über das ‚du‘ in dir

das ist keine geschichte von jonas. jonas ist immer glücklich und also auch ein bisserl fad. jonas‘ charakter ist langweilig, jonas hat weder ecken, noch kanten, und schon gar keine spannenden rundungen. jonas ist brav und gewöhnlich, auch unter der oberfläche. jonas weiß das nicht, dass es menschen gibt, die anders sind als er, ganz anders, komplett. jonas kennt natürlich solche menschen, interessante menschen, verrückte menschen, spontane menschen, aber jonas kennt sie nicht gut. sie halten sich voneinander fern. dies ist keine geschichte darüber, wieso menschen mit jonas nicht befreundet sein wollen und auch ist es keine geschichte darüber, wieso jonas nur mit menschen befreundet sein will, die so sind wie er selbst.

das ist eine geschichte über olivia. olivia ist so ein interessanter, verrückter, spontaner mensch. olivia ist manchmal unglücklich.

jonas ist selten unglücklich. jonas war unglücklich, als seine schildkröte gestorben ist. jonas hat ihren panzer aufbewahrt. er würde nie auf die idee kommen, ihn als aschenbecher zu benutzen oder an die wand zu hängen. der aschenbecher von jonas steht im regal unter dem guten silberesteck, neben anderen krimskrams-sachen, die genauso unspannend und uninteressant wie das ehemalige haus von jonas‘ schildkröte, schild, sind.

wenn olivia richtig unglücklich ist, also so richtig zum zerreißen, wenn es olivia von grund auf beschissen geht, dann ist sie ein guter mensch.

jonas ist nicht jünger als olivia, wahrscheinlich ist er sogar älter. jonas ist kein kleines kind mehr, er benimmt sich auch nicht wie eines. jonas ist ein erwachsener mensch, soweit man erwachsen sein kann, wenn man nie erwachsen werden musste. jonas hat nie erwachsen werden müssen und wenn er glück hat, wird er auch bis zu seinem tod nicht mehr erwachsen werden müssen. jonas braucht keine verantwortung.

olivia will auch keine verantwortung, aber sie bekommt sie trotzdem.

jonas hat seine fixen abläufe, ist eingefahren in ein starres leben, aber das macht ihm nichts aus. selten neue leute kennenlernen, manchmal neue restaurants besuchen, täglich andere gerichte essen, das ist jonas abwechslung genug. nichts isst er öfters als einmal pro monat, wenn überhaupt. also, was volle, mittägliche mahlzeiten angeht. in der früh und am abend isst jonas so gut wie immer immer das gleiche. (wenn nicht sogar dasselbe.)

olivia hat bulimie, aber man sieht es ihr nicht an.

jonas trinkt nur wasser und bier, aber damit kommt man gut durchs leben. wasser untertags, am abend ein bier, vielleicht mehr, aber nur wenn man beisammensitzt im beisl oder im restaurant und alte stammtischgschichterln aufwärmt. das kann jonas gut, alte geschichten immer wieder aufs neue erzählen.

immer wenn olivia glücklich ist, ist sie auch egoistisch, sie weiß selbst nicht, warum.

jonas ist nie egoistisch, jonas ist nur langweilig. jonas ist es egal, wenn niemand zum stammtisch kommt, dann erzählt er seine geschichten halt den bedienungen oder dem bier. jonas trinkt nie mehr als ein bier wenn er allein ist. höchstens zwei, aber halt nur zu feiertagen und feierungswürdigen anlässen.

olivia ist kein schlechter mensch wenn sie glücklich ist, aber wenn olivia glücklich ist sind ihr die anderen menschen einfach egal. olivia hat keinen stark ausgeprägten sinn für empathie, aber generell grausam ist olivia nicht.

generell grausam könnte auch jonas nie sein, jonas, der sich anfangs nicht einmal getraut hat, schild richtig anzufassen, der das tier vor lauter vorsicht fast fallen gelassen hätte, weil er angst hatte, sie zu zerquetschen. eine schildkröte zerquetschen – vor sowas kann sich auch nur jonas fürchten.

olivias letzter ex heißt josef. jonas‘ bester stammtischkumpel heißt auch josef; aber josef m, nicht josef n.

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Hautmenschendecke

immer wenn du dir ein Stück Haut abbeißt, lächelst du dabei, selbst wenn du gerade weinst. innerste Zufriedenheit geht nicht ohne Lächeln. es muss kein äußerliches Lächeln sein, es kann auch nur ganz tief drinnen ganz wenig sichtbar sein, aber das ändert nichts an seiner Existenz. auch die darauffolgende Reue, der Schmerz, der alles verpatzt (aber tut er das denn überhaupt?) kann nicht mehr an dieser Zufriedenheit rütteln.
ein Stück Haut zwischen den Zähnen oder ein gestillter Juckreiz, das sind die schönsten Dinge im Leben, und Schlaf. Schlaf ist überhaupt die Königsdisziplin.

wahrscheinlich ist dir der Gedanke beim Hautabbeißen gekommen. der Gedanke der fleischlichen Decke. (nein, keine Orgie. wenn es eine Orgie wäre, wäre es eine lebhafte Massagedecke mit eigenem Willen, die sich viel zu oft und viel zu schnell unter die Bedeckten wirft.) der Vergleich ist wie dieser Juckreiz, der sich nicht stillen lässt und im Gegenteil, immer wieder auftaucht, an derselben Stelle oder woanders. auch mehr Hände helfen da nichts.

für jedes Stück Haut, das du abbeißt, kannst du deine eigene Frankenstein-Decke mehr und mehr vervollständigen. (die Schauer-Assoziation würde nie von dir selbst stammen, natürlich nicht, keineswegs, niemals, ja, ich weiß, aber andere Menschen haben nun einmal andere Normen, andere Menschen halten nun einmal weniger aus. andere Menschen sind halt einfach komisch.) jedes abgebissene Stück Haut wird in deinem eigenen Hautmenschen einen Platz gefunden haben, und er wird hübsch anzusehen sein, dein Hautmensch, deine Decke, zumindest von innen. (du fürchtest dich nicht vor Hässlichkeit. maximal hast du ein kleines bisserl Respekt vor deiner eigenen hässlichen Seele. aber beim Hautmensch zählt sowieso nicht das Äußere, und zwar hier wirklich nicht, ungelogen, pinky swear hoch unendlich!) aufs Innere kommt es da auch an, nicht aufs Äußere, das Äußere ist gelungen, sobald es weitgehend einem Menschen ähnelt, irgendeinem. das Innere muss warm sein. unter der Decke muss es warm sein.

Einstiegsmöglichkeiten wird es genügend geben, in deinen Hautmensch, unter die Decke deiner Hautmenschendecke, die weniger eine Decke ist als ein Mensch als Decke, aber halt nur seine Haut, seine dünnen Hautschichten. (du willst schließlich nicht zerquetscht werden von deinem Hautmenschen. denn so viele abgebissene Hautfetzerln wie sich schon angesammelt haben wird dein Hautmensch sicher nicht klein, es wird sicher kein Baby – das würde sich auch rein realistisch gesehen nicht ausgehen. du bist auch kein Baby mehr, was brächte dir also eine Hautmenschendecke die nur so klein wäre wie ein Baby. aber zerquetscht und erdrückt und luftabgeschnürt willst du keinesfalls werden, von deinem Hautmenschen, das wäre kontraproduktiv.)

über zwei erste Lieben

einer der ersten Texte an die ich mich erinnern kann, inhaltlich, war metafiktional. Text im Sinne von ich habe ihn gelesen, für mich alleine, still. kein Märchen, keine Kinderbuchgeschichte. nichts gegen Märchen und Kinderbuchgeschichten, aber das zählt alles nicht wirklich als Text. Text ist eine intime Erfahrung die man machen muss, Text, das ist Mensch gegen Worte. mein erster, wichtiger Text war metafiktional, ein Text über eine Schreibblockade. à la „ich schwitze, ich zittere, mir fällt nichts ein, ich muss einen Deutschaufsatz schreiben, worüber kann ich schreiben, ich hab keine Idee – oder doch, ich schreibe diesen Text hier, haha, i win!“
natürlich war es ein schlechter Text. es war, um ganz fair zu sein, sicher auch kein richtiger Text, keiner für Erwachsene. aber es war kein Kinderbuchtext mehr, keiner mit Bildern. außerdem hatte dieser Text eine Pointe. Märchen haben nur eine langweilige Moral am Ende, keine amüsante Pointe. (rückblickend ist die Pointe von meinem ersten Text auch nicht amüsant, aber damals war sie es – es war schließlich mein erster Text! er hatte das Glück, mein erster Text zu sein, einer der ersten Text zu sein, die mir beibrachten, was Texte sind. die mir vorführten, was Texte können, was Texte dürfen und nicht, was Texte machen, das ganze Zeug.) die Pointe war die Metafiktion. ich weiß nicht mehr, ob ich sie vorhergesehen hatte, vermutlich nicht. sonst hätte der Text wohl nicht funktioniert.
ich muss mich nicht dafür schämen, dass der Text damals für mich funktioniert hat. ich war jung und unerfahren und vor all diesen Dingen war ich auch noch naiv. schämen muss sich sowas nicht. schämen müssen sich nur Mörder und bösartige Menschen. Menschenfresser müssen sich schämen. aber der Seehund von St. Pölten hat sich nicht geschämt, vielleicht ist meine Einschätzung falsch, vielleicht müssen sich nicht einmal böswillige Menschen und Mörder schämen. vielleicht gibt es einfach nichts mehr, über das man sich schämen braucht.

ich habe euch ein Denkmal gebaut

mir kam soeben der Gedanke, und der Gedanke war ein Geniestreich, muss also sofort übertragen werden, damit er nicht verloren geht, damit er auch zu deinem Gedanken wird, damit du den Gedanken ebenfalls verbreiten kannst und wir so, gemeinsam, die ganze Welt infizieren, infiltrieren, beglücken können, du und ich an der Quelle einer neuen Ära, du und ich an der Quelle, so sollte es sein.

schnell, bevor es zu spät ist, setze auch du deine Denkmäler, setze so viele Denkmäler so präzise wie möglich, so schnell du kannst, bevor die Ideen, Erinnerungen, und Konzepte dahinter für immer verloren gehen.
(Präzision hat Vorrang vor Quantität hat Vorrang vor Schnelligkeit hat Vorrang vor Präzision, und damit ist es komplett, das erste Möbius-Denkmal, der erste Möbius-Text, diese Möbius-Idee, schnell, schnell!)

es klingt sicher mühsam und lachhaft und unnötig, aber es ist wahr, der wichtigste Punkt ist der der Ernsthaftigkeit, wenn du deine Aufgabe als auszubauende Denkmalsammlung nicht ernst nimmst, sind wir alle verloren, spätestens schon morgen.

es geht natürlich darum, ein Gedächtnis für deine Zukunft zu schaffen, ein perfektes Tagebuch, aber nicht nur von dir selbst, von allem, was dir jemals begegnen wird, hat man dir erzählt wie man sich fühlt, ist das ein Denkmal wert, hat man es dir zweimal erzählt ist es drei Denkmäler wert, ein Denkmal für jedes Mal, ein Denkmal für die Aufzeichnung der Wiederholung.

dies ist mein Denkmal des Ursprungs-Manifests. dies ist mein Denkmal, dies ist, hiermit, auch dein Denkmal, dies ist das erste Denkmal, das wir setzen, hiermit, gemeinsam, das erste Denkmal der einzigen Denkmalsammlung, die es jemals geben wird, allumfassend, ab diesem Zeitpunkt, aber natürlich auch rückwirkend. (ich gedenke, mein nächstes Denkmal meiner allerersten Erinnerung zu setzen, sonst ginge sie vielleicht bald verloren. das darauffolgende Denkmal müsste dann für die zweite Erinnerung errichtet werden, du verstehst, was ich meine – ob ich jemals zum Metadenkmal dieses Denkmaltextes käme, kann ich jetzt noch nicht sagen, aber der wichtigste, der allerwichtigste Punkt ist sowieso, anzufangen, einen Stein auf den nächsten zu setzen, ein Denkmal an das vorherige zu reihen, mit der größtmöglichen Rücksicht auf Verluste und den bestmöglichen Verhinderungsmaßnahmen ebendieser.)

auch kein Gedicht

iii
wir haben alle nur externe Gedächtnisse.
auf unsere jeweiligen internen, eigenen können wir uns nicht verlassen.
(aber genauso wenig eigentlich, oder sogar noch weniger, auf die externen.)

ii
wir wissen alle weniger über uns als alle anderen, gesammelt, über uns wissen.
zumindest, wenn es um Erinnerungen geht.
(aber Wissen abseits der Erinnerungen hat noch nie eine entscheidende Rolle gespielt.)

i
wir dürften alle erst auf die Menschheit losgelassen werden, nachdem wir genügend Jahre in der Isolationshaft unserer Gehirne verbracht haben.
das Problem bliebe allerdings, wer sperrte uns ein.
(und wer ließe uns frei.)

Ärmelknäuel, Migräne, Müdigkeit

Müdigkeit, totale Müdigkeit, das ist der Anklang eines sich anbahnenden Kopfschmerzes, und schwere Augenlider. Müdigkeit, das ist die pure Faulheit, ins Extreme vervielfältigt, und schwere Glieder überall, mit wahlweise einem unerklärlichen Bewegungsdrang (Beinzuckung, Zehenzuckung, Fingerverstümmelung), oder fehlplatzierter sexueller Erregung, oder dem sicheren Wissen, jede Minute einzuschlafen.

Müdigkeit ist totale Willenlosigkeit, Müdigkeit ist Schmerzverstärkung, Müdigkeit ist unangenehmes Kälteempfinden. Müdigkeit heißt falsche Prioritäten setzen. Müdigkeit ist eine einzige Ausrede.

dieser Text über Migräne ist kein Text über Migräne. der Druck den ich verspüre ist kein Druck im Kopf, kein Druck von Außen, kein Stress-Druck, kein Erwartungs-Druck, kein physikalischer Druck, kein Wasser-Druck, kein Luft-Druck.

der Magen knurrt am Weg zur Arbeit. der Weg zur Arbeit schon lange uninteressant. gestern hast du dort ein Hochhaus entdeckt, in der Ferne.
ein guter Zuhörer. „Kaufrausch nennt man das“ (Freundin habe in einem billigen Schmuckgeschäft fast 500€ ausgegeben, obwohl sie geringverdienende Alleinerzieherin sei.)

die Hand ist im Ärmelknäuel gefangen, im Ärmelkanal, im Ärmel, sie kommt einfach nicht mehr raus aus der engen Wärme. der Fleck auf der Brille geht ebenfalls nicht weg. der Druck unverändert undefinierbar.

zur Stunde als ich vom Sofa Abschied nahm war ich noch glücklich gewesen.“ dieser Satz taucht auf im Kopf, als Erinnerung. diese Erinnerung beschwört den kalten Wind herbei. dieser kalte Wind regt die Tränenflüssigkeit an. diese Tränenflüssigkeit, angeregt durch den kalten Wind, heraufbeschwört durch die Erinnerung, lässt ein Gefühl von Wehmut entstehen.

Müdigkeit, Planlosigkeit, ein Text über Migräne, herausgebrochen aus einem Alltag, der aktuell ein bisserl in der Luft hängt. herausgefallen aus der Zeit und zwischen die Fugen, herausgebrochen aus dem Alltag, aus der Luft, aber nur der Text, und nichtmal der ganze.
man muss sich das so vorstellen:
Angst ist etwas Kurioses. vor einer Spinne am Klo hast du nur Angst am Tag, nicht in der müden Nacht.
nein, man muss sich das anders vorstellen:
dieser Text handelt von einer Figur, die erfunden wird, frei erfunden, aber sofort nach dem Erscheinungstermin verklagt (der Text, nicht die Figur, die arme Figur kann ja nichts dafür!), weil sie eben, so frei erfunden sie auch sein mag, real existiert und nie ihr Einverständnis gegeben hat, dieses reale Äquivalent dieser fiktiven Figur klagt den Text auf Urheberrechtsverletzung, das muss man sich mal vorstellen!
also eigentlich sollte man sich etwas ganz anderes vorstellen, eigentlich sollte man sich vorstellen wie ein Alltag in der Luft hängt, ein bisserl schief, nicht aus den Fugen oder aus der Zeit, aber ein bisserl aus der Bahn geworfen, ein bisserl an der falschen Stelle, ein bisserl unverändert undefinierbar falsch hängt dieser Alltag so in der Luft rum, hast du dir das vorstellen können, diesen Alltag, wie einen seltsamen Luftballon, der nicht mehr fliegen kann, aber auch nicht mehr sinken, der nicht strauchelt, sondern vielleicht gefangen ist in einem Baumgeäst, nur gibt es halt keine Äste und keinen Baum, schon gar nicht gibt es einen Luftballon, es gibt nur einen Alltag, der in der Luft hängt, ein bisserl, und dieser Alltag, der ein bisserl in der Luft hängt, ist stolzer Besitzer eines Textes, eines außergewöhnlichen Textes, der nicht so recht reinpassen will in den Alltag, der da in der Luft rumhängt, denn es ist kein alltäglicher Text, es ist kein Alltagstext, kein Text, der sich brav in den in der Luft hängenden Alltag integrieren ließe, du musst dir das in etwa so vorstellen wie eine Uhr am Fußgelenk, eine Armbanduhr am Fußgelenk, am Fuß eines vom Baumgeäst baumelnden Menschen (ob der baumelt mit der Schnur um seinen Nacken oder baumelt mit dem Griff in seinen Händen ist egal, Hauptsache, er baumelt, baumelt vom Baumgeäst), diese Uhr ist der Text, und der Mensch ist der Alltag, der Baum ist die Luft, der Baum ist offensichtlich wieder einmal die Luft, vielleicht lässt du den Menschen lieber von einer Stange baumeln, von einer Teppichklopfstange wie sie ganz früher in den Höfen zum Teppichausklopfen gestangen sind und wie sie früher von Kindern zum Draufrumkraxeln verwendet wurden, und wie es sie jetzt nicht mehr gibt, diese Stangen, in den Höfen, an denen die Menschen baumeln wie Alltage die hängen, in der Luft, an deren Fußgelenken Armbanduhren, aus ihnen herausgebrochene Textteile, so, genau so, muss man sich das vorstellen.

ein Stück literaturlose Zeit

Literatur auf Zeitdruck, das ist wie ein Marathon aus dem Stand. die Definition einer Schreibblockade lautet: „Literatur auf Zeitdruck“.

Literatur ohne Zeitdruck, das funktioniert nicht. Literatur ohne Zeitdruck wäre wie ein Salzfass ohne Reiskörner.

Literatur auf Zeitdruck bewirkt nur, dass du der Sanduhr dabei zusiehst, wie sie sich immer mehr in ein großes Ganzes verwandelt, dass dir plötzlich bewusst wird, dass Glas Sand ist und Sand Glas, dass eine Sanduhr nicht mehr eine Sanduhr sein könnte als ein Stück Holz ein Stück Holz ist.

Literatur ohne Zeitdruck wird einfach nie fertig. Literatur ohne Zeitdruck bleibt weniger als ein Fragment.

Literatur auf Zeitdruck evoziert das Bild von einem Fluss in deinem Kopf, ein Fluss, muss nicht lang sein, darf auch klein sein, auf dem ein Motorboot dahinrast, das kann auch fiktiv sein, also unter Umständen ultra winzig, aber in Relation sollte es passen zur Größe des Flusses, also es darf ruhig auch so groß sein wie ein Kreuzfahrtschiff, oder noch größer, und selbstverständlich ist es wandelbar. dieses Motorboot rast also dahin, gegen den Strom, es kommt aus dem Nichts (also es kommt aus dem Meer, aber das ist unwichtig, das Bild beginnt nicht am Anfang oder Ende des Flusses, das Bild beginnt irgendwo) und es rast auf die Quelle zu, als hinge sein Leben davon ab. natürlich wird es gesteuert, muss irgendjemand drin sein, um es zu steuern, aber ob Mensch, außerirdischer Mensch oder tierischer Mensch, das ist egal. (meinetwegen kann es auch von einer Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses gesteuert werden, das ist nicht die Hauptsache des Bildes, aber das wäre deine Aufgabe, das Bild innerhalb des Bildes realistisch zu gestalten.) plötzlich, unvermittelt, erreicht das Motorboot die Quelle und wer auch immer es lenkt, was auch immer es lenkt, bleibt stehen, gezwungenermaßen. (und treibt nicht zurück. diese Form der Realität ist ausdrücklich ausgeschlossen von diesem Bild!) da steht also ein einsam verlassenes Motorboot an der Flussquelle, hoch oben an einem Berg vermutlich, wahrscheinlich kann man es gar nicht mehr Fluss nennen, worauf es steht, sondern eher Bächlein, aber dieses Vokabular tut nichts zur Sache, es geht hier nicht um Semantik, es geht um das Bild. die Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses blickt um sich. (oder ein anderes menschliches Tier oder ein anderer menschlicher Außerirdischer oder einfach nur ein banaler Mensch, vielleicht auch einfach nur du.) links, rechts, links, rechts, nach hinten, nach vorne, rechts, links, rechts, links, blickt also im Kreis umher, verwirrt vielleicht, panisch, unter Umständen, ahnungslos, in jedem Fall. und das ist es, dieses Bild, das ist Literatur auf Zeitdruck, als Gemälde.

Literatur ohne Zeitdruck wäre hingegen einfach eine Leiche, die, noch von Lebenszeiten her sonnenverbrannt, langsam auf einer Luftmatratze am Meer treibt, das Cocktailglas am Bauch, was einen schönen weißen Fleck um den Nabel herum gibt. Literatur ohne Zeitdruck wären auch die Haie darunter, die sich durch das ständige Kreisen bereits selbst hypnotisiert haben.

Literatur auf Zeitdruck kann personifiziert werden durch die unangenehme Geschäftsmail, die schon seit Tagen ausständig ist und jetzt einfach abgeschickt werden muss, weil nach dem dringend überfälligen Klogang stehen so viel wichtigere Dinge an, an denen es zu Arbeiten gilt.

Literatur ohne Zeitdruck wird durch zwei große Wände voller Bücher repräsentiert, und einer Frau, die mit einem Kuchen durch die Türe tanzt, „2 Jahre Schreibblockade“ steht da drauf.

Literatur auf Zeitdruck lässt keinen Raum für Qualitätschecks und Wortwiederholungsausbesserungen, das ist das Schöne daran.

Literatur ohne Zeitdruck hat dafür vielleicht das Glück, in ein paar Jahren ganze Schulklassen tyrannisieren zu dürfen mit der Definition von „Fragment“.

gewesener Arbeitstitel: drei bis dreiunddreißig

sein: aus Aggression heraus einen Zug verfolgen, vom einen Ende des Bahnsteigs zum anderen Ende des Bahnsteigs rennen, wütend mit der Faust drohen, hochrot im Gesicht werden, vielleicht sogar runter springen auf die Gleise, beide Fäuste erhoben, aber sonst nicht in Bewegung, sonst still dastehend, aus den Augen schießen Blitze, auf den Kopf schießt ein Blitz, die Fäuste fallen.

wiez: ein Mann in blauem Bademantel sitzt hinten auf der Ladefläche eines offenen LKWs auf einem Rastplatz, es ist Abend, er isst sein Abendbrot, er isst Brot zu Abend, Brot mit Aufstrich, vielleicht Butter, vielleicht ein Käseaufstrich, vielleicht Liptauer, vielleicht Avocado, vielleicht ist er Veganer, vielleicht ist es Vollkornbrot, wenn er eine basische Diät macht müsste er Schlagobers streichen, Schlagobers auf Schwarzbrot.

erdi: jede Wohnung mit Friedhofsblick steht einem Friedhof mit Wohnungsblick gegenüber, beides ist nicht sonderlich begehrt, Wohnungen mit Friedhofsblick werden hauptsächlich von morbid veranlagten Menschen aufgesucht, von Möchtegern-Nekrophilen, und die Toten am Friedhof haben sicherlich auch besseres zu tun als Nacht ein, Tag aus, auf die immerselben hell erleuchteten oder absichtsvoll verdunkelten Fensterscheiben zu starren, die Sexlaute voller schlechtem Gewissen sich anhören zu müssen, die vom Boden hängenden Köpfe zu zählen – wieder einer weniger, wie wird wohl der nächste sein?

vrie: ich kenne einen Menschen, der an Büchern nur liest, was im jeweiligen Jahr erschienen ist, es ist ein nervtötender Mensch, mehr als alle anderen lesenden Menschen will er allen immer Empfehlungen geben, aber mit Nachdruck, mit Zeitdruck, mit Worten wie „das beste Buch des Jahres hast du noch nicht gelesen?“ oder Vorwürfen wie „nächstes Jahr ist es nicht mehr aktuell!“, für so einen Menschen muss man Jakov Lind neu auflegen, jedes Jahr.

Wiener Zukunft

dastunkn is no neamand, dafrorn san schon vüle“ – dieser Satz ist heute für mich gestorben. außer ihr hat nie jemand diesen Satz in den Mund genommen, geschweige denn davon gehört. sie ist heute gestorben, und hat den Satz mit sich gerissen. ich weiß leider nicht mehr, was er genau bedeutet, ich weiß nur noch, dass es quasi der Vorgänger gewesen sein dürfte von Furcht bringt deine Hose, aber nicht deinen Kopf ins Grab, und dass dieser Satz seit heute auch nicht mehr stimmt.

aber der Reihe nach. wenn man so lange kein Tagebuch mehr geschrieben hat, muss man ausholen. ich hole aus. Tagebuch, kann man das überhaupt sagen, wenn es keine Reihe von Tagen geführt wird? eigentlich müsste es dann ja Tagbuch heißen. ich führe hier ein Tagbuch, alle paar Jahre ein Tagbuch, kein ganzes Buch natürlich, aber doch nur ein einzelner Eintrag alle unheiligen Zeiten. ein „Jahrbuch“ sozusagen. aber das heißt, glaub ich, etwas völlig anderes. oder hat zumindest damals eine Bedeutung gehabt, an die man sich heute vielleicht noch erinnern könnte. an das Sprichwort, das heute gestorben ist, konnte nur sie sich noch erinnern.

ich will nicht über den Tod sprechen, ich könnte nicht. für mich lebt sie noch. sie könnte jederzeit wieder in mein Leben treten. wir würden lachen und ich würde ihr erzählen, wie wir alle dachten, sie sei gestorben, und dann würden wir vielleicht sterben vor lauter lachen. sterben vor lachen, das hab ich von ihr. heutzutage sagt man das glaub ich nicht mehr.

Bedeutung suchen wir immer noch. sie hat mir erzählt, sie hat jeden Tag Bedeutungen gesucht. hauptsächlich für ihre Arbeit. nebensächlich aber auch für ihr Leben. am Ende ihres Lebens, nach der Arbeit, dann nur mehr hauptsächlich fürs Leben. ich glaub, sie hat keine befriedigenden Bedeutungen gefunden. ich hab sie manchmal denken gehört. ihre Gedanken waren schön wirr. Chaos hat keine Bedeutung, aber ich hätte ihr das nie gesagt. vielleicht hätte ich ihr das sagen sollen. vielleicht muss ich jetzt eine Bedeutung für ihren Tod nicht nur suchen, sondern auch finden, damit sie glücklich sein kann. ich glaube, sowas hätten sie damals machen müssen. ich glaube, ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen. ich glaube, ich will es nicht versuchen. ich glaube, ich hab Angst vor der Bedeutung, die mir begegnen könnte. ich will nicht, dass mir eine Bedeutung begegnet, die mir nicht gefällt.

alle haben sie immer gelobt. sogar die Zeitungen haben sie herausgepickt und gelobt. wie gut sie nicht mit dem Fortschritt zurecht kommt. wie phantastisch sie sich nicht anpassen kann. sie hat immer gesagt, sie will das gar nicht, und, dass sie es nicht absichtlich macht. dass sie sich eigentlich sogar dagegen sperrt. das glaube ich aber nicht. ich habe sie nie gesehen, wie sie sich gegen etwas versperrt hat. sie war immer offen. sie war skeptisch, das stimmt. das stand auch überall. aber die Offenheit war stärker. das Talent. der Zufall. ihre Liebe zum Detail. sie hat mir einmal anvertraut, sie war einmal in einem bestimmten Zustand und hat mir anvertraut, dass sie sich das als Kind einmal vorgestellt hat, genau so. dass es Kameras gibt in den Augen. dass es authentischen Film gibt. mit deckungsgleicher Identifikation. sie hat sogar gesagt, das mit dem Fokus, das wäre ihr nie im Traum eingefallen, dass das wirklich passieren könnte, schon gar nicht zu ihren Lebzeiten. sie hat versucht mir das verständlich zu machen. aber ich bin damit aufgewachsen, ich habe nie alte Filme gesehen. es gibt keine alten Filme mehr zu sehen, die nicht modifiziert wurden, mit dieser magischen neuen Technik, wie sie es nannte. die Zeitungen fanden ihren Mix aus Naivität und Wissen immer sehr sympathisch. ich glaube, ich hab sie einmal beschimpft und gesagt, sie sei aufgesetzt. ich glaube, sie hat nur gelacht. sie hat selten gelacht, also richtig laut und öffentlich.

sie hat gesagt, der Fokus war früher generell, auf den ganzen Bildschirm verteilt, der Blick konnte wandern, auch über den Bildschirm hinaus. während einem Film. das muss man sich mal vorstellen! ich kann es auch nicht. sie hat gesagt, das war gut, das hat Freiheit ermöglicht. aufstehen und rausgehen, während einem Film. ohne auf Pause zu drücken. einfach so. nicht fertig schauen. sie sagt, es gibt viele alte Filme, die sie mir gerne zeigen würde. sie hat nie Titel erwähnt, kaum Inhalte. ich glaube, sie konnte sich selbst an keinen davon genau erinnern. oder vielleicht wollte sie einfach nur nicht zu wehmütig werden. sie redete oft von der Vergangenheit und bekam einen sehnsüchtigen Blick dabei. seit heute kann ich sie verstehen. ich würde nicht zurück wollen, das nicht. ich glaube, sie hätte auch nicht zurück gewollt. oder, vielleicht nur, um sich ein paar alte Filme und Abspielgeräte zu holen. aber nicht dauerhaft. ich glaube, dauerhaft will niemand mehr zurück. wir sind schon zu weit vorne.

wenn sie heute nicht gestorben wäre, wenn sie heute noch leben würde, dann würde sie wahrscheinlich schon zurück wollen. ich glaube, ich würde auch zurück wollen. wenn ich nicht wüsste, dass sich das in Zukunft ändern wird. wenn ich nicht wüsste, dass es nicht geht. wenn ich nicht wüsste, dass sich das sogar bei ihr wohl auch in Zukunft ändern würde, wenn sie noch so lang leben würde.

(aber, weiß ich das wirklich?)

heute war die Premiere von The Movie. ich kann verstehen, warum sie das Titelkonzept vermisst. ich will ja auch zurück, irgendwie. aber gleichzeitig bin ich einfach froh, noch jung zu sein, noch ohne Verpflichtungen und Arbeitsplatz, ohne Verantwortung. ohne plötzlichen Todesfall. sie hatten es ja angekündigt, aber nur ironisch. ich glaube, sie haben selbst nicht wirklich daran geglaubt. ich glaube, sie haben optimistisch einfach nur mit ein paar Krankenhausaufenthalten gerechnet. aber doch nicht damit. wenn ich ihr das erzählen würde. sie würde nicht nur den Kopf schütteln, ihr würde ungläubig der Mund aufklappen und sie würde vor sich hin starren, in die Vergangenheit. vielleicht auch in die Zukunft oder in die Gegenwart. jedenfalls würde sie starren und erschrocken drein schauen. hab ich ja auch. mein Spiegel hat mir gesagt, ich sehe aus wie sie. das hat mich aus meiner Starre gerissen. ich hab recherchiert. es ist alles wahr. so viele Bilder in so kurzer Zeit kann man gar nicht fälschen. außerdem hab ich auch viele Originalquellen aufgesucht. es steht alles noch drinnen, die Accounts wurden noch nicht gesperrt. oder zumindest noch nicht komplett gesperrt. ich kann noch alles sehen. immer noch sehe ich das alles vor meinem inneren Auge: der Saal, die letzten Nachrichten, die starre Leinwand, auf ewiger Pause. die toten Menschen, die nur ihre Arbeit machten. eine harmlose Arbeit, eine Arbeit, die keinen Platz lässt für eigene Gefühle zwar, aber dennoch eine Arbeit, bei der nichts passieren kann. eine Arbeit wie geschaffen für Familien. eine Arbeit, bei der zum Glück heute keinen kleinen Familienmitglieder dabei gewesen sind. ich weiß noch, die letzte Nachricht des letzten Überlebenden begann einfach nur mit „wtf“. das sagte der live Screenshot. sie hatten alle live Screenshots, zum Glück. die Polizei hätte das nie gemacht, sowas hat sich nicht geändert. sie ist immer froh gewesen, dass sich gewisse Dinge nicht ändern, selbst wenn es solche Dinge sind. die Polizei hätte den Film fertig sehen müssen und darüber schreiben, das hätte sie wohl gesagt, verlangt, gelacht. sie hat nicht so oft gelacht, ich glaube, ich dichte ihr dieses Lachen einfach nur an. genauso wie die Bedeutung ihres Sprichworts. irgendwas über den Tod sagt es aus, auch wenn ich das Wort nicht mehr darin finde. oder den Partikel. sie hat es nicht mehr erwähnt, dass ihr Sprichwort widerlegt wird. ich glaube, das ist eine mögliche Bedeutung von ihrem Tod. das Sprichwort muss sterben, damit ein neues leben kann. ab heute ist Angst tödlich. ab heute können die Maschinen die Menschen umbringen, drastisch gesagt. sie hat nie Angst davor gehabt, sie hat immer gewusst, wenn sowas kommt, dann erst lang nach ihrer Zeit. sie sollte recht behalten. heute können Maschinen immer noch keine Menschen umbringen, Menschen können nur Maschinen programmieren, die sie umbringen. Filme sind tödlich. das wird ein Aufsehen erregen in den Schulen. ich glaube, das könnte amüsant werden. vermutlich hätte sie das genauso gesehen. vermutlich hätte sie ihr Sprichwort abgeändert, sodass es mehr Sinn ergibt. „dafrorn is no neamand, dastunkn san schon vüle“. ich sollte herumfragen, ob das mehr Sinn ergeben würde, ab heute. aber ich glaube nicht, inzwischen versteht ja niemand mehr die Worte und Anspielungen. inzwischen bleibt uns nichts anderes übrig als die Tatsachen zu verdauen, und eigene Worte dafür zu finden. falls wir das wollen. ich glaube, ich will das nicht.

Geständnisse einer Schreibprinzessin

ich will eine Italienreise machen, wie Goethe damals. nur soll es nicht nach Italien gehen. und es soll nicht Jahre dauern. es sollte Monate dauern, vielleicht maximal ein Jahr. und es sollte in den Tod gehen, also mindestens ins Koma.

mir ist alles zu viel. ich bin froh, dass die Zeit einfach unaufhaltsam weiterläuft. noch länger im letzten Moment und ich wäre verendet. noch länger in diesem Moment und ich fange an zu schreien. aber er ist ja schon vorbei.

was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich nie angefangen hätte, meine Finger blutig zu beißen. was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich nie geboren worden wäre. was wohl aus mir werden würde, wenn ich wirklich temporär, für längere Zeit, wenn ich der erste Mensch wäre, der zeitlich begrenzt tot sein kann.

aber das geht ja nicht, das haben die Religionen und Mythen und Horrorgeschichten ja schon oft erfunden. ich werde nie das Rad neu erfinden können, ich könnte das Rad nicht einmal alt erfinden, wieder-erfinden, ab-finden, abschreiben. ich könnte nur sterben, nur ein einziges Mal tot sein, und das für immer.

ich will richtig sterben und einen Sarg und ein Begräbnis. Verbrennung fällt weg, genauso wie Organspenden; ich würde sagen, ein Wunder auf einmal ist genug. sterben also. und dann ausgegraben werden, aufgegraben, geöffnet (der Sarg), und hoffentlich lebendig sein. oder gleich wieder lebendig werden.

das schöne an diesem Plan ist, selbst wenn er nicht funktioniert, ist er erfolgreich.