das mit dem Apfel

du hast zu oft stumm geweint, zu oft versucht, keinen Laut aus deiner Kehle zu lassen, hattest Spaß daran, niemanden akustisch wissen zu lassen, wie es dir geht, dir gefiel dieses Zurückhalten, dieses Zurückdrängen, dieses Schweigen, das jedoch nie vollkommen gelang, aber du hast es versucht, immer wieder, gerne, mit Vergnügen, einfach deinen Mund zu öffnen ohne etwas daraus entweichen zu lassen, abgesehen vielleicht von stummer Luft, aber wahrscheinlich nichtmal das, manchmal hast du auch so hoch geschrien, dass es für das menschliche Ohr nicht mehr wahrnehmbar war, das war anstrengend, mit der Zeit sehr anstrengend, aber mindestens genauso befriedigend wie ’nur so tun, als ob‘, bis auf die Momente natürlich, in denen die Stimme fiel, auf hörbares Niveau herunterkrachte, geräuschvolle Ernüchterung.
jetzt würdest du es gerne umkehren, gerne schreien, soviel du willst, solange du kannst, aber das geht nicht, du darfst nicht, du kannst nicht, du traust dich nicht, was, wenn plötzlich jemand klopft und du hörst es wegen der Musik auf deinen Ohren nicht, was, wenn plötzlich jemand nach dem Klopfen eintritt, also nicht ganz so plötzlich für jemand, weil ja das Klopfen und wahrscheinlich auch ein besorgtes Nachfragen vorher kam, aber sehr plötzlich für dich, weil du es ja nicht gehört hast, nein, das Risiko kannst du nicht eingehen, das kannst du unmöglich riskieren, stumme Erniedrigung.
du wäscht dir zwei grüne Äpfel, zwei von sechs, Nummer drei und Nummer vier, mit kaltem Wasser am Waschbecken, du schaffst es, während du den ersten Apfel vorm Waschbecken isst, ihn in das Waschbecken hineintropfen lässt, kein einziges Mal in den Spiegel zu schauen, du erblickst dich nicht einmal in deinen Augenwinkeln, ein wahres Kunststück, du kannst wirklich stolz auf dich sein, wirklich stolz, ein echter Erfolg, das würden sicher nicht viele schaffen, keiner vor dir und nur wenige danach – der Tränenschwall versiegt, langsam aber sicher, der Rotz lässt sich immer leichter zurück in die Nase ziehen, der Apfel schrumpft, dein Ausblick bleibt gleich spärlich, heuchlerische Ironie.
beim zweiten Apfel hast du dich vom Waschbecken entfernt, zuerst nur ein wenig, kaum einen Schritt und leicht zur Seite, aber weit genug um dich nicht im Spiegel zu sehen, selbst wenn du dich jahrelang darin suchen würdest, stattdessen blickst du auf ein leeres, vollgemülltes Zimmer, und die Tränen entscheiden plötzlich, doch noch nicht Feierabend zu machen, noch eine Runde nachzulegen, weiterzufließen, ohne jeden ersichtlichen Grund, außer diesem plötzlichen, spiegelverkehrten Anblick des bekannten Zimmers, Zimmerteils, aber das ist kein Grund, das ist nichtmal ein Zehntelprozentpunkt eines Grundes, taumelnde Prinzessin.
also entfernst du dich vom Spiegel, weiter weg diesmal, weit weg vom Waschbecken, aus der Sichtweite raus, einfach nur raus, ganz weit weg, nur nicht mit dem Rücken dazu, nein, das funktioniert nicht, ganz schlecht, ganz ganz schlecht, nein, nicht mit dem Rücken zu dir selbst, unebenbürtiges Spiegelbild.
ein Ton will sich aus deinem Hals stehlen, schafft es auch, ganz kurz, den Bruchteil einer Sekunde, aber eine Sekunde wäre schon sehr lang, also beißt du dir in den Daumen, ganz fest, ganz ganz fest, als würdest du ihn abbeißen wollen, bis auf den Knochen, und den Knochen auch noch durch, und der Schmerz tut so gut, ist so erleichternd, dass du glücklich einatmest und natürlich sofort husten musst, weil sich ein kleines Apfelstückchen, vielleicht sogar nur ein winziger Teil der grünweißlichen Haut, auf die falsche Rutsche gelegt hat, den falschen Eingang genommen hat, oder Ausgang, oder einfach: weil es deinen Wunsch erhört hat, erfüllen will, alle zukünftigen Schreie gleich mit einem Schlag verhindern will, die Luftröhre zusperren damit du sicher bist, vor deiner eigenen Stimme; aber so schlimm ist es natürlich nicht, nichts, was ein bisschen husten nicht wieder gut machen könnte, alles gut, nur eine Schrecksekunde, wahrscheinlich nichtmal das, und die Zufriedenheit vom Daumenschmerz dauert immer noch an, das muss ausgenützt werden, du hast heute schon genug Wasser verloren, du willst nicht noch zwei Liter trinken müssen, nein, neuer Schmerz, ja, du kratzt dir die kleine Wunde auf deinem Handrücken auf, es ist die andere Hand, nicht die Daumenhand, aber das ist wahrscheinlich nur Zufall, du kratzt dir das kleine, winzige Loch auf, und weißt schon längst nicht mehr, wie es entstanden ist, Insektenstich oder Zigarettenasche oder Papierkratzer oder Holzsplitter, du weißt es nicht mehr, und es könnte dir nicht egaler sein, nichts in diesem Moment könnte dir egaler sein als alles, abgesehen von dem Gefühl, das dir diese Wunde verleiht, dieses wunderschöne Gefühl des stechenden Schmerzes, aber nein, das Wort Schmerz wird dem Gefühl nicht gerecht, nichts wird diesem Gefühl gerecht, es ist perfekt, einfach nur perfekt, also streichelst du dir den kleinen roten Kreis mit deinem Finger voller Apfelsaft und schleckst ihn mit deiner wahrscheinlich bereits grünen Zunge ab und zuckst kurz zusammen, lächelst vielleicht sogar, auf jeden Fall in dich hinein und weißt, dass dich ein Orgasmus nicht mehr beglücken könnte, kurzfristige Vollkommenheit.
als du endlich den Mut findest, in den Spiegel zu blicken, bist du enttäuscht, man könnte glauben, nichts wäre gewesen, deine Lippen sehen ein bisschen kleiner aus als sonst, aber das kann genauso gut an deiner Enttäuschung liegen, und vielleicht ist dein Gesicht im Großen und Ganzen ein wenig breiter geworden, aber aufgeschwollen würdest du nicht sagen, nein, so siehst du nicht aus, zumindest nicht deiner Meinung nach, die Haare sind selbstverständlich zerzaust und die Wimpern noch nicht ganz trocken, aber rot sind deine Wangen sonst auch oft genug, kein nennenswerter Unterschied also, geräuschlose Ernüchterung.

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dreißig Sätze: dein Traumhaus

du willst eine Zeit im Irrenhaus verbringen (und du wärst von dieser Bezeichnung nicht angegriffen).
du willst nicht ins Gefängnis, weil du im Gefängnis weniger Freiheiten hättest und dich beweisen müsstest oder unterdrückt würdest.
du willst nicht so weitermachen wie du es gerade tust, denn du willst nicht wissen, wohin das führt.
du willst eine Zeit lang im Irrenhaus verbringen und wissen, wohin dich das führt. du hättest einen geregelten Tagesablauf, wie im Gefängnis, nur besser. du könntest über deine Zeit selbst bestimmen, gewissermaßen. du würdest vielleicht sogar Medikamente bekommen. du könntest deinen Schlafmangel nachholen, oder aber im Gegenteil ihn noch verstärken. um mehr Medikamente zu bekommen. um eine andere Wahrnehmung zu bekommen. und dich vor dir selbst zu beweisen.

du möchtest eine Zeit im Irrenhaus verbringen, weil dir dort niemand schreiben kann „ich will das Zimmer morgen besichtigen“ und sich dann nie mehr meldet, weil du dort nie glauben wirst, die perfekte Wohnung gefunden zu haben, sie dann aber zu weit weg ist oder im Erdgeschoss oder im sechsten Stock ohne Aufzug oder viel zu teuer ist oder zu wenig Zimmer hat, weil du dort einfach stundenlang schreiben und lesen und spielen und lernen und Leute beobachten und vor allem nichts tun könntest, weil dich niemand schief anschauen würde, wenn du nichts tätest, vor allem du selbst nicht.
du möchtest wissen, wie gut du es wirklich aushalten kannst, von den Menschen, die du kennst, auf diese Weise getrennt zu sein, möchtest wissen, ob sich mit Verrückten leichter Freundschaften schließen lassen als mit den anderen, und was für Freundschaften das dann wären, im Vergleich. du möchtest wissen ob du dich auf Besuche freuen würdest, oder ob sie dir ärgerlich wären, weil sie dich ablenken würden vom Mandala, von Mayröcker, von Mahjong, vom Malkasten.

du willst wissen wie es wäre und wie es ist und welches Irrenhaus du dir aussuchen würdest, real oder fiktiv, was würdest du nehmen, wo würdest du dich selbst einschreiben, sofort, ohne Zögern.

stundenlang am Bett liegen und denken oder versuchen, nicht zu denken, oder Gedanken nachgehen, für die du jetzt keine Zeit hast, sie aber natürlich trotzdem denkst.
stundenlang aus dem Fenster starren und bald jedes einzelne Blatt kennen, das dir in den Blick kommen könnte, jedem einzelnen Ziegelstein einen Namen gegeben haben.
stundenlang zuhören und reden und versuchen, alles gesagte und gehörte und sonstwie aufgeschnappte aufzuschreiben, als wärst du eine Romanfigur, mit einem perfekten Gedächtnis, die sich alles merken kann, jede Silbe richtig wiedergibt, oder sich zumindest nicht eingesteht, dass sie falsch liegen könnte, und die selbstverständlich nur handlungswesentliches sagt und tut und denkt und will und weiß und isst und trinkt und fühlt.

endlich gerade sitzen lernen, endlich meditieren lernen, endlich alles lernen können, für das jetzt nie Zeit oder Geduld oder Konsequenz vorhanden ist, angefangen mit luzidem Träumen, aufgehört mit Sprachen. wobei Sprachen vielleicht schwierig werden könnten, die Aussprache zumindest, ohne Vorlage, ohne Gegenüber, aber auch das schaffbar, sicher möglich, mit der Zeit, mit den richtigen Mitteln, warum nicht. warum nicht auch gleich internationales Personal einstellen oder nur mit ausländischen, deiner Muttersprache unfähigen Patienten verkehren.
warum nicht gleich einen Plan zeichnen, einen Entwurf für dein Vorzugsirrenhaus, fiktiv, aber doch real, in die Realität umgesetzt, bald, sobald ein Sponsor gefunden ist, einer, der mit einer Sponsorin verheiratet ist, das gibt mehr Geld, doppelt so viel, da ist dann Platz für doppelt so viele Wünsche und Anregungen und Raum für nur halb so viele Beschwerden. ein schönes Gebäude muss es sein, ansprechend, mit Bowlingkeller und Bibliothek und Weinkeller und ruhigen Arbeitsräumen und aktuellem medizinischem Equipment und Gesellschaftsräumen und ausreichend Toiletten und privaten Duschen und leistbar, selbstverständlich, für jeden leistbar, der etwas dazu beitragen möchte. alle Neuankömmlinge dürfen sich einen Raum aussuchen, einen neuen, den sie gerne hätten oder einen, der schon da ist und den sie besonders gern mögen, und dann dürfen sie einmal im Monat vierundzwanzig Stunden pausenlos in diesem Raum sein und machen, was sie wollen, mit diskreter Aufsicht eventuell, raumabhängig, und bereitgestellter Nahrung, menschabhängig. ein Garten ist auch ein Raum für manche Menschen und für den Winter gibt es dann den Wintergarten und Zelte und Fernrohre und Mikroskope und begehbare Kleiderschränke sowieso. und privat angestellte Schneider, die alles zurechtnähen und -stopfen und -flicken, was einer nicht mehr haben will, aber dem anderen nicht passt. und Köche und Frisöre, die Interessenten auch etwas beibringen, und regelmäßige Parties und Gruppenumarmungsminuten statt Schweigeminuten. und bunte Wände oder aber schwarze Wände, die mit Neonfarben besprüht, bemalt, bespritzt, bedruckt sind. und Tanzsäle und eine Bar im Weinkeller, der natürlich gleichzeitig auch ein Bierkeller ist und Butterscotch immer lagernd hat.

dein Traumhaus ist ein Irrenhaus.

Menschen wie Absatzlosigkeit

es gibt Menschen wie du und es gibt Menschen wie ich. Menschen wie du wissen immer, was sie zu sagen haben. Menschen wie du können kochen und leben und selbstständig sein. Menschen wie ich wissen erst, wenn es zu spät ist, dass sie etwas falsches gesagt haben. Menschen wie ich können kein einziges Geheimnis für sich alleine bewahren. Menschen wie ich besitzen zwar Empathie (naja, fast), können aber nicht richtig damit umgehen. Menschen wie ich müssen alles immer irgendjemandem erzählen, egal was, egal wem (naja, fast). Menschen wie ich verletzen Menschen wie dich. Menschen wie ich fangen gerade erst an, leben zu lernen. Menschen wie du müssen „wenn ich mich umbringe, ist es deine Schuld“-Sätze in den Mund nehmen. Menschen wie du kennen den Reiz, den ein Geheimnis erzeugt, dieses „ich weiß was, was du nicht weißt“-Gefühl. Menschen wie ich können nur Dinge wie „wenn du dich wirklich umbringen wollen würdest, hättest du das schon längst getan“ und „ich kann genauso an meinem Grab stehen und sagen: mir waren alle Menschen egal, alle, ausnahmslos“ bzw. ein unglaubwürdig klingendes „sorry“ in Krisensituationen aussprechen. Menschen wie ich hassen es, wenn Menschen wie du über jemanden lästern und denken sich Sachen wie „soll ich das der betreffenden Person erzählen?“ und „würde ich wissen wollen, wer was über mich lästert?“ bzw. schlimmstenfalls „aber über mich lästert doch eh keiner!“ Menschen wie ich sollten hungrig und müde und geistig halb abwesend keine Gespräche führen dürfen. Menschen wie ich hassen es, immer überlegen zu müssen, wer was von wem seit wann warum und wieviel genau weiß. Menschen wie wir hatten vielleicht nie wirklich eine Chance, gleichwertig miteinander zu kommunizieren. Menschen wie wir haben einfach eine nicht-kompatible Philosophie in solchen Dingen. es gibt Menschen wie du und es gibt Menschen wie ich.

Fragmente

Wecker läutet. liegen bleiben. 7:00. Augen schließen. 7:12. Augen schließen. 7:29. Augen schließen. 7:49. Augen schließen. 7:51. Zeitgefühl verloren. Augen schließen. 7:55. Zeitgefühl wieder verlieren wollen. 7:56. Augen schließen. 7:59:15. aufstehen.

dieses Gefühl, vollgefressen zu sein, aber trotzdem Hunger zu verspüren. das kennst du sicher.

wie oft noch, bis du merkst, was du anrichtest, bis dir bewusst wird, dass ein Graben der letzte sein muss, bis dich jemand direkt genau darauf anspricht?

niste mich dort ein“, dieser Ausdruck hat dir schon immer etwas angetan gehabt. nisten, Nest, nesteln, Nescafé, Nesquik, Nessel!

Obsession

experimentell heißt, die These muss mit dem Beispiel begründet werden, das Ergebnis heißt Experiment und ist experimentell.

mach, dass es juckt, ich weiß, du kannst das. ich weiß, du weißt wie das geht, unbewusst. ich weiß, du weißt nicht bewusst wie du es jucken machen kannst, aber ich weiß, dass du es schon oft getan hast, weiß(t), wie es geschieht. mach, dass es juckt, und dann versuch, den Juckreiz zu stillen, und dann kratze und kratze und kratze bis das Kratzen zu einer anderen unangenehm-angenehmen Empfindung wird, zu einem neuen Juckreiz, der nicht aufhört, nie aufhört, du kratzt und kratzt und es juckt immer noch, du hörst auf zu kratzen und es juckt umso stärker und dann kratzt du so lang bis du nicht mehr kratzen kannst und dann ist der Juckreiz immer noch da, aber du nicht mehr.

Salz in die Wunde und die Chipspackung durch Zufall wie eine Spirale aufreißen, spiralförmig aufreißen, immer weiter und weiter bis nichts mehr übrig bleibt, weder (von) außen noch innen.

gefühllos

zuerst eine Einleitung, klassisch, wie du’s in der Schule gelernt hast. (oder dann eben doch wieder nicht.) um gleich zu Beginn für alle klarzustellen, worum es eigentlich geht: (um deine Gedanken zu ordnen, natürlich, um sicherzustellen, dass du keinen wichtigen Punkt vergisst:) es geht also um Gefühle. (genauer: um Worte, die mit „gefühl“ enden.) Zeitgefühl (weil du das nicht hast), Mitgefühl (weil du das zumindest teilweise besitzt), Fingerspitzengefühl (weil das – zumindest deine Definition davon – deine Spezialität ist). in genau dieser Reihenfolge, weil das Beste immer zum Schluss kommen sollte. (und das Beste in diesem Fall selbstverständlich das ist, was du kannst und nicht das, was du nicht kannst.) aus demselben Grund würdest du auch in einem Restaurant nie die Nachspeise zuerst bestellen. (etwas völlig anderes wäre es jedoch, ausschließlich ein oder mehrere Dessert(s) zu bestellen.) nicht, weil dir das zu unkonventionell wäre. (im Gegenteil: du hast ein Faible für Unkonventionalität.) sondern einfach, weil du dich dann nicht mehr darauf freuen könntest.

irgendwann hat sie dir einmal den Floh namens Zeitgefühl in den Kopf gesetzt. (ob es einer der ersten Flöhe war, weißt du nicht mehr, die Vermutung liegt deswegen natürlich nahe.) sie hat dir erzählt, dass sie am Strand oft stundenlang gelegen ist, ohne auf die Uhr zu schauen. (die Uhr war in der Tasche vergraben.) und dass sie dann, nach einiger, unbestimmter, längerer Zeit, diese jedoch auf eine Viertelstunde genau bestimmen konnte. das hat dich damals schon sehr beeindruckt, aber dir selbst ist es nie wirklich gelungen. (bis auf ein, zwei Mal vielleicht, aber das zählt ja nicht, das fällt unter die Kategorie „Zufall“. vielleicht auch unter die Kategorie „Wahrscheinlichkeit“, aber um das mit Bestimmtheit sagen zu können, hättest du damals im Mathe-Unterricht besser aufpassen müssen.) egal ob du auf den Sand, die Wellen, das Blau des Himmels, das Rot der Dächer oder die grauen Pflastersteine geblickt hast – immer lagst du daneben, viel zu sehr daneben. (du willst dir nicht die Blöße geben und hier Beispiele anführen. aber selbst wenn du das wollen würdest, könntest du es nicht, da du die meisten, die köstlichsten von ihnen bereits verdrängt, ähm, vergessen hast.)

mit dem Mitgefühl ist das so eine Sache. du hast es, du hast es nicht … „es ist kompliziert“ wäre wohl euer Facebook-Beziehungsstatus. denn meistens weißt du ja, wie andere Menschen sich fühlen, was sie ungefähr denken, von welchen Emotionen (hier wären wir also schon bei Gefühlen im Sinn von Gefühlen) sie gerade bewegt werden. das ist auch nicht weiter schwer, nicht allzu schwer zumindest. Mimik und Gestik sind da eine große Hilfe. oder die momentanen Gesprächsthemen, wenn du ein Poker Face mal nicht durchschauen kannst. (auf den komplexeren Fall, in dem Gefühlswahrnehmung und Gefühlszurschaustellung desselben Menschen nicht zusammen passen, willst du hier lieber nicht eingehen.) dann kämen wir aber gleich zum zweiten Schritt, der Spiegelung. und da hapert es oft ziemlich. hier kannst du dich nur damit brüsten, auf einem Begräbnis noch nie einen ernst gemeinten (keinen verrückten, keinen unkontrollierten, sondern einen ehrlichen) Lachanfall bekommen zu haben. gut, du hast auch noch nie während eines lustigen Films oder dergleichen Trauertränen geweint. (nicht zu verwechseln – vor allem nicht in diesem Fall! – mit den kleinen Tränchen, die dir manchmal beim Lachen aus den Augenwinkeln rollen und es aufgrund ihrer Größe – also: Kleinheit – nicht einmal bis zu deinem Kinn schaffen, weil sie vorher verdunsten oder einfach von deiner Wangenhaut aufgesaugt werden.) aber näher willst du dich in diese Materie lieber nicht vertiefen – immerhin hast du ja bereits begonnen, die Blöße auszusperren.

typisch für dich ist immer noch das Fingerspitzengefühl. (und wird es hoffentlich ewig bleiben.) selbstverständlich nicht in der Duden-Definition („Feingefühl; Einfühlungsgabe im Umgang mit Menschen und Dingen“), die wäre ja fast mit dem Mitgefühl gleichzusetzen. nein, dein Fingerspitzengefühl könnte eigentlich auch nur Fingergefühl oder Spitzengefühl (im Sinne von Spitze, nicht spitze) genannt werden. Fingerspitzengefühl präferierst du deshalb, weil es das längste der drei Worte ist (und du hast auch ein Faible für lange Worte) und weil es so viele Aspekte in sich vereint: Finger, Fingerspitze, Spitze, Gefühl. Spitzengefühl (diesmal im Sinne von spitze, nicht Spitze) könntest du eigentlich auch noch hinzufügen. denn immer wenn dein Fingerspitzengefühl zum Einsatz kommt, fühlst du dich großartig. frei. (infolgedessen klischeehaft.) spitze. (infolgedessen genervt von diesem Wortspiel.) und so weiter.

eine Einleitung verlangt natürlich auch nach einem Schlussabsatz. der Symmetrie wegen, der optischen, formalen, theoretischen Symmetrie wegen, denn Symmetrie ist dir wichtig. (wichtiger als exakte Symmetrie, wichtiger als ein aussagekräftiger Schlusssatz.)