Nacht

in Embryostellung zusammengekauert, ganz klein zusammengekauert, den Kopf auf den Knien, hinter den Knien oder vor den Knien, je nachdem wie du es sehen willst, unter den Knien jedenfalls nicht, nicht am Kopf, am Rücken liegen, höchstens auf der Seite oder sitzen, mit krummem Rücken in einer Ecke sitzen, oder an einer Wand liegen, auf der Seite, auf dem Arm, vielleicht auch in einer Ecke liegen, mit dem Kopf an die Wand und den Füßen an die andere, so schräg, oder ganz eingequetscht, platzsparend, längs oder quer, das kommt auf die Raummaße an, mit dem Rücken an der einen Wand und den Zehenspitzen an der anderen
Regenbild, Fleischberg, eine Rille im Fuß, eine kleine, tiefe, rosa Rille, von weißer Haut umgeben, endet in einem roten Tropfen, kann nicht anders enden, kann nicht anders aufhören, weil das manische Gefühl erst nachgibt wenn es von Schmerz abgelöst wird, nie früher, nie später, bis jetzt noch nicht später, ein Loch vielleicht auch, gleich daneben oder auf der anderen Sohle, ein kleines rotes Loch, Löchlein, füllt sich langsam mit Farbe, erinnert an die eine Taste auf der Tastatur die sich löchrig anfühlt weil sie kein Geräusch macht beim draufdrücken, weil sie schon halb kaputt ist oder weil irgendwas dazwischenkam, Hautfetzchen, Essensrestchen, Wasserschwällchen, oder weil sie einfach ausgeleiert ist und dann kommt es auf einmal zurück, ganz plötzlich, wie ein Schlag, Donnerschlag, Schlagstock, erschlägt dich und mich und uns alle, das Schriftbild, das Bild der Schrift auf dem Bett und in dem Bett und unter dem Bett, obwohl es dort niemand sieht, oder vielleicht gerade weil die Worte dort unsichtbar bleiben, vom Schatten versteckt, zeitweise oder für immer, je nachdem wo das Bett steht und von wo die Sonne kommt, je nachdem ob das Bett überhaupt ein Loch unten hat, oder ob man vielleicht garnicht drunterkriechen könnte, sich gar nicht unter dem Bett verstecken könnte, es sei denn man wäre eine Ameise oder eine Zecke oder ein ganz dünner Regenwurm, aber dann würde man sich bestimmt nicht unter dem Bett verstecken müssen, nein, wozu denn auch, unter dem Bett verstecken sich doch nur Kinder die Verstecken spielen oder Menschen die sich verstecken müssen, im Fernsehen, vor der Polizei oder vor einem Mörder oder vor einem Serienmörder oder vor den Buchstaben auf dem Bett, vor den Worten am Polster, vor den Sätzen auf der Matratze, vor den Büchern auf den Leintüchern und Bettüberzügen und vor den Bitten und Fragen auf den Pfosten, vorausgesetzt das Bett hat Pfosten und ist nicht ein unversteckbares Bett, ein Bett, unter dem man sich nicht verstecken kann, denn unter der Decke verstecken zählt nicht, hätte keinen Sinn, da stehen ja überall Antworten und Rätsel und Weisheiten und Sprichwörter und wer genau hinsieht und gut sucht findet vielleicht sogar auch ein weises Sprichwort obwohl die Betten derjenigen, die damit prahlen, sie vollgeschrieben zu haben, natürlich blitzblank weiß und frisch gewaschen sind und nichtmal gemustert und nichtmal ein Haar oder Härchen oder gar eine Hautschuppe aufweisen können, jaja

Die Zeit ist so verweht –– Hilfe, daß die Sonne so rot untergeht hinter meinen Bergen, und Augen, und Ohren .. bis wir alle endlich unser Ziel erreicht haben werden, nämlich Meister des Vergessens geworden sind und allesamt Meister der Erinnerungslosigkeit geworden sind und jenen endgültigsten aller endgültigen Zustände erreicht haben werden also den endgültigsten Grad unseres endgültigsten Verfalles .. (Wolken aus Zuckerstaub, verstehe wer kann).“
dieselben Worte für dieselben Dinge oder andere Worte, aber dieselbe Bedeutung und das gleiche meinen, aber es anders ausdrücken oder wie war das noch einmal?

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die

ob da etwas zwischen Schuh und Socken oder zwischen Socken und Fuß ist und ob heute Feiertag ist, aber nein, mitten unterm Jahr gibt es keine Feiertage, die Hälfte der Geschäfte hat ja offen, es kann ja nicht Feiertag sein und das wundervolle Kribbeln im linken Ballen soll nicht aufhören, vergeht aber doch, und jede neuerliche Lektüre bringt neuerliche Erfahrungen mit sich und lässt neue Verleser entstehen und gebiert neue Assoziationen, nimm alles buchstäblich, wörtlich, wortwörtlich und literarisiert, und jeder exzerpiert auf seine Art, nur sie kann auf ihre Art schreiben, nur sie ist Sprache, völlig Sprache, nichts als Sprache, ein Sprachstrom und ein Wortfluss und ein Silbenmeer zugleich und außerdem noch Sätzefinderin und Phrasengenie und Schreibnatur und Wörter-finderin und Wört-erfinderin und Buchscheißerin und Bibliothekshüterin und Schreiberin, der Inbegriff der Schreiberin, nämlich Ausdruckshorterin und Exzerptesammlerin und Tintenliebkoserin und Textgöttin,
rund ist aber nicht nur der Buchstabe U sondern auch der Mund der ihn spricht, […] aber vielleicht ist das Foto nur so abgeschabt und abgewetzt also abgekratzt : […] erinnert ein wenig an Jugendbildnisse meines Vaters, sage ich, […] die Augendeckel, […] das will ich dann auch gleich geschnitten, […] das ist ein starker Standpunkt. Nämlich wie Kleist beim Anblick eines Bildes von Caspar David Friedrich (»Mönch am Meer«) gesagt haben soll : []“

durch

der Zwang zum Verlesen ist gegeben, nicht wegen der Tagesverfassung, der Uhrzeit, dem Müdigkeitsgrad oder dem Mageninhalt, sondern schon allein wegen der Tatsache, dass es ihr Text ist, der gelesen wird, verlesen wird, der ja bekanntlich auch zum Teil aus Verlesern entstanden ist, besteht, also muss es so weitergehen, als wäre es ein Kreislauf, was natürlich unmöglich ist, ein nieendender Kreislauf, schön rund und läufig und so wird die Schlampe aus der Stehlampe, der Hautrücken aus dem Handrücken, das Naschschmecken aus dem Nachschmecken, siechenden aus sichernden und kannst du mir flogen etc.,
tatsächlich bin ich kaum mehr imstande, Fremden, ja vertrautesten Menschen ohne Scheu und Befangenheit, ohne Gefühle oder Unterlegenheit, Unsicherheit und Furcht zu begegnen, alles ist schwierig geworden, alles ist undurchschraubbar geworden, alles hat an Wirkung eingebüßt, ich bin kaum mehr Herr meiner selbst, ein dauerndes Danebengehen, ein dauerndes teilnahmsloses neben sich selbst Stehen, sich selbst Zucker, zuckern, sich selbst Verdammen haben mir das Leben zur Qual, zum Wal gemacht, eine den ganzen Himmel überziehende plötzliche Dunkelheit, ich bin auch nicht sicher am Trauben“

Reise

sie ist meine Perfektion, sie ist die Perfektion, sie ist das perfekte Ich, sie rührt mich zu Tränen, sie rührt mich zu Blut, und Milch, und sie nimmt alles vorweg, nimmt mir alles weg, Assoziationsketten und Konjunktionen und Ideen und alles, sie ist perfekt und extrem, sie ist das Extrem, aber sie ist gefangen, sie ist wahrscheinlich nicht real sondern einfach nur gefangen, in den Buchstaben und Worten und Sätzen und Büchern gefangen, und niemand kann sie befreien, sogar ich nicht, ihr Seelenkind, Anmaßung, niemand kann sie befreien, auch ich, erst recht ich nicht, niemand soll sie befreien, darf sie befreien, ich bin nur eine Vorstufe, obwohl ich danach komme, eine lächerliche, kleine Vorstufe, was für die Verrücktheit der Zeit spricht, für die ver-, also wegge-rückte Zeit, sie nimmt mir alles, die Punktlosigkeit und das du und die Sprünge, sie nimmt mir alles und fügt noch mehr hinzu, viel mehr als ich je fassen könnte, als ich je schreiben könnte, als ich mir je merken könnte, und egal wie sehr ich mich strecke ich werde sie nicht erreichen, und egal was ich als Lesezeichen für sie verwende, es wäre nie passend, immer unpassend, entweder overdressed, wie ein ausgedrucktes Foto von ihr oder eine kopierte Seite aus einem ihrer Bücher, oder underdressed, wie eine leere Packung Kaugummi oder ein Eselsohr oder ein Gratis-Lesezeichen, und egal wie schnell ich lese, ich kann es nicht schaffen, und egal wie langsam ich bin, ich werde immer etwas überlesen und egal wie oft ich mir ihre Stimme vorstelle, denke, hoffe, daran glaube, dass sie mir vorliest, aus meinem Kopf, aus meinen Augen blickt und durch meinen Mund spricht, den ich nicht bewege, es wird nie so sein, und jede Inspiration die von ihr ausgeht ist mächtiger als alle anderen Inspirationen, sie ist wie ein Sog, ein Strudel, ein Tornado ohne Auge, der nichts so lässt, wie es war, alles aufwirbelt und die Finger wirbeln lässt, oder tanzen lässt, fliegen lässt über das echte oder fiktive Papier, über die echte oder gedankliche Tastatur, und zusammengekauert in einer dunklen Ecke mit ihrem Buch und daran denkend dass es ja gar nicht so kommen hätte müssen und unendlich dankbar dafür sein, dass es damals so gekommen war, dass es dazu gekommen war, dass alles angefangen hatte und wünschend, dass es nie wieder aufhören möge,
„Aber vielleicht sollte ich jetzt immer mit Handschuhen zu Bett gehen damit ich mich nicht blutig kratze im Schlaf, während ich schlafe, rufe ich, eingenäht in mein Märchenei oder jenseits der Straße die schnell wechselnden Assoziationen wie Hirschtiere über die Schneise, ich habe nicht immer so abstinent gelebt wie jetzt, aber eine gewisse Neigung dazu habe ich immer in mir verspürt, ich kratze mich blutig, kratze mich diese Nacht wieder blutig, stelle mir alles mögliche vor es zu vermeiden, ich stelle mir gerne etwas vor […]“