz alten undurchsichtigen, die am leichtesten auch am Überbau zu erkennen sind, dann kommen die andern, unzählbar, vielleicht circa irgendwie gleichberechtigt
in der Dunkelheit kommt der Wunsch, Seitenlichter zu haben und mit der Zeit kommt der Wunsch, keine Allergien zu kennen und mit mehr Zeit kommt der Wunsch, schlafen zu können und mit noch mehr Zeit kommt der Wunsch, mehr Übung am Tag gehabt zu haben und dann kommt der Wunsch, andere Beschäftigungen auf die Reise mitgenommen zu haben worauf Wünsche folgen, die nichts mit den vorhergehenden zu tun haben, worauf einige Sekunden Pause folgen, worauf Gedanken an Abschweifungen folgen, was zu mehr Abschweifungen und noch mehr Zeitlupen führt und irgendwann auch zu der phonetischen Ähnlichkeit von Exam und Examen und einer Verwechslung mit Experiment oder Ex oder Axt oder allen anderen Hangmanfalle-Worten wie Amt, alt, Art, Akt, Akt, und einer sehr großen Verwirrung und einer noch größeren Ahnungslosigkeit, aber immerhin zu keinen rassistischen, verallgemeinernden, sprachauseinandernehmenden Gedanken, diesmal zumindest

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Gewebungen

du willst schmutzige Nägel haben und schmutzige Finger und einen persönlichen Donner, der dir überallhin folgt und du willst dir den Schmutz runterkratzen, beißen, bis deine Haut zum Vorschein kommt, und wenn deine ganze Haut reingekratzt ist, der Donner wäre ein Blech, das durch Schwingungen geräuschen würde, dann würdest du dir die Haut abkratzen, bis aufs Blut, vielleicht, du könntest immer donnern wenn du dazu Lust hättest, egal wo, wenn auch nur in deinem Kopf, du willst dabei nicht an diese rassistische, nazistische Geschichte denken müssen, mit der deine Mutter, und durch das leichteste Zittern deiner Füße würde es donnern und du hörtest dieses beruhigende Geräusch immer wenn du den Wunsch verspürtest, versucht hat die Kurrentschrift zu erlernen, dich zu bewegen, aber nicht von der Stelle kommst, sondern nur an das wohltuende Gefühl der Beschichtung, Freilegung, das Geräusch des Donners.

du willst einen Sonnenaufgang sehen, aber nicht hier, nicht so, nicht in der Stadt, nicht, nachdem du durchgemacht hast, nicht, nachdem du aufwachst, obwohl du noch müde bist, nicht, weil die Dunkelheit verjagt wird, und schon gar nicht, weil es dabei hell wird.

durchmachen and then some

sie sagen,
deine Augenlider werden schwer, fallen zu,
aber das stimmt nicht. mit deinen Lidern ist alles in Ordnung,
mit deinen Augen soweit auch. ein bisschen fixiert sind sie halt und dein Blick wird kurz verschwommen,
wenn du ihn zu weit weg vom Ausgangspunkt richten musst, Augen schließen schadet auch nicht,
für eine viertel Sekunde, oder vielleicht eine halbe,
oder doch auch länger. dann siehst du wieder alles scharf,
ganz normal, wie immer,
nein, du merkst keinen Unterschied,
alles gut.

dein Kopf soll schwer sein,
aber es ist nicht die Schwere des Kopfes, die dich stört,
sondern seine Unhaltbarkeit. nicht, dass er dir vom Hals fallen würde,
dafür sorgst du schon,
nein, vielmehr könnte er jeden Moment nach vorne oder nach hinten knicken,
und wer weiß, wann er dann wieder raufkommen würde,
das nächste Mal. vom potentiellen Genickbruch garnicht erst anzufangen.

vor der Kälte hat dich niemand gewarnt,
oder wenn, hast du es wohl nicht mitbekommen. dabei war dir doch eben noch so heiß. hast du das Fenster zu spät geschlossen? Zeitgefühl existiert ja keines mehr in deinem Kopf,
die Zeit vergeht viel zu schnell,
oder du denkst einfach langsamer als sonst,
oder beides,
oder die Uhren verarschen dich und wenn du hinschaust bleiben sie stehen und wenn du wegschaust holen sie die ganze Zeit nach, die du sie angestarrt hast,
and then some.

nein, müde,
wieso denn, wer kommt denn auf sowas,
nein, vielleicht vor ein paar Stunden, wo es noch dunkel war,
aber jetzt, nein, nein, hellwach,
gut, vielleicht nicht gerade hell,
aber doch wach. wach genug. die Schriftart der Worte, die du gerade liest,
ändert sich,
aber was ist schon bedenklich daran? kommt sicher vom stundenlangen immer-auf-denselben-Bildschirm-starren.

über die Schlaflosigkeit

du drehst dich auf die Seite, dein Herz schlägt schnell. (warum nur? du hast doch gar nichts getan. kein Sport vorm Schlafengehen, kein aufregender Film… was hast du eigentlich gemacht, kurz bevor du dich ins Bett gelegt hast? kannst du dich daran noch erinnern?
wenn du es nicht besser wüsstest, würdest du denken, du wärst verliebt.)

du änderst die Position deines Armes. (was ist bloß los mit dir? so unruhig warst du schon lange nicht mehr. ist heute Nacht vielleicht Vollmond? du weigerst dich aufzustehen, um nachzusehen – wer weiß, wann du es wieder schaffen würdest, dich hinzulegen. morgen musst du schließlich früh auf. außerdem brächte dir die Erkenntnis sowieso nur Ärger. wenn überhaupt. Ärger oder eine unzureichende Erklärung. darauf kannst du gut verzichten.)
du legst dich auf den Rücken. (vielleicht funktioniert es jetzt. meistens schläfst du in Rückenlage ein. glaubst du zumindest. den Kindheitstraum von der Videokamera neben dem Bett hast du dir bis jetzt nicht erfüllt. damals hast du in irgendeiner Kindersendung einen schlafenden Menschen in fast forward gesehen. ist sehr beeindruckend gewesen, daran kannst du dich noch erinnern. aber nicht daran, wer der Mann [war es überhaupt ein Mann?] gewesen ist. auch nicht an die genaue Reaktion deiner Mutter, nachdem du ihr eröffnet hast, dass du dich ebenfalls gerne jeden Morgen schlafen sehen willst.) du platzierst deine Hände um. (der Wunsch, deine Träume aufzeichnen zu können, ist dir geblieben. stammt sein Ursprung ebenfalls aus dieser Zeit oder kam er erst später? du würdest es jedenfalls immer noch gerne können. genauso wie luzides Träumen. ein, zwei Mal ist dir letzteres gelungen. vielleicht auch öfters und du hast es einfach vergessen, schon möglich. da käme wieder die Traumaufzeichnung ins Spiel, wenn es sie gäbe. natürlich könntest du auch aktiv an deinen Träumen arbeiten, mit aufschreiben und so weiter. aber das ist dir damals zu langwierig geworden. du kannst dich leider viel zu selten an deine Träume erinnern.)
als nächstes versuchst du es mit der Bauchlage, der Kopf liegt seitlich am Polster. kurz öffnest du die Augen (die Dunkelheit des Zimmers steht der Dunkelheit hinter deinen Augenlidern um nichts nach), um sie gleich darauf wieder zu schließen. (wozu sinnloserweise die Pupillen belasten? offene Augen würden dich nur umso mehr vorm Einschlafen abhalten. das ist das letzte was du jetzt brauchst, die Registrierung jedes noch so winzigen Lichtteilchens. oder war Licht eine Welle? du kannst dich nicht mehr erinnern.
genau genommen
kannst du dich an deine gesamte Schulzeit kaum erinnern. spärlich detailliert sind die wenigen Momente, die dir geblieben sind. hast du alles verdrängt? aber dafür müsste es doch einen Grund gegeben haben! ist dir wirklich einfach alles entfallen? aber so unwichtig war deine Schulzeit doch bestimmt nicht! waren die Erinnerungen zu langweilig, zu nichtssagend, hast du sie deshalb gelöscht? aber dich haben doch bestimmt täglich zahlreiche amüsante Situationen und [für damalige Verhältnisse] weltbewegende Probleme beschäftigt!)
du brauchst lange, um eine angenehme Position für deinen Kopf zu finden. (Kopf und Hände sind immer am schwersten.) dein kaltes Ohr bedeckst du mit der warmen Decke. (das Ohr auch. überhaupt alles, was leicht friert. für die Füße hast du normalerweise ja Socken, aber die sind bereits irgendwo am Fußende des Bettes verschwunden. zum Glück ist die Decke lang genug um deinen gesamten Körper gleichzeitig zu wärmen. wenn das Ohr nicht so kalt wäre – und wenn du wüsstest, wohin du deine Arme legen könntest, ohne dass du Sekunden später wieder den Drang verspürtest, sie woandershin zu bewegen –, dann könntest du vielleicht sogar einschlafen.) du seufzt.

ganz plötzlich schüttelt es dich unerwartet; du erschreckst kurz, bist dann aber erleichtert (das Gefühl des Fallens kommt pro Nacht höchstens einmal vor [du bist dir nicht einmal sicher, ob du es jemals schon öfters am selben Abend verspürt hast] und das kürzer vorm Einschlafen als du hoffen würdest).

abermals drehst du dich auf die Seite. (so, jetzt aber ganz ruhig. einatmen, ausatmen. du musst lachen, weil deine Gedanken dich zu Selbsthilfegruppen und Geburtsvorbereitungen führen. einen wirklichen Grund für dein Lachen gibt es allerdings nicht. weder Selbsthilfe- noch Geburtsvorbereitungsgruppen findest du für sich betrachtet ein solches Lachen wert.
ein gutes Zeichen also, die Müdigkeit setzt ein! du delirierst bereits im Halbschlaf, das muss es sein, eine andere Erklärung gibt es nicht – du lässt nicht zu, dass sich eine andere Erklärung anschleicht.)
du versuchst, völlig still zu liegen. (irgendwann einmal hast du irgendwo einmal gelesen oder gehört, dass jeder Mensch einschläft, wenn er sich für 15 Minuten nicht bewegt. du weißt nicht mehr, ob es mindestens 15 Minuten oder höchstens 15 Minuten oder ungefähr 15 Minuten waren. je länger du darüber nachdenkst, umso mehr zweifelst du an den 15 Minuten selbst – waren es vielleicht doch 20? mit Sicherheit weißt du, dass du dich damals schon gefragt hast, was genau mit bewegungslos gemeint ist. atmen wird wohl oder übel erlaubt sein müssen, aber fällt zum Beispiel die Schrecksekunde des Fallens auch darunter? müsstest du nach einer solchen wieder von vorne zu zählen beginnen? und was ist mit kleinen, winzigen Zuckungen der Finger, vielleicht nur halbbewusst ausgeführt? oder) du seufzt. (mit dem starken Anheben des Brustkorbs im Zuge eines tiefen Seufzers?) du beginnst zu zählen. (Silben, wie immer. du zählst die Sekunden nicht als Zahlen, wie du es früher getan hast [eins, zwei, drei, vier], sondern jede Silbe einzeln [fünf, sechs, sie, ben]. du weißt noch nicht, wie du ab hun, dert weitermachen wirst. meistens ignorierst du die großen Zahlen und tust so, als würde es nach hun, dert, und, eins, wieder mit zwei weitergehen. aber wenn du es doch etwas länger durchhältst, dann selbstverständlich mit dem und nach der Hunderterstelle. jede Silbe muss ausgenutzt werden, der Sinn der Sache ist ja, dass du dich verzählst, dass du wieder von vorne anfängst, dass du vergisst, bei welcher Zahl du gerade warst, dass du dieselben Silben viel zu oft hintereinander wiederholst – dass du endlich einschlafen kannst.)