du bist routiniert geworden, plötzlich bist du routiniert geworden.

du bist routiniert geworden, plötzlich bist du routiniert geworden.

die Morgen sind das Schlimmste, die Morgen sind geprägt von mindestens drei am Vorabend gestellten Weckern, von Dunkelheit vor den Fenstern (hinter den Fenstern), auch, wenn der Vorhang aufgezogen ist, die Morgen sind geprägt von der Angst vor dem Morgen, von dem Wissen, dass er nicht anders wird. die Morgen im Winter sind geprägt von Kälte, die Morgen im Sommer von milder Hitze, alle dazwischenliegenden Morgen bilden einen leichten Übergang, sodass schlussendlich sogar die Jahreszeiten verschwimmen.

die Mittage sind geprägt von Hunger, von entweder schon im Voraus gestilltem Hunger, von erwürgtem Hunger, bevor der überhaupt die geringste Chance hat, auf sich aufmerksam zu machen, oder von die Erinnerung zündendem Hunger, von der Art Hunger, die deinem Kopf sagt, du hast Hunger, und deinen Muskeln befehlen kann, etwas dagegen zu unternehmen, manchmal sind die Mittage aber auch geprägt von unstillbarem Hunger, von einem guten oder schlechten Gefühl im Magen, von einem knurrenden Schnurren, von der verstärkten Aufnahmefähigkeit der Nase, von der plötzlichen Liebe zu jeglicher Art von Essen, selbst zu den Gerichten, von denen du weißt, dass sie dir eigentlich nicht schmecken.

die Abende sind entweder ganz leise oder ganz laut, entweder mit heißen Tränen oder kaltem Alkohol beträufelt, die Abende sind der produktivste Teil deiner Tage, sind eine Zeit der Reflexion, eine Zeit der Freude, sind die Zeit, in der alles möglich ist, ob dieses alles nun bedeutet, dass ein Embryo verloren in einer Ecke sitzt und nicht einschlafen kann, oder dass ein aufgelöster Körper die Gliedmaßen von sich schmeißt und sich dazu entscheidet, an überhaupt nichts zu denken.

die Nächte liegen zwischen den Abenden und den Morgen, und je nach vergangener, zukünftiger, gegenwärtiger Okkupation ist das die überhaupt Beste oder Schlimmste Zeit des Tages, der Absolute Tiefpunkt, das absolute Highlight, ob in der Realität oder im Traum spielt hier keine Rolle.

Werbeanzeigen

ein Stück literaturlose Zeit

Literatur auf Zeitdruck, das ist wie ein Marathon aus dem Stand. die Definition einer Schreibblockade lautet: „Literatur auf Zeitdruck“.

Literatur ohne Zeitdruck, das funktioniert nicht. Literatur ohne Zeitdruck wäre wie ein Salzfass ohne Reiskörner.

Literatur auf Zeitdruck bewirkt nur, dass du der Sanduhr dabei zusiehst, wie sie sich immer mehr in ein großes Ganzes verwandelt, dass dir plötzlich bewusst wird, dass Glas Sand ist und Sand Glas, dass eine Sanduhr nicht mehr eine Sanduhr sein könnte als ein Stück Holz ein Stück Holz ist.

Literatur ohne Zeitdruck wird einfach nie fertig. Literatur ohne Zeitdruck bleibt weniger als ein Fragment.

Literatur auf Zeitdruck evoziert das Bild von einem Fluss in deinem Kopf, ein Fluss, muss nicht lang sein, darf auch klein sein, auf dem ein Motorboot dahinrast, das kann auch fiktiv sein, also unter Umständen ultra winzig, aber in Relation sollte es passen zur Größe des Flusses, also es darf ruhig auch so groß sein wie ein Kreuzfahrtschiff, oder noch größer, und selbstverständlich ist es wandelbar. dieses Motorboot rast also dahin, gegen den Strom, es kommt aus dem Nichts (also es kommt aus dem Meer, aber das ist unwichtig, das Bild beginnt nicht am Anfang oder Ende des Flusses, das Bild beginnt irgendwo) und es rast auf die Quelle zu, als hinge sein Leben davon ab. natürlich wird es gesteuert, muss irgendjemand drin sein, um es zu steuern, aber ob Mensch, außerirdischer Mensch oder tierischer Mensch, das ist egal. (meinetwegen kann es auch von einer Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses gesteuert werden, das ist nicht die Hauptsache des Bildes, aber das wäre deine Aufgabe, das Bild innerhalb des Bildes realistisch zu gestalten.) plötzlich, unvermittelt, erreicht das Motorboot die Quelle und wer auch immer es lenkt, was auch immer es lenkt, bleibt stehen, gezwungenermaßen. (und treibt nicht zurück. diese Form der Realität ist ausdrücklich ausgeschlossen von diesem Bild!) da steht also ein einsam verlassenes Motorboot an der Flussquelle, hoch oben an einem Berg vermutlich, wahrscheinlich kann man es gar nicht mehr Fluss nennen, worauf es steht, sondern eher Bächlein, aber dieses Vokabular tut nichts zur Sache, es geht hier nicht um Semantik, es geht um das Bild. die Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses blickt um sich. (oder ein anderes menschliches Tier oder ein anderer menschlicher Außerirdischer oder einfach nur ein banaler Mensch, vielleicht auch einfach nur du.) links, rechts, links, rechts, nach hinten, nach vorne, rechts, links, rechts, links, blickt also im Kreis umher, verwirrt vielleicht, panisch, unter Umständen, ahnungslos, in jedem Fall. und das ist es, dieses Bild, das ist Literatur auf Zeitdruck, als Gemälde.

Literatur ohne Zeitdruck wäre hingegen einfach eine Leiche, die, noch von Lebenszeiten her sonnenverbrannt, langsam auf einer Luftmatratze am Meer treibt, das Cocktailglas am Bauch, was einen schönen weißen Fleck um den Nabel herum gibt. Literatur ohne Zeitdruck wären auch die Haie darunter, die sich durch das ständige Kreisen bereits selbst hypnotisiert haben.

Literatur auf Zeitdruck kann personifiziert werden durch die unangenehme Geschäftsmail, die schon seit Tagen ausständig ist und jetzt einfach abgeschickt werden muss, weil nach dem dringend überfälligen Klogang stehen so viel wichtigere Dinge an, an denen es zu Arbeiten gilt.

Literatur ohne Zeitdruck wird durch zwei große Wände voller Bücher repräsentiert, und einer Frau, die mit einem Kuchen durch die Türe tanzt, „2 Jahre Schreibblockade“ steht da drauf.

Literatur auf Zeitdruck lässt keinen Raum für Qualitätschecks und Wortwiederholungsausbesserungen, das ist das Schöne daran.

Literatur ohne Zeitdruck hat dafür vielleicht das Glück, in ein paar Jahren ganze Schulklassen tyrannisieren zu dürfen mit der Definition von „Fragment“.

Wiener Zukunft

dastunkn is no neamand, dafrorn san schon vüle“ – dieser Satz ist heute für mich gestorben. außer ihr hat nie jemand diesen Satz in den Mund genommen, geschweige denn davon gehört. sie ist heute gestorben, und hat den Satz mit sich gerissen. ich weiß leider nicht mehr, was er genau bedeutet, ich weiß nur noch, dass es quasi der Vorgänger gewesen sein dürfte von Furcht bringt deine Hose, aber nicht deinen Kopf ins Grab, und dass dieser Satz seit heute auch nicht mehr stimmt.

aber der Reihe nach. wenn man so lange kein Tagebuch mehr geschrieben hat, muss man ausholen. ich hole aus. Tagebuch, kann man das überhaupt sagen, wenn es keine Reihe von Tagen geführt wird? eigentlich müsste es dann ja Tagbuch heißen. ich führe hier ein Tagbuch, alle paar Jahre ein Tagbuch, kein ganzes Buch natürlich, aber doch nur ein einzelner Eintrag alle unheiligen Zeiten. ein „Jahrbuch“ sozusagen. aber das heißt, glaub ich, etwas völlig anderes. oder hat zumindest damals eine Bedeutung gehabt, an die man sich heute vielleicht noch erinnern könnte. an das Sprichwort, das heute gestorben ist, konnte nur sie sich noch erinnern.

ich will nicht über den Tod sprechen, ich könnte nicht. für mich lebt sie noch. sie könnte jederzeit wieder in mein Leben treten. wir würden lachen und ich würde ihr erzählen, wie wir alle dachten, sie sei gestorben, und dann würden wir vielleicht sterben vor lauter lachen. sterben vor lachen, das hab ich von ihr. heutzutage sagt man das glaub ich nicht mehr.

Bedeutung suchen wir immer noch. sie hat mir erzählt, sie hat jeden Tag Bedeutungen gesucht. hauptsächlich für ihre Arbeit. nebensächlich aber auch für ihr Leben. am Ende ihres Lebens, nach der Arbeit, dann nur mehr hauptsächlich fürs Leben. ich glaub, sie hat keine befriedigenden Bedeutungen gefunden. ich hab sie manchmal denken gehört. ihre Gedanken waren schön wirr. Chaos hat keine Bedeutung, aber ich hätte ihr das nie gesagt. vielleicht hätte ich ihr das sagen sollen. vielleicht muss ich jetzt eine Bedeutung für ihren Tod nicht nur suchen, sondern auch finden, damit sie glücklich sein kann. ich glaube, sowas hätten sie damals machen müssen. ich glaube, ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen. ich glaube, ich will es nicht versuchen. ich glaube, ich hab Angst vor der Bedeutung, die mir begegnen könnte. ich will nicht, dass mir eine Bedeutung begegnet, die mir nicht gefällt.

alle haben sie immer gelobt. sogar die Zeitungen haben sie herausgepickt und gelobt. wie gut sie nicht mit dem Fortschritt zurecht kommt. wie phantastisch sie sich nicht anpassen kann. sie hat immer gesagt, sie will das gar nicht, und, dass sie es nicht absichtlich macht. dass sie sich eigentlich sogar dagegen sperrt. das glaube ich aber nicht. ich habe sie nie gesehen, wie sie sich gegen etwas versperrt hat. sie war immer offen. sie war skeptisch, das stimmt. das stand auch überall. aber die Offenheit war stärker. das Talent. der Zufall. ihre Liebe zum Detail. sie hat mir einmal anvertraut, sie war einmal in einem bestimmten Zustand und hat mir anvertraut, dass sie sich das als Kind einmal vorgestellt hat, genau so. dass es Kameras gibt in den Augen. dass es authentischen Film gibt. mit deckungsgleicher Identifikation. sie hat sogar gesagt, das mit dem Fokus, das wäre ihr nie im Traum eingefallen, dass das wirklich passieren könnte, schon gar nicht zu ihren Lebzeiten. sie hat versucht mir das verständlich zu machen. aber ich bin damit aufgewachsen, ich habe nie alte Filme gesehen. es gibt keine alten Filme mehr zu sehen, die nicht modifiziert wurden, mit dieser magischen neuen Technik, wie sie es nannte. die Zeitungen fanden ihren Mix aus Naivität und Wissen immer sehr sympathisch. ich glaube, ich hab sie einmal beschimpft und gesagt, sie sei aufgesetzt. ich glaube, sie hat nur gelacht. sie hat selten gelacht, also richtig laut und öffentlich.

sie hat gesagt, der Fokus war früher generell, auf den ganzen Bildschirm verteilt, der Blick konnte wandern, auch über den Bildschirm hinaus. während einem Film. das muss man sich mal vorstellen! ich kann es auch nicht. sie hat gesagt, das war gut, das hat Freiheit ermöglicht. aufstehen und rausgehen, während einem Film. ohne auf Pause zu drücken. einfach so. nicht fertig schauen. sie sagt, es gibt viele alte Filme, die sie mir gerne zeigen würde. sie hat nie Titel erwähnt, kaum Inhalte. ich glaube, sie konnte sich selbst an keinen davon genau erinnern. oder vielleicht wollte sie einfach nur nicht zu wehmütig werden. sie redete oft von der Vergangenheit und bekam einen sehnsüchtigen Blick dabei. seit heute kann ich sie verstehen. ich würde nicht zurück wollen, das nicht. ich glaube, sie hätte auch nicht zurück gewollt. oder, vielleicht nur, um sich ein paar alte Filme und Abspielgeräte zu holen. aber nicht dauerhaft. ich glaube, dauerhaft will niemand mehr zurück. wir sind schon zu weit vorne.

wenn sie heute nicht gestorben wäre, wenn sie heute noch leben würde, dann würde sie wahrscheinlich schon zurück wollen. ich glaube, ich würde auch zurück wollen. wenn ich nicht wüsste, dass sich das in Zukunft ändern wird. wenn ich nicht wüsste, dass es nicht geht. wenn ich nicht wüsste, dass sich das sogar bei ihr wohl auch in Zukunft ändern würde, wenn sie noch so lang leben würde.

(aber, weiß ich das wirklich?)

heute war die Premiere von The Movie. ich kann verstehen, warum sie das Titelkonzept vermisst. ich will ja auch zurück, irgendwie. aber gleichzeitig bin ich einfach froh, noch jung zu sein, noch ohne Verpflichtungen und Arbeitsplatz, ohne Verantwortung. ohne plötzlichen Todesfall. sie hatten es ja angekündigt, aber nur ironisch. ich glaube, sie haben selbst nicht wirklich daran geglaubt. ich glaube, sie haben optimistisch einfach nur mit ein paar Krankenhausaufenthalten gerechnet. aber doch nicht damit. wenn ich ihr das erzählen würde. sie würde nicht nur den Kopf schütteln, ihr würde ungläubig der Mund aufklappen und sie würde vor sich hin starren, in die Vergangenheit. vielleicht auch in die Zukunft oder in die Gegenwart. jedenfalls würde sie starren und erschrocken drein schauen. hab ich ja auch. mein Spiegel hat mir gesagt, ich sehe aus wie sie. das hat mich aus meiner Starre gerissen. ich hab recherchiert. es ist alles wahr. so viele Bilder in so kurzer Zeit kann man gar nicht fälschen. außerdem hab ich auch viele Originalquellen aufgesucht. es steht alles noch drinnen, die Accounts wurden noch nicht gesperrt. oder zumindest noch nicht komplett gesperrt. ich kann noch alles sehen. immer noch sehe ich das alles vor meinem inneren Auge: der Saal, die letzten Nachrichten, die starre Leinwand, auf ewiger Pause. die toten Menschen, die nur ihre Arbeit machten. eine harmlose Arbeit, eine Arbeit, die keinen Platz lässt für eigene Gefühle zwar, aber dennoch eine Arbeit, bei der nichts passieren kann. eine Arbeit wie geschaffen für Familien. eine Arbeit, bei der zum Glück heute keinen kleinen Familienmitglieder dabei gewesen sind. ich weiß noch, die letzte Nachricht des letzten Überlebenden begann einfach nur mit „wtf“. das sagte der live Screenshot. sie hatten alle live Screenshots, zum Glück. die Polizei hätte das nie gemacht, sowas hat sich nicht geändert. sie ist immer froh gewesen, dass sich gewisse Dinge nicht ändern, selbst wenn es solche Dinge sind. die Polizei hätte den Film fertig sehen müssen und darüber schreiben, das hätte sie wohl gesagt, verlangt, gelacht. sie hat nicht so oft gelacht, ich glaube, ich dichte ihr dieses Lachen einfach nur an. genauso wie die Bedeutung ihres Sprichworts. irgendwas über den Tod sagt es aus, auch wenn ich das Wort nicht mehr darin finde. oder den Partikel. sie hat es nicht mehr erwähnt, dass ihr Sprichwort widerlegt wird. ich glaube, das ist eine mögliche Bedeutung von ihrem Tod. das Sprichwort muss sterben, damit ein neues leben kann. ab heute ist Angst tödlich. ab heute können die Maschinen die Menschen umbringen, drastisch gesagt. sie hat nie Angst davor gehabt, sie hat immer gewusst, wenn sowas kommt, dann erst lang nach ihrer Zeit. sie sollte recht behalten. heute können Maschinen immer noch keine Menschen umbringen, Menschen können nur Maschinen programmieren, die sie umbringen. Filme sind tödlich. das wird ein Aufsehen erregen in den Schulen. ich glaube, das könnte amüsant werden. vermutlich hätte sie das genauso gesehen. vermutlich hätte sie ihr Sprichwort abgeändert, sodass es mehr Sinn ergibt. „dafrorn is no neamand, dastunkn san schon vüle“. ich sollte herumfragen, ob das mehr Sinn ergeben würde, ab heute. aber ich glaube nicht, inzwischen versteht ja niemand mehr die Worte und Anspielungen. inzwischen bleibt uns nichts anderes übrig als die Tatsachen zu verdauen, und eigene Worte dafür zu finden. falls wir das wollen. ich glaube, ich will das nicht.

ein altes Spiel

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

das Bild verschwimmt, die Wahrnehmung, während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst, rufst du dir den Unterschied zwischen sehen und wahrnehmen in Erinnerung, zwischen bemerken und schauen, zwischen Augen und Kopf,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

machst dir Gedanken darüber, was die Reaktionen sein könnten, wie man aufnehmen wird, was du schreibst, was du über das Geschriebene schreibst,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

denkst du keine Sekunde darüber nach, wie du Stellung beziehen würdest, zu dem Geschriebenen, über das du schreibst, zu den Worten, die vorher da waren, vor dem Verschwimmen des Bildes in deinem Kopf,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

die Farbtöne vermischen sich, die Dinge verschwinden, verschwimmen, wie in einem Film wenn das Bild unscharf wird, aber anders, anders jetzt für dich als in jedem Film,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

wünscht du dir, dass die Tränen die Konturen noch unschärfer machen, aber der Wunsch wird nicht zur Kenntnis genommen,

während du schreist, während du über das Geschriebene schreibst,

wippst du ganz leicht mit deinem Fuß, um ihn zu beruhigen, um dich in Rage zu versetzen, damit du,

während du schreist, während du schreibst über das Geschriebene,

damit du, während du schreist und schreibst und irgendwann bemerkst, dass du weder das eine noch das andere,

während du schreist, während du schreist über das Geschriebene,

wippst du immer stärker und schreibst immer mehr, die Schreie können deine Gedanken nicht aufholen, die Schreie, die du,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

nicht aus deiner Kehle presst, du würgst sie aus dem Hals, sie kommen als bunte Tränen heraus,

während du schreibst, während du schreist über das Geschriebene,

während dein Rachen weint, deine Beine zucken, während dein Kopf rebelliert, schreibst du und schreibst über das Geschriebene:

da regnet es einmal und schon sieht man zwei Köpfe im Hof rollen.
du hast sie gehört bevor du sie gesehen hast; du hast wissen wollen, woher das Geräusch kommt, das du gehört hast, bevor du nachgeschaut hast; du hast dich gefragt, ob das donnernde Grollen nur in deinem Kopf ist, bevor du gemerkt hast, dass der ganze Hof es vernimmt.
das Donnern des Himmels vermischt sich mit den grollenden, rollenden Köpfen auf dem immer dunkler werdenden Asphalt.

Erbsenzählen

umgib dich mit besseren Menschen, dann wirst du auch selbst zu einem besseren Menschen.

das hast du ihnen gesagt, ohne wirklich darüber nachzudenken. du hast es gesagt, weil du es geglaubt hast, weil es logisch erschien, in dem Moment, weil du der Ansicht warst, dass es stimmt, dass du selbst schon an dieser Erfahrung teil hattest, dass es ja nicht falsch sein kann, wenn dir deine eigene Wahrnehmung sagt, es ist wahr.

Tage später, vielleicht sogar Wochen danach, findest du den Satz wieder. du hattest ihn aufgeschrieben, um ihn nicht zu vergessen, du hattest ihn notiert, damit du auch wirklich eine Chance hast, dich selbst daran zu halten. denn tatsächlich, wenn er nicht wieder aufgetaucht wäre, wenn die Tiefen der Zettelmeere ihn nicht ausgespuckt hätten, hättest du ihn wohl vergessen.
aber jetzt beginnst du zu zweifeln, zu philosophieren. es ist spät, und obwohl du nichts getrunken hast, fühlst du dich betäubt. wärst am liebsten taub für die Geräusche, blind für die Formen, stumm für die Worte dieser Welt. aber deine Gedanken möchtest du nicht hergeben, um keinen Preis würdest du dich von deinen Gedanken trennen wollen, wie abwegig, sinnlos und weltfremd sie auch sein mögen.

wie kannst du dich mit schlechten Menschen umgeben; behauptet denn jemand von sich, ein schlechter Mensch zu sein, außer in Momenten tiefer Depression?
wieso sollst du dich mit guten Menschen umgeben; sind es nicht gerade die Fehler der unperfekten, die dich auf deine eigenen aufmerksam machen?
wieso sollst du dich mit besseren Menschen umgeben; deprimiert dich ihre annähernde Perfektion nicht mehr, als sie dir hilft?

du hoffst, dass sie deine Pseudoweisheit, deinen Rat schon vergessen haben, denn du weißt nicht einmal mehr, wem du ihn erteilt hast. du musst daran denken, dass einer deiner Freunde ungebetene Ratschläge hasst. du schämst dich. du hoffst, du erinnerst dich noch bald an ihre Namen, damit du sie anrufen kannst und ihnen sagen, dass es dir leid tut, dass es nicht so gemeint war, dass sie vergessen sollen, was du ihnen scheinbar offenbart hast, dass sie nicht gleich den Kontakt zu dir abbrechen sollen. du bist ein schlechter Mensch.

Golf

Löcher im Mund, oben, am Gaumen, als wäre reingeschossen worden, von der Hand, die zum Kopf gehört, mit einer geladenen Waffe, die zwischen die Zähne passt, einige Male schießen, um sicher zu gehen, so oft schießen, bis man die Löcher am Gaumen nicht mehr spürt, bis sie vom Blut überflutet werden.

stechende Löcher im Mund, ganz hinten, aber es sind kleine Löcher, winzige Locherl, Traumruinen, unsichtbare Gräben, gegraben von Giftpfeilen im Schlaf, ausgeschaufelt von der letzten Tablette, betäubt vom immerselben Speichel, der die Mundhöhle schon stundenlang umschmeichelt, inzwischen eingetrocknet ist.

zu viele Löcher im Mund, nämlich mehr als zwei Löcher im Mund, wo nur eins sein sollte, nämlich das Mundloch, zu viele Löcher hinten, oben, die lange Gänge einleiten, die hinaus aus dem Kopf durchs Gehirn drängen, oder gleich unter der Nase vorbei zum Nackenansatz, zu viele Löcher im Mund, viel zu viele Löcher im Mund.

woher kommen diese Löcher im Mund, Brutplätze für Krankheiten, Fluchtstätten für Viren und Bakterien, schmerzhafte Löcher, blutig oder nicht, groß oder klein, bemerkt oder unauffällig, ist es ein großes oder viele kleine, Schrödingers Löcher, es spielt keine Rolle, sobald der Mund offen ist, ist es vorbei.

von heute auf morgen Löcher im Mund, Außenseiter, Taugenichtse, Schmarotzer, laugen nur aus, nisten sich ein, bis sie alles übernommen haben, die Löcher, den gesamten Mund, die Zunge, die Zähne, alles, von oben bis hinten, von unten bis nach vor, und einmal rundherum, bis sie sich dem Mundloch angeschlossen haben, eins geworden sind und also weg.

sie kommen vom neuen Locher, die Löcher im Mund kommen meistens von Lochern, deren Betriebsanleitung nach dem Kauf plötzlich verloren ging, nicht an Kinder verfüttern“, aber an Münder ist es erlaubt, denn Gaumen mögen Locher, und Löcher mögen Gaumen.

kein Text ohne Parodie

Männer duschen sich heißer als Frauen. vielleicht bist du aber einfach auch nur kaltblütig. vielleicht hast du wirklich einen Typ, du könntest ihn dann Heißduscher nennen und in eine eigene Schublade stecken. oder eine eigene Schublade dafür bauen, das wäre vielleicht auch ganz unterhaltsam.

ein Text ohne Menschen ist ein verlorener Text.

Frauen duschen sich kälter als Männer, denken sie das über alle, oder nur über dich? denken sie das überhaupt, haben sie das überhaupt gedacht, bevor du hergekommen bist, und ihren Hinterkopf genommen hast, und ihr Gesicht runtergedrückt hast, in den Sand, in den Schlamm, ins Wasser, bevor du ihre Nase am Asphalt gebrochen hast.

ein Text ohne Menschen ist ein gewinnender Text.

bevor du nicht dahergekommen bist, bevor du deinen Mund nicht aufgemacht hast und alle deine Worte aus ihm befreit hast, verstoßen, gestoßen, verbannt hast, davor hatten sie keine Ahnung, von nichts, und waren glücklich. jetzt haben sie keine Ahnung von nichts und sind verwirrt, weil du deine Lippen nicht vernäht hast, weil du sie nicht zugenäht hast, weil du ja überhaupt nicht nähen kannst.

ein Text ohne Menschen ist ein gewonnener Text.

kein Text ohne Menschen, sagt sie, und schreibt, der Autor ist tot, aber trotzdem zählt deine Meinung, schreibt sie, einem Autor, Stunden später, weil sie es vergessen hatte. (wie kann sie etwas stundenlang vergessen? wie kannst du noch nie stundenlang etwas vergessen haben!)
der Autor schreibt zurück, haha, aber was wenn ich tot bin.
sie schläft. sie träumt. sie wacht auf. sie dreht sich um. sie liest: haha, aber was wenn ich tot bin. sie blinzelt. sie schreibt zurück, was, du bist ja nicht tot haha. sie dreht sich wieder um und schläft weiter.

ein Text ohne Menschen ist wie eine Zeit ohne Raum, unmöglich.

sie zwingt sich zum schreiben, weil sie sich nicht zum lesen zwingen will. die meisten Uhren sind Wecker und eckig. sie wagt es nicht, ihre Augen nach der Zeit zu fragen. die meisten Zeiten sind wie Räume ohne Zeiten, unmöglich.

du hast Glück, sagt er, ich habe mich übergeben müssen, und legt sich wieder ins Bett. heiße Haut.
du hast Pech, sagt er, ich will schon mit dir schlafen, aber dann Kontaktabbruch. heiße Tränen.
du hast mich, sagt sie, und nimmt sich das erste Stück Schokolade. kaltes Wasser.

kaltes Wasser schmeckt nach Blut, murmelt sie, schüttelt den Kopf, und flüstert, rotes Wasser schmeckt nach Blut, rotes Wasser schmeckt nach Blut. sie schüttelt den Kopf immer heftiger, will sich fast selbst schlagen. sie sieht den Kopf vor sich, rot, blutüberströmt, sie schüttelt ihren Kopf und ist darüber entsetzt, was sie daraus gemacht zu haben scheint. rotes Blut schmeckt nach kaltem Wasser, sie deliriert. sie lacht, wie furchtbar wäre es, wenn Blut nach Wasser schmeckte! nach kaltem noch dazu! sie schüttelt den Kopf und fühlt sich verrückt. (kein Text ohne Blut, kein Text ohne unheimliches Kichern. in Kirchen.)
sie starrt das blutüberströmte Gesicht in ihrem Kopf an, starrt den roten Kopf in ihrem Kopf an, blickt ihm Löcher in den Schädel, bis er zerspringt, ein Springbrunnen, ein roter, blutiger Springbrunnen. ein comichafter Kopf, ein lächerlicher Schädel. kein Text ohne Happy End.

manches muss einfach getan werden, Gebete zum Beispiel.
manches muss einfach gesagt werden, Geliebte zum Beispiel.
manches muss einfach gefragt werden, Geburtstage zum Beispiel.
manches muss einfach gedemütigt werden, Geständnisse zum Beispiel.