Verzweif atmet Lungen

und diese Momente in denen du nicht weißt, worüber du schreiben kannst, in denen du schreiben willst, denken willst, sterben willst, vergessen willst, alle Verantwortung von dir schieben und nie wieder mit irgendjemandem reden und schon gar nicht mit dir selbst, denn du –

in der Ruhe liegt die Kraft und in der Ruhe liegt die Panik und Ruhe ist immer dort, wo sie nicht sein soll und nie da wenn man sie braucht –

du bist von einem Menschen mit zwölf Stunden Schlaf zu einem Menschen geworden, der die Stunden zählt, die er schlafen kann, wird, zu einem Menschen, der schwere Finger bekommen hat und Rückenschmerzen und unbemerkbare Panikattacken und der –

sie schloss die Augen und wollte weinen, aber es kamen keine Tränen; es kamen nur Tippgeräusche auf der Tastatur und sie wünschte sich, sie hätte die Kraft und die Wahl und die Ausdauer und die Fähigkeit, sich in den Tod zu schreiben, so lange zu schreiben bis sie stirbt und nicht aufzuhören, egal was passiert, erst recht, wenn nichts passiert; aber ihr würden die Ideen viel zu früh ausgehen, das wusste sie, und –

das schlimmste ist nicht, dass du nicht weinen kannst, das schlimmste ist, dass du in die Zukunft sehen kannst weil du die Vergangenheit nicht geändert hast –

wenn die Ausbesserfunktion erstmal da ist verwendet sie niemand, –

und das Schlimmste ist, du versuchst dir nichts anmerken zu lassen und bist genauso fröhlich wie immer, tust genauso fröhlich wie immer, und niemand merkt etwas, und niemand sollte etwas merken, aber es fällt dir trotzdem unangenehm auf weil was ist, wenn du es ernst meinen würdest, was wäre, wenn du dir wirklich gefährlich würdest, sie würden es nicht merken, wahrscheinlich würden sie es gar nicht merken, und das würdest du zwar wollen, wahrscheinlich, aber vielleicht auch nicht und tun würden sie jedenfalls nichts dagegen weil sie es ja nicht merken würden, etc. –

Namen sind falsch und meaningless und wiederholen sich zu oft oder zu selten als dass sie irgendeine tiefere Bedeutung entfalten könnten; –

wie viele Sätze musst du schreiben bis etwas Brauchbares dabei ist, wie viel virtuelles Papier musst du zerknüllen bis du weißt, dass dein Papierkorb voll ist, wie lange kannst du so weitermachen, ohne, dass es jemand merkt –

der Vorteil an Schreibmaschinen ist, dass man sich darauf nicht verklicken dann, der Nachteil, dass blind schreiben nicht funktioniert, zumindest nicht ewig, zumindest nicht, ohne ein gewisses Wissen über die Ersatzteile und den Papiernachschub, zumindest glaube ich das, aber was weiß ich schon, ich hab ja noch nie mit einer Schreibmaschine geschrieben, zumindest glaube ich das –

hast du jemals Stille gehört, absolute Stille, wundervolle Stille; hörst du sie jetzt; nein, natürlich nicht, sonst würdest du nicht lesen, sonst würdest du die Stimme in deinem Kopf nicht sprechen lassen, würdest sie dir nicht diesen Text vorlesen lassen, sondern würdest stattdessen lauschen, angestrengt und gedankenlos und endlos lauschen und nie wieder einen anderen Wusch verspüren wollen –

Hoffnung hat mich getötet; noch nicht ganz, aber ich bin nah dran; sie holt dich ein, egal was du glaubst, egal wer du bist, egal wo; zumindest war das bei mir so; Hoffnung ist mächtig, egal ob du damit einverstanden bist oder nicht; Hoffnung ist tödlich; wie eine Kopfmassage, tödlicher noch als Zweifel und diese kleinen roten Wellen vom Rechtschreibprogramm unter einem Wort, das du eigentlich für richtig gehalten hast, tödlicher als Sucht, denn Hoffnung ist die schlimmste Sucht von allen, keine andere steht dir 24/7 bei, keine andere ist so tödlich –

erst wollen die Tränen gar nicht kommen, dann gibt es eine kurze Chance, aber du hältst sie zurück, dann versuchst du es wieder, weil du glaubst, du kannst es schaffen, aber das stimmt nicht, dann kannst du ein, zwei Läckchen rauspressen, nicht mehr, so stellst du dir eine Geburt vor, es kommt nicht, es kommt nicht, die ganze Zeit nur Wehen, nur Erwartungen, leere Erwartungen bis zu dem Moment der Explosion –

bin ich der einzige Mensch, dem es auffällt, dass bei den meisten Rolltreppen die Hand- schneller als die Fußstütze ist und dass wenn man sich an einer Körperstelle mehr oder weniger grundlos oder auch grundvoll kratzt, es oft an einer anderen Körperstelle zu jucken oder rinnen anfängt, weit entfernt oder etwas näher, aber ohne sichtlichen Zusammenhang, und bin ich der einzige der sich fragt, warum das so ist und ob das so sein soll, oder ist das vielleicht nur bei mir, nur in meiner Wahrnehmung so und ist das deshalb die Erklärung dafür –

du tust dir weh obwohl du weißt, dass es nichts bringt, aber du weißt nicht, was du sonst tun solltest, weil du nicht viel anderes kennst, weil du weißt, dass du etwas tun musst, weil du weißt, dass du glaubst, dass du es verdient hast und weil du es vielleicht wirklich verdient hast, aber natürlich auch, weil du den Schmerz magst, weil du ihn kontrollieren kannst, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, niemand kann dir garantieren, dass morgen ein Stein auf deinen Fuß fällt und niemand könnte dir den Schmerz vorhersagen, den das verursachen würde, Kontrolle ist das Beste; –

du streifst dir über deine Pulsschlagadern und denkst dir „wenn das ein Film wäre würde er sich umbringen, oder alle würden denken, dass er sich gleich umbringen wird, also warum glaube ich nicht, dass ich mich gleich umbringen werde, warum werde ich mich nicht gleich umbringen“, bis auf den letzten Teil, den denkst du dir nicht, stattdessen denkst du „blutrote Lippen, blutige Lippen, rot vom eigenen Blut, vom Blut der Lippen, ich sollte blutige Lippen googeln“ und tust es dann aber doch nicht –

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Hoffnung ist scheiße! oder über dein Lebensmotto

du wusstest, dass du die Prüfung nicht bestehen würdest. spätestens als du die Fragen vor dir gesehen hast, war es dir klar. zwei von fünf konntest du beantworten, irgendwie. also schon richtig beantworten (glaubst du zumindest, du hast es bis jetzt nicht überprüft), aber ausführlich hast du nicht geantwortet. konntest du nicht oder wolltest du nicht, wahrscheinlich beides. und die dritte Frage, bei der nur ein Name verlangt war, konntest du wirklich nicht beantworten. das hast du danach sogar überprüft, um sicher zu gehen, dass du den Namen nicht gewusst hattest. H.S. du hättest ihn nicht gewusst. du hast aber gewusst, dass du nicht durchkommen würdest, dass zwei von fünf Fragen nicht reichen, nicht reichen können. dass sich das unmöglich ausgehen kann, dass du die Prüfung wiederholen wirst müssen – trotzdem hast du gehofft. dass vielleicht die anderen auch nicht so viel mehr wussten und deshalb die Gesamtbenotung kulanter ausfallen würde. dass du, obwohl dir H.S. nicht eingefallen war, vielleicht trotzdem einen halben Punkt dafür bekommen könntest, dass du wusstest wer es nicht war (nämlich C. D., was naheliegend gewesen wäre). dass sich eine Vier ausgeht. dass du nicht nochmal lernen müsstest, länger diesmal, genauer, ausführlicher. dass es schon kein Fetzen sein wird.

als du dann die Note gesehen hast, warst du enttäuscht. du hattest ja gehofft, dass es sich ausgeht. du hast gehofft, dass es sich ausgeht, hast daran geglaubt, dass es sich ausgeht und warst dann überrascht und enttäuscht als du den Fünfer gesehen hast.

hättest du deinem Lebensmotto gemäß gelebt und es geschafft, nicht zu hoffen, wärst du nicht enttäuscht gewesen. es wäre dir gar nicht aufgefallen. du hättest den Fünfer gesehen, mit den Schultern gezuckt und wärst zu dem zurückgegangen, was du gerade unterbrochen hattest. du hättest nicht sekundenlang traurig auf den Bildschirm gestarrt, wärst nicht traurig und wütend auf dich selbst gewesen, nein, du hättest damit gerechnet und demnach nicht länger darüber nachgedacht.

ein Fehler namens Eszeha

sie ist weg und du kannst nichts tun, um sie zurück zu holen.
sie ist weg und du weißt nicht einmal mehr, wann du sie zuletzt gesehen hast. bei dem Gedanken daran bekommst du eine Gänsehaut.
sie ist weg und trotzdem kannst du nicht weinen, du bist wohl noch zu geschockt.
sie ist weg und plötzlich wird dir klar, was das bedeutet:
du wirst sie nie wieder sehen können, nie wieder spüren. nie wieder bewundern und nie wieder wissen, wo sie sich gerade befindet. nie wieder dieses Glücksgefühl empfinden wenn du sie am erwarteten Ort gefunden hast. dir wird beim Gedanken an sie das Atmen immer schwerer fallen. irgendwann wirst du dich fast gar nicht mehr an sie erinnern können, daran, wie es war. du wirst nur noch wissen, wie es hätte sein können, wenn du sie nicht verloren hättest. irgendwann wirst du vielleicht an nichts anderes mehr denken können, wirst tausende Szenen unzählige Male in deinem Kopf wiederholen – da hattest du sie noch, da auch, da plötzlich nicht mehr. was war dazwischen? wie lange ist es her? warum hast du nicht besser auf sie aufgepasst? wie konntest du sie nur so im Stich lassen?

du würdest versprechen, dass du sie keinen Tag mehr aus den Augen lassen würdest, wenn du nur wüsstest, wem. du würdest sie küssen, wenn sie jetzt bei dir sein könnte, ganz egal, wie kalt sie wäre. die Tränen in deinen Augen würden sich in ihr spiegeln, wenn sie nur nah genug wäre.

und als du sie plötzlich wieder gefunden hast (wobei „du“ hier durchaus euphemistisch ist), ist dein erster Gedanke nach der anfänglichen, unglaublich großen Erleichterung: „ach, ich habe es ja nicht versprochen, ich wusste ja nicht, wem. ich muss mich nicht jeden Tag ihres Daseins vergewissern, ich werde sie schon nicht noch einmal verlieren, das wäre ein zu großer Zufall.“

der Versuch eines Märchens

es war einmal eine pseudomutige Frage. sie wollte, wollte nicht, wollte natürlich irgendwie schon, war andererseits doch feig, sprang dann aber schließlich aus deinem Mund. sie sprang und flog und erreichte ihr Ziel und schwebte fortan in der Luft, in deiner Luft, immer in deiner Nähe, immer vor dir her und um dich herum.
anfangs hast du dich noch etwas für sie geschämt. dann hast du sie fast vergessen. jetzt bereust du sie, willst sie einfangen, zurücknehmen, einsperren, ungeschehen machen. du weißt aber nicht, wie. du weißt nicht wie du deine Frage auflösen könntest.
du willst sie nicht töten, denn das hat sie nicht verdient. was kann sie denn dafür, dass du ihr erlaubt hast, aus deinem Mund zu sausen? du willst ihr auch keine andere pseudomutige Frage hinterherschicken – du hast schon zu viele Situationen erlebt, die dich eines besseren belehrt haben. du würdest sie gerne einsperren, dort, wo du nie hinkommst – aber dann müsstest du sie regelmäßig besuchen (und könntest sie also erst recht nicht vergessen), sonst würde sie ja sterben.

nach langen Überlegungen hast du eine Lösung gefunden, eine mittelfristige (doch wie du dich kennst, wird sie langfristig bestehen müssen): du wirst versuchen, deine Frage zu überreden, nicht mehr vor und um, sonder nur noch in deinem Hinterkopf zu kreisen. schlägt sie eine angemessene Bestechung vor, wirst du diese akzeptieren (was sie am meisten begehrt kannst du ihr jedoch nicht mehr anbieten).
und wenn du nicht gestorben bist, dann lebt ihr noch heute.

Möglichkeitenmanipulation

Ich hätte nicht anfangen sollen, aber       – .
Du hättest nicht darauf eingehen sollen, aber       .

Ich hätte nicht insistieren, sollen, aber         .
Du hättest das Gespräch abbrechen sollen, aber  ?

Ich hätte danach auf einer persönlichen Unterredung bestehen sollen, aber        …
Du hättest Dich melden sollen, aber      .

Ich hätte Dir sagen sollen, dass Mich Deine Worte irgendwie gekränkt haben, aber         .
Du hättest sagen sollen, dass Du das nicht so gemeint hast, aber       !

Ich hätte Dir zeigen sollen, dass Mir noch was an unserer Freundschaft liegt, aber     ?
Du hättest Mir zeigen sollen, dass Dir noch was an unserer Freundschaft liegt, aber     ?

Ich hätte mich von Dir verabschieden sollen.

Aber.

fiktive Trauerrede für M. G.

wir haben uns heute hier versammelt, um uns von unserem Freund und Kollegen M. G. zu verabschieden. viel zu früh ist er von uns gegangen, viel zu kurz war die Zeit, die wir mit ihm verbringen durften, umso größer ist nun der Schmerz, den wir alle empfinden. {i weiß grad ned ob i lachen oder Angst vor mir haben soll. hm. *Dory voice* einfach schreiben, einfach schreiben, einfach schreiben, schreiben, schreiben.}

er war großzügig und verständnisvoll, bescheiden und talentiert. seine Freundschaften hat er gepflegt, als wäre ihm nichts auf der Welt wichtiger. {warum will i jetzt plötzlich nett zu ihm sein? i mach mi glaub i grad selbst fertig *Kopfschütteln*} zugleich freute er sich über jede kleine Zuwendung so sehr, als wäre sie ein Geschenk des Himmels.

ein Geschenk des Himmels. too good to be true. ein menschlicher Engel. ein Fels in der Brandung, auf den man sich immer verlassen konnte. {macht er mi fertig oder mach i mi fertig oder beides oder mach in Wirklichkeit i ihn fertig und merks einfach ned?} so beschreiben ihn einige Bekannte, die ich in Vorbereitung auf diese Rede nach passenden Bezeichnungen fragte. nach Worten, die ihm vielleicht ein bisschen gerecht werden können. zwei davon möchte ich selbst noch hinzufügen: verschmitzter Hoffnunsträger. „verschmitzt“ verwende ich hier, um sein Lächeln zu beschreiben, ein Lächeln, das ihm niemand nehmen konnte. seine Fröhlichkeit hat ihn in jedem einzelnen Moment seines Lebens (wie bizarr oder beunruhigend dieser auch scheinen mochte) begleitet. wenn ich „Hoffnungsträger“ sage, meine ich zweierlei: einerseits seinen unbändigen Glauben an das Gute im Menschen und auch die unübersehbare positive Tendenz seiner so poetischen Texte. {oder macht einfach 1 Teil meiner schizophrenen Persönlichkeit den andern fertig?} andererseits spiele ich damit (wie könnte es anders sein?) auf sein grünes Lieblingssakko an, das er auch heute und bis in alle Ewigkeit tragen wird. ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er mir einmal die Geschichte seines Erwerbs erzählt hat:

„V. {oida, so fertig war i no nie} hat sie mir geschenkt, zum Abschied. nicht eingepackt, natürlich. hätte ich auch nicht erwartet. war trotzdem ziemlich verblüfft. und so gerührt, dass sie überhaupt daran gedacht hatte. obwohl ich Kobold dann schon irgendwie zu zynisch fand. naja, was soll’s. typisch V. [*aufsehend* an dieser Stelle hat er in sich hinein gelächelt. *aus sich heraus lächelnd*] ich habe ihr eines meiner Lieblingsbücher gekauft, sie hat sich sehr gefreut. nie hätte ich damit gerechnet, dass sie mir auch etwas schenkt!“

ich möchte diese kleine Anekdote kurz wirken lassen und dann mit folgendem Zitat von Ralph Waldo Emerson, einem von M.’s Lieblingsautoren, abschließen [*dramatische Pause wirken lassend*]: „you cannot do a kindness too soon, for you never know how soon it will be too late.“

in diesem Sinne: lasst uns niemals vergessen, was wir M. zu verdanken haben. und lassen wir unsere Freunde niemals vergessen, wie dankbar wir ihnen sind. bis in alle Ewigkeit. Nema. {völlig; völlig fertig. mega fertig. fertiger als fertig. fast schon tot. angestorben, quasi.}