Wiener Zukunft

dastunkn is no neamand, dafrorn san schon vüle“ – dieser Satz ist heute für mich gestorben. außer ihr hat nie jemand diesen Satz in den Mund genommen, geschweige denn davon gehört. sie ist heute gestorben, und hat den Satz mit sich gerissen. ich weiß leider nicht mehr, was er genau bedeutet, ich weiß nur noch, dass es quasi der Vorgänger gewesen sein dürfte von Furcht bringt deine Hose, aber nicht deinen Kopf ins Grab, und dass dieser Satz seit heute auch nicht mehr stimmt.

aber der Reihe nach. wenn man so lange kein Tagebuch mehr geschrieben hat, muss man ausholen. ich hole aus. Tagebuch, kann man das überhaupt sagen, wenn es keine Reihe von Tagen geführt wird? eigentlich müsste es dann ja Tagbuch heißen. ich führe hier ein Tagbuch, alle paar Jahre ein Tagbuch, kein ganzes Buch natürlich, aber doch nur ein einzelner Eintrag alle unheiligen Zeiten. ein „Jahrbuch“ sozusagen. aber das heißt, glaub ich, etwas völlig anderes. oder hat zumindest damals eine Bedeutung gehabt, an die man sich heute vielleicht noch erinnern könnte. an das Sprichwort, das heute gestorben ist, konnte nur sie sich noch erinnern.

ich will nicht über den Tod sprechen, ich könnte nicht. für mich lebt sie noch. sie könnte jederzeit wieder in mein Leben treten. wir würden lachen und ich würde ihr erzählen, wie wir alle dachten, sie sei gestorben, und dann würden wir vielleicht sterben vor lauter lachen. sterben vor lachen, das hab ich von ihr. heutzutage sagt man das glaub ich nicht mehr.

Bedeutung suchen wir immer noch. sie hat mir erzählt, sie hat jeden Tag Bedeutungen gesucht. hauptsächlich für ihre Arbeit. nebensächlich aber auch für ihr Leben. am Ende ihres Lebens, nach der Arbeit, dann nur mehr hauptsächlich fürs Leben. ich glaub, sie hat keine befriedigenden Bedeutungen gefunden. ich hab sie manchmal denken gehört. ihre Gedanken waren schön wirr. Chaos hat keine Bedeutung, aber ich hätte ihr das nie gesagt. vielleicht hätte ich ihr das sagen sollen. vielleicht muss ich jetzt eine Bedeutung für ihren Tod nicht nur suchen, sondern auch finden, damit sie glücklich sein kann. ich glaube, sowas hätten sie damals machen müssen. ich glaube, ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen. ich glaube, ich will es nicht versuchen. ich glaube, ich hab Angst vor der Bedeutung, die mir begegnen könnte. ich will nicht, dass mir eine Bedeutung begegnet, die mir nicht gefällt.

alle haben sie immer gelobt. sogar die Zeitungen haben sie herausgepickt und gelobt. wie gut sie nicht mit dem Fortschritt zurecht kommt. wie phantastisch sie sich nicht anpassen kann. sie hat immer gesagt, sie will das gar nicht, und, dass sie es nicht absichtlich macht. dass sie sich eigentlich sogar dagegen sperrt. das glaube ich aber nicht. ich habe sie nie gesehen, wie sie sich gegen etwas versperrt hat. sie war immer offen. sie war skeptisch, das stimmt. das stand auch überall. aber die Offenheit war stärker. das Talent. der Zufall. ihre Liebe zum Detail. sie hat mir einmal anvertraut, sie war einmal in einem bestimmten Zustand und hat mir anvertraut, dass sie sich das als Kind einmal vorgestellt hat, genau so. dass es Kameras gibt in den Augen. dass es authentischen Film gibt. mit deckungsgleicher Identifikation. sie hat sogar gesagt, das mit dem Fokus, das wäre ihr nie im Traum eingefallen, dass das wirklich passieren könnte, schon gar nicht zu ihren Lebzeiten. sie hat versucht mir das verständlich zu machen. aber ich bin damit aufgewachsen, ich habe nie alte Filme gesehen. es gibt keine alten Filme mehr zu sehen, die nicht modifiziert wurden, mit dieser magischen neuen Technik, wie sie es nannte. die Zeitungen fanden ihren Mix aus Naivität und Wissen immer sehr sympathisch. ich glaube, ich hab sie einmal beschimpft und gesagt, sie sei aufgesetzt. ich glaube, sie hat nur gelacht. sie hat selten gelacht, also richtig laut und öffentlich.

sie hat gesagt, der Fokus war früher generell, auf den ganzen Bildschirm verteilt, der Blick konnte wandern, auch über den Bildschirm hinaus. während einem Film. das muss man sich mal vorstellen! ich kann es auch nicht. sie hat gesagt, das war gut, das hat Freiheit ermöglicht. aufstehen und rausgehen, während einem Film. ohne auf Pause zu drücken. einfach so. nicht fertig schauen. sie sagt, es gibt viele alte Filme, die sie mir gerne zeigen würde. sie hat nie Titel erwähnt, kaum Inhalte. ich glaube, sie konnte sich selbst an keinen davon genau erinnern. oder vielleicht wollte sie einfach nur nicht zu wehmütig werden. sie redete oft von der Vergangenheit und bekam einen sehnsüchtigen Blick dabei. seit heute kann ich sie verstehen. ich würde nicht zurück wollen, das nicht. ich glaube, sie hätte auch nicht zurück gewollt. oder, vielleicht nur, um sich ein paar alte Filme und Abspielgeräte zu holen. aber nicht dauerhaft. ich glaube, dauerhaft will niemand mehr zurück. wir sind schon zu weit vorne.

wenn sie heute nicht gestorben wäre, wenn sie heute noch leben würde, dann würde sie wahrscheinlich schon zurück wollen. ich glaube, ich würde auch zurück wollen. wenn ich nicht wüsste, dass sich das in Zukunft ändern wird. wenn ich nicht wüsste, dass es nicht geht. wenn ich nicht wüsste, dass sich das sogar bei ihr wohl auch in Zukunft ändern würde, wenn sie noch so lang leben würde.

(aber, weiß ich das wirklich?)

heute war die Premiere von The Movie. ich kann verstehen, warum sie das Titelkonzept vermisst. ich will ja auch zurück, irgendwie. aber gleichzeitig bin ich einfach froh, noch jung zu sein, noch ohne Verpflichtungen und Arbeitsplatz, ohne Verantwortung. ohne plötzlichen Todesfall. sie hatten es ja angekündigt, aber nur ironisch. ich glaube, sie haben selbst nicht wirklich daran geglaubt. ich glaube, sie haben optimistisch einfach nur mit ein paar Krankenhausaufenthalten gerechnet. aber doch nicht damit. wenn ich ihr das erzählen würde. sie würde nicht nur den Kopf schütteln, ihr würde ungläubig der Mund aufklappen und sie würde vor sich hin starren, in die Vergangenheit. vielleicht auch in die Zukunft oder in die Gegenwart. jedenfalls würde sie starren und erschrocken drein schauen. hab ich ja auch. mein Spiegel hat mir gesagt, ich sehe aus wie sie. das hat mich aus meiner Starre gerissen. ich hab recherchiert. es ist alles wahr. so viele Bilder in so kurzer Zeit kann man gar nicht fälschen. außerdem hab ich auch viele Originalquellen aufgesucht. es steht alles noch drinnen, die Accounts wurden noch nicht gesperrt. oder zumindest noch nicht komplett gesperrt. ich kann noch alles sehen. immer noch sehe ich das alles vor meinem inneren Auge: der Saal, die letzten Nachrichten, die starre Leinwand, auf ewiger Pause. die toten Menschen, die nur ihre Arbeit machten. eine harmlose Arbeit, eine Arbeit, die keinen Platz lässt für eigene Gefühle zwar, aber dennoch eine Arbeit, bei der nichts passieren kann. eine Arbeit wie geschaffen für Familien. eine Arbeit, bei der zum Glück heute keinen kleinen Familienmitglieder dabei gewesen sind. ich weiß noch, die letzte Nachricht des letzten Überlebenden begann einfach nur mit „wtf“. das sagte der live Screenshot. sie hatten alle live Screenshots, zum Glück. die Polizei hätte das nie gemacht, sowas hat sich nicht geändert. sie ist immer froh gewesen, dass sich gewisse Dinge nicht ändern, selbst wenn es solche Dinge sind. die Polizei hätte den Film fertig sehen müssen und darüber schreiben, das hätte sie wohl gesagt, verlangt, gelacht. sie hat nicht so oft gelacht, ich glaube, ich dichte ihr dieses Lachen einfach nur an. genauso wie die Bedeutung ihres Sprichworts. irgendwas über den Tod sagt es aus, auch wenn ich das Wort nicht mehr darin finde. oder den Partikel. sie hat es nicht mehr erwähnt, dass ihr Sprichwort widerlegt wird. ich glaube, das ist eine mögliche Bedeutung von ihrem Tod. das Sprichwort muss sterben, damit ein neues leben kann. ab heute ist Angst tödlich. ab heute können die Maschinen die Menschen umbringen, drastisch gesagt. sie hat nie Angst davor gehabt, sie hat immer gewusst, wenn sowas kommt, dann erst lang nach ihrer Zeit. sie sollte recht behalten. heute können Maschinen immer noch keine Menschen umbringen, Menschen können nur Maschinen programmieren, die sie umbringen. Filme sind tödlich. das wird ein Aufsehen erregen in den Schulen. ich glaube, das könnte amüsant werden. vermutlich hätte sie das genauso gesehen. vermutlich hätte sie ihr Sprichwort abgeändert, sodass es mehr Sinn ergibt. „dafrorn is no neamand, dastunkn san schon vüle“. ich sollte herumfragen, ob das mehr Sinn ergeben würde, ab heute. aber ich glaube nicht, inzwischen versteht ja niemand mehr die Worte und Anspielungen. inzwischen bleibt uns nichts anderes übrig als die Tatsachen zu verdauen, und eigene Worte dafür zu finden. falls wir das wollen. ich glaube, ich will das nicht.

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eine erste Begegnung im Gehirngarten

sie kann sich nicht in den Spiegel schauen, sie schaut sich nicht in den Spiegel. schon vorm betreten des Badezimmers blickt sie gerade hinunter, auf den Boden. auf das künstliche Holz, das abrupt zu Fliesen übergeht – kann man das überhaupt sagen, „übergehen“, wenn es keinen Übergang gibt, sondern einen Bruch? diese, unbedeutende, wird abgelöst von einer anderen, akuteren, Frage: wie schaffe ich es, blind die Zahnpasta zu finden, die Zahnbürste zu finden, beides zusammenzuführen und letztendlich erfolgreich in meinem Mund zu platzieren? denn blind ist sie, blind für alles hinter dem Abfluss vom Waschbecken, vor allem für den Spiegel. aber da der Spiegel groß ist und reflektiert, da er hinunter reicht bis zum Waschbecken, da sie ihn nicht abgerissen hat, nicht abreißen hätte dürfen, da er auch nicht unkenntlich gemacht wurde, verklebt oder beschmiert mit dicken Farbschichten, darf sie nicht aufsehen, kann sie nicht aufsehen, es nicht riskieren, die Augen an den Rand des Waschbeckens wandern zu lassen, zumindest nicht an den Rand, der sich auf der anderen Seite befindet, an den Rand an der Wand, an den Rand direkt unter dem Spiegel. vorsichtig tastet sie mit ihren Fingern nach dem Becher und schenkt Wasser ein. dabei ist sie nicht blind, denn der Hahn endet direkt über dem Abfluss, der Hahn ist noch innerhalb der erlaubten Grenze. der Becher wird abgestellt, kurz und heftig klingelt es tief, sie erschrickt für einen Augenblick. aber auch heute tritt kein Plastikbecher an die Stelle seines Keramikpendants. sie greift etwas nach links und holt die Zahnbürste, der Kopf steckt wie immer schon drauf, aus der Halterung, dreht sie um, taucht den Kopf unter Wasser. mit der anderen Hand hat sie inzwischen die Zahnpastatube gefunden und versucht einhändig den Stöpsel abzuschrauben. die Bürstenhand kommt der Pastenhand zu Hilfe, nachdem das Ertränken erfolgreich beendet wurde. jetzt ist es nur noch eine Frage geschickter Balance und die Vorbereitung zur abendlichen Toilette ist in wenigen Sekunden vorbei. als endlich das lächerlich dünne Phallussymbol mit einem konstanten Vibrieren ihren Mund ausfüllt, dreht sie sich um und blickt, bereits in der Drehung, erleichtert auf. Freiheit. der Nacken ist nicht mehr gebunden wie ein kaputtes Glückshufeisen. die Augen, der Kopf, die Nase können frei umher wandern. die Aussicht ist allerdings nicht sonderlich spannend, eine weiße Heizung, vor grauen Fliesen, hellgrau verfugt, auf der ein blasses Handtuch hängt. sie stellt sich vor, um die Szenerie noch trister wirken zu lassen, dass das Handtuch früher einmal eine kräftige Hautfarbe besessen (und nicht ein bleiches Orange, wie es die Realität gewollt) hatte. vielleicht war es die Assoziation der imaginären Hautfarbe. vielleicht war es die Tatsache, dass ihr fröstelte. vielleicht war es ihre Hand, die zwischen ihrem Gesäß und dem Waschbecken zerquetscht wurde. vielleicht war es ihre Tagesverfassung. vielleicht war es Zufall. vielleicht war es die Erinnerung an einen bereits einmal gedachten, entfernten Gedanken.

das Bild in ihrem Kopf war schön und warm und dunkel. das Bild in ihrem Kopf schien unerhört. das Bild in ihrem Kopf ließ sie innerlich lächeln. bei diesem Bild in ihrem Kopf verspürte sie nicht sofort den Drang, es teilen zu müssen, wohl aus weiser Voraussicht, vielleicht aber auch nur aus stolzem Besitzanspruch. das Bild in ihrem Kopf würde ihr noch für längere Zeit erhalten bleiben. das Bild in ihrem Kopf war schön, und sie war zu verblendet um vollends zu realisieren, dass diese Schönheit sehr subjektiv war. das Bild in ihrem Kopf ließ sie alle Sorgen bezüglich des Spiegels vergessen. den Blick mit sich selbst forderte sie trotzdem lieber nicht heraus.

sie hatte weniger konkrete, praktische (also theoretisch-praktische) Vorstellungen als vielmehr ein Bild, ein Gefühl, eine Wortgruppe. sie hätte das Bild in ihrem Kopf nicht aufzeichnen können, selbst wenn sie noch so gut hätte zeichnen können, zumindest nicht zu ihrer vollsten Zufriedenheit. aber dessen sollte sie sich erst später bewusst werden, nachdem das Bild schon eingesickert sein würde, sie schon mehrmals besucht hätte, sogar, nachdem sie es bereits einmal geteilt haben würde, mit etwas erschreckten Reaktionen. bei der ersten, bei dieser ersten Begegnung mit dem Bild war sie noch viel zu begeistert, viel zu überrascht, um über die Beschaffenheit des Bildes zu reflektieren. vorrangig ging es ihr nur um das Bild selbst, um das Gefühl, um den Klang der losen Worte in ihrem Kopf, um die vermeintliche Ästhetik dahinter. wäre ihr das Bild früher untergekommen, und hätte sie es zufälligerweise am selben Tag in der Therapie besprochen, die Stunde wäre wohl anstrengend und besorgniserregend, vor allem aber weit weniger banal ausgefallen, als sie es letztendlich war. vielleicht hatte das Bild ja ein Eigenleben, war sich dessen bewusst, und pflanzte sich aus diesem Grund an diesem Abend erst in ihren Gehirngarten ein. (als Kind hatte sie sich ihr Gehirn immer als Garten vorgestellt, in dem die Ideen auf Bäumen und Sträuchern hingen und zu Boden fielen wenn sie reif und vollständig waren, von Vögeln in freiem Flug gestohlen wurden, wenn sie faul und unbrauchbar waren. als Kind hatte sie noch nicht viel von Botanik, und noch weniger von Neurologie verstanden. später dann, als Jugendliche, als sie in Biologie den menschlichen Körper durchnahmen, war ihr Gehirn immer noch ein Garten, ohne Vögel und ohne Boden, eher eine verwachsene Wildnis, die Synapsen waren Äste und Wurzeln und Blattskelette, die Knotenpunkte dazwischen nicht nur Früchte oder Kartoffeln, sondern auch Blumenstempel und Maulwurfshügel. als Jugendliche hatte sie mehr von Botanik und Neurologie verstanden als als Kind, aber seither war dieses Halbwissen nicht erweitert worden.) vielleicht war das Bild aber zuvor einfach nur faul gewesen, oder noch nicht ausgereift genug. jetzt war es zumindest so sehr gereift, dass es sich halten konnte, dass es bestimmte Assoziationen und ein zumindest unbestimmtes, unbeschreibbares Bild auslösen konnte. das Bild war im Gehirn angekommen, die Synapsen vernetzten sich neu, es wehte ein frischer Wind durch den Garten, alles zitterte ein wenig, weniges veränderte sich, bevor wieder Ruhe einkehrte.

ich will mich in deine Haut eingraben. in die Haut ein-, unter die Haut graben, sich unter die Haut graben. es wäre schön warm, vor allem dunkel wäre es. die Haut als Decke, ich decke mich mit der Haut zu, ich ziehe mir die Haut über den Kopf, wie einen Schlafsack, ich nähe die Haut um mich herum zu, ich nähe mich in der Haut ein, ich kann trotzdem noch atmen, aber ich habe es schön warm und schön ruhig. die Haut ist schalldicht, aber nicht luftdicht. ich decke mich mit der Haut zu bis zum Kinn, und über meine geschlossenen Augenlider senkt sich eine totale Finsternis. die Haut als Gebärmutter, das Bett, der Schlaf als ödipale Rückkehr in den Mutterleib – Vaterleib, für Frauen? die Haut wäre eine schöne flauschige Decke, angenehm weich, angenehm dicht, warm, still, wohl temperiert und ruhig. ich will mich mit dir zudecken, nein, ich will mich in dir zudecken, nein, ich will mich mit dir in dir zudecken, vielleicht klingt das richtig. das klingt auch nicht schön. ich will auf dir liegen und mich mit deiner Haut als Decke, und deine Haut als Decke benutzen. missbrauchen. es würde dir nicht wehtun. es würde dich nicht verletzen. ich will unter deine Haut kriechen können, ich will unter deine Haut kriechen, ich will unter deine Haut kriechen. Haut heben, Haut wieder senken, auf mich, auf einen fremden Körper, der doch kein Fremdkörper wäre. ich will kein Fremdkörper sein, ich will dir nicht wehtun, ich will es nur still und leise und ruhig und dunkel haben, vor allem dunkel will ich es haben. wenn ich mit deiner Haut zugedeckt bin wird es plötzlich dunkel werden, ob der Kopf auch drunter liegt oder nicht, es wird dunkel sein unter deiner Haut, deine Haut beschützt mich vor Licht, der Schatten von deinem Kopf usw. beschützt mich vor der aufgehenden Sonne. ich will unter deine Haut kriechen wie unter ein schützendes Versteck, ich will unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken. ich will schlafen. ich würde unter deiner Haut sofort einschlafen können. unter deiner Haut wäre es bequem, selbst wenn ich auf unbequeme Weise dorthin kriechen müsste. unter deiner Haut wäre alles bequem, unter deiner Haut wäre alles gut, alles still, alles dunkel, alles friedlich. unter deiner Haut wäre das Paradies. hervorkriechen müsste ich nie wieder unter deiner Haut, zumindest nicht bevor ich es nicht ausdrücklich wünschte. unter deine Haut kriechen, ich will unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken. ich will ins Paradies. ich will dir nicht wehtun, ich will nur, dass es mir gut geht, dass ich nie wieder, dass ich, dass ich glücklich sein kann und still und ewig schlafen, dass ich ewig schlafen kann unter deiner Haut, bis ich vielleicht, irgendwann vielleicht einmal aufwache und mich dazu entscheide, deine Haut wieder zu verlassen. bis es mir zu heiß wird unter deiner Haut oder zu langweilig. bis ich genug haben werde von deiner Haut. aber bis dahin würde ich gerne unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken und sofort in einen wohligen, ruhigen, dunklen, langen Schlaf sinken, in einen bequemen, schönen Schlaf. und träumen würde ich nichts unter deiner Haut, nichts außer von meinem Garten, ganz vielleicht aber nur. träumen würde ich vorwiegend und hauptsächlich von Dunkelheit, träumen würde ich nur, wenn es unbedingt sein müsste. ich würde die Bequemlichkeit im Schlaf vollkommen genießen und auskosten, diese Stille und Ruhe und Dunkelheit, diesen Frieden auskosten unter deiner Haut, dank deiner Haut. dank deiner Haut würde ich schlafen und glücklich sein können im Schlaf. ich will unter deine Haut kriechen und nie wieder hervorkommen müssen. vielleicht würde ich deine Haut irgendwann freiwillig wieder verlassen. niemand würde mich vermissen unter deiner Haut, zumindest würde ich es nicht wissen, würde mich jemand vermissen. unter deiner Haut herrscht vollkommene Ruhe. ruhen in Frieden könnte ich unter deiner Haut, und gleichzeitig auch träumen. ich will nicht sterben, ich will dir nicht wehtun. ich will nur schlafen, unter deine Haut kriechen und schlafen, bis ich ausgeschlafen bin für mein restliches Leben.“

später sollte sie diese Idee ausbauen, dieses immer wiederkehrende Bild vervollständigen, ergänzen, genauer bedenken. später sollte sie die Problematik der Masse erkennen, die Problematik der Größe. sie sollte jedes Mal individuell Lösungen dafür finden, sie sollte ihre Hautdecke überdimensional vergrößern und sich selbst gleichzeitig überdimensional verkleinern, sodass sie frei herumrennen könnte auf dem Brustkorb aus hautfarbener Decke. sie sollte sich den Fragen des aufreißens und zunähens widmen, und auch der Frage des Blutes. sie sollte erkennen, dass ein realistisches neues Bild sich fast unmöglich durchdenken lässt. sie sollte komplizierte, idealisierte Körper erfinden, bevor sie entdecken würde, dass sie die unterste Hautschicht nicht als Decke verwenden müsste, sondern auch als Bett benützen könnte. sie sollte auf diesem Weg viele komische Details hervorbringen und wieder verwerfen. Körper, unter der Hautdecke komplett abgeflacht, dennoch seitlich liegend, mit nur einem plastischen Kopf am Ende. eine Schläferin in Embryonalstellung, am Rücken des Hautdeckenspenders eingekauert, ein Muttermal. ein Baby, zugedeckt von der Haut seiner Eltern, sanft strampelnd unter dem neuen Gefängnis, ohne es zu zerreißen. sie war fasziniert von jedem neuen Bild, von jedem Ansatz einer Idee. anfänglich kamen diese Bilder nur gelegentlich zu ihr, aber mit der Zeit wurde es zur Obsession. mit der Zeit schaffte sie es nicht mehr, dies Phantasie loszulassen, wollte sich regelrecht in ihr eingraben.

Geständnisse einer Schreibprinzessin

ich will eine Italienreise machen, wie Goethe damals. nur soll es nicht nach Italien gehen. und es soll nicht Jahre dauern. es sollte Monate dauern, vielleicht maximal ein Jahr. und es sollte in den Tod gehen, also mindestens ins Koma.

mir ist alles zu viel. ich bin froh, dass die Zeit einfach unaufhaltsam weiterläuft. noch länger im letzten Moment und ich wäre verendet. noch länger in diesem Moment und ich fange an zu schreien. aber er ist ja schon vorbei.

was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich nie angefangen hätte, meine Finger blutig zu beißen. was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich nie geboren worden wäre. was wohl aus mir werden würde, wenn ich wirklich temporär, für längere Zeit, wenn ich der erste Mensch wäre, der zeitlich begrenzt tot sein kann.

aber das geht ja nicht, das haben die Religionen und Mythen und Horrorgeschichten ja schon oft erfunden. ich werde nie das Rad neu erfinden können, ich könnte das Rad nicht einmal alt erfinden, wieder-erfinden, ab-finden, abschreiben. ich könnte nur sterben, nur ein einziges Mal tot sein, und das für immer.

ich will richtig sterben und einen Sarg und ein Begräbnis. Verbrennung fällt weg, genauso wie Organspenden; ich würde sagen, ein Wunder auf einmal ist genug. sterben also. und dann ausgegraben werden, aufgegraben, geöffnet (der Sarg), und hoffentlich lebendig sein. oder gleich wieder lebendig werden.

das schöne an diesem Plan ist, selbst wenn er nicht funktioniert, ist er erfolgreich.

es flattert (nicht mehr)

es summt, es surrt, es brummt. nein. es flattert. du weißt, dass es flattert. es flattert schön. aber nicht wie ein Vogel. leiser; kleiner; anders. es flattert mit seinen Flügelchen und macht dabei dieses summende, surrende, brummende Geräusch – nein, das ist falsch, alles falsch. du kannst das Geräusch nicht beschreiben. es ist kein Summen, es ist kein Surren, genauso wenig wie es ein Brummen ist. es ist heller. es ist schön, ein schönes Flattern. ein panisches Flattern. ein verzweifeltes Flattern, ein hilfloses Flattern, ein Todeskampf-Flattern. wenn es doch nur schon tot wäre. wenn es sich schon ausgeflattert hätte, oder, noch besser, aufgeflattert, vollgeflattert, aufgeladen hätte und seinen Ausweg gefunden. das kann doch eigentlich nicht so schwer sein. du verstehst nicht, wieso es anscheinend unmöglich ist. schon eine Stunde wird es sein, dass es einen Fluchtweg sucht. unfindbar. unfähig. unschön. das Fallen ist unschön, wenn es zurückfällt, klirrt, zurück in die Mitte purzelt, zumindest nimmst du das an, du kannst es von unten ja nur schemenhaft erkennen, wenn es zurückfällt, klirrt es. es ist ein Sisyphoskäfer, zu müde, zu krank, um die steile Steigung zu bewältigen. wenn es kopfüber an der Decke krabbeln kann, müsste es doch auch bergauf und raus in die Freiheit kommen, denkst du dir – aber nein, daran darfst du nicht denken. und es ist offensichtlich auch nicht wahr. es ist verloren. gefangen; verdammt. für immer. es wird sich bald ausgeflattert haben. hoffentlich wird es sich endlich bald ausgeflattert haben, damit du es vergessen kannst, endlich das schöne Geflattere vergessen kannst und ruhigen Gewissens einschlafen.

du willst, dass seine Flucht gelingt, und du willst es doch nicht. du hast Angst, es könnte Superkräfte bekommen, es ist eine unbegründete, irreale Angst, eigentlich ist es keine Angst; aber der Gedanke ist trotzdem da, die theoretisch-potentielle Möglichkeit, im Paralleluniversum, das nicht das deinige ist, und es nie sein wird. die Angst, die keine Angst ist, sondern nur ein Gedanke: dass es nicht flattert aus lauter Verzweiflung, sondern um sich zu stärken, um sich aufzuladen wie eine Batterie, um wieder zu Kräften zu kommen, und wenn es stark genug ist, wenn es fertig ist, wenn es sein volles Potential erreicht hat, wird und muss es nicht mehr flattern (und du sehnst und fürchtest diese Stunde herbei), sondern kann ausbrechen, wird ausbrechen, entweder unrealistisch-spektakulär, indem es das Glas zerbirst und herausströmt wie aus einem frisch geschlüpften Ei, oder unrealistisch-realistischer, indem es nicht mehr auf sich selbst zurückfällt und in die Mitte geworfen wird, sondern endlich den steilen Aufstieg schafft, den Ausstieg, den Rand erklimmt, am Gipfel der Welt einen tiefen Atemzug holt.
in beiden Fällen fliegt es dann auf dich zu und greift an.

warum kann es sich nicht frei flattern. warum kannst du nicht versuchen ihm beim freiflattern zu helfen.
es würde im Staub ersticken. du würdest es befreien und es würde panisch durchs Zimmer flattern und entweder würdest du es nie mehr wieder sehen, nicht finden, nicht sterben sehen, oder es würde im Staub ersticken, vor deinen Augen, und du könntest nichts dagegen unternehmen.
so erstickt es nicht im Staub. wahrscheinlich nicht. wahrscheinlich verhungert es. vielleicht würde es verbrennen, wenn du die ganze Nacht das Licht anließest. aber du hast es extra abgedreht, damit es nicht verbrennt. damit du es nicht unnötig quälst. damit es nicht geblendet wird. damit du nicht geblendet wirst, falls du es doch retten willst. aber du kannst es nicht retten. es ist schon verloren. es flattert nicht mehr.
immer, wenn es nicht flattert, in den ganzen Flatterpausen, hältst du es für tot. auch wenn es bisher immer wieder weiter geflattert ist, irgendwann, und wenn es nicht geflattert ist, ist es gefallen, hat es geklirrt, und das war nicht weniger schlimm, aber weniger schön. geflattert oder gefallen. geflattert und gefallen. geflattert, gefallen. du magst nicht mehr sehen, wie es fällt. und hören willst du es schon gar nicht. du verstehst nicht, wieso es fällt. vielleicht will es nicht zurück in die Freiheit. vielleicht ist das Fallen wie eine Rutsche. vielleicht macht es ihm Spaß. vielleicht war es noch nie so glücklich wie in diesen Momenten. vielleicht liebt es dieses Gefühl, so wie du, dieses Gefühl des Herzens außerhalb des Körpers, das du von Achterbahnen kennst. vielleicht ist das Fallen wie eine Achterbahn. vielleicht liebt es Achterbahnen.

vielleicht würde es doch lieber verbrennen. aber du kannst ja nicht wissen, was es will. du kannst nur wollen, für dich, und für dich willst du, dass es nicht mehr flattert. aber natürlich geschieht das nicht.

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es hat nicht mehr geflattert. die ganze Zeit als du versucht hast, es zu retten, hat es nicht mehr geflattert. es war ganz verstaubt. es wäre wohl gelb gewesen unter dem Staub. aber es hat nicht mehr geflattert. es hat dir diese Freude nicht mehr gemacht. aber es ist auch nicht geflüchtet. es war wohl zu gelähmt um zu flüchten, zu gelähmt von der dünnen Staubschicht, die über seinen Flügeln lag. ob es deswegen nicht von selbst in die Freiheit krabbeln konnte. auf der senkrechten Außenwand deines Fensters hatte es jedenfalls keine Probleme mehr. vielleicht befreit der Wind es von dem Staub. oder hättest du es sanft bewässern müssen. die Spinne wird es fressen. wenn es nicht rechtzeitig wieder fliegen lernt, wird die Spinne es fressen. wenn es rechtzeitig wieder fliegen kann, wird es aufgrund seiner Schwäche leblos aus der Luft fallen und unwiederkennbar am Boden landen, wie gewöhnlicher Dreck. oder es wird direkt ins Netz der Spinne flattern.
in den Schlaf wird es dich nicht flattern. es kann dich mit seinem Geflattere nicht mehr vom schlafen abhalten.

es hat mit den Beinchen gezappelt. am Papier hat es mit den Beinchen gezappelt, als es am Rücken lag, und du hast die Falte geneigt, damit es wieder stehen konnte. dann war es immer noch gelb und immer noch staubig. wahrscheinlich hätte es die Achterbahn bevorzugt.

du hast vergessen, im fahlen Licht der Standleuchte seine Punkte zu zählen. es hatte viele Punkte. es muss schon alt gewesen sein.

Mantra

leg dich ganz still hin und versuche dich zu beruhigen. versuche dich zu entspannen. versuche deine Atmung zu regulieren, bis sie fast unsichtbar wird. vielleicht sehen sie dich dann und halten dich für tot. vielleicht erklären sie dich daraufhin sogar für tot. vielleicht rufen sie all ihre Verwandten und Freunde an, die dich auch kannten, und erzählen ihnen, dass du tot bist. vielleicht legen sie einen Termin fürs Begräbnis fest. vielleicht streiten sie sich bei den Vorbereitungen, vielleicht nicht. vielleicht haben sie einen offenen Sarg, vielleicht nicht. vielleicht kommen viele zu deinem Begräbnis, vielleicht nur wenige. vielleicht halten sie gute Reden. vielleicht gibt es schlechtes Essen. vielleicht weinen alle, wenn dein Sarg in die Erde gelassen wird. vielleicht wirst du verbrannt. vielleicht wirst du zu einem Diamant gepresst und als Ring getragen. vielleicht wird deine Asche verstreut. vielleicht trauern sie lange über dich, vielleicht kurz. vielleicht haben sie dich sehr gern gehabt, vielleicht nicht.
leg dich ganz still hin und versuche dich zu beruhigen. vielleicht, wenn du deine Rolle überzeugend spielst, kann die Hoffnung wahr werden. also leg dich ganz still hin und versuche dich zu entspannen.

Schreiben – kein Tagebuch

ich wünschte, ich könnte schreiben, ohne mich zu bewegen, ohne einen Finger zu rühren, ohne eine Stirn zu runzeln, ohne einen Gedanken zu fassen. dann könnte ich schreiben im Schlaf, schreiben unter der Dusche, schreiben, wenn ich schon tot bin; dann könnte ich schreiben, ohne das Papier tränennass oder die Tastatur kekskrümelig zu machen.

stell dir vor du könntest im Koma schreiben, würdest du? stell dir vor du könntest im Grab schreiben, würdest du; oder im Sarg? stell dir vor du bräuchtest keinen Stift zum schreiben, würdest du es nicht viel mehr genießen, Formulare auszufüllen?

es würde einfach so herausschreiben aus dir, du müsstest dich nichtmal besonders anstrengen dafür. deine Aufsätze, deine Postkarten, deine E-Mails, deine Kurzmitteilungen, alles würde sich aus dir herausschreiben, auch deine Liebesbriefe. sie würden dich ausschreiben, deine Worte nach außen kehren und innen einen Leerraum lassen, einen ausgeschriebenen, herausgeschriebenen Leerraum. vielleicht sammeln sich dort die ganzen Satzzeichen, von denen gibt es ja immer viel zu viele. für jeden Buchstaben gibt es ein Satzzeichen, deshalb sammelten sich in dir drin ganz viele Punkte und Beistriche und Semikolons, in deinem Leerraum drinnen wären sie glücklich und warm und einsam, also gemeinsam einsam, sie hätten ja sich.
aber du hättest niemanden mehr, denn sie wären alle ausgeschrieben worden, und abgeschrieben. die, die dir die Stifte verkauft und die Zettel geborgt haben, alle weg, alle im äußeren Leerraum verschwunden. die, die dir die Finger geküsst und die Hände geschüttelt haben, alle weg, alle fortgegangen auf ihren zehn langen, ärmlichen Zehen. die, die für dich und mit dir geschrieben haben, sie wären am schnellsten geflüchtet, geflohen, hätten Reißaus genommen und dir dabei geholfen, deine inneren Buchstaben rauszureißen, auszuschreiben ohne sie.

Golf

Löcher im Mund, oben, am Gaumen, als wäre reingeschossen worden, von der Hand, die zum Kopf gehört, mit einer geladenen Waffe, die zwischen die Zähne passt, einige Male schießen, um sicher zu gehen, so oft schießen, bis man die Löcher am Gaumen nicht mehr spürt, bis sie vom Blut überflutet werden.

stechende Löcher im Mund, ganz hinten, aber es sind kleine Löcher, winzige Locherl, Traumruinen, unsichtbare Gräben, gegraben von Giftpfeilen im Schlaf, ausgeschaufelt von der letzten Tablette, betäubt vom immerselben Speichel, der die Mundhöhle schon stundenlang umschmeichelt, inzwischen eingetrocknet ist.

zu viele Löcher im Mund, nämlich mehr als zwei Löcher im Mund, wo nur eins sein sollte, nämlich das Mundloch, zu viele Löcher hinten, oben, die lange Gänge einleiten, die hinaus aus dem Kopf durchs Gehirn drängen, oder gleich unter der Nase vorbei zum Nackenansatz, zu viele Löcher im Mund, viel zu viele Löcher im Mund.

woher kommen diese Löcher im Mund, Brutplätze für Krankheiten, Fluchtstätten für Viren und Bakterien, schmerzhafte Löcher, blutig oder nicht, groß oder klein, bemerkt oder unauffällig, ist es ein großes oder viele kleine, Schrödingers Löcher, es spielt keine Rolle, sobald der Mund offen ist, ist es vorbei.

von heute auf morgen Löcher im Mund, Außenseiter, Taugenichtse, Schmarotzer, laugen nur aus, nisten sich ein, bis sie alles übernommen haben, die Löcher, den gesamten Mund, die Zunge, die Zähne, alles, von oben bis hinten, von unten bis nach vor, und einmal rundherum, bis sie sich dem Mundloch angeschlossen haben, eins geworden sind und also weg.

sie kommen vom neuen Locher, die Löcher im Mund kommen meistens von Lochern, deren Betriebsanleitung nach dem Kauf plötzlich verloren ging, nicht an Kinder verfüttern“, aber an Münder ist es erlaubt, denn Gaumen mögen Locher, und Löcher mögen Gaumen.

kein Text ohne Parodie

Männer duschen sich heißer als Frauen. vielleicht bist du aber einfach auch nur kaltblütig. vielleicht hast du wirklich einen Typ, du könntest ihn dann Heißduscher nennen und in eine eigene Schublade stecken. oder eine eigene Schublade dafür bauen, das wäre vielleicht auch ganz unterhaltsam.

ein Text ohne Menschen ist ein verlorener Text.

Frauen duschen sich kälter als Männer, denken sie das über alle, oder nur über dich? denken sie das überhaupt, haben sie das überhaupt gedacht, bevor du hergekommen bist, und ihren Hinterkopf genommen hast, und ihr Gesicht runtergedrückt hast, in den Sand, in den Schlamm, ins Wasser, bevor du ihre Nase am Asphalt gebrochen hast.

ein Text ohne Menschen ist ein gewinnender Text.

bevor du nicht dahergekommen bist, bevor du deinen Mund nicht aufgemacht hast und alle deine Worte aus ihm befreit hast, verstoßen, gestoßen, verbannt hast, davor hatten sie keine Ahnung, von nichts, und waren glücklich. jetzt haben sie keine Ahnung von nichts und sind verwirrt, weil du deine Lippen nicht vernäht hast, weil du sie nicht zugenäht hast, weil du ja überhaupt nicht nähen kannst.

ein Text ohne Menschen ist ein gewonnener Text.

kein Text ohne Menschen, sagt sie, und schreibt, der Autor ist tot, aber trotzdem zählt deine Meinung, schreibt sie, einem Autor, Stunden später, weil sie es vergessen hatte. (wie kann sie etwas stundenlang vergessen? wie kannst du noch nie stundenlang etwas vergessen haben!)
der Autor schreibt zurück, haha, aber was wenn ich tot bin.
sie schläft. sie träumt. sie wacht auf. sie dreht sich um. sie liest: haha, aber was wenn ich tot bin. sie blinzelt. sie schreibt zurück, was, du bist ja nicht tot haha. sie dreht sich wieder um und schläft weiter.

ein Text ohne Menschen ist wie eine Zeit ohne Raum, unmöglich.

sie zwingt sich zum schreiben, weil sie sich nicht zum lesen zwingen will. die meisten Uhren sind Wecker und eckig. sie wagt es nicht, ihre Augen nach der Zeit zu fragen. die meisten Zeiten sind wie Räume ohne Zeiten, unmöglich.

du hast Glück, sagt er, ich habe mich übergeben müssen, und legt sich wieder ins Bett. heiße Haut.
du hast Pech, sagt er, ich will schon mit dir schlafen, aber dann Kontaktabbruch. heiße Tränen.
du hast mich, sagt sie, und nimmt sich das erste Stück Schokolade. kaltes Wasser.

kaltes Wasser schmeckt nach Blut, murmelt sie, schüttelt den Kopf, und flüstert, rotes Wasser schmeckt nach Blut, rotes Wasser schmeckt nach Blut. sie schüttelt den Kopf immer heftiger, will sich fast selbst schlagen. sie sieht den Kopf vor sich, rot, blutüberströmt, sie schüttelt ihren Kopf und ist darüber entsetzt, was sie daraus gemacht zu haben scheint. rotes Blut schmeckt nach kaltem Wasser, sie deliriert. sie lacht, wie furchtbar wäre es, wenn Blut nach Wasser schmeckte! nach kaltem noch dazu! sie schüttelt den Kopf und fühlt sich verrückt. (kein Text ohne Blut, kein Text ohne unheimliches Kichern. in Kirchen.)
sie starrt das blutüberströmte Gesicht in ihrem Kopf an, starrt den roten Kopf in ihrem Kopf an, blickt ihm Löcher in den Schädel, bis er zerspringt, ein Springbrunnen, ein roter, blutiger Springbrunnen. ein comichafter Kopf, ein lächerlicher Schädel. kein Text ohne Happy End.

manches muss einfach getan werden, Gebete zum Beispiel.
manches muss einfach gesagt werden, Geliebte zum Beispiel.
manches muss einfach gefragt werden, Geburtstage zum Beispiel.
manches muss einfach gedemütigt werden, Geständnisse zum Beispiel.

ein Jahr

Stille, vollkommene Stille; aber mit so vielen Geräuschen wie möglich. optische Stille, verbale Stille, haptische Stille, aber keine akustische Stille. akustische Stille ist der Tod, sagt er. bei akustischer Stille kann ich nicht schlafen, sagt er, konnte ich noch nie.

du stellst dir das schön vor, eine Aufnahme mit lauter Straßengeräuschen, schön und romantisch, im nicht-heraischen Sinne. das kann doch keine schlechte Kindheit gewesen sein, das kann doch nur eine schöne Kindheit gewesen sein, wenn ein Vater sowas für einen Sohn macht, extra Straßengeräusche aufnimmt, damit er schlafen kann.
wie hast du das aushalten können, fragst du dich, wie hast du das aushalten können, jede Nacht dieselben Hupen und Schreie und quietschenden Reifen, jede Nacht dieselbe Stille, noch dazu in der immergleichen Reihenfolge!
du fragst es dich, aber du traust dich nicht, auch ihn zu fragen.

kalte Stille ist warmer Stille vorzuziehen, immer. denn aus kalter Stille willst du fliehen, kalte Stille gilt es zu vermeiden, kalte Stille ist unangenehm.
warme Stille ist bequem.

warme Stille, sagst du, und spürst, wie dein ganzer Körper kribbelt, vom Opium, warme Stille ist der Tod.
nein, sagt er und schüttelt ernsthaft den Kopf, akustische Stille ist der Tod!
aber, sagst du, du räusperst dich und sagst, warme Stille ist bequem, und alles was bequem ist, ist schlecht. alle Erfrorenen erfrieren nur, weil sie es bequem haben, weil sie zu erschöpft sind, aufzustehen, und weil sie es zu bequem haben, in ihrer Wärme.
er lacht und sagt, sie erfrieren, sie verbrennen nicht. er lacht noch immer als du sagst, sei leise!

warme Stille ist der Tod, das weißt du besser als sie alle. jede Nacht stirbst du in deinem Bett, Tag um Tag. dein Zimmer ist immer vollkommen leise, viel zu leise. warme Stille ist böse. (Tränen beginnen sich in deinen Augenwinkeln zu sammeln.) warme Stille lässt dich nicht schlafen, und das schlimmste ist, irgendwann tut sie es doch. du kannst ihr nicht die Schuld geben, genauso wenig wie du ihr nicht die Schuld aus den Schuhen schieben kannst. warme Stille ist der Tod. (du starrst stumm vor dich hin und versuchst krampfhaft, nicht zu blinzeln.) warme Stille schluckt alles. warme Stille schluckt das Ticken deiner Wecker, das vielbeschriebene Klopfen der Äste an den Fenstern, den sehrvermissten Atem aus deinem Mund. warme Stille hat sogar schon gelegentlich das Kratzen von Stiften, das Kichern von Fremden, das Tippen von Fingern auf Tastaturen geschluckt, warme Stille ist ein Allesfresser. (du presst deine Augenlider zusammen, alle gleichzeitig, plötzlich, auf einen Schlag. die Salzspuren sind schnell und kitzeln dich fürchterlich.)

du hörst das Schnarchen und weißt, dass es nicht dir gehört. du willst erleichtert aufatmen, willst glücklich seufzen, aber bewegst dich so wenig wie möglich. du bewegst dich eigentlich überhaupt nicht, genießt nur die warme Stille. sie ist heiß geworden in den letzten Stunden. dein ganzer Körper schwitzt.
du hörst das Schnarchen und freust dich, und kannst trotzdem nicht einschlafen.
du hörst das Schnarchen und freust dich trotzdem, als es aufhört, freust dich, dass du dich wieder bewegen kannst, ohne es zu stören.
du bewegst dich und murmelst, warme Stille ist der Tod. was, fragt er verschlafen. du bemühst dich, lauter zu sprechen, deine Worte deutlich zu formulieren, und dabei nicht einzuschlafen. warme Stille ist der Tod, nuschelst du, hörbar.
es kommt keine Antwort.

Anleitung zur Autodestruktion, etwa dreihundertdreiunddreißig Tage später

wenn du eine schöne Konversation führst, im sitzen, auf einem Sessel, einem „Stuhl“, auf einem harten, höheren Untergrund, nicht auf einem Sofa, auf keiner Couch, und auch auf keinem Kinderhocker, wenn du also auf einem Sessel sitzt, zum Beispiel, und einen Fuß, ein Bein, rechtwinklig zum geraden Boden aufstellst, egal ob links oder rechts, das spielt keine Rolle, solange das andere Bein es dem einen nicht gleich tut, solang der andere Fuß auf dem einen Knie liegt, der andere Knöchel auf dem einen Knie liegt, solang du das alles beachtest, musst du nicht viel mehr tun, eigentlich (fast) gar nichts mehr tun außer so zu bleiben und vielleicht hin und wieder ein paar Worte zu wechseln; dein Oberkörper kann tun und lassen, was ihm beliebt, er kann sich strecken oder bucklig dasitzen, er kann lachen, er kann verletzt oder liebkost werden, eine gröbere Rolle würde das nicht zwangsläufig spielen, den Ameisen ist das egal, die Ameisen wissen vermutlich nichtmal, dass ein Oberkörper, ein anderer Körper, dass etwas über deinen Beinen existiert;

bald wird sich ein dumpfes Gefühl einstellen, ein Gefühl der Taubheit, ein schönes Gefühl der Taubheit, du wirst es genießen, du sollst es genießen, wenn du es nicht genießen würdest, bist du verzweifelt unverzweifelt;

bald danach wirst du dich nicht mehr bewegen wollen, die Taubheit wird so in dich eingegangen sein, übergegangen sein in dein Herz, in deinen Kopf, in deine Haltung, das dumpfe Kribbeln wird dich so sehr vereinnahmt haben, dass du dich nicht mehr trauen wirst, dich zu bewegen, aus Angst es zu verscheuchen, wie ein kleines, scheues Tier, wie dieses fiktive, nicht existente, nichtmal tierische Tier aus diesem einen wunderschönen, nicht von Tieren handelnden Song – du wirst also krampfhaft versuchen, dich nicht zu bewegen, deine Beine, deinen Körper, nicht zu bewegen;

maximal zum auf- und abwippen wirst du sie bringen, ein bisschen, leicht, seicht, wenig, so wie du weißt, dass es die Ameisen nicht stört, aber nicht mehr, keinen Mikrometer mehr, eher tausend Millimeter weniger, es soll ja keine Veränderung kommen, nur eine Intensivierung darf sich einstellen, eine Vermehrung der Ameisen, eine schlagartige Populationsexplosion, eine Überzüchtung, Überpaarung, Überkinderung, Überalles, also lieber nicht zu viel bewegen, nur ganz wenig, ganz ganz wenig, fast unmerklich, sicher ist sicher und sicher ist nur, dass die Ameisen nicht plötzlich verschwinden werden, sie würden dir nicht einfach so grundlos adieu sagen, nein, sie sind vernünftig, sind verlässlich, sind zuverlässig in dem Punkt, auf die Ameisen ist verlass, du weißt immer, wann sie gehen, du weißt zwar nicht immer genau, wann sie kommen, aber du weißt, wann sie gehen, wie sie gehen, wohin sie gehen interessiert dich nicht, Hauptsache sie gehen, wenn du willst, dass sie gehen und sie kommen, ohne dass du allzu viel Mühe auf ihre Herlockung aufwenden musst;

irgendwann wirst du dich bewegen wollen oder bewegen müssen oder bewegen müssen wollen oder du wirst Angst davor haben, dich noch länger noch immer nicht zu bewegen, wirst fürchten, das Gefühl für dein anderes Bein auf immer zu verlieren, die Hoffnung wird besiegt sein und die Starre auch, sanft wirst du dein anderes Knie ergreifen und deinen anderen Fuß auf die Erde setzen, wirst versuchen, dir nichts anmerken zu lassen, wirst vielleicht ein wenig in Panik verfallen, weil dein anderes Bein nun endgültig taub ist, taub, gefühllos, dumpf, es ist alles auf einmal, du kannst es nicht beschreiben, du kannst es nur wissen, kannst es nur wollen, kannst es nur spüren und gleichzeitig überhaupt nicht spüren, kannst es kontrollieren, aber nur mäßig, kannst deinem anderen Fuß sagen: „lauf“, aber kannst dich nicht darauf verlassen, dass dein anderes Knie nicht einknickt vor lauter Dumpfheit, Starrheit, Taubheit, vor lauter Gefühllosigkeit, vor lauter Ambivalenz;

dein anderes Bein kribbelt und kribbelt und dumpft und starrt und ist taub und blind und olfaktorisch unfähig, unolfaktorisch, unofaktorisch, es ist die Titanic ins Unendliche multipliziert und von unendlich vielen Ratten bevölkert gewesen, von unendlich vielen Ratten verlassen, nur sind die Ratten Ameisen und die Titanic ist dein Bein, es sind also fliegende Ameisen, unendlich viele fliegende Ameisen, die sich von deinem Bein entfernen, verabschieden, langsam, sicher, bald immer schneller vertschüssen sie sich, fliegen davon, verschwinden einfach, lassen einige ihrer Artgenossen zurück, ziehen aber mehr mit ins Verderben, sodass schlussendlich keine einzige Ameise mehr auf deinem anderen Bein sitzt oder hockt oder schläft oder sich befindet, sie werden alle ausgeflogen sein, weggeflogen, verschwunden, abtransportiert, abgeschoben, entgleist, verhungert, was auch immer;

wenn du eine gute Konversation hattest und diese gute Konversation zu Ende geht und deine guten Konversationspartner weg sind oder weg schauen, dann humpelst du ein paar Schritte hin oder her oder hüpfst einfach nur etwas auf der Stelle herum, um die Ameisen schneller zu vertreiben, denn das ist Teil des Spiels, das ist ein wichtiger, entscheidender, brenzlicher Teil dieses unter Umständen nicht ganz so ungefährlichen Spiels, du willst ja nicht als Ameisenhaufen sterben, hattest nie vorgehabt, als Ameisenhaufen zu sterben, weißt bereits jetzt mit Sicherheit, obwohl du das eigentlich garnicht mit Sicherheit wissen kannst und schon garnicht mit Sicherheit wissen darfst, weißt aber trotzdem, dass du nie als Ameisenhügel enden werden wirst wollen.

{eine Vorsetzung: die damalige Anleitung zur Autodestruktion}