tödliche Impression

sie sitzen in einem gelben Saal mit weißen Wänden, goldenen Mustern, und 32 hohlen Nippeln, die wohl den Klang verbessern sollen.
sie sitzen und sitzen. die meisten von ihnen atmen nicht mehr. wie die alte Frau in der ersten Reihe, die atmet bestimmt nicht mehr. ihre Hand ist an ihr Gesicht gewachsen wie ein Krebsgeschwür.

(Krebsgeschwüre sind visuelle lange dünne Äste, die Menschen pieken und necken und mit einem Stupser zerstören können. Krebsgeschwüre sind schwarze feste Spinnweben, die sich verselbstständigt haben. Krebsgeschwüre drehen und wenden sich wie sie wollen, sie knicken ein wie kaputte Finger und drehen und wenden sich so schnell wie kein verkrebstes Auge schauen kann. Krebsgeschwüre sind visuelle monochrome Messerspitzen, schwarz, auf weißem Grund, die weniger wirklich schneiden als vielmehr zustechen und dich zu Boden ringen.)

ihre Hand ist an ihr Gesicht gewachsen wie so ein solches Krebsgeschwür, der „Finger“, dessen Spitze an der Nase saugt, bildet eine lange, eckige Schnur, ein großes Loch kommt dazwischen zum Vorschein, ein großes gelbes Loch mit seltsamen Winkeln. der krebsige Finger bohrt sich in ihre Nase wie ein Messer am Ende einer Bohrmaschine, er ist bereits vollkommen in sie eingedrungen, ich habe ja gesagt, die alte Frau in der ersten Reihe, die atmet bestimmt nicht mehr.

das Konzert beginnt, ein Mann sitzt auf der Seite, er trägt eine flauschige weiche große dunkle flauschige Uschanka am Kopf, auch monochrom, fast schwarz, von der Konsistenz einer großen schwarzen Vampirfledermaus, ohne Kopf, ohne Flügel, die kleinen Beinchen festgekrallt an seiner warmen Glatze. das Tier schon längst tot, der Mann, jünger als die sehr alte Dame in der ersten Reihe, aber nicht sehr viel jünger, noch lebendig, zumindest seine Augen bewegen sich, huschen von seiner Sitznachbarin zu dir und treffen deinen Blick, huschen wieder zu seiner Sitznachbarin zurück, nur um später wieder deinen Blick zu treffen, wieder wegzuhuschen, wieder zu dir zu blicken, bevor du zu ihm blickst, wegzuhuschen, zu dir zu blicken, nachdem du ihn länger angestarrt hast, wieder wegzuhuschen, aber nie bewegt er mehr als seine Augen, sein Kopf bleibt starr. (er ist manierlich und will die flauschige warme dunkle große weiche flauschige Fledermaus, getarnt als Uschanka, nicht wecken. das würde einen Troubel geben, das würde die ganze seltsame Musik zerstören. nein, er ist manierlich. von einem berühmten TV-Arzt ist schließlich auch nichts anderes zu erwarten.)

die Musiker treten ein, von hinten, also von vorne, der Applaus ist spärlich, schließlich lebt es sich nicht zahlreich in diesem Saal, schließlich verbreiten sich Krebsgeschwüre äußerst rasant, schließlich ist eine uralte Dame mit schrägverwinkelten Fingern keine gute Nahrungsquelle und ein wenig jüngere Mann mit tierischer Kopfbedeckung kein gutes Ziel. der Applaus kommt von dir, aus den Augenwinkeln kommt er auch vom Uschankaträger, aus den Ohrenwinkeln kommt er auch noch von einer Handvoll anderer Überlebenden. die Musiker mit ihren Instrumenten in den Händen, klein und groß, sperrig und leicht, sie treten ein, setzen sich auf ihre Sessel vor ihre Notenständer mit ihren Notenblättern darauf.
die Musiker stehen wieder auf.
einige Plätze werden getauscht, sie setzen sich wieder hin. Sessel werden besessen, Sessel werden verrückt, das noch lebendige Publikum wird verrückt, du lachst. ein Instrumententräger rückt seinen Sessel zurecht, alle Augen, auch die des Kollegiums, sind auf ihn gerichtet, er lässt sich Zeit, verrückt den verrückten Sessel in aller Ruhe, probiert ihn an den verschiedensten Plätzen aus im Zusammenspiel mit seiner Kleidung und seinem Instrument und dem Notenständer und dem Klang und dem ganzen übrigen Exterieur. eine Instrumententrägerin, als er endlich fertig ist, macht es ihm nach, der Instrumententräger verdreht die Augen, du lachst, bald darauf stimmt das halbe Orchester in die verrückte Sesselrückerei ein, niemand spielt auf seinem Instrument, sie alle sind nur verrückt geworden, maximalst werden ein paar Probetöne ausgestoßen oder angefidelt, um den Klang zu testen, zwischen den Verrückungen, in den Lücken der Verrückungen. die Instrumente und das Interieur des Kollegiums und das Exterieur der restlichen Umstände veranlassen immer zahlreichere und vehementere Verrückungen. du lachst, und irgendwann hörst du auch vereinzelte andere Lacher, fremde Lacher, Nachlacher, die aber allesamt seltsam und falsch klingen, seltsam falsch, und dann merkst du dass das Krebsfingergeschwürmesser an der Nase der uralten Dame in der ersten Reihe verschwunden ist, und endgültigst bleibt dir dein letzter Lacher hinter dem Adamsapfel stecken, genau dort.

die 32 hohlen Nippel an den gelben Wänden verschönern den Klang.

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Hautmenschendecke

immer wenn du dir ein Stück Haut abbeißt, lächelst du dabei, selbst wenn du gerade weinst. innerste Zufriedenheit geht nicht ohne Lächeln. es muss kein äußerliches Lächeln sein, es kann auch nur ganz tief drinnen ganz wenig sichtbar sein, aber das ändert nichts an seiner Existenz. auch die darauffolgende Reue, der Schmerz, der alles verpatzt (aber tut er das denn überhaupt?) kann nicht mehr an dieser Zufriedenheit rütteln.
ein Stück Haut zwischen den Zähnen oder ein gestillter Juckreiz, das sind die schönsten Dinge im Leben, und Schlaf. Schlaf ist überhaupt die Königsdisziplin.

wahrscheinlich ist dir der Gedanke beim Hautabbeißen gekommen. der Gedanke der fleischlichen Decke. (nein, keine Orgie. wenn es eine Orgie wäre, wäre es eine lebhafte Massagedecke mit eigenem Willen, die sich viel zu oft und viel zu schnell unter die Bedeckten wirft.) der Vergleich ist wie dieser Juckreiz, der sich nicht stillen lässt und im Gegenteil, immer wieder auftaucht, an derselben Stelle oder woanders. auch mehr Hände helfen da nichts.

für jedes Stück Haut, das du abbeißt, kannst du deine eigene Frankenstein-Decke mehr und mehr vervollständigen. (die Schauer-Assoziation würde nie von dir selbst stammen, natürlich nicht, keineswegs, niemals, ja, ich weiß, aber andere Menschen haben nun einmal andere Normen, andere Menschen halten nun einmal weniger aus. andere Menschen sind halt einfach komisch.) jedes abgebissene Stück Haut wird in deinem eigenen Hautmenschen einen Platz gefunden haben, und er wird hübsch anzusehen sein, dein Hautmensch, deine Decke, zumindest von innen. (du fürchtest dich nicht vor Hässlichkeit. maximal hast du ein kleines bisserl Respekt vor deiner eigenen hässlichen Seele. aber beim Hautmensch zählt sowieso nicht das Äußere, und zwar hier wirklich nicht, ungelogen, pinky swear hoch unendlich!) aufs Innere kommt es da auch an, nicht aufs Äußere, das Äußere ist gelungen, sobald es weitgehend einem Menschen ähnelt, irgendeinem. das Innere muss warm sein. unter der Decke muss es warm sein.

Einstiegsmöglichkeiten wird es genügend geben, in deinen Hautmensch, unter die Decke deiner Hautmenschendecke, die weniger eine Decke ist als ein Mensch als Decke, aber halt nur seine Haut, seine dünnen Hautschichten. (du willst schließlich nicht zerquetscht werden von deinem Hautmenschen. denn so viele abgebissene Hautfetzerln wie sich schon angesammelt haben wird dein Hautmensch sicher nicht klein, es wird sicher kein Baby – das würde sich auch rein realistisch gesehen nicht ausgehen. du bist auch kein Baby mehr, was brächte dir also eine Hautmenschendecke die nur so klein wäre wie ein Baby. aber zerquetscht und erdrückt und luftabgeschnürt willst du keinesfalls werden, von deinem Hautmenschen, das wäre kontraproduktiv.)

von bunten Blumen, vibrierenden Köpfen und müden Unmöglichkeiten

es vibriert schön, wenn du dir die Hände an den Kopf schlägst, die Innenseiten der Handgelenke. der Tisch vibriert oder Gegenstände auf dem Tisch vibrieren oder es vibriert in deinem Kopf. allein für dieses dumpfe Geräusch würde es sich auszahlen, fortzufahren, ewig fortzufahren, bis endlich Schmerz kommt, bis endlich Blut kommt, bis endlich deine Haut Stacheln bekommt und Blut leckt, aber es geschieht einfach nicht. die Vibration bleibt, wenigstens die Vibration bleibt. die Körner in deinen Augen kannst du noch sooft wegwischen, sie bleiben, sie vermehren sich. die blockierende Leere in deinem Kopf kannst du noch so oft auskotzen, sie bleibt, sie breitet sich aus.

du bist müde genug darüber nachzudenken, aber nicht müde genug um es durchzuziehen. mit einem Wort du bist feig. du bist feig und faul und müde, aber müde bist du immer, müde sein zählt nicht mehr. genauso wie lebendig sein irgendwann nicht mehr zählt. als Baby ist es noch ein Wunder, ein Wunder, das wundersame Wunder des menschlichen Lebens, aber bald ist es gegeben und gesetzt und normal, nichts Besonderes mehr. lebendig sein zählt nur im Kontrast, nur wenn man plötzlich stirbt ist das ein Wunder, ein Negativwunder, das sind Leute, die (viel) zu früh gestorben sind, also eigentlich eh alle, außer Suizidenten, bei denen ist es umgekehrt.

Müdigkeit zählt nicht mehr für dich, Müdigkeit ist lang passé, diese sogenannte Müdigkeit ist dein Dauerzustand geworden, du kämpfst nicht einmal mehr dagegen an. der Kopf immer schwer, die Augen immer klein, die Lider immer zusammengekniffen, die Gedanken immer wirr. (zugegeben, das waren sie auch schon davor.) – wenn ich total müde wäre denkst du, langsam (die Müdigkeit macht alles langsamer, außer der Zeit), dann würde ich das jetzt einfach machen. du gehst am Blumengeschäft vorbei und starrst es währenddessen an. niemand achtet auf mich, aber wenn sie auf mich achten würden, sie hielten mich für verrückt. täten sie natürlich nicht. die Blumen sind bunt, und du würdest so gerne, wie gerne würdest du dir nicht einen wunderschönen Strauß kaufen, am besten einen selbstgemachten, also von professionellen Floristen zusammengestellten Strauß kaufen, koste er was er wolle, und dann rausgehen and straight to the trash. einfach reinschmeißen, ohne Drama, ohne Schauspiel, ohne vorgeschobenen Grund, einfach in den Mistkübel stopfen, von selbst ginge es wohl nicht, der Strauß hätte ja doch einen recht großen Kopf, das gehört sich so. wenn der Mistkübel nicht hier stehen würde wärst du nie auf diesen Gedanken gekommen. aber der Mistkübel steht hier und du bist müde und deswegen ist der Gedanke da und du besessen von ihm. ich schau einfach, dass ich in den nächsten Tagen totale Müdigkeit erfahre, dann mache ich das und warte Reaktionen ab. Reaktionen würde es kaum geben.

totale Müdigkeit, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. totale Müdigkeit ist nicht einfach.

Ärmelknäuel, Migräne, Müdigkeit

Müdigkeit, totale Müdigkeit, das ist der Anklang eines sich anbahnenden Kopfschmerzes, und schwere Augenlider. Müdigkeit, das ist die pure Faulheit, ins Extreme vervielfältigt, und schwere Glieder überall, mit wahlweise einem unerklärlichen Bewegungsdrang (Beinzuckung, Zehenzuckung, Fingerverstümmelung), oder fehlplatzierter sexueller Erregung, oder dem sicheren Wissen, jede Minute einzuschlafen.

Müdigkeit ist totale Willenlosigkeit, Müdigkeit ist Schmerzverstärkung, Müdigkeit ist unangenehmes Kälteempfinden. Müdigkeit heißt falsche Prioritäten setzen. Müdigkeit ist eine einzige Ausrede.

dieser Text über Migräne ist kein Text über Migräne. der Druck den ich verspüre ist kein Druck im Kopf, kein Druck von Außen, kein Stress-Druck, kein Erwartungs-Druck, kein physikalischer Druck, kein Wasser-Druck, kein Luft-Druck.

der Magen knurrt am Weg zur Arbeit. der Weg zur Arbeit schon lange uninteressant. gestern hast du dort ein Hochhaus entdeckt, in der Ferne.
ein guter Zuhörer. „Kaufrausch nennt man das“ (Freundin habe in einem billigen Schmuckgeschäft fast 500€ ausgegeben, obwohl sie geringverdienende Alleinerzieherin sei.)

die Hand ist im Ärmelknäuel gefangen, im Ärmelkanal, im Ärmel, sie kommt einfach nicht mehr raus aus der engen Wärme. der Fleck auf der Brille geht ebenfalls nicht weg. der Druck unverändert undefinierbar.

zur Stunde als ich vom Sofa Abschied nahm war ich noch glücklich gewesen.“ dieser Satz taucht auf im Kopf, als Erinnerung. diese Erinnerung beschwört den kalten Wind herbei. dieser kalte Wind regt die Tränenflüssigkeit an. diese Tränenflüssigkeit, angeregt durch den kalten Wind, heraufbeschwört durch die Erinnerung, lässt ein Gefühl von Wehmut entstehen.

Müdigkeit, Planlosigkeit, ein Text über Migräne, herausgebrochen aus einem Alltag, der aktuell ein bisserl in der Luft hängt. herausgefallen aus der Zeit und zwischen die Fugen, herausgebrochen aus dem Alltag, aus der Luft, aber nur der Text, und nichtmal der ganze.
man muss sich das so vorstellen:
Angst ist etwas Kurioses. vor einer Spinne am Klo hast du nur Angst am Tag, nicht in der müden Nacht.
nein, man muss sich das anders vorstellen:
dieser Text handelt von einer Figur, die erfunden wird, frei erfunden, aber sofort nach dem Erscheinungstermin verklagt (der Text, nicht die Figur, die arme Figur kann ja nichts dafür!), weil sie eben, so frei erfunden sie auch sein mag, real existiert und nie ihr Einverständnis gegeben hat, dieses reale Äquivalent dieser fiktiven Figur klagt den Text auf Urheberrechtsverletzung, das muss man sich mal vorstellen!
also eigentlich sollte man sich etwas ganz anderes vorstellen, eigentlich sollte man sich vorstellen wie ein Alltag in der Luft hängt, ein bisserl schief, nicht aus den Fugen oder aus der Zeit, aber ein bisserl aus der Bahn geworfen, ein bisserl an der falschen Stelle, ein bisserl unverändert undefinierbar falsch hängt dieser Alltag so in der Luft rum, hast du dir das vorstellen können, diesen Alltag, wie einen seltsamen Luftballon, der nicht mehr fliegen kann, aber auch nicht mehr sinken, der nicht strauchelt, sondern vielleicht gefangen ist in einem Baumgeäst, nur gibt es halt keine Äste und keinen Baum, schon gar nicht gibt es einen Luftballon, es gibt nur einen Alltag, der in der Luft hängt, ein bisserl, und dieser Alltag, der ein bisserl in der Luft hängt, ist stolzer Besitzer eines Textes, eines außergewöhnlichen Textes, der nicht so recht reinpassen will in den Alltag, der da in der Luft rumhängt, denn es ist kein alltäglicher Text, es ist kein Alltagstext, kein Text, der sich brav in den in der Luft hängenden Alltag integrieren ließe, du musst dir das in etwa so vorstellen wie eine Uhr am Fußgelenk, eine Armbanduhr am Fußgelenk, am Fuß eines vom Baumgeäst baumelnden Menschen (ob der baumelt mit der Schnur um seinen Nacken oder baumelt mit dem Griff in seinen Händen ist egal, Hauptsache, er baumelt, baumelt vom Baumgeäst), diese Uhr ist der Text, und der Mensch ist der Alltag, der Baum ist die Luft, der Baum ist offensichtlich wieder einmal die Luft, vielleicht lässt du den Menschen lieber von einer Stange baumeln, von einer Teppichklopfstange wie sie ganz früher in den Höfen zum Teppichausklopfen gestangen sind und wie sie früher von Kindern zum Draufrumkraxeln verwendet wurden, und wie es sie jetzt nicht mehr gibt, diese Stangen, in den Höfen, an denen die Menschen baumeln wie Alltage die hängen, in der Luft, an deren Fußgelenken Armbanduhren, aus ihnen herausgebrochene Textteile, so, genau so, muss man sich das vorstellen.

du bist routiniert geworden, plötzlich bist du routiniert geworden.

du bist routiniert geworden, plötzlich bist du routiniert geworden.

die Morgen sind das Schlimmste, die Morgen sind geprägt von mindestens drei am Vorabend gestellten Weckern, von Dunkelheit vor den Fenstern (hinter den Fenstern), auch, wenn der Vorhang aufgezogen ist, die Morgen sind geprägt von der Angst vor dem Morgen, von dem Wissen, dass er nicht anders wird. die Morgen im Winter sind geprägt von Kälte, die Morgen im Sommer von milder Hitze, alle dazwischenliegenden Morgen bilden einen leichten Übergang, sodass schlussendlich sogar die Jahreszeiten verschwimmen.

die Mittage sind geprägt von Hunger, von entweder schon im Voraus gestilltem Hunger, von erwürgtem Hunger, bevor der überhaupt die geringste Chance hat, auf sich aufmerksam zu machen, oder von die Erinnerung zündendem Hunger, von der Art Hunger, die deinem Kopf sagt, du hast Hunger, und deinen Muskeln befehlen kann, etwas dagegen zu unternehmen, manchmal sind die Mittage aber auch geprägt von unstillbarem Hunger, von einem guten oder schlechten Gefühl im Magen, von einem knurrenden Schnurren, von der verstärkten Aufnahmefähigkeit der Nase, von der plötzlichen Liebe zu jeglicher Art von Essen, selbst zu den Gerichten, von denen du weißt, dass sie dir eigentlich nicht schmecken.

die Abende sind entweder ganz leise oder ganz laut, entweder mit heißen Tränen oder kaltem Alkohol beträufelt, die Abende sind der produktivste Teil deiner Tage, sind eine Zeit der Reflexion, eine Zeit der Freude, sind die Zeit, in der alles möglich ist, ob dieses alles nun bedeutet, dass ein Embryo verloren in einer Ecke sitzt und nicht einschlafen kann, oder dass ein aufgelöster Körper die Gliedmaßen von sich schmeißt und sich dazu entscheidet, an überhaupt nichts zu denken.

die Nächte liegen zwischen den Abenden und den Morgen, und je nach vergangener, zukünftiger, gegenwärtiger Okkupation ist das die überhaupt Beste oder Schlimmste Zeit des Tages, der Absolute Tiefpunkt, das absolute Highlight, ob in der Realität oder im Traum spielt hier keine Rolle.

ein Stück literaturlose Zeit

Literatur auf Zeitdruck, das ist wie ein Marathon aus dem Stand. die Definition einer Schreibblockade lautet: „Literatur auf Zeitdruck“.

Literatur ohne Zeitdruck, das funktioniert nicht. Literatur ohne Zeitdruck wäre wie ein Salzfass ohne Reiskörner.

Literatur auf Zeitdruck bewirkt nur, dass du der Sanduhr dabei zusiehst, wie sie sich immer mehr in ein großes Ganzes verwandelt, dass dir plötzlich bewusst wird, dass Glas Sand ist und Sand Glas, dass eine Sanduhr nicht mehr eine Sanduhr sein könnte als ein Stück Holz ein Stück Holz ist.

Literatur ohne Zeitdruck wird einfach nie fertig. Literatur ohne Zeitdruck bleibt weniger als ein Fragment.

Literatur auf Zeitdruck evoziert das Bild von einem Fluss in deinem Kopf, ein Fluss, muss nicht lang sein, darf auch klein sein, auf dem ein Motorboot dahinrast, das kann auch fiktiv sein, also unter Umständen ultra winzig, aber in Relation sollte es passen zur Größe des Flusses, also es darf ruhig auch so groß sein wie ein Kreuzfahrtschiff, oder noch größer, und selbstverständlich ist es wandelbar. dieses Motorboot rast also dahin, gegen den Strom, es kommt aus dem Nichts (also es kommt aus dem Meer, aber das ist unwichtig, das Bild beginnt nicht am Anfang oder Ende des Flusses, das Bild beginnt irgendwo) und es rast auf die Quelle zu, als hinge sein Leben davon ab. natürlich wird es gesteuert, muss irgendjemand drin sein, um es zu steuern, aber ob Mensch, außerirdischer Mensch oder tierischer Mensch, das ist egal. (meinetwegen kann es auch von einer Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses gesteuert werden, das ist nicht die Hauptsache des Bildes, aber das wäre deine Aufgabe, das Bild innerhalb des Bildes realistisch zu gestalten.) plötzlich, unvermittelt, erreicht das Motorboot die Quelle und wer auch immer es lenkt, was auch immer es lenkt, bleibt stehen, gezwungenermaßen. (und treibt nicht zurück. diese Form der Realität ist ausdrücklich ausgeschlossen von diesem Bild!) da steht also ein einsam verlassenes Motorboot an der Flussquelle, hoch oben an einem Berg vermutlich, wahrscheinlich kann man es gar nicht mehr Fluss nennen, worauf es steht, sondern eher Bächlein, aber dieses Vokabular tut nichts zur Sache, es geht hier nicht um Semantik, es geht um das Bild. die Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses blickt um sich. (oder ein anderes menschliches Tier oder ein anderer menschlicher Außerirdischer oder einfach nur ein banaler Mensch, vielleicht auch einfach nur du.) links, rechts, links, rechts, nach hinten, nach vorne, rechts, links, rechts, links, blickt also im Kreis umher, verwirrt vielleicht, panisch, unter Umständen, ahnungslos, in jedem Fall. und das ist es, dieses Bild, das ist Literatur auf Zeitdruck, als Gemälde.

Literatur ohne Zeitdruck wäre hingegen einfach eine Leiche, die, noch von Lebenszeiten her sonnenverbrannt, langsam auf einer Luftmatratze am Meer treibt, das Cocktailglas am Bauch, was einen schönen weißen Fleck um den Nabel herum gibt. Literatur ohne Zeitdruck wären auch die Haie darunter, die sich durch das ständige Kreisen bereits selbst hypnotisiert haben.

Literatur auf Zeitdruck kann personifiziert werden durch die unangenehme Geschäftsmail, die schon seit Tagen ausständig ist und jetzt einfach abgeschickt werden muss, weil nach dem dringend überfälligen Klogang stehen so viel wichtigere Dinge an, an denen es zu Arbeiten gilt.

Literatur ohne Zeitdruck wird durch zwei große Wände voller Bücher repräsentiert, und einer Frau, die mit einem Kuchen durch die Türe tanzt, „2 Jahre Schreibblockade“ steht da drauf.

Literatur auf Zeitdruck lässt keinen Raum für Qualitätschecks und Wortwiederholungsausbesserungen, das ist das Schöne daran.

Literatur ohne Zeitdruck hat dafür vielleicht das Glück, in ein paar Jahren ganze Schulklassen tyrannisieren zu dürfen mit der Definition von „Fragment“.

„kratz, kratz!“ „wer ist da?“

das Wegkratzen von einem Juckreiz, das““ ist entweder pures Glück oder pure Verzweiflung. pures Glück, wenn du richtig darin aufgehst, eins wirst mit dem Gefühl, mit der Befriedigung. pure Verzweiflung, wenn der Juckreiz sich nicht stillen lässt, wenn er weiterhin besteht oder an einer anderen Stelle auftaucht oder, was am schlimmsten ist, beides gleichzeitig. das schlimmste kommt am Häufigsten vor, es resultiert in Twister mit dem eigenen Körper. irgendwann hast du dann einfach genug, wie du von allem einfach irgendwann genug hast, und dann hörst du auf, bist natürlich schon längst überkratzt, aber gibst einfach auf, dich geschlagen, schüttest nicht noch mehr Salz in die Wunde. die Haut ist rot, sie brennt. die empfindliche Haut schmerzt nach, lenkt deine Aufmerksamkeit auf sich, wieso willst du nicht von vorne anfangen, weiterkratzen, aber du bleibst stark. bleibst stark bis sich auf deinem Kopf, an deinem Haaransatz, du könntest nicht sagen wo, aber wenn du hingreifen würdest, du könntest hingreifen und hättest ihn in einer Millisekunde sofort richtig erfasst, vielleicht ist er von deinem Kopf auf deine Nase gewandert oder auf dein Ohr, vielleicht war er nie in der oberen Hälfte deines Körpers, du wirst deine Finger deinem Bein nähern müssen, früher oder später, außer du bist lang genug stark genug, aber das Knie, das Knie, der Stoff deiner Hose auf dem Knie –

du atmest tief ein, holst lange Luft und nimmst dir Zeit beim ausatmen, während dieser glücklichen Momente sind deine Zellen in einen Sekundenschlaf gefallen, ebenfalls glücklich, ebenfalls ruhig, allerdings dürften sie leider Alpträume gehabt haben, denn nun klopft es ganz fest, ganz hart, ganz penetrant, deine Finger zucken, deine Finger wollen sich wehren, deine Finger wollen das Klopfen unterbinden, wollen den Raben eigenhändig erwürgen, mit nur einer Hand, ihm aber gleichzeitig die Federn ausreißen, mit der anderen Hand, der Rabe soll richtig leiden, der Rabe soll sein rabenschwarzes Gefieder auf dich niederregnen lassen wie einen sich frisch aufbäumenden Leichensack im Fernsehen.
deine Gedanken können jetzt nicht wandern, deine Gedanken sind bereits fixiert, deine Gedanken beißen deine Zähne zusammen, deine Gedanken erfüllen sich mit Hass, das Wunde der aufgekratzten Hautstelle ist verschwunden, wahrscheinlich ist sie auch nicht mehr rot, aber was machte das für einen Unterschied, darum geht es ja schon längst nicht mehr. es geht darum, dass Rabenschnäbel schärfer sind als Menschennägel.

ein Wochenende

ein gutes Wochenende, ein schlechtes Wochenende.
ein produktives Wochenende, ein faules Wochenende.
ein geliebtes Wochenende, ein verhasstes Wochenende.
ein Wochenende voller Inspiration, ein Wochenende ohne Produktion.
kurz: ein ambivalentes Wochenende.

dies ist ein Platzhalter für einen nie geschriebenen Text. dies ist ein Platzhalter für die Ewigkeit.

ein nackter Charakter im Internet vermischt sich mit einer bekleideten Person in der Realität. heraus kommt kurzzeitige Verwirrung. ein nackterer Charakter im Internet legt sich über einen nackten Charakter im Internet. heraus kommt längere Verwirrung. eine große rote Hand vereinnahmt das Bücherregal, beides real. heraus kommt eine neue Angst vor Träumen. die alte Schreibliebe kämpft mit der neuen To-Do-Liste. heraus kommt ein bekanntes Dilemma. Faulheit paart sich mit Gleichgültigkeit. heraus kommt etwas, das man wohl Arbeit schimpfen könnte.

du wirst dieses magische Wochenende heute schon vergessen haben. du wirst der Magie müde werden. du wirst der Magie überdrüssig werden. du wirst die Magie schon gestern nicht mehr finden, wo du sie damals erst entdeckt hast. du wirst dieses magische Wochenende heute schon vergessen haben.

du imaginierst eine Welt, in der es verboten wäre, sich Negativmantras auf die Stirn tätowieren zu lassen, oder sonstwohin. du korrigierst dich sofort und imaginierst eine Welt, in der Pflicht wäre, sich, wenn, Negativmantras tätowieren zu lassen, gut sichtbar was sowohl Größe als auch Platzierung betrifft.

du wirst es nie schaffen. du kannst es niemals schaffen. du wirst es nie schaffen. du kannst es niemals schaffen. du wirst es nie schaffen.


du fragst dich, ob der Rücken als Ort akzeptabel wäre.

Arbeitstitel: Arbeitstitel

du schließt die Augen, du öffnest die Augen, du schließt die Augen, du lässt die Augen geschlossen, du bewegst dich weiter, mit geschlossenen Augen, du öffnest sie nicht.

du hast Angst deinen Mund zu öffnen, wenn du deinen Mund öffnen wirst, wenn du ihn jetzt öffnen wirst, wirst du ihn lange Zeit nicht mehr schließen können, du wirst Luft speiben oder Kotze, du wirst das Risiko nicht eingehen, Mund und Augen bleiben zu, wie jede Tür es sein sollte.

Mund und Augen bleiben zu wenn schon die Tür in deinem Kopf unbedingt aufgehen musste, das ist jetzt der Preis, den du für deine Neugierde bezahlst.

vor der schwarzen Leinwand deiner Augen flimmern Lichtflecken umher, grüne, weiße, farblose, unförmige. sie verschwinden nicht, wie sehr du deine Lider auch zusammenkneifst, sie intensivieren sich nur, wie sehr du deine Lider auch auseinanderziehst ohne sie wirklich zu öffnen.

es beginnt sich aufzustauen, in deinem Magen, in deiner Lunge, in deinem Hals, in deinem Mund, bald bist du ganz voll, bald wirst du platzen.

du siehst die Buchstaben vor deinem inneren Auge, dein inneres Auge hört erst auf zu sehen wenn du es erstichst, und du weißt leider noch nicht, wie.

es hat den Mund gefüllt und will hinaus, aber du schüttelst den Kopf, schüttelst deinen blinden Kopf und legst ihn in den Nacken und nickst und legst ihn in den Nacken, im Versuch es hinunterzuschlucken, aber es geht nicht.

selbst wenn die Leinwand völlig dunkel ist kannst du Konturen von Schatten, von Lichtern, in der Ferne erkennen.

du könntest den Mund öffnen, – aber nein.

du senkst den Kopf an die Brust. vielleicht schläft dein Drittes Auge so ein und schließt sich im Schlaf und du musst es gar nicht erstechen.

die Schatten hinter der Dunkelheit bilden keine Buchstaben mehr. die Schatten hinter der Dunkelheit sind leer.

du legst deinen Kopf nieder, bettest ihn auf Schmerz, Gesicht nach unten. die Finger verfangen sich in den Haaren. die Dunkelheit siegt. die Übelkeit bleibt. du nimmst deinen Kopf in die Hände und kratzt dir die Haut auf und Augen und Mund bleiben geschlossen.

hinter dem Vorhang deiner Lider siehst du keine Konturen mehr, nur noch flimmernde Dunkelheit, durchzogen von Nichts.

dein Kopf tut nicht genug weh. du beißt die Zähne zusammen um den Mund nicht öffnen zu müssen (was würde passieren, wenn du es tätest?) und du hebst deinen Kopf, senkst deinen Kopf, das Licht ist zu grell, es schmerzt deine blinden Augen.

blind und stumm rollst du dich ein um alles vorbeiziehen zu lassen. stumm und blind verlangsamst du deinen Atem. den Kopf drückst du nach unten, das Gesicht in den Schmerz.