ein altes Motiv + ein neueres Motiv

ich gestehe hiermit offen ein, ich schäme mich nicht dafür, was ich gestern getan habe. ich habe mir gestern einen Strauß Blumen gekauft, bin aus dem Geschäft, geradeaus, bin auf einen Mistkübel zugesteuert, praktisch platziert, und ohne äußere Regungen außer den zu erwartenden hab ich den vor Sekunden gekauften Strauß in den Mistkübel gestopft. einfach nur werfen wäre nicht gegangen, von Fern wäre er vielleicht sogar abgeprallt, von Nah wäre er einfach sitzen geblieben auf der Öffnung. auch ein schönes Bild eigentlich.
ich schäme mich nicht dafür, dass ich gestern nur achtzig Minuten geschlafen habe. ein Großelternteil von mir ist sicherlich gerade achtzig, das ist nichts, wofür man sich schämen muss. genauso wenig für das Geschrei, das ich jedes Mal veranstaltet hab, wenn mir jemand im Weg stand. (gestern, nicht immer. für immer wäre mir so etwas zu anstrengend. nicht, dass ich mich dafür schämen müsste ausgelaugt zu sein, aber es ist nichts, was ich persönlich für erstrebenswert empfinde.) wörtlich, nicht im übertragenen Sinne. für metaphorische Dinge hätte ich nur metaphorische Schreie übrig, das wäre wirkungslos. richtig im Weg stehen, auf der Straße etwa. oder vor den Türen der öffentlichen Verkehrsmittel. (hinter den Türen, besser gesagt, aus meiner Perspektive.)
ich muss mich nicht dafür schämen, dass ich gestern extra lang und extra oft und absichtlich zu Stoßzeiten herumgefahren bin, nur um Menschen anzuschreien, die sich nicht benehmen können.
ich schäme mich nicht dafür, dass ich vom ganzen Geschrei Halsweh bekommen habe, vom Geschrei und auch vom Mangel an geputzten Zähnen. noch weniger schäme ich mich dafür, dass dieses Halsweh eine Genugtuung war. es zeigte mir, dass die Abwesenheit meiner Scham Wirkung zeigte.

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über zwei erste Lieben

einer der ersten Texte an die ich mich erinnern kann, inhaltlich, war metafiktional. Text im Sinne von ich habe ihn gelesen, für mich alleine, still. kein Märchen, keine Kinderbuchgeschichte. nichts gegen Märchen und Kinderbuchgeschichten, aber das zählt alles nicht wirklich als Text. Text ist eine intime Erfahrung die man machen muss, Text, das ist Mensch gegen Worte. mein erster, wichtiger Text war metafiktional, ein Text über eine Schreibblockade. à la „ich schwitze, ich zittere, mir fällt nichts ein, ich muss einen Deutschaufsatz schreiben, worüber kann ich schreiben, ich hab keine Idee – oder doch, ich schreibe diesen Text hier, haha, i win!“
natürlich war es ein schlechter Text. es war, um ganz fair zu sein, sicher auch kein richtiger Text, keiner für Erwachsene. aber es war kein Kinderbuchtext mehr, keiner mit Bildern. außerdem hatte dieser Text eine Pointe. Märchen haben nur eine langweilige Moral am Ende, keine amüsante Pointe. (rückblickend ist die Pointe von meinem ersten Text auch nicht amüsant, aber damals war sie es – es war schließlich mein erster Text! er hatte das Glück, mein erster Text zu sein, einer der ersten Text zu sein, die mir beibrachten, was Texte sind. die mir vorführten, was Texte können, was Texte dürfen und nicht, was Texte machen, das ganze Zeug.) die Pointe war die Metafiktion. ich weiß nicht mehr, ob ich sie vorhergesehen hatte, vermutlich nicht. sonst hätte der Text wohl nicht funktioniert.
ich muss mich nicht dafür schämen, dass der Text damals für mich funktioniert hat. ich war jung und unerfahren und vor all diesen Dingen war ich auch noch naiv. schämen muss sich sowas nicht. schämen müssen sich nur Mörder und bösartige Menschen. Menschenfresser müssen sich schämen. aber der Seehund von St. Pölten hat sich nicht geschämt, vielleicht ist meine Einschätzung falsch, vielleicht müssen sich nicht einmal böswillige Menschen und Mörder schämen. vielleicht gibt es einfach nichts mehr, über das man sich schämen braucht.

auch kein Gedicht

iii
wir haben alle nur externe Gedächtnisse.
auf unsere jeweiligen internen, eigenen können wir uns nicht verlassen.
(aber genauso wenig eigentlich, oder sogar noch weniger, auf die externen.)

ii
wir wissen alle weniger über uns als alle anderen, gesammelt, über uns wissen.
zumindest, wenn es um Erinnerungen geht.
(aber Wissen abseits der Erinnerungen hat noch nie eine entscheidende Rolle gespielt.)

i
wir dürften alle erst auf die Menschheit losgelassen werden, nachdem wir genügend Jahre in der Isolationshaft unserer Gehirne verbracht haben.
das Problem bliebe allerdings, wer sperrte uns ein.
(und wer ließe uns frei.)

Anleitung zur Autodestruktion, etwa dreihundertdreiunddreißig Tage später

wenn du eine schöne Konversation führst, im sitzen, auf einem Sessel, einem „Stuhl“, auf einem harten, höheren Untergrund, nicht auf einem Sofa, auf keiner Couch, und auch auf keinem Kinderhocker, wenn du also auf einem Sessel sitzt, zum Beispiel, und einen Fuß, ein Bein, rechtwinklig zum geraden Boden aufstellst, egal ob links oder rechts, das spielt keine Rolle, solange das andere Bein es dem einen nicht gleich tut, solang der andere Fuß auf dem einen Knie liegt, der andere Knöchel auf dem einen Knie liegt, solang du das alles beachtest, musst du nicht viel mehr tun, eigentlich (fast) gar nichts mehr tun außer so zu bleiben und vielleicht hin und wieder ein paar Worte zu wechseln; dein Oberkörper kann tun und lassen, was ihm beliebt, er kann sich strecken oder bucklig dasitzen, er kann lachen, er kann verletzt oder liebkost werden, eine gröbere Rolle würde das nicht zwangsläufig spielen, den Ameisen ist das egal, die Ameisen wissen vermutlich nichtmal, dass ein Oberkörper, ein anderer Körper, dass etwas über deinen Beinen existiert;

bald wird sich ein dumpfes Gefühl einstellen, ein Gefühl der Taubheit, ein schönes Gefühl der Taubheit, du wirst es genießen, du sollst es genießen, wenn du es nicht genießen würdest, bist du verzweifelt unverzweifelt;

bald danach wirst du dich nicht mehr bewegen wollen, die Taubheit wird so in dich eingegangen sein, übergegangen sein in dein Herz, in deinen Kopf, in deine Haltung, das dumpfe Kribbeln wird dich so sehr vereinnahmt haben, dass du dich nicht mehr trauen wirst, dich zu bewegen, aus Angst es zu verscheuchen, wie ein kleines, scheues Tier, wie dieses fiktive, nicht existente, nichtmal tierische Tier aus diesem einen wunderschönen, nicht von Tieren handelnden Song – du wirst also krampfhaft versuchen, dich nicht zu bewegen, deine Beine, deinen Körper, nicht zu bewegen;

maximal zum auf- und abwippen wirst du sie bringen, ein bisschen, leicht, seicht, wenig, so wie du weißt, dass es die Ameisen nicht stört, aber nicht mehr, keinen Mikrometer mehr, eher tausend Millimeter weniger, es soll ja keine Veränderung kommen, nur eine Intensivierung darf sich einstellen, eine Vermehrung der Ameisen, eine schlagartige Populationsexplosion, eine Überzüchtung, Überpaarung, Überkinderung, Überalles, also lieber nicht zu viel bewegen, nur ganz wenig, ganz ganz wenig, fast unmerklich, sicher ist sicher und sicher ist nur, dass die Ameisen nicht plötzlich verschwinden werden, sie würden dir nicht einfach so grundlos adieu sagen, nein, sie sind vernünftig, sind verlässlich, sind zuverlässig in dem Punkt, auf die Ameisen ist verlass, du weißt immer, wann sie gehen, du weißt zwar nicht immer genau, wann sie kommen, aber du weißt, wann sie gehen, wie sie gehen, wohin sie gehen interessiert dich nicht, Hauptsache sie gehen, wenn du willst, dass sie gehen und sie kommen, ohne dass du allzu viel Mühe auf ihre Herlockung aufwenden musst;

irgendwann wirst du dich bewegen wollen oder bewegen müssen oder bewegen müssen wollen oder du wirst Angst davor haben, dich noch länger noch immer nicht zu bewegen, wirst fürchten, das Gefühl für dein anderes Bein auf immer zu verlieren, die Hoffnung wird besiegt sein und die Starre auch, sanft wirst du dein anderes Knie ergreifen und deinen anderen Fuß auf die Erde setzen, wirst versuchen, dir nichts anmerken zu lassen, wirst vielleicht ein wenig in Panik verfallen, weil dein anderes Bein nun endgültig taub ist, taub, gefühllos, dumpf, es ist alles auf einmal, du kannst es nicht beschreiben, du kannst es nur wissen, kannst es nur wollen, kannst es nur spüren und gleichzeitig überhaupt nicht spüren, kannst es kontrollieren, aber nur mäßig, kannst deinem anderen Fuß sagen: „lauf“, aber kannst dich nicht darauf verlassen, dass dein anderes Knie nicht einknickt vor lauter Dumpfheit, Starrheit, Taubheit, vor lauter Gefühllosigkeit, vor lauter Ambivalenz;

dein anderes Bein kribbelt und kribbelt und dumpft und starrt und ist taub und blind und olfaktorisch unfähig, unolfaktorisch, unofaktorisch, es ist die Titanic ins Unendliche multipliziert und von unendlich vielen Ratten bevölkert gewesen, von unendlich vielen Ratten verlassen, nur sind die Ratten Ameisen und die Titanic ist dein Bein, es sind also fliegende Ameisen, unendlich viele fliegende Ameisen, die sich von deinem Bein entfernen, verabschieden, langsam, sicher, bald immer schneller vertschüssen sie sich, fliegen davon, verschwinden einfach, lassen einige ihrer Artgenossen zurück, ziehen aber mehr mit ins Verderben, sodass schlussendlich keine einzige Ameise mehr auf deinem anderen Bein sitzt oder hockt oder schläft oder sich befindet, sie werden alle ausgeflogen sein, weggeflogen, verschwunden, abtransportiert, abgeschoben, entgleist, verhungert, was auch immer;

wenn du eine gute Konversation hattest und diese gute Konversation zu Ende geht und deine guten Konversationspartner weg sind oder weg schauen, dann humpelst du ein paar Schritte hin oder her oder hüpfst einfach nur etwas auf der Stelle herum, um die Ameisen schneller zu vertreiben, denn das ist Teil des Spiels, das ist ein wichtiger, entscheidender, brenzlicher Teil dieses unter Umständen nicht ganz so ungefährlichen Spiels, du willst ja nicht als Ameisenhaufen sterben, hattest nie vorgehabt, als Ameisenhaufen zu sterben, weißt bereits jetzt mit Sicherheit, obwohl du das eigentlich garnicht mit Sicherheit wissen kannst und schon garnicht mit Sicherheit wissen darfst, weißt aber trotzdem, dass du nie als Ameisenhügel enden werden wirst wollen.

{eine Vorsetzung: die damalige Anleitung zur Autodestruktion}

eine weitere Distinktion

es gibt Kaffeemenschen und es gibt Teemenschen und dann gibt es noch Menschen, die von sich selbst behaupten, keine sozialen Interaktionen nötig zu haben, die sich mehrere Monate lang problemlos in ihrem Zimmer einschließen und sich nicht einmal an den wachsenden Müllbergen stoßen. diese letzte Art von Menschen ist die schlimmste. Kaffeemenschen haben ihre Riten, Kaffeemenschen trinken immer einen Espresso oder immer einen Capuccino oder immer einen Caffé Latte, Kaffeemenschen haben ihr Stammcafé und ihren Stammkaffee und wissen genau, mit welchen Worten sie letzteren überall auf der Welt bestellen können, ob in Italien oder in Ghana. Kaffeemenschen sind Teemenschen in ihrem Fachgesimpel sehr ähnlich. beide lassen sich nur allzu gerne allzu lang und noch viel breiter darüber aus, wieso ihr Getränk das Wahre ist, wieso du unbedingt zu ihnen gehören willst, auch so ein Mensch sein willst, denn sie haben zwar keine Cookies, wie sie die dunkle Seite gerne anbietet, dafür jedoch literweise heiße Magenfüller. Kaffeemenschen und Teemenschen wissen wenigstens, wonach sie süchtig sind oder können ihre Sucht zumindest leugnen, wenngleich sie doch wissen (und wenn schon nicht sie, dann ihr gesamtes Umfeld), dass es eine Lüge ist.
Kaffeemenschen und Teemenschen sind Menschen, aber Menschen wie du und ich sind keine Menschen. Menschen, die stundenlang still sitzen können ohne aufzuschauen, sind keine Menschen. Menschen, die ihre Gefühle weder nach innen noch nach außen kehren, weil sie keine Gefühle haben, sind keine Menschen. Menschen, die sich nur pro forma als Menschen bezeichnen, Menschen, die nur zum Schein menschliches Vokabular verwenden, dürften nicht als Menschen bezeichnet werden. aber die meisten dieser Menschen können lügen und betrügen und make believe und daher kann sie niemand von echten Menschen unterscheiden, nicht einmal sie selbst, außer bei sich selbst, und daher macht es auch wenig Sinn, daher macht es eigentlich gar keinen Sinn und daher wird es wohl nie irgendeinen Sinn machen, diese Unterscheidung zu treffen, zwischen Kaffemenschen und Teemenschen und Menschen, die eigentlich keine Menschen sind.
also nochmal von vorne: es gibt Kaffemenschen und es gibt Teemenschen. letztere kennen nicht nur den Unterschied zwischen Schwarztee und Grüntee, sondern wissen auch, dass weißer Tee existiert, wissen, wie viele Sorten von jeder Art ungefähr in Umlauf gebracht wurden und was man wie lang ziehen lassen muss, damit die erwünschte Wirkung erreicht wird. auch Teemenschen bieten nur Tee und keine Cookies an, aber viele Teemenschen essen Cookies zu dem Tee den sie trinken. oder sie schütten sich Zucker in den Tee oder Honig oder gewisse Geheimzutaten, die sie nur untereinander austauschen, und zu denen ich aus diesem Grund keinen Zugang habe. sagt man ihnen „ich trinke eigentlich nur manchmal Kräutertee, wenn ich krank bin“ so müssen die Teemenschen antworten „aber das ist doch kein richtiger Tee!“ und das Rufzeichen am Ende muss man hören, es muss sich ein oder es müssen sich zwei oder mehrere hörbare(s) Rufzeichen am Ende dieses Satzes befinden, sonst ist man ja kein richtiger Teemensch.

so viele Worte aber so wenig zu sagen und immer dieselben Gedanken aber verschiedene Niederschriften und andere Auffassungen aber derselbe Ursprung und eine Meinung aber zwei Ausdrucksweisen und zu viele Wörter

kein Fragment, aber vielleicht doch

i-iii

du gehst aus dem Haus, vergisst deine Kamera, gehst zurück, vergisst deinen Fahrschein, gehst zurück, vergisst deinen Schirm obwohl du ihn vorher noch hattest, hast genug, willst nicht mehr und gehst nicht mehr zurück, es regnet, du wirst nass, sehr nass, zu nass, bis jetzt waren deine Haare nur im Badezimmer so nass gewesen, es musste wohl dieses erste Mal für dich geben, klatschnasse Haare auf offener Straße, wenigstens werden die Kopfhörer nicht kaputt.

stop asking what and start doing if, das solltest du dir öfters zu Herzen nehmen, es muss antrainiert werden, du musst dir deine Feigheit abtrainieren, denn jede zweite Chance ist schwieriger und kürzer als die erste und daher noch unbewältigbarer. das nächste Mal wenn du jemanden weinen siehst, wenn es so offensichtlich ist, dass du nicht verstehst, warum sich sonst niemand etwas anmerken lässt, aber wahrscheinlich achten sie einfach nicht drauf, wer achtet schon auf die Menschen, die man nicht kennt eher als auf die Menschen, mit denen man gerade zusammen ist, als auf das, weswegen man hier ist, nein, blind sind sie wahrscheinlich nicht, sicher nicht alle, aber vielleicht finden einige es richtiger, höflicher, diskreter, korrekter, sich nichts anmerken zu lassen, vielleicht lässt du dir zu viel anmerken, aber wer merkt es schon, wer achtet schon auf dich, niemand, und du achtest nur auf die Traurigkeit, als einziger Mensch im Raum achtest du auf die Tränen, die da sein müssen und den gesenkten Kopf und die Hand auf der Stirn und die Scham und die Verzweiflung und wenn du das nächste Mal in so eine Situation kommst, das schwörst du dir, wenn du noch eine dritte Chance bekommen solltest oder eher eine zweite erste, weil du die bisherigen bis dahin schon wieder vergessen haben wirst, dann gehst du hin, nah genug, sodass der Mensch unter dem Salzmeer dich nicht mehr ignorieren kann und dann fragst du „can I give you a hug?“ oder du fragst nicht und umarmst den schreienden Körper unter dem geschwollenen Kopf einfach, oder du bietest ein Taschentuch an oder deine Hilfe, versuchst eine objektive Perspektive einzunehmen und brauchbaren Rat auszuspucken, und die Angst, dass du alles schlimmer machen könntest einfach zu ignorieren oder zu Boden zu stoßen oder auszukotzen.

das Plakat verfolgt dich, zu lange schon, hast du es nicht vor einem Jahr zuerst gesehen, das ist komisch, bis jetzt fiel dir noch kein Plakat so lange auf und du hast angenommen, dass das daran liegt, dass einfach kein Plakat irgendwo so lang hängen bleibt, aber vielleicht liegt es an den Städten, Ländern, Erfolgen der Plakate, oder vielleicht kann sich einfach sonst niemand die Werbefläche leisten.

iv-vi

du sitzt einem älteren Ehepaar in der Straßenbahn gegenüber, sie links, er rechts, sie schauen sich an, schauen aus dem Fenster, wechseln kein Wort, ein klassisches altes Ehepaar halt, denkst du dir, haben sich nichts mehr zu sagen, dieses ungleiche Paar fasziniert dich, sie hat seine doppelte oder dreifache Körpermasse, beide haben mindestens eine Hand im Schoß, ob sie sich gestritten haben, anfangs hieltst du sie einfach nur für schweigsam, ruhig, für fähig, sich wortlos zu verständigen, aber inzwischen bist du dir nicht mehr ganz sicher, sie sieht dauernd auf die Uhr, schon zum zweiten, dritten Mal blickt sie auf ihre Armbanduhr, sie ist ungeduldig, so viel steht fest, sie scheint sehr ungeduldig zu sein, aber warum, warum sieht sie plötzlich so aus, als könnte sie jederzeit zu weinen anfangen, was ist passiert, bevor du dich ihnen gegenübergesetzt hast, welche Worte haben sie gewechselt, was geht in ihren Köpfen vor, wer hat den Streit begonnen, wovon handelte er überhaupt. ein kleines Kind quetscht sich auf die nicht dafür gedachte Ablagefläche hinter die Frau, auch es ist den Tränen nahe, du blickst es an, wie gebannt, willst nicht, dass es zu weinen anfängt, willst deinen schläfrigen Trancezustand nicht durch lautes Kindergebrüll unterbrechen lassen, zum Glück kommt es nicht dazu, das Kind verschwindet, oder die Mutter kommt zu ihm, jedenfalls sieht es fröhlicher aus, als du es das nächste Mal anblickst, aber du achtest nicht mehr wirklich darauf, du bist immer noch gefesselt von dem ungleichen Ehepaar, weißt, dass du dir keine Sorgen über ihre Tränen machen musst, alte Menschen weinen nicht in der Öffentlichkeit, oder wenn sie weinen, schreien sie nicht so laut wie kleine Kinder, nein, sie ist keine Gefahr, und wahrscheinlich spielt dir deine Wahrnehmung sowieso einen Streich, wahrscheinlich ist sie garnicht den Tränen nahe, woher denn auch, was könnte denn der Auslöser sein, außer ein unauffindbarer, nämlich ein innerlicher, gedanklicher, unsichtbarer, vielleicht erinnert sie sich an den Streit oder an einen Verstorbenen, vielleicht hat etwas außerhalb des Fensters ihre Aufmerksamkeit geweckt und lässt sie an eine traurige Filmszene denken, nein, wahrscheinlich ist es nur das Licht oder der Schatten oder deine Augen projizieren etwas in ihre Augen hinein, was garnicht da ist, die Traurigkeit scheint verschwunden. plötzlich stehen beide auf, fast gleichzeitig, aber er geht nach rechts zur hintersten Türe und sie nach links zur vorletzten, was soll das, fragst du dich, haben sie sich so sehr zerstritten, dass sie, nein, das ergibt doch keinen Sinn, erst jetzt kommst du auf die Idee, nach Eheringen zu suchen, findest einen an ihrer rechten Hand, aber von ihm kannst du nur die linke sehen, ja wäre es denn möglich, aber warum stehen sie dann bei derselben Station auf, sollte alles nur Zufall gewesen sein, er steigt aus, geht in die Gegenfahrtrichtung weg, aber sie bleibt noch an der Türe stehen und bewegt sich keinen Schritt aus der Straßenbahn heraus, lässt sich eine weitere Station führen, steigt erst dann aus und geht ebenfalls in die Gegenfahrtrichtung, das ist dann wohl der Beweis, sie kannten sich garnicht, überhaupt nicht kannten sie sich, wussten nicht einmal ihre Namen, ja ist das denn möglich, vielleicht haben sie aber auch nur einfach so getan, vielleicht probieren sie aus, welche Straßenbahnstation näher an ihrem gemeinsamen Heim liegt, vielleicht haben sie das alles bereits vorher abgesprochen, möglich, aber unwahrscheinlich, faszinierend. du lachst, das Fahrzeug ist inzwischen fast ganz leer, du lachst und schüttelst den Kopf und musst an eine Lesung denken, bei der du in einer Couch direkt vor dem Autor gesessen bist, und das restliche Publikum war seitlich schief platziert, du lachst und denkst an diese Lesung von damals, wie du knapp vor dem Beginn noch auf Aufforderung der Moderatorin dich auf die Couch begeben hast, weil alle anderen in ihren ungemütlichen Sesseln geblieben sind, du denkst an die bequeme Couch und an die Nähe mit dem Schriftsteller, an die lustige Lesung und an die lustige Verwechslung in der Bim von gerade eben, und du lachst immer noch.

in einem Raum riecht es nach Chlor, warum wohl, du denkst an ein Schwimmbad, an das Regenwetter draußen und an das Wasser drinnen, fragst dich, woher der Geruch stammen könnte und stolperst beinahe über eine lose Marmorfliese, na sowas, nicht nur die Backsteine auf den Gehsteigen sind reparaturbedürftig, sogar in einem Museum wackelt der Boden, du blickst hinab, eine handvoll Fliesen sind dabei, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, du meidest sie, um keine störenden Geräusche zu verursachen und deine Füße führen dich auf Metallplatten, die schön geordnet am Boden befestigt sind, eine lange Reihe, vier mal viel zu viele, es drängt sich die Frage auf, ob dieser Boden ebenfalls ein Kunstwerk ist, ob man darauf überhaupt spazieren darf, aber da du weder eine Absperrung noch ein Beschriftungsschild finden kannst, gehst du beruhigt weiter.

der graue Teppichboden ist so flauschig, dass du deine Schuhe wohlig seufzen hören kannst, am liebsten würdest du barfuß über ihn laufen, dich in ihm wie in einer Wiese wälzen oder einfach ein Stück fladern und zuhause verwenden, aber mit so vielen Kameras ist das ja unmöglich, mit so vielen Besuchern und Wärtern und so gibst du dich mit dem Mann im Schottenrock in der Garderobe zufrieden.

vii-ix

du gehst Blut abnehmen und schaust hin, siehst zu, wie die Nadel in deine Armbeuge gestochen wird, und es tut weh, aber nur ein bisschen. am nächsten Abend willst du das Pflaster entfernen, siehst zu, während du anreißt, und es tut weh, aber viel zu sehr. was ist das bloß für eine verkehrte Welt in der Menschen herumlaufen, deren Gesichter wie eine komische Maske aus dem Faschingsgeschäft ausschauen, weil sie eine schwarze große Brille, buschige Augenbrauen und eine runzelige Nase haben. was ist das bloß für eine verkehrte Welt in der Ponys neben Gleisen fröhlich schiefe Purzelbäume schlagen. was ist das bloß für eine verkehrte Welt in der die Pflasterentfernung unangenehmer ist als das Blutstehlen.

x-xii

wir besitzen Pferde und Kühe, wir halten Schweine und Schafe und auch Vögel, Kleintiere und Nagetiere. aber eingezäunte Rehkitze hatte ich noch nie gesehen.

bald roch die Haut nach Sonne oder nach Sonnencreme oder nach Sonnenbrand oder nach einer Mischung der drei.

über Schreibblockaden schreiben ist wie Filme über Regisseure drehen ist wie das Selbstportrait eines Malers, nein danke. halte dich lieber an deine flatternden Falter, blinden Bekanntschaften und argwöhnischen Alliterationen. stelle peinliche Fragen an Google, die NSA-Mitarbeiter wollen ja auch lachen. schau dir ein lustiges Theaterstück an, du willst ja auch lachen. erzähle deinen Freunden unabsichtlich einen Witz, die wollen ja auch lachen. rede dann einfach weiter, sag, dass du letztens Gras in der Straßenbahn gerochen hast und die nächste Station dann „Drogenbos“ hieß, auch wenn es nicht stimmt, auch wenn du es erfinden musst, erzähl von der gruseligen Katze, die in der Mitte vom Fenster saß und dich mit ihrem ganzen Kopf verfolgt hat, als du am Haus vorbeigegangen bist, die dich von oben herab gemustert und belauert hat, erkläre, dass du dabei an diese Bilder denken musstest, deren Augen einem überallhin folgen, beschreibe ausführlich, wie du einmal in einer Kindersendung einen Beitrag gesehen hast, in dem es darum ging, diese Augen mithilfe von Eierkartons selbst herzustellen, komm dann wieder auf die Katze zurück und lass dich nicht aus der Ruhe bringen, ignoriere alle Stimmen, die dich mit Fachbegriffen beirren oder mit Themenwechseln aus der Bahn werfen wollen, mache eine elegante Überleitung von Katze zu Taube und erinner dich zuerst an diesen humpelnden, hinkenden Vogel, der sich den allerletzten Moment zum Absprung vor dem Flug ausgesucht hat, an diese lebensmüde aber dann doch suizidunfähige Taube, die sich viel zu knapp erst vor dem Auto in Sicherheit gebracht hat, als dass man sagen könnte, sie wäre gesund gewesen, vielleicht war sie allerdings einfach nur träge oder übermüdet oder überhitzt oder schlicht und einfach faul, aber das alles ist schnell erzählt, zu schnell um das Thema Taube als abgehackt bezeichnen zu können, also folgt noch die Szene, die du damals beobachten durftest, oder die du dir gerade ausdenkst oder von der du einmal gelesen oder die du in einem Film gesehen oder erzählt bekommen hast: ein kleiner Junge in Handschellen jagt Tauben auf einem Platz, es waren keine echten Handschellen, vielleicht hast du sie dir ja sogar nur eingebildet, denn als du wenige Momente später wieder hingesehen hast, waren sie weg, aber davon musst du ja nicht unbedingt berichten, es reicht das Bild in deinem Kopf, das Bild vom kleinen Jungen in Handschellen, der Tauben hinterherjagt und am selben Tag bist du ja auch im Kino gewesen und hast dir alleine diesen Film angeschaut, der ein Happy End haben musste, aber von dem du für wenige Sekunden glauben konntest, dass er kein Happy End hat, bei dem du dir gewünscht hast, dass alles mit dieser einen Aufnahme der eingefrorenen Welt endet, oder zumindest, dass nach dieser Szene ein Schriftzug auf der Leinwand erscheint („das war das schlechte Ende, ein gutes folgt, bitte verlassen Sie unverzüglich den Saal, wenn Sie Hoffnung scheiße finden, der Abspann ist auf der Website gratis zum Download verfügbar“), aber natürlich kommt es immer anders als man denkt, fährst du fort, wer hat denn schon jemals das Gesuchte gefunden anstelle von etwas anderem, lange vermisstem, verloren geglaubtem? an dieser Stelle musst du dir jedoch selbst widersprechen, denn „immer wenn (nicht)“ beruht eindeutig auf selektiver Wahrnehmung, das hast du doch erst gestern eigenhändig experimentell überprüft, als du fast eine Stunde lang öffentlich durch die Stadt gefahren bist, ohne einem Kontrolleur oder einer Kontrolleurin oder einer Schwarzfahreraussieben-Absperrung zu begegnen, und dann wieder dieselbe Strecke zurück, ohne Fahrkarte, die du nämlich zuhause vergessen hattest, was dir aber zu spät aufgefallen war und so deine Annahme oder Hoffnung bzw. dein Wissen, das du wohl zuvor nicht ganz wahrhaben wolltest, bestätigen half, nämlich dass der Lauf des Lebens keine Ahnung hat, ob du normalerweise schwarz fährst oder eh immer einen Schirm mithast oder gerade einen Wintermantel brauchst und ob der Kirchturm eigentlich ein Leuchtturm für Vögel ist oder ein Möchtegern-Fluglotse oder ob die blinkenden Seitenlichter einem anderen Zweck dienen, diese Frage stellst du jetzt einfach so in den Raum, ganz plötzlich, um die Aufmerksamkeit wieder auf dich zu lenken, ganz genau so, wie du es im Rhetorik-Seminar, in dem du nie gewesen bist, gelernt hast, und es funktioniert auch blendend, wie versprochen, nur nicht dir.

xiii-xv

Züge sind toll, nicht nur wegen den gelegentlichen toten Vögeln auf den Gleisen, die man manchmal aus dem Fenster heraus fotografieren kann, nicht nur, weil sich darin Menschen befinden, die sich von ihrem Handy lautstark zum lachen bringen lassen ohne sich dafür zu schämen, die außerdem neben Menschen sitzen, die sich gerade schminken oder frisieren oder eine Zigarette drehen oder füllen oder essen oder schlafen, Züge sind auch toll, weil sie dir manchmal erlauben, in der ersten Klasse zu sitzen, alleine, obwohl dein Abo nur für die zweite Klasse gilt, obwohl du nicht so aussiehst, als könntest du dir die erste Klasse leisten, als wäre dir so etwas den Aufpreis wert, in einem einzelnen Sitz lassen sie dich sitzen und verscheuchen dich nicht, obwohl sie doch wissen müssen, dass du da nicht hingehörst, obwohl sie das ja sehen und erkennen, wenn schon nicht an deiner Kleidung und an deiner Ausstrahlung, dann doch mindestens an deinem Ticket, aber das Abteil ist ja sowieso fast ganz leer, und vielleicht ist die zweite Klasse überall überfüllt, vielleicht müsstest du dort stehen und sie dulden dich eigentlich nur weil du alleine bist und nicht redest und nicht rauchst und nicht isst und nur Musik hörst, aber so leise, dass kein Ton aus den Kopfhörern in die Umgebung dringt, und du also die anderen Passagiere nicht belästigst außer vielleicht maximal mit deinem Dasein, aber wo kämen wir denn da hin, nein, die können das ja nicht wissen und selbst wenn sie es wüssten, hätte sie kein Recht, dich zu verscheuchen, weil der Zug dich ja duldet, und sie sind nur Passagiere, genau wie du, gstopfte Passagiere zwar, reiche Menschen, die bereit sind, mehr Geld für ein bisschen mehr Fußfreizone zu bezahlen, oder vielleicht haben sie ihre Tickets auch geschenkt bekommen, zum Geburtstag, vielleicht hat der Zug ja gerade heute Geburtstag und ist deshalb so sehr mit anderen Dingen beschäftig wie Geschenke auspacken und andere Züge umarmen und peinlich in alle Richtungen starren, während für ihn gesungen wird, vielleicht ist es kein multitaskingfähiger Zug, sodass er einfach nicht bemerkt hat, dass du da falsch sitzt, dass du wo bist, wo du eigentlich nicht hingehörst, vielleicht kontrolliert er seine Passagiere erst bei der nächsten Station wieder, wenn du schon ausgestiegen bist, aber Züge sind vor allem deswegen toll, weil sie dich an deine Vergangenheit erinnern, daran, dass du früher versucht hast, ganz still zu sitzen, trotz des Ratterns und Rumpelns, dass du dich gegen die Hinwerfungen und Herwerfungen gewehrt hast, erfolgreich, damals, gefühlsmäßig, aber jetzt bekommst du das irgendwie nicht mehr, hin, jetzt bist du wohl schon zu alt oder noch fauler geworden oder hast einfach höhere Ansprüche als damals oder hattest wiederum damals nicht genug Ahnung von deinem Körper gehabt, sodass du dir quasi nur eingebildet hast, vollkommen still zu sitzen, während die anderen sich in den Kurven neigen und auch sonst leicht hüpfen, vom Sessel in die Höhe und dann wieder zurück.

xvi

nach Süchten süchtig zu sein ist die schlimmste Sucht.

Polsterschlacht

sagst du ja oder nein, vielleicht oder wahrscheinlich, machst du einen Schritt nach vorn oder einen Schritt zurück, es sind unbewusste Entscheidungen, aber trotzdem Entscheidungen, es ist eine dünne Linie die deine Zukunft besiegelt, die den Stempel auf das heiße Wachs auf dem kalten Briefumschlag drückt, es ist nur eine Frage der Sichtweise, selbstverständlich ist es auch Ansichtssache, aber nein, du bist natürlich kein homophob und homosexuell bist du auch nicht, Rassismus liegt dir fern und Rasieren ebenso und wer ist ein homosapiens?, ichnicht!, ichnicht!, du auch nicht, ganz bestimmt, ich kann das bestätigen, ich kann das bezeugen, ich bürge dafür, als Bürger dieser Stadt, als Städter dieses Landes, als Landschaft dieser Welt, mit meinem Leben, mit meinem ganzen Leben, oder etwa doch nur mit meinem halben, es wäre wohl besser, ich würde nur mit meinem halben Leben bürgen, mit dem Teil des Lebens, der schon hinter mir liegt, da kann niemand mehr was verpfuschen, weil das ja alles vergangen ist, ich bürge also mit meinem damaligen Leben, unbestimmbarer Anteil also, Lebensanteil, aber bürgen tue ich bestimmt, komme was wolle, oh, eine _, wie schön, wie interessant, wie gebildet, wie flauschig, wie farbenfroh, wie glänzend, wie hübsch, wie überzeugend, wie stark, wie aussagekräftig, wie _, hm, was sagen Sie, also wenn das so ist, nun gut, meine Damen und Herren, Laden und Sanftmäuse, also dann, räusperräusper, überlege ich mir das noch einmal, das mit dem bürgen, war womöglich doch keine so gute Idee, sehen Sie, man muss sich nur zwingen, zwingen Sie sich selbst, tricksen Sie sich aus mit allen Mitteln die Sie kennen, spannen Sie den Bogen, aber nicht zu weit, nicht zu hoch und nicht zu tief, wer weiß, was dann geschehen könnte, man kann sich ja vorstellen was dann passieren würde, wenn die Leute plötzlich anfangen würden zu denken, der Bogen wäre absichtlich so hoch oder so tief, oder wenn sie anfangen zu tratschen, dass es ja eine Frechheit, eine Feigheit ist, dass der Bogen ja genau nach vorne zeigt, nach vorne oder nach hinten, je nachdem wo die Reporter stehen, wobei dann wahrscheinlich eher nach hinten, weil welcher Reporter stellt sich schon freiwillig in die Schusslinie, wer will schon freiwillig angeschossen werden, wer zählt heutzutage schon darauf, dass der Bogen in der letzten Sekunde noch nach oben schnellt oder nach unten oder vielleicht doch nach hinten, äh, nach vorn, äh, in die andere Richtung halt, direkt auf den Kameramann zu, direkt in die Linse hinein.