es ist nicht wie es scheint

du sagst du willst mich nie wieder sehen und wirfst mich aus der Wohnung, aber wunderst dich, warum ich mir ein neues Zuhause suche. du sagst ich bin der hässlichste Mensch, der dir je begegnet ist, aber wunderst dich, wenn ich eine der folgenden Optionen wähle: Schönheitschirurgie, Selbstmitleid, Suizid. du sagst du wirst mich mein ganzes Leben über begleiten, immer bei mir sein, und lachst mich aus, wenn ich in meinen Tränen ersticke nachdem du mich verlassen hast. du sagst du wirst mich nie wieder umarmen und verfluchst mich, nachdem ich dir eine Watsche oder einen Messerstich oder einen Kopfstoß gegeben habe, weil du es doch versucht hast. du backst mir eine Torte mit der Aufschrift „iss mich nicht“ und schüttelst den Kopf als du sie drei Monate später verschimmelt im Kühlschrank entdeckst. du sagst du hättest gern schwarze Wände mit neonfarbenen Mustern drauf, aber brüllst mich an, als ich mit den Töpfen und Pinseln auftauche. du glaubst du verstehst mich, aber bist regelmäßig erstaunt von mir. du hast die Frechheit mir zu sagen, dass ich es wert bin, während du innerlich die Augen verdrehst. du hast die Frechheit mich betrunken wegzuscheuchen, während du innerlich nach Hilfe rufst. du behauptest, du wirst dich ändern, obwohl du genau weißt, dass es eine Lüge ist. du erwürgst mich mit vor Glück glänzenden Augen. du brichst neben meiner Leiche in schallendes Gelächter aus. du wirfst Äpfel nach mir, obwohl du mir nur erlaubst, Birnen zu essen. du lässt mich verhungern und gönnst dir währenddessen ein Festmahl. du hungerst dich zu Tode und zwingst mich, dir dabei zuzusehen und Popcorn zu essen, wie im Kino. du sagst A, machst B, denkst C, fühlst D. dein Alphabet hat nicht genug Buchstaben. du hast die Frechheit zu sagen „das wusste ich nicht“ oder „das war doch klar“ oder „du darfst mich halt nicht so ernst nehmen“. irgendwann werde ich die Frechheit haben, zu weinen und gleichzeitig zu lachen; dir wehzutun, aber es zu genießen; dir eine Freude zu machen, jedoch innerlich zu kochen; dir vorzuwerfen, dass du die Topfpflanzen zu sehr gegossen hast, obwohl ich gesagt habe, sie brauchen viel Wasser.

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Menschen wie Absatzlosigkeit

es gibt Menschen wie du und es gibt Menschen wie ich. Menschen wie du wissen immer, was sie zu sagen haben. Menschen wie du können kochen und leben und selbstständig sein. Menschen wie ich wissen erst, wenn es zu spät ist, dass sie etwas falsches gesagt haben. Menschen wie ich können kein einziges Geheimnis für sich alleine bewahren. Menschen wie ich besitzen zwar Empathie (naja, fast), können aber nicht richtig damit umgehen. Menschen wie ich müssen alles immer irgendjemandem erzählen, egal was, egal wem (naja, fast). Menschen wie ich verletzen Menschen wie dich. Menschen wie ich fangen gerade erst an, leben zu lernen. Menschen wie du müssen „wenn ich mich umbringe, ist es deine Schuld“-Sätze in den Mund nehmen. Menschen wie du kennen den Reiz, den ein Geheimnis erzeugt, dieses „ich weiß was, was du nicht weißt“-Gefühl. Menschen wie ich können nur Dinge wie „wenn du dich wirklich umbringen wollen würdest, hättest du das schon längst getan“ und „ich kann genauso an meinem Grab stehen und sagen: mir waren alle Menschen egal, alle, ausnahmslos“ bzw. ein unglaubwürdig klingendes „sorry“ in Krisensituationen aussprechen. Menschen wie ich hassen es, wenn Menschen wie du über jemanden lästern und denken sich Sachen wie „soll ich das der betreffenden Person erzählen?“ und „würde ich wissen wollen, wer was über mich lästert?“ bzw. schlimmstenfalls „aber über mich lästert doch eh keiner!“ Menschen wie ich sollten hungrig und müde und geistig halb abwesend keine Gespräche führen dürfen. Menschen wie ich hassen es, immer überlegen zu müssen, wer was von wem seit wann warum und wieviel genau weiß. Menschen wie wir hatten vielleicht nie wirklich eine Chance, gleichwertig miteinander zu kommunizieren. Menschen wie wir haben einfach eine nicht-kompatible Philosophie in solchen Dingen. es gibt Menschen wie du und es gibt Menschen wie ich.

durchmachen and then some

sie sagen,
deine Augenlider werden schwer, fallen zu,
aber das stimmt nicht. mit deinen Lidern ist alles in Ordnung,
mit deinen Augen soweit auch. ein bisschen fixiert sind sie halt und dein Blick wird kurz verschwommen,
wenn du ihn zu weit weg vom Ausgangspunkt richten musst, Augen schließen schadet auch nicht,
für eine viertel Sekunde, oder vielleicht eine halbe,
oder doch auch länger. dann siehst du wieder alles scharf,
ganz normal, wie immer,
nein, du merkst keinen Unterschied,
alles gut.

dein Kopf soll schwer sein,
aber es ist nicht die Schwere des Kopfes, die dich stört,
sondern seine Unhaltbarkeit. nicht, dass er dir vom Hals fallen würde,
dafür sorgst du schon,
nein, vielmehr könnte er jeden Moment nach vorne oder nach hinten knicken,
und wer weiß, wann er dann wieder raufkommen würde,
das nächste Mal. vom potentiellen Genickbruch garnicht erst anzufangen.

vor der Kälte hat dich niemand gewarnt,
oder wenn, hast du es wohl nicht mitbekommen. dabei war dir doch eben noch so heiß. hast du das Fenster zu spät geschlossen? Zeitgefühl existiert ja keines mehr in deinem Kopf,
die Zeit vergeht viel zu schnell,
oder du denkst einfach langsamer als sonst,
oder beides,
oder die Uhren verarschen dich und wenn du hinschaust bleiben sie stehen und wenn du wegschaust holen sie die ganze Zeit nach, die du sie angestarrt hast,
and then some.

nein, müde,
wieso denn, wer kommt denn auf sowas,
nein, vielleicht vor ein paar Stunden, wo es noch dunkel war,
aber jetzt, nein, nein, hellwach,
gut, vielleicht nicht gerade hell,
aber doch wach. wach genug. die Schriftart der Worte, die du gerade liest,
ändert sich,
aber was ist schon bedenklich daran? kommt sicher vom stundenlangen immer-auf-denselben-Bildschirm-starren.

Jahresrückblick im Jänner

was war deine erste Lüge heuer? (wahrscheinlich fällt es dir schwerer, diese Frage zu beantworten als: „was war deine allererste Lüge?“)

wann hast du das erste Mal ein Buch nicht in der Bibliothek gefunden und danach dein erstes, halbwegs erfolgreiches Frustshopping (wenn auch nur virtuell) veranstaltet?
wann hast du das erste Mal in deinem Leben einen ganzen Weg lang wirklich nur (das heißt ausschließlich) nach unten und nicht einmal geradeaus geblickt?
wann hast du das erste Mal am Bahnsteig nach Sitzplätzen gesucht während du auf die U-Bahn gewartet hast, von dir selbst enttäuscht, weil dir sonst stehen bleiben doch immer Spaß gemacht hat?
wann hast du das erste Mal auf der Straße auf den Boden gespuckt, obwohl du eigentlich viel lieber getrunken hättest?
wann hast du dich zum ersten Mal bewusst deiner Autodestruktion gewidmet?
wann hast du zuletzt auf deinen sprachlichen Ausdruck geachtet und in diesem Zusammenhang an Psychopathia Sexualis von K.-E. denken müssen?
wann hast du das erste Mal das natürliche Rot deiner Lippen für schön befunden und daher beschlossen, sie öfters bluten zu lassen?
wann war es, als du das erste Mal die Hand vor deinen Mund gehalten hast, um zu versuchen, die Luft daran zu hindern, den inzwischen viel zu wenigen Hautschichten deiner Lippen Schmerzen zuzufügen?
wann hast du dir zuletzt geschworen, nicht jedem alles zu erzählen? wann ist es dir dann tatsächlich erst gelungen? (nie?)
wann bist du dir je hintergangen vorgekommen, als du herausgefunden hast, dass dein Körper sich selbst zerstört, ohne, dass du es eigentlich willst und ohne, dass du ihn dazu veranlasst hast? (ist hintergangen überhaupt der richtige Ausdruck?)
wann hast du zuletzt davon geträumt, dir alle Haare ausreißen zu wollen und wann hattest du den letzten Traum, bei dem du keinen Bezug zu deinem vortägigen Leben feststellen konntest?

wann hast du dich erinnert an das, was du längst vergessen geglaubt hast und an das, was du einige Minuten zuvor vergessen hattest und an das, was du immer vergessen wolltest aber nie konntest, und an das, wovon du gar nicht wusstest, dass du es vergessen hattest und wann hast du dich das letzte Mal daran erinnert, wann deine Freunde jeweils Geburtstag haben, auf die Uhrzeit genau.
weißt du überhaupt, in welchem Zimmer (nicht in welchem Haus, nicht in welcher Straße, nicht in welcher Stadt, nicht in welchem Land, sondern: in welchem Zimmer) du geboren wurdest? oder deine Geschwister? oder deine Eltern? oder dein erstes Haustier?
wann hast du deine erste Unterschrift (Überschrift) gefälscht, wann hast du deine erste eigene Unterschrift (Überschrift) gehabt? wann wusstest du, dass du ein Logo brauchst, wie lange hast du gebraucht, um es zu entwerfen?
was waren deine ersten Sätze jeden Tag? wie definierst du Tag?
auf welches Passwort bist du am stolzesten und warum musstest du gerade dieses ändern? welches Wort welchen Satzes welchen letzten Tages bildet dein Facebook-Passwort? (warum machst du dir Gedanken über dein Facebook-Passwort, obwohl du gar nicht auf Facebook bist?)

wie oft wolltest du alles beenden und hast geweint, aber nicht deswegen, sondern weil du wusstest, dass du dafür immer zu feig bleiben würdest?

wann bist du nicht aufgestanden und stattdessen eingeschlafen?

warum bereust du so wenig, aber zerbrichst dir über so vieles den Kopf?

warum weißt du nie, wann es Zeit ist, aufzuhören?

warum freut dich ein roter Fleck auf deiner Haut viel mehr als er sollte?

warum hat „nächstes Mal schiebe ich nicht alles bis zum Schluss auf“ noch nie funktioniert, bei keinem Menschen, und was sagt das über die Menschen aus?

seit wann stellst du dir Fragen, die mit warum beginnen?