zerstörte Realitäten, ein Dialog

ich könnte zum Beispiel nie Schauspielerin werden.“
aber du wolltest doch immer-“
es geht ums Prinzip! ich müsste einfach viel zu viel dafür lernen oder viel zu oft von einem Double ersetzt werden. rauchen zum Beispiel, ohne zu husten natürlich. ein Freund von mir hat mal einen Film gedreht und seine Schauspieler haben in ein, zwei Stunden ganze drei Packerl aufgraucht oder so, hat er gesagt. meine Lungen würde das nicht mitmachen, mein Hals auch nicht. das erinnert mich an Freud, sein Zimmer stell ich mir immer voller Rauch vor, wenn ich es mir mal vorstelle. achja, und eingeraucht sein faken natürlich auch. oder einen Drogentrip darstellen oder so, unmöglich. also sicher möglich, aber unmöglich realistisch, nach meinen Maßstäben, jedenfalls in komplett nüchternem Zustand. und dann noch diese Handy-zwischen-Schulter-und-Ohr-Pose, die kann ich überhaupt nicht, zumindest nicht, ohne es runterzuschmeißen und kaputt zu machen oder am anderen Ende der nicht sichtbaren Leitung nix zu verstehen. oder für regnerische Szenen den Schirm so halten, handlos, ohne nass zu werden. wobei das alles sicher noch relativ schnell zu lernen wäre, eine Woche, vielleicht ein Monat, aber währenddessen dann auch noch Notizen machen, da hört sichs dann auf. also inklusive Stift und Papier suchen und so. und ich mein, es bringt sich ja auch nix, tausend Posen einzustudieren, zu üben, nur für den Fall, dass man sie mal brauchen könnte. also wenn ich nicht weiß, dass ichs brauch, würd ichs ja nicht machen. aber wenn ich weiß, dass ichs brauch, bräucht ich viel zu lang ums zu schaffen! auf Kommando weinen steht natürlich auch ganz oben auf der Liste. weil Zwiebeln machen mir einfach nur rote Augen, und wenn Tränen kommen, dann immer dieselbe Art, dünn, sehr dünn, abgemagert, und sie schaffen es meistens nicht bis zum Kinn. sowas kann ich nicht brauchen, also zumindest nicht immer. ich will auf jede erdenkliche Art plötzlich zu weinen anfangen können, verzweifeltes Brüllen, Lachtränen, satte, fette Tropfen, die aus den wässrigen Augen gepresst werden. also ich würde wollen, wenn ich Schauspielerin wollen werden würde. und tief pfeifen, ich pfeife nämlich viel zu hoch, hörst du?“ *pfeift*
ich glaub nicht, dass es möglich ist, viel tiefer zu pfeifen …“
also ich finde jedenfalls dass ich viel zu hoch pfeife, ich will gern tiefer pfeifen können, aber ich schaffs einfach nicht, weiß nicht, woran das liegt. jedenfalls is das ein großes Manko, weil wenn mal in einem Drehbuch steht: sie pfeift eine Melodie vor sich hin; oder sowas, dann will ich schon selber pfeifen und nicht einfach nur so tun als ob und jemand pfeift dann quasi über mich drüber, in der post-production. keine Doubles, oder halt so wenig Doubles wie möglich, also nur bei gefährlichen Szenen und so. ich mein, ich müsste wahrscheinlich sowieso meine ganze Attitude ändern, du kennst mich ja, du weißt ja, wie ich bin. unlängst hab ich mich wieder gefragt: wenn ich was wo vergesse, in einem Lokal zum Beispiel, am nächsten Tag dann anrufe und mir gesagt wird, dass es nicht da ist, wurde es mir dann gestohlen oder habe ich es eher verloren? weil irgendwer hat es ja sicher gestohlen, vielleicht unabsichtlich, durchaus möglich, aber objektiv gestohlen. andererseits hab ichs davor ja liegen lassen, wenn ich das nicht getan hätte, hätte es mir nicht gestohlen werden können. verstehst du, was ich mein? es ist so ähnlich wie diese Henne-Ei-Geschichte. und wenn ich halt den ganzen Tag rumlauf mit solchen Gedanken im Kopf, dann is da nicht mehr unbedingt viel Platz zum auswendiglernen und so drin.“

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Polsterschlacht

sagst du ja oder nein, vielleicht oder wahrscheinlich, machst du einen Schritt nach vorn oder einen Schritt zurück, es sind unbewusste Entscheidungen, aber trotzdem Entscheidungen, es ist eine dünne Linie die deine Zukunft besiegelt, die den Stempel auf das heiße Wachs auf dem kalten Briefumschlag drückt, es ist nur eine Frage der Sichtweise, selbstverständlich ist es auch Ansichtssache, aber nein, du bist natürlich kein homophob und homosexuell bist du auch nicht, Rassismus liegt dir fern und Rasieren ebenso und wer ist ein homosapiens?, ichnicht!, ichnicht!, du auch nicht, ganz bestimmt, ich kann das bestätigen, ich kann das bezeugen, ich bürge dafür, als Bürger dieser Stadt, als Städter dieses Landes, als Landschaft dieser Welt, mit meinem Leben, mit meinem ganzen Leben, oder etwa doch nur mit meinem halben, es wäre wohl besser, ich würde nur mit meinem halben Leben bürgen, mit dem Teil des Lebens, der schon hinter mir liegt, da kann niemand mehr was verpfuschen, weil das ja alles vergangen ist, ich bürge also mit meinem damaligen Leben, unbestimmbarer Anteil also, Lebensanteil, aber bürgen tue ich bestimmt, komme was wolle, oh, eine _, wie schön, wie interessant, wie gebildet, wie flauschig, wie farbenfroh, wie glänzend, wie hübsch, wie überzeugend, wie stark, wie aussagekräftig, wie _, hm, was sagen Sie, also wenn das so ist, nun gut, meine Damen und Herren, Laden und Sanftmäuse, also dann, räusperräusper, überlege ich mir das noch einmal, das mit dem bürgen, war womöglich doch keine so gute Idee, sehen Sie, man muss sich nur zwingen, zwingen Sie sich selbst, tricksen Sie sich aus mit allen Mitteln die Sie kennen, spannen Sie den Bogen, aber nicht zu weit, nicht zu hoch und nicht zu tief, wer weiß, was dann geschehen könnte, man kann sich ja vorstellen was dann passieren würde, wenn die Leute plötzlich anfangen würden zu denken, der Bogen wäre absichtlich so hoch oder so tief, oder wenn sie anfangen zu tratschen, dass es ja eine Frechheit, eine Feigheit ist, dass der Bogen ja genau nach vorne zeigt, nach vorne oder nach hinten, je nachdem wo die Reporter stehen, wobei dann wahrscheinlich eher nach hinten, weil welcher Reporter stellt sich schon freiwillig in die Schusslinie, wer will schon freiwillig angeschossen werden, wer zählt heutzutage schon darauf, dass der Bogen in der letzten Sekunde noch nach oben schnellt oder nach unten oder vielleicht doch nach hinten, äh, nach vorn, äh, in die andere Richtung halt, direkt auf den Kameramann zu, direkt in die Linse hinein.

Menschen wie Absatzlosigkeit

es gibt Menschen wie du und es gibt Menschen wie ich. Menschen wie du wissen immer, was sie zu sagen haben. Menschen wie du können kochen und leben und selbstständig sein. Menschen wie ich wissen erst, wenn es zu spät ist, dass sie etwas falsches gesagt haben. Menschen wie ich können kein einziges Geheimnis für sich alleine bewahren. Menschen wie ich besitzen zwar Empathie (naja, fast), können aber nicht richtig damit umgehen. Menschen wie ich müssen alles immer irgendjemandem erzählen, egal was, egal wem (naja, fast). Menschen wie ich verletzen Menschen wie dich. Menschen wie ich fangen gerade erst an, leben zu lernen. Menschen wie du müssen „wenn ich mich umbringe, ist es deine Schuld“-Sätze in den Mund nehmen. Menschen wie du kennen den Reiz, den ein Geheimnis erzeugt, dieses „ich weiß was, was du nicht weißt“-Gefühl. Menschen wie ich können nur Dinge wie „wenn du dich wirklich umbringen wollen würdest, hättest du das schon längst getan“ und „ich kann genauso an meinem Grab stehen und sagen: mir waren alle Menschen egal, alle, ausnahmslos“ bzw. ein unglaubwürdig klingendes „sorry“ in Krisensituationen aussprechen. Menschen wie ich hassen es, wenn Menschen wie du über jemanden lästern und denken sich Sachen wie „soll ich das der betreffenden Person erzählen?“ und „würde ich wissen wollen, wer was über mich lästert?“ bzw. schlimmstenfalls „aber über mich lästert doch eh keiner!“ Menschen wie ich sollten hungrig und müde und geistig halb abwesend keine Gespräche führen dürfen. Menschen wie ich hassen es, immer überlegen zu müssen, wer was von wem seit wann warum und wieviel genau weiß. Menschen wie wir hatten vielleicht nie wirklich eine Chance, gleichwertig miteinander zu kommunizieren. Menschen wie wir haben einfach eine nicht-kompatible Philosophie in solchen Dingen. es gibt Menschen wie du und es gibt Menschen wie ich.

Möglichkeitenmanipulation

Ich hätte nicht anfangen sollen, aber       – .
Du hättest nicht darauf eingehen sollen, aber       .

Ich hätte nicht insistieren, sollen, aber         .
Du hättest das Gespräch abbrechen sollen, aber  ?

Ich hätte danach auf einer persönlichen Unterredung bestehen sollen, aber        …
Du hättest Dich melden sollen, aber      .

Ich hätte Dir sagen sollen, dass Mich Deine Worte irgendwie gekränkt haben, aber         .
Du hättest sagen sollen, dass Du das nicht so gemeint hast, aber       !

Ich hätte Dir zeigen sollen, dass Mir noch was an unserer Freundschaft liegt, aber     ?
Du hättest Mir zeigen sollen, dass Dir noch was an unserer Freundschaft liegt, aber     ?

Ich hätte mich von Dir verabschieden sollen.

Aber.