Hautmenschendecke

immer wenn du dir ein Stück Haut abbeißt, lächelst du dabei, selbst wenn du gerade weinst. innerste Zufriedenheit geht nicht ohne Lächeln. es muss kein äußerliches Lächeln sein, es kann auch nur ganz tief drinnen ganz wenig sichtbar sein, aber das ändert nichts an seiner Existenz. auch die darauffolgende Reue, der Schmerz, der alles verpatzt (aber tut er das denn überhaupt?) kann nicht mehr an dieser Zufriedenheit rütteln.
ein Stück Haut zwischen den Zähnen oder ein gestillter Juckreiz, das sind die schönsten Dinge im Leben, und Schlaf. Schlaf ist überhaupt die Königsdisziplin.

wahrscheinlich ist dir der Gedanke beim Hautabbeißen gekommen. der Gedanke der fleischlichen Decke. (nein, keine Orgie. wenn es eine Orgie wäre, wäre es eine lebhafte Massagedecke mit eigenem Willen, die sich viel zu oft und viel zu schnell unter die Bedeckten wirft.) der Vergleich ist wie dieser Juckreiz, der sich nicht stillen lässt und im Gegenteil, immer wieder auftaucht, an derselben Stelle oder woanders. auch mehr Hände helfen da nichts.

für jedes Stück Haut, das du abbeißt, kannst du deine eigene Frankenstein-Decke mehr und mehr vervollständigen. (die Schauer-Assoziation würde nie von dir selbst stammen, natürlich nicht, keineswegs, niemals, ja, ich weiß, aber andere Menschen haben nun einmal andere Normen, andere Menschen halten nun einmal weniger aus. andere Menschen sind halt einfach komisch.) jedes abgebissene Stück Haut wird in deinem eigenen Hautmenschen einen Platz gefunden haben, und er wird hübsch anzusehen sein, dein Hautmensch, deine Decke, zumindest von innen. (du fürchtest dich nicht vor Hässlichkeit. maximal hast du ein kleines bisserl Respekt vor deiner eigenen hässlichen Seele. aber beim Hautmensch zählt sowieso nicht das Äußere, und zwar hier wirklich nicht, ungelogen, pinky swear hoch unendlich!) aufs Innere kommt es da auch an, nicht aufs Äußere, das Äußere ist gelungen, sobald es weitgehend einem Menschen ähnelt, irgendeinem. das Innere muss warm sein. unter der Decke muss es warm sein.

Einstiegsmöglichkeiten wird es genügend geben, in deinen Hautmensch, unter die Decke deiner Hautmenschendecke, die weniger eine Decke ist als ein Mensch als Decke, aber halt nur seine Haut, seine dünnen Hautschichten. (du willst schließlich nicht zerquetscht werden von deinem Hautmenschen. denn so viele abgebissene Hautfetzerln wie sich schon angesammelt haben wird dein Hautmensch sicher nicht klein, es wird sicher kein Baby – das würde sich auch rein realistisch gesehen nicht ausgehen. du bist auch kein Baby mehr, was brächte dir also eine Hautmenschendecke die nur so klein wäre wie ein Baby. aber zerquetscht und erdrückt und luftabgeschnürt willst du keinesfalls werden, von deinem Hautmenschen, das wäre kontraproduktiv.)

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von bunten Blumen, vibrierenden Köpfen und müden Unmöglichkeiten

es vibriert schön, wenn du dir die Hände an den Kopf schlägst, die Innenseiten der Handgelenke. der Tisch vibriert oder Gegenstände auf dem Tisch vibrieren oder es vibriert in deinem Kopf. allein für dieses dumpfe Geräusch würde es sich auszahlen, fortzufahren, ewig fortzufahren, bis endlich Schmerz kommt, bis endlich Blut kommt, bis endlich deine Haut Stacheln bekommt und Blut leckt, aber es geschieht einfach nicht. die Vibration bleibt, wenigstens die Vibration bleibt. die Körner in deinen Augen kannst du noch sooft wegwischen, sie bleiben, sie vermehren sich. die blockierende Leere in deinem Kopf kannst du noch so oft auskotzen, sie bleibt, sie breitet sich aus.

du bist müde genug darüber nachzudenken, aber nicht müde genug um es durchzuziehen. mit einem Wort du bist feig. du bist feig und faul und müde, aber müde bist du immer, müde sein zählt nicht mehr. genauso wie lebendig sein irgendwann nicht mehr zählt. als Baby ist es noch ein Wunder, ein Wunder, das wundersame Wunder des menschlichen Lebens, aber bald ist es gegeben und gesetzt und normal, nichts Besonderes mehr. lebendig sein zählt nur im Kontrast, nur wenn man plötzlich stirbt ist das ein Wunder, ein Negativwunder, das sind Leute, die (viel) zu früh gestorben sind, also eigentlich eh alle, außer Suizidenten, bei denen ist es umgekehrt.

Müdigkeit zählt nicht mehr für dich, Müdigkeit ist lang passé, diese sogenannte Müdigkeit ist dein Dauerzustand geworden, du kämpfst nicht einmal mehr dagegen an. der Kopf immer schwer, die Augen immer klein, die Lider immer zusammengekniffen, die Gedanken immer wirr. (zugegeben, das waren sie auch schon davor.) – wenn ich total müde wäre denkst du, langsam (die Müdigkeit macht alles langsamer, außer der Zeit), dann würde ich das jetzt einfach machen. du gehst am Blumengeschäft vorbei und starrst es währenddessen an. niemand achtet auf mich, aber wenn sie auf mich achten würden, sie hielten mich für verrückt. täten sie natürlich nicht. die Blumen sind bunt, und du würdest so gerne, wie gerne würdest du dir nicht einen wunderschönen Strauß kaufen, am besten einen selbstgemachten, also von professionellen Floristen zusammengestellten Strauß kaufen, koste er was er wolle, und dann rausgehen and straight to the trash. einfach reinschmeißen, ohne Drama, ohne Schauspiel, ohne vorgeschobenen Grund, einfach in den Mistkübel stopfen, von selbst ginge es wohl nicht, der Strauß hätte ja doch einen recht großen Kopf, das gehört sich so. wenn der Mistkübel nicht hier stehen würde wärst du nie auf diesen Gedanken gekommen. aber der Mistkübel steht hier und du bist müde und deswegen ist der Gedanke da und du besessen von ihm. ich schau einfach, dass ich in den nächsten Tagen totale Müdigkeit erfahre, dann mache ich das und warte Reaktionen ab. Reaktionen würde es kaum geben.

totale Müdigkeit, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. totale Müdigkeit ist nicht einfach.

Ärmelknäuel, Migräne, Müdigkeit

Müdigkeit, totale Müdigkeit, das ist der Anklang eines sich anbahnenden Kopfschmerzes, und schwere Augenlider. Müdigkeit, das ist die pure Faulheit, ins Extreme vervielfältigt, und schwere Glieder überall, mit wahlweise einem unerklärlichen Bewegungsdrang (Beinzuckung, Zehenzuckung, Fingerverstümmelung), oder fehlplatzierter sexueller Erregung, oder dem sicheren Wissen, jede Minute einzuschlafen.

Müdigkeit ist totale Willenlosigkeit, Müdigkeit ist Schmerzverstärkung, Müdigkeit ist unangenehmes Kälteempfinden. Müdigkeit heißt falsche Prioritäten setzen. Müdigkeit ist eine einzige Ausrede.

dieser Text über Migräne ist kein Text über Migräne. der Druck den ich verspüre ist kein Druck im Kopf, kein Druck von Außen, kein Stress-Druck, kein Erwartungs-Druck, kein physikalischer Druck, kein Wasser-Druck, kein Luft-Druck.

der Magen knurrt am Weg zur Arbeit. der Weg zur Arbeit schon lange uninteressant. gestern hast du dort ein Hochhaus entdeckt, in der Ferne.
ein guter Zuhörer. „Kaufrausch nennt man das“ (Freundin habe in einem billigen Schmuckgeschäft fast 500€ ausgegeben, obwohl sie geringverdienende Alleinerzieherin sei.)

die Hand ist im Ärmelknäuel gefangen, im Ärmelkanal, im Ärmel, sie kommt einfach nicht mehr raus aus der engen Wärme. der Fleck auf der Brille geht ebenfalls nicht weg. der Druck unverändert undefinierbar.

zur Stunde als ich vom Sofa Abschied nahm war ich noch glücklich gewesen.“ dieser Satz taucht auf im Kopf, als Erinnerung. diese Erinnerung beschwört den kalten Wind herbei. dieser kalte Wind regt die Tränenflüssigkeit an. diese Tränenflüssigkeit, angeregt durch den kalten Wind, heraufbeschwört durch die Erinnerung, lässt ein Gefühl von Wehmut entstehen.

Müdigkeit, Planlosigkeit, ein Text über Migräne, herausgebrochen aus einem Alltag, der aktuell ein bisserl in der Luft hängt. herausgefallen aus der Zeit und zwischen die Fugen, herausgebrochen aus dem Alltag, aus der Luft, aber nur der Text, und nichtmal der ganze.
man muss sich das so vorstellen:
Angst ist etwas Kurioses. vor einer Spinne am Klo hast du nur Angst am Tag, nicht in der müden Nacht.
nein, man muss sich das anders vorstellen:
dieser Text handelt von einer Figur, die erfunden wird, frei erfunden, aber sofort nach dem Erscheinungstermin verklagt (der Text, nicht die Figur, die arme Figur kann ja nichts dafür!), weil sie eben, so frei erfunden sie auch sein mag, real existiert und nie ihr Einverständnis gegeben hat, dieses reale Äquivalent dieser fiktiven Figur klagt den Text auf Urheberrechtsverletzung, das muss man sich mal vorstellen!
also eigentlich sollte man sich etwas ganz anderes vorstellen, eigentlich sollte man sich vorstellen wie ein Alltag in der Luft hängt, ein bisserl schief, nicht aus den Fugen oder aus der Zeit, aber ein bisserl aus der Bahn geworfen, ein bisserl an der falschen Stelle, ein bisserl unverändert undefinierbar falsch hängt dieser Alltag so in der Luft rum, hast du dir das vorstellen können, diesen Alltag, wie einen seltsamen Luftballon, der nicht mehr fliegen kann, aber auch nicht mehr sinken, der nicht strauchelt, sondern vielleicht gefangen ist in einem Baumgeäst, nur gibt es halt keine Äste und keinen Baum, schon gar nicht gibt es einen Luftballon, es gibt nur einen Alltag, der in der Luft hängt, ein bisserl, und dieser Alltag, der ein bisserl in der Luft hängt, ist stolzer Besitzer eines Textes, eines außergewöhnlichen Textes, der nicht so recht reinpassen will in den Alltag, der da in der Luft rumhängt, denn es ist kein alltäglicher Text, es ist kein Alltagstext, kein Text, der sich brav in den in der Luft hängenden Alltag integrieren ließe, du musst dir das in etwa so vorstellen wie eine Uhr am Fußgelenk, eine Armbanduhr am Fußgelenk, am Fuß eines vom Baumgeäst baumelnden Menschen (ob der baumelt mit der Schnur um seinen Nacken oder baumelt mit dem Griff in seinen Händen ist egal, Hauptsache, er baumelt, baumelt vom Baumgeäst), diese Uhr ist der Text, und der Mensch ist der Alltag, der Baum ist die Luft, der Baum ist offensichtlich wieder einmal die Luft, vielleicht lässt du den Menschen lieber von einer Stange baumeln, von einer Teppichklopfstange wie sie ganz früher in den Höfen zum Teppichausklopfen gestangen sind und wie sie früher von Kindern zum Draufrumkraxeln verwendet wurden, und wie es sie jetzt nicht mehr gibt, diese Stangen, in den Höfen, an denen die Menschen baumeln wie Alltage die hängen, in der Luft, an deren Fußgelenken Armbanduhren, aus ihnen herausgebrochene Textteile, so, genau so, muss man sich das vorstellen.

gewesener Arbeitstitel: drei bis dreiunddreißig

sein: aus Aggression heraus einen Zug verfolgen, vom einen Ende des Bahnsteigs zum anderen Ende des Bahnsteigs rennen, wütend mit der Faust drohen, hochrot im Gesicht werden, vielleicht sogar runter springen auf die Gleise, beide Fäuste erhoben, aber sonst nicht in Bewegung, sonst still dastehend, aus den Augen schießen Blitze, auf den Kopf schießt ein Blitz, die Fäuste fallen.

wiez: ein Mann in blauem Bademantel sitzt hinten auf der Ladefläche eines offenen LKWs auf einem Rastplatz, es ist Abend, er isst sein Abendbrot, er isst Brot zu Abend, Brot mit Aufstrich, vielleicht Butter, vielleicht ein Käseaufstrich, vielleicht Liptauer, vielleicht Avocado, vielleicht ist er Veganer, vielleicht ist es Vollkornbrot, wenn er eine basische Diät macht müsste er Schlagobers streichen, Schlagobers auf Schwarzbrot.

erdi: jede Wohnung mit Friedhofsblick steht einem Friedhof mit Wohnungsblick gegenüber, beides ist nicht sonderlich begehrt, Wohnungen mit Friedhofsblick werden hauptsächlich von morbid veranlagten Menschen aufgesucht, von Möchtegern-Nekrophilen, und die Toten am Friedhof haben sicherlich auch besseres zu tun als Nacht ein, Tag aus, auf die immerselben hell erleuchteten oder absichtsvoll verdunkelten Fensterscheiben zu starren, die Sexlaute voller schlechtem Gewissen sich anhören zu müssen, die vom Boden hängenden Köpfe zu zählen – wieder einer weniger, wie wird wohl der nächste sein?

vrie: ich kenne einen Menschen, der an Büchern nur liest, was im jeweiligen Jahr erschienen ist, es ist ein nervtötender Mensch, mehr als alle anderen lesenden Menschen will er allen immer Empfehlungen geben, aber mit Nachdruck, mit Zeitdruck, mit Worten wie „das beste Buch des Jahres hast du noch nicht gelesen?“ oder Vorwürfen wie „nächstes Jahr ist es nicht mehr aktuell!“, für so einen Menschen muss man Jakov Lind neu auflegen, jedes Jahr.

Beulen

eigentlich hätte ich dir auch Honig mitbringen wollen. aber dann hab ich ihn doch nicht genommen“, das sagt ein gebender Mensch zu einem nehmenden Menschen, ein Sackerl überreichend. es gibt eine Umarmung und Glückwünsche, Busserl rechts, Busserl links, Busserl rechts. sie setzen sich wieder.

du weißt doch, dass ich keinen Honig esse. außerdem wäre das Eulen nach Athen zu tragen“, so der genommene Mensch zu dem gegebenen Menschen. der gegebene Mensch, jetzt gabenlos, nickt oder lacht auch.

wieso denn das?“ es schaltet sich ein dritter Mensch dazwischen, ein außenstehender, ein danebenstehender Außenseiter. die ersten beiden blicken ihn an und nehmen seinen Einschub zur Kenntnis. sie tragen ihm das Lauschen offenbar nicht nach.

ich betreibe eine Imkerei“, gesteht der genommene Mensch, der beglückwünschte.*

aber der Außenstehende muss den Witz zerstören, indem er erklärt, dass „Eulen nach Athen tragen“ auf spanisch „vender miel al colmenero“ heißt, also „dem Imker Honig verkaufen“.

*die Autorin wäre mit diesem Ende sehr zufrieden gewesen, aber der Vollständigkeit halber fühlt sie sich verpflichtet, die ganze ihr zugetragene Geschichte zu Ende zu führen.

ein Abendbucheintrag

ein unsympathischer halber Nachbar, oder eigentlich, ein unsympathischer dreifacher Nachbar, doppelter Nachbar, vielleicht. nette Nachbarinnen. neutrale Nachbarinnen. Sternstunden des Buchdesigns, Sternstunden des Konsums, Sternstunden des Verkaufs. (ein verkauftes Buch.) zwei verkaufte Bücher? eine Visitenkarte, freiwillig, eine andere Visitenkarte, praktisch. eine Autorin, die sich zum Glück als solche selbst geoutet hat. ein Wein, mit einem rosa Sticker. kein Prozentgehalt. kein Impressum. keine Details. ein rosa Sticker mit weißer Schrift.

ein Dessert. kein Fleisch. Feigheit. ein Versäumnis von früher. kein Versäumnis für später? keine geplante Bekanntschaft. eine ungeplante Bekanntschaft, aber diese auch ungesehen. vorbeiziehende Menschenmengen, wellenförmige Andränge, bei allem und jedem. Transkriptionen. Bücher, Bücher, Nicht-Bücher, Bücher. eine sehr hohe Decke. eine Berühmtheit, live, wirklich live, endlich wieder etwas wirklich live! live verstohlen angeschaut und halb hingegangen, nicht zu nah. live wurde weggegangen, aus allen Blickfeldern heraus.

ein uneingelöstes Versprechen.* Neugierde, starke Neugierde. und Unbill. ein neues, altes, schönes Wort. ein ungelöstes Fragezeichen. ein Schlückchen Wein, gut, drei Schluck, sechs, aber ohne Sex, und ein, zwei Schluck vergossen, in ein Glas, auf Anfrage. (von K., die noch mit der U-Bahn heimgefahren ist.) Flasche heim. alles was gratis ist, ist gut. in der Luft wackelnde Füße. Becher auch heim. dort hätte es ja sowieso keinen Kühlschrank gegeben.

verstohlene Bücherdiebe. der geheime Wunsch, selbst Bücherdiebin zu werden, unehrlich zu sein, etwas mitzunehmen, einfach so. genug Menschen, viele Blicke. ohne Menge fallen sie alle mehr auf. außerhalb der Menge sind ihre Intentionen noch schwieriger zu bestimmen. mit einer Flasche Wein im Rucksack durch die schon viel zu lange Dunkelheit. Sternstunden im Winter erhellen die Nacht. eine lange Nacht.

zwei überaus nette ungeplante Bekanntschaften, gegen Ende. drei verkaufte Bücher auf einmal! (danke an das metallene Gestirn, S und L!) zwei komische Käuze an der Nachtbusstation. einer davon angeblich ein Italiener, dessen Akzent aber zu sehr nach Deutschland klingt. geteilter Wein, mit den erfreulichen Bekanntschaften, nicht mit den komischen Käuzen. komische angetrunkene Käuze machen misstrauisch.* auf ex. die unglasigen Gläser wie immer nur marginal gefüllt. die Bäuche erfüllt mit Wärme, mit Hunger, aber auch mit Wärme. kleine Abenteuer sind die wertvollsten. auch im Keim erstickte Freundschaften sind eine Erinnerung wert.

anfängliche Unsicherheit. schlussendliche Liebe. (klein, aber fein, dieses Messchen!) unbefriedigte Triebe. *klischeehaft, aber wahr.

ein altes Spiel

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

das Bild verschwimmt, die Wahrnehmung, während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst, rufst du dir den Unterschied zwischen sehen und wahrnehmen in Erinnerung, zwischen bemerken und schauen, zwischen Augen und Kopf,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

machst dir Gedanken darüber, was die Reaktionen sein könnten, wie man aufnehmen wird, was du schreibst, was du über das Geschriebene schreibst,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

denkst du keine Sekunde darüber nach, wie du Stellung beziehen würdest, zu dem Geschriebenen, über das du schreibst, zu den Worten, die vorher da waren, vor dem Verschwimmen des Bildes in deinem Kopf,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

die Farbtöne vermischen sich, die Dinge verschwinden, verschwimmen, wie in einem Film wenn das Bild unscharf wird, aber anders, anders jetzt für dich als in jedem Film,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

wünscht du dir, dass die Tränen die Konturen noch unschärfer machen, aber der Wunsch wird nicht zur Kenntnis genommen,

während du schreist, während du über das Geschriebene schreibst,

wippst du ganz leicht mit deinem Fuß, um ihn zu beruhigen, um dich in Rage zu versetzen, damit du,

während du schreist, während du schreibst über das Geschriebene,

damit du, während du schreist und schreibst und irgendwann bemerkst, dass du weder das eine noch das andere,

während du schreist, während du schreist über das Geschriebene,

wippst du immer stärker und schreibst immer mehr, die Schreie können deine Gedanken nicht aufholen, die Schreie, die du,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

nicht aus deiner Kehle presst, du würgst sie aus dem Hals, sie kommen als bunte Tränen heraus,

während du schreibst, während du schreist über das Geschriebene,

während dein Rachen weint, deine Beine zucken, während dein Kopf rebelliert, schreibst du und schreibst über das Geschriebene:

da regnet es einmal und schon sieht man zwei Köpfe im Hof rollen.
du hast sie gehört bevor du sie gesehen hast; du hast wissen wollen, woher das Geräusch kommt, das du gehört hast, bevor du nachgeschaut hast; du hast dich gefragt, ob das donnernde Grollen nur in deinem Kopf ist, bevor du gemerkt hast, dass der ganze Hof es vernimmt.
das Donnern des Himmels vermischt sich mit den grollenden, rollenden Köpfen auf dem immer dunkler werdenden Asphalt.

Kornfeldkotzerei

die Kamera bleibt die ganze Szene über im Zug, man sieht aus dem Fenster hinaus. manchmal ist die Reflexion in der Scheibe präsenter als die Außenwelt, vor allem gegen Ende hin wird der Fokus auf die Landschaft immer unschärfer, aber meistens bildet die Silhouette des Protagonisten nur ein leises Hintergrundgeräusch. das Rattern des Zuges muss zu jeder Zeit im Vordergrund stehen, vielleicht hört man zusätzlich leise Geigen oder einen Popsong. die Atmung des Protagonisten ist ausgeblendet.

der Zug beschreibt eine flache Kurve. am Beginn dieser sieht der Protagonist ein braunes Saatfeld, etwas unterhalb der Höhe der Schienen. er sitzt gegen die Fahrtrichtung und blickt aus dem Fenster zu seiner Rechten. aufgrund seiner Position nimmt er die Szene nicht gleich von Anfang an wahr, aufgrund der Fahrstrecke, die den Zug zunächst einen Teil des Feldes umfahren lässt, kann er sie jedoch länger betrachten als sein Gegenüber.

man sieht also, nachdem der Zug bereits daran vorbeifährt, einen Mann mitten im Saatfeld stehen. als nächstes fällt der Blick auf sein Auto, geparkt auf der toten Straße, die zwischen dem Feld und der Anhöhe, die zu den Schienen führt, verläuft. der Mann steht gebückt im Saatfeld, die Hände auf seinen Knien aufgestützt, den Kopf gesenkt. der Protagonist vermutet, dass er sich übergeben muss, wird aber vom sichtbaren Ausbleiben eines Würgens enttäuscht. fasziniert von diesem Bild führt er den Kopf näher an das Fenster, d.h. die Kamera liegt nun auf der Scheibe auf. der Mann im Feld richtet sich auf, und geht über die nackte Erde, weiter weg von seinem Auto, auf die andere Seite des Feldes zu. wir hören die verwirrten Gedanken des Protagonisten in unserem Kopf widerhallen, nicht, weil plötzliche eine stimmliche Audiospur eingespielt wird, sondern weil es auch unsere eigenen Gedanken sind. was macht dieser Mann? was ist geschehen? sind andere Passagiere ebenfalls Zeugen dieser kuriosen Darbietung?

der Protagonist beugt sich weiter vor, aber Bäume und zunehmende Distanz zum seltsamen Geschehen verwehren ihm die Sicht.