ge2chändet

die Zunge heilt am schnellsten, sie ist quasi unkaputtbar.
der Gaumen schmerzt schön. die Zunge schmerzt schöner. die Zunge schneidet. das Zuckerl schneidet die Zunge.
Verrat.
Versüßung des Lebens.
Verrat am Blut.
die Zunge blutet nicht.
wenn die Zunge blutet, merken sie es, wenn sie es merken, ist es unlustig.
Verbitterung der Versüßung des Lebens. wo ist das ehemals so süße leben hin?
sieben süße Minuten. die spitze schneidet und flacht nicht ab. die spitze sticht auch in die Seite. die spitze ist bitteres süß.
mit dem Hammer auf den Kopf geht ganz leicht, aber mit dem Kopf gegen den – keine Chance ohne Selbstbeherrschung.
keine Selbstbeherrschung ohne bitter.
kein bitter ohne Schmerz.
keine Zunge ohne Gaumenzuckerl.

keine Kraft. lustvoll-blutende Lippen.

Abhärtung, keine Konsistenz.
aber Konsistenz.
schneidend bitter. aber süß.

große Augen, herziges Gesicht. eine Frau vergewaltigt eine Frau mit ihrem eigenen Blick. eine Kälte fährt durch Briefmarken und Hühneraugen. ein Trommelfell platzt. kopfüber mit dem offenen Mund in die schneidende Nacht hinein, Augen zugenagelt. immer mehr Warnbänder winden sich um immer mehr Dinge, die gestern noch intakt waren. schwankende Ohren, zerrissene Eindrücke. ein Ganges mehr um den Block, um des Ganges willen. der Fluss treibt.

eine Menge nickender köpfe, die im Sekundentakt den Messern entkommen. Eisflocken als Zehen, Nägel mit Köpfen auf Tafeln, gekratzt. Nägel mit Muttern und Vattern und Kapern. Nägel ohne Rost.

Rostberg zum ertrinken. Rostberg zum ertränken.

___
ein Ei mit Mondgesicht erhebt sich aus seinen zwei Schalenhälften, steigt hinweg aus seinem zerbrochenen, schalen Vermächtnis.
///

die Zunge fängt nun auch zu bluten an.

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es ist tot und geht weg.
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ZUNGENSTEMPEL. ich breche die Säge am gebrochenen Bein des Hundes. die Säge bricht die Ohren von den Köpfen ab, ich breche die Köpfe von den Hälsen ab. abgebrochene Köpfe haben Zungenstempel, die etwas länger halten. die Zungenstempel von abgetrennten Köpfen laufen nicht so schnell davon wie die Ohren. ich stempele alle meine Briefe mit eingetrocknetem Blut. ich stempele alle meine Handküsse mit meiner Zunge. ich stempele alle meine Zungen mit bittersüßer Langsamkeit aus schneckenhauslosen Schnecken. Zungenstempel funktionieren umgekehrt am besten.

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es bekommt plötzlich Beine, ist superbakteriell verseucht.
///

wenn die Assoziationen einschlafen, helfen auch keine Zungenstempel mehr. wenn keine Zungenstempel mehr helfen, helfen nur mehr scharfe, schwarze Zähne. da hilft nur mehr Zunge an Messer, Zunge an Zahn. und Druck, viel Druck. die Schnecke in die Klinge drücken. gar nicht so leicht, für die Schnecke selbst. die Schnecke springt auf der Schneide auf und ab und bleibt trotzdem ganz. Schnecken sind keine guten Zungenstempel. Schnecken sind schleimige Sigel. Schnecken sind das Wachs, das Stempelkissen.

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es ersteigt aus seinem entzwei gebrochenen Gefängnis, bereit, die Weltherrschaft an sich zu reißen.
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ZUNGENSTEMPEL ENDE. ein Frau zieht eine andere Frau aus und in eine dunkle Gasse, mit ihren Augen. eine Frau spuckt einer anderen Frau vor die Füße und schlägt ihr ins Gesicht. mit dem Kopf einer Frau durch den Körper einer anderen Frau. radikaler Stimmungswechsel, der Himmel hellt sich plötzlich auf, Regentropfen ertönen.

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es ist zutraulich und will gegessen werden, schmiss sich dir sofort an den Mund.
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Schlangen zischen durch die Luft, winden sich um Schnecken, schneiden, schwankende Ohren. Schlangen mit zerrissenen Augen, Schlangen mit Muttern und Vattern statt Zähnen, Schlangen, sich schlängelnd um andere Frauen, die von Frauen mit ihren eigenen Blicken vergewaltigt wurden, bevor am Himmel die Metalldetektoren ertönt sind. das ewige Piepsen, ohne Ergebnis.
den Rostberg zu trinken wird es morgen schon geben. der rostige Berg den es heute schon gibt wird morgen bereits verflüssigt sein. Kupfer auf Eis, Kupfer auf Eis als Zehen, die von Zähnen – Kupfer auf Eis als Zehen, die von Schlangenzähnen, schwarz, verbissen werden.

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vielleicht ist es auch nur hohl innen und der gelbe Fleck ein kleines Stück Sonne im kalten, tristen Schnee.
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entferntes, differenziertes Gemurmel. murmeln ins leere. murmeln rollen ins Leere aus dem Mund. Mundmurmeln. leise Mundmurmeln machen sich Beine, Arme und Hühneraugen und hüpfen damit ins Leere.

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tödliche Impression

sie sitzen in einem gelben Saal mit weißen Wänden, goldenen Mustern, und 32 hohlen Nippeln, die wohl den Klang verbessern sollen.
sie sitzen und sitzen. die meisten von ihnen atmen nicht mehr. wie die alte Frau in der ersten Reihe, die atmet bestimmt nicht mehr. ihre Hand ist an ihr Gesicht gewachsen wie ein Krebsgeschwür.

(Krebsgeschwüre sind visuelle lange dünne Äste, die Menschen pieken und necken und mit einem Stupser zerstören können. Krebsgeschwüre sind schwarze feste Spinnweben, die sich verselbstständigt haben. Krebsgeschwüre drehen und wenden sich wie sie wollen, sie knicken ein wie kaputte Finger und drehen und wenden sich so schnell wie kein verkrebstes Auge schauen kann. Krebsgeschwüre sind visuelle monochrome Messerspitzen, schwarz, auf weißem Grund, die weniger wirklich schneiden als vielmehr zustechen und dich zu Boden ringen.)

ihre Hand ist an ihr Gesicht gewachsen wie so ein solches Krebsgeschwür, der „Finger“, dessen Spitze an der Nase saugt, bildet eine lange, eckige Schnur, ein großes Loch kommt dazwischen zum Vorschein, ein großes gelbes Loch mit seltsamen Winkeln. der krebsige Finger bohrt sich in ihre Nase wie ein Messer am Ende einer Bohrmaschine, er ist bereits vollkommen in sie eingedrungen, ich habe ja gesagt, die alte Frau in der ersten Reihe, die atmet bestimmt nicht mehr.

das Konzert beginnt, ein Mann sitzt auf der Seite, er trägt eine flauschige weiche große dunkle flauschige Uschanka am Kopf, auch monochrom, fast schwarz, von der Konsistenz einer großen schwarzen Vampirfledermaus, ohne Kopf, ohne Flügel, die kleinen Beinchen festgekrallt an seiner warmen Glatze. das Tier schon längst tot, der Mann, jünger als die sehr alte Dame in der ersten Reihe, aber nicht sehr viel jünger, noch lebendig, zumindest seine Augen bewegen sich, huschen von seiner Sitznachbarin zu dir und treffen deinen Blick, huschen wieder zu seiner Sitznachbarin zurück, nur um später wieder deinen Blick zu treffen, wieder wegzuhuschen, wieder zu dir zu blicken, bevor du zu ihm blickst, wegzuhuschen, zu dir zu blicken, nachdem du ihn länger angestarrt hast, wieder wegzuhuschen, aber nie bewegt er mehr als seine Augen, sein Kopf bleibt starr. (er ist manierlich und will die flauschige warme dunkle große weiche flauschige Fledermaus, getarnt als Uschanka, nicht wecken. das würde einen Troubel geben, das würde die ganze seltsame Musik zerstören. nein, er ist manierlich. von einem berühmten TV-Arzt ist schließlich auch nichts anderes zu erwarten.)

die Musiker treten ein, von hinten, also von vorne, der Applaus ist spärlich, schließlich lebt es sich nicht zahlreich in diesem Saal, schließlich verbreiten sich Krebsgeschwüre äußerst rasant, schließlich ist eine uralte Dame mit schrägverwinkelten Fingern keine gute Nahrungsquelle und ein wenig jüngere Mann mit tierischer Kopfbedeckung kein gutes Ziel. der Applaus kommt von dir, aus den Augenwinkeln kommt er auch vom Uschankaträger, aus den Ohrenwinkeln kommt er auch noch von einer Handvoll anderer Überlebenden. die Musiker mit ihren Instrumenten in den Händen, klein und groß, sperrig und leicht, sie treten ein, setzen sich auf ihre Sessel vor ihre Notenständer mit ihren Notenblättern darauf.
die Musiker stehen wieder auf.
einige Plätze werden getauscht, sie setzen sich wieder hin. Sessel werden besessen, Sessel werden verrückt, das noch lebendige Publikum wird verrückt, du lachst. ein Instrumententräger rückt seinen Sessel zurecht, alle Augen, auch die des Kollegiums, sind auf ihn gerichtet, er lässt sich Zeit, verrückt den verrückten Sessel in aller Ruhe, probiert ihn an den verschiedensten Plätzen aus im Zusammenspiel mit seiner Kleidung und seinem Instrument und dem Notenständer und dem Klang und dem ganzen übrigen Exterieur. eine Instrumententrägerin, als er endlich fertig ist, macht es ihm nach, der Instrumententräger verdreht die Augen, du lachst, bald darauf stimmt das halbe Orchester in die verrückte Sesselrückerei ein, niemand spielt auf seinem Instrument, sie alle sind nur verrückt geworden, maximalst werden ein paar Probetöne ausgestoßen oder angefidelt, um den Klang zu testen, zwischen den Verrückungen, in den Lücken der Verrückungen. die Instrumente und das Interieur des Kollegiums und das Exterieur der restlichen Umstände veranlassen immer zahlreichere und vehementere Verrückungen. du lachst, und irgendwann hörst du auch vereinzelte andere Lacher, fremde Lacher, Nachlacher, die aber allesamt seltsam und falsch klingen, seltsam falsch, und dann merkst du dass das Krebsfingergeschwürmesser an der Nase der uralten Dame in der ersten Reihe verschwunden ist, und endgültigst bleibt dir dein letzter Lacher hinter dem Adamsapfel stecken, genau dort.

die 32 hohlen Nippel an den gelben Wänden verschönern den Klang.

Ärmelknäuel, Migräne, Müdigkeit

Müdigkeit, totale Müdigkeit, das ist der Anklang eines sich anbahnenden Kopfschmerzes, und schwere Augenlider. Müdigkeit, das ist die pure Faulheit, ins Extreme vervielfältigt, und schwere Glieder überall, mit wahlweise einem unerklärlichen Bewegungsdrang (Beinzuckung, Zehenzuckung, Fingerverstümmelung), oder fehlplatzierter sexueller Erregung, oder dem sicheren Wissen, jede Minute einzuschlafen.

Müdigkeit ist totale Willenlosigkeit, Müdigkeit ist Schmerzverstärkung, Müdigkeit ist unangenehmes Kälteempfinden. Müdigkeit heißt falsche Prioritäten setzen. Müdigkeit ist eine einzige Ausrede.

dieser Text über Migräne ist kein Text über Migräne. der Druck den ich verspüre ist kein Druck im Kopf, kein Druck von Außen, kein Stress-Druck, kein Erwartungs-Druck, kein physikalischer Druck, kein Wasser-Druck, kein Luft-Druck.

der Magen knurrt am Weg zur Arbeit. der Weg zur Arbeit schon lange uninteressant. gestern hast du dort ein Hochhaus entdeckt, in der Ferne.
ein guter Zuhörer. „Kaufrausch nennt man das“ (Freundin habe in einem billigen Schmuckgeschäft fast 500€ ausgegeben, obwohl sie geringverdienende Alleinerzieherin sei.)

die Hand ist im Ärmelknäuel gefangen, im Ärmelkanal, im Ärmel, sie kommt einfach nicht mehr raus aus der engen Wärme. der Fleck auf der Brille geht ebenfalls nicht weg. der Druck unverändert undefinierbar.

zur Stunde als ich vom Sofa Abschied nahm war ich noch glücklich gewesen.“ dieser Satz taucht auf im Kopf, als Erinnerung. diese Erinnerung beschwört den kalten Wind herbei. dieser kalte Wind regt die Tränenflüssigkeit an. diese Tränenflüssigkeit, angeregt durch den kalten Wind, heraufbeschwört durch die Erinnerung, lässt ein Gefühl von Wehmut entstehen.

Müdigkeit, Planlosigkeit, ein Text über Migräne, herausgebrochen aus einem Alltag, der aktuell ein bisserl in der Luft hängt. herausgefallen aus der Zeit und zwischen die Fugen, herausgebrochen aus dem Alltag, aus der Luft, aber nur der Text, und nichtmal der ganze.
man muss sich das so vorstellen:
Angst ist etwas Kurioses. vor einer Spinne am Klo hast du nur Angst am Tag, nicht in der müden Nacht.
nein, man muss sich das anders vorstellen:
dieser Text handelt von einer Figur, die erfunden wird, frei erfunden, aber sofort nach dem Erscheinungstermin verklagt (der Text, nicht die Figur, die arme Figur kann ja nichts dafür!), weil sie eben, so frei erfunden sie auch sein mag, real existiert und nie ihr Einverständnis gegeben hat, dieses reale Äquivalent dieser fiktiven Figur klagt den Text auf Urheberrechtsverletzung, das muss man sich mal vorstellen!
also eigentlich sollte man sich etwas ganz anderes vorstellen, eigentlich sollte man sich vorstellen wie ein Alltag in der Luft hängt, ein bisserl schief, nicht aus den Fugen oder aus der Zeit, aber ein bisserl aus der Bahn geworfen, ein bisserl an der falschen Stelle, ein bisserl unverändert undefinierbar falsch hängt dieser Alltag so in der Luft rum, hast du dir das vorstellen können, diesen Alltag, wie einen seltsamen Luftballon, der nicht mehr fliegen kann, aber auch nicht mehr sinken, der nicht strauchelt, sondern vielleicht gefangen ist in einem Baumgeäst, nur gibt es halt keine Äste und keinen Baum, schon gar nicht gibt es einen Luftballon, es gibt nur einen Alltag, der in der Luft hängt, ein bisserl, und dieser Alltag, der ein bisserl in der Luft hängt, ist stolzer Besitzer eines Textes, eines außergewöhnlichen Textes, der nicht so recht reinpassen will in den Alltag, der da in der Luft rumhängt, denn es ist kein alltäglicher Text, es ist kein Alltagstext, kein Text, der sich brav in den in der Luft hängenden Alltag integrieren ließe, du musst dir das in etwa so vorstellen wie eine Uhr am Fußgelenk, eine Armbanduhr am Fußgelenk, am Fuß eines vom Baumgeäst baumelnden Menschen (ob der baumelt mit der Schnur um seinen Nacken oder baumelt mit dem Griff in seinen Händen ist egal, Hauptsache, er baumelt, baumelt vom Baumgeäst), diese Uhr ist der Text, und der Mensch ist der Alltag, der Baum ist die Luft, der Baum ist offensichtlich wieder einmal die Luft, vielleicht lässt du den Menschen lieber von einer Stange baumeln, von einer Teppichklopfstange wie sie ganz früher in den Höfen zum Teppichausklopfen gestangen sind und wie sie früher von Kindern zum Draufrumkraxeln verwendet wurden, und wie es sie jetzt nicht mehr gibt, diese Stangen, in den Höfen, an denen die Menschen baumeln wie Alltage die hängen, in der Luft, an deren Fußgelenken Armbanduhren, aus ihnen herausgebrochene Textteile, so, genau so, muss man sich das vorstellen.

gewesener Arbeitstitel: drei bis dreiunddreißig

sein: aus Aggression heraus einen Zug verfolgen, vom einen Ende des Bahnsteigs zum anderen Ende des Bahnsteigs rennen, wütend mit der Faust drohen, hochrot im Gesicht werden, vielleicht sogar runter springen auf die Gleise, beide Fäuste erhoben, aber sonst nicht in Bewegung, sonst still dastehend, aus den Augen schießen Blitze, auf den Kopf schießt ein Blitz, die Fäuste fallen.

wiez: ein Mann in blauem Bademantel sitzt hinten auf der Ladefläche eines offenen LKWs auf einem Rastplatz, es ist Abend, er isst sein Abendbrot, er isst Brot zu Abend, Brot mit Aufstrich, vielleicht Butter, vielleicht ein Käseaufstrich, vielleicht Liptauer, vielleicht Avocado, vielleicht ist er Veganer, vielleicht ist es Vollkornbrot, wenn er eine basische Diät macht müsste er Schlagobers streichen, Schlagobers auf Schwarzbrot.

erdi: jede Wohnung mit Friedhofsblick steht einem Friedhof mit Wohnungsblick gegenüber, beides ist nicht sonderlich begehrt, Wohnungen mit Friedhofsblick werden hauptsächlich von morbid veranlagten Menschen aufgesucht, von Möchtegern-Nekrophilen, und die Toten am Friedhof haben sicherlich auch besseres zu tun als Nacht ein, Tag aus, auf die immerselben hell erleuchteten oder absichtsvoll verdunkelten Fensterscheiben zu starren, die Sexlaute voller schlechtem Gewissen sich anhören zu müssen, die vom Boden hängenden Köpfe zu zählen – wieder einer weniger, wie wird wohl der nächste sein?

vrie: ich kenne einen Menschen, der an Büchern nur liest, was im jeweiligen Jahr erschienen ist, es ist ein nervtötender Mensch, mehr als alle anderen lesenden Menschen will er allen immer Empfehlungen geben, aber mit Nachdruck, mit Zeitdruck, mit Worten wie „das beste Buch des Jahres hast du noch nicht gelesen?“ oder Vorwürfen wie „nächstes Jahr ist es nicht mehr aktuell!“, für so einen Menschen muss man Jakov Lind neu auflegen, jedes Jahr.

eine erste Begegnung im Gehirngarten

sie kann sich nicht in den Spiegel schauen, sie schaut sich nicht in den Spiegel. schon vorm betreten des Badezimmers blickt sie gerade hinunter, auf den Boden. auf das künstliche Holz, das abrupt zu Fliesen übergeht – kann man das überhaupt sagen, „übergehen“, wenn es keinen Übergang gibt, sondern einen Bruch? diese, unbedeutende, wird abgelöst von einer anderen, akuteren, Frage: wie schaffe ich es, blind die Zahnpasta zu finden, die Zahnbürste zu finden, beides zusammenzuführen und letztendlich erfolgreich in meinem Mund zu platzieren? denn blind ist sie, blind für alles hinter dem Abfluss vom Waschbecken, vor allem für den Spiegel. aber da der Spiegel groß ist und reflektiert, da er hinunter reicht bis zum Waschbecken, da sie ihn nicht abgerissen hat, nicht abreißen hätte dürfen, da er auch nicht unkenntlich gemacht wurde, verklebt oder beschmiert mit dicken Farbschichten, darf sie nicht aufsehen, kann sie nicht aufsehen, es nicht riskieren, die Augen an den Rand des Waschbeckens wandern zu lassen, zumindest nicht an den Rand, der sich auf der anderen Seite befindet, an den Rand an der Wand, an den Rand direkt unter dem Spiegel. vorsichtig tastet sie mit ihren Fingern nach dem Becher und schenkt Wasser ein. dabei ist sie nicht blind, denn der Hahn endet direkt über dem Abfluss, der Hahn ist noch innerhalb der erlaubten Grenze. der Becher wird abgestellt, kurz und heftig klingelt es tief, sie erschrickt für einen Augenblick. aber auch heute tritt kein Plastikbecher an die Stelle seines Keramikpendants. sie greift etwas nach links und holt die Zahnbürste, der Kopf steckt wie immer schon drauf, aus der Halterung, dreht sie um, taucht den Kopf unter Wasser. mit der anderen Hand hat sie inzwischen die Zahnpastatube gefunden und versucht einhändig den Stöpsel abzuschrauben. die Bürstenhand kommt der Pastenhand zu Hilfe, nachdem das Ertränken erfolgreich beendet wurde. jetzt ist es nur noch eine Frage geschickter Balance und die Vorbereitung zur abendlichen Toilette ist in wenigen Sekunden vorbei. als endlich das lächerlich dünne Phallussymbol mit einem konstanten Vibrieren ihren Mund ausfüllt, dreht sie sich um und blickt, bereits in der Drehung, erleichtert auf. Freiheit. der Nacken ist nicht mehr gebunden wie ein kaputtes Glückshufeisen. die Augen, der Kopf, die Nase können frei umher wandern. die Aussicht ist allerdings nicht sonderlich spannend, eine weiße Heizung, vor grauen Fliesen, hellgrau verfugt, auf der ein blasses Handtuch hängt. sie stellt sich vor, um die Szenerie noch trister wirken zu lassen, dass das Handtuch früher einmal eine kräftige Hautfarbe besessen (und nicht ein bleiches Orange, wie es die Realität gewollt) hatte. vielleicht war es die Assoziation der imaginären Hautfarbe. vielleicht war es die Tatsache, dass ihr fröstelte. vielleicht war es ihre Hand, die zwischen ihrem Gesäß und dem Waschbecken zerquetscht wurde. vielleicht war es ihre Tagesverfassung. vielleicht war es Zufall. vielleicht war es die Erinnerung an einen bereits einmal gedachten, entfernten Gedanken.

das Bild in ihrem Kopf war schön und warm und dunkel. das Bild in ihrem Kopf schien unerhört. das Bild in ihrem Kopf ließ sie innerlich lächeln. bei diesem Bild in ihrem Kopf verspürte sie nicht sofort den Drang, es teilen zu müssen, wohl aus weiser Voraussicht, vielleicht aber auch nur aus stolzem Besitzanspruch. das Bild in ihrem Kopf würde ihr noch für längere Zeit erhalten bleiben. das Bild in ihrem Kopf war schön, und sie war zu verblendet um vollends zu realisieren, dass diese Schönheit sehr subjektiv war. das Bild in ihrem Kopf ließ sie alle Sorgen bezüglich des Spiegels vergessen. den Blick mit sich selbst forderte sie trotzdem lieber nicht heraus.

sie hatte weniger konkrete, praktische (also theoretisch-praktische) Vorstellungen als vielmehr ein Bild, ein Gefühl, eine Wortgruppe. sie hätte das Bild in ihrem Kopf nicht aufzeichnen können, selbst wenn sie noch so gut hätte zeichnen können, zumindest nicht zu ihrer vollsten Zufriedenheit. aber dessen sollte sie sich erst später bewusst werden, nachdem das Bild schon eingesickert sein würde, sie schon mehrmals besucht hätte, sogar, nachdem sie es bereits einmal geteilt haben würde, mit etwas erschreckten Reaktionen. bei der ersten, bei dieser ersten Begegnung mit dem Bild war sie noch viel zu begeistert, viel zu überrascht, um über die Beschaffenheit des Bildes zu reflektieren. vorrangig ging es ihr nur um das Bild selbst, um das Gefühl, um den Klang der losen Worte in ihrem Kopf, um die vermeintliche Ästhetik dahinter. wäre ihr das Bild früher untergekommen, und hätte sie es zufälligerweise am selben Tag in der Therapie besprochen, die Stunde wäre wohl anstrengend und besorgniserregend, vor allem aber weit weniger banal ausgefallen, als sie es letztendlich war. vielleicht hatte das Bild ja ein Eigenleben, war sich dessen bewusst, und pflanzte sich aus diesem Grund an diesem Abend erst in ihren Gehirngarten ein. (als Kind hatte sie sich ihr Gehirn immer als Garten vorgestellt, in dem die Ideen auf Bäumen und Sträuchern hingen und zu Boden fielen wenn sie reif und vollständig waren, von Vögeln in freiem Flug gestohlen wurden, wenn sie faul und unbrauchbar waren. als Kind hatte sie noch nicht viel von Botanik, und noch weniger von Neurologie verstanden. später dann, als Jugendliche, als sie in Biologie den menschlichen Körper durchnahmen, war ihr Gehirn immer noch ein Garten, ohne Vögel und ohne Boden, eher eine verwachsene Wildnis, die Synapsen waren Äste und Wurzeln und Blattskelette, die Knotenpunkte dazwischen nicht nur Früchte oder Kartoffeln, sondern auch Blumenstempel und Maulwurfshügel. als Jugendliche hatte sie mehr von Botanik und Neurologie verstanden als als Kind, aber seither war dieses Halbwissen nicht erweitert worden.) vielleicht war das Bild aber zuvor einfach nur faul gewesen, oder noch nicht ausgereift genug. jetzt war es zumindest so sehr gereift, dass es sich halten konnte, dass es bestimmte Assoziationen und ein zumindest unbestimmtes, unbeschreibbares Bild auslösen konnte. das Bild war im Gehirn angekommen, die Synapsen vernetzten sich neu, es wehte ein frischer Wind durch den Garten, alles zitterte ein wenig, weniges veränderte sich, bevor wieder Ruhe einkehrte.

ich will mich in deine Haut eingraben. in die Haut ein-, unter die Haut graben, sich unter die Haut graben. es wäre schön warm, vor allem dunkel wäre es. die Haut als Decke, ich decke mich mit der Haut zu, ich ziehe mir die Haut über den Kopf, wie einen Schlafsack, ich nähe die Haut um mich herum zu, ich nähe mich in der Haut ein, ich kann trotzdem noch atmen, aber ich habe es schön warm und schön ruhig. die Haut ist schalldicht, aber nicht luftdicht. ich decke mich mit der Haut zu bis zum Kinn, und über meine geschlossenen Augenlider senkt sich eine totale Finsternis. die Haut als Gebärmutter, das Bett, der Schlaf als ödipale Rückkehr in den Mutterleib – Vaterleib, für Frauen? die Haut wäre eine schöne flauschige Decke, angenehm weich, angenehm dicht, warm, still, wohl temperiert und ruhig. ich will mich mit dir zudecken, nein, ich will mich in dir zudecken, nein, ich will mich mit dir in dir zudecken, vielleicht klingt das richtig. das klingt auch nicht schön. ich will auf dir liegen und mich mit deiner Haut als Decke, und deine Haut als Decke benutzen. missbrauchen. es würde dir nicht wehtun. es würde dich nicht verletzen. ich will unter deine Haut kriechen können, ich will unter deine Haut kriechen, ich will unter deine Haut kriechen. Haut heben, Haut wieder senken, auf mich, auf einen fremden Körper, der doch kein Fremdkörper wäre. ich will kein Fremdkörper sein, ich will dir nicht wehtun, ich will es nur still und leise und ruhig und dunkel haben, vor allem dunkel will ich es haben. wenn ich mit deiner Haut zugedeckt bin wird es plötzlich dunkel werden, ob der Kopf auch drunter liegt oder nicht, es wird dunkel sein unter deiner Haut, deine Haut beschützt mich vor Licht, der Schatten von deinem Kopf usw. beschützt mich vor der aufgehenden Sonne. ich will unter deine Haut kriechen wie unter ein schützendes Versteck, ich will unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken. ich will schlafen. ich würde unter deiner Haut sofort einschlafen können. unter deiner Haut wäre es bequem, selbst wenn ich auf unbequeme Weise dorthin kriechen müsste. unter deiner Haut wäre alles bequem, unter deiner Haut wäre alles gut, alles still, alles dunkel, alles friedlich. unter deiner Haut wäre das Paradies. hervorkriechen müsste ich nie wieder unter deiner Haut, zumindest nicht bevor ich es nicht ausdrücklich wünschte. unter deine Haut kriechen, ich will unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken. ich will ins Paradies. ich will dir nicht wehtun, ich will nur, dass es mir gut geht, dass ich nie wieder, dass ich, dass ich glücklich sein kann und still und ewig schlafen, dass ich ewig schlafen kann unter deiner Haut, bis ich vielleicht, irgendwann vielleicht einmal aufwache und mich dazu entscheide, deine Haut wieder zu verlassen. bis es mir zu heiß wird unter deiner Haut oder zu langweilig. bis ich genug haben werde von deiner Haut. aber bis dahin würde ich gerne unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken und sofort in einen wohligen, ruhigen, dunklen, langen Schlaf sinken, in einen bequemen, schönen Schlaf. und träumen würde ich nichts unter deiner Haut, nichts außer von meinem Garten, ganz vielleicht aber nur. träumen würde ich vorwiegend und hauptsächlich von Dunkelheit, träumen würde ich nur, wenn es unbedingt sein müsste. ich würde die Bequemlichkeit im Schlaf vollkommen genießen und auskosten, diese Stille und Ruhe und Dunkelheit, diesen Frieden auskosten unter deiner Haut, dank deiner Haut. dank deiner Haut würde ich schlafen und glücklich sein können im Schlaf. ich will unter deine Haut kriechen und nie wieder hervorkommen müssen. vielleicht würde ich deine Haut irgendwann freiwillig wieder verlassen. niemand würde mich vermissen unter deiner Haut, zumindest würde ich es nicht wissen, würde mich jemand vermissen. unter deiner Haut herrscht vollkommene Ruhe. ruhen in Frieden könnte ich unter deiner Haut, und gleichzeitig auch träumen. ich will nicht sterben, ich will dir nicht wehtun. ich will nur schlafen, unter deine Haut kriechen und schlafen, bis ich ausgeschlafen bin für mein restliches Leben.“

später sollte sie diese Idee ausbauen, dieses immer wiederkehrende Bild vervollständigen, ergänzen, genauer bedenken. später sollte sie die Problematik der Masse erkennen, die Problematik der Größe. sie sollte jedes Mal individuell Lösungen dafür finden, sie sollte ihre Hautdecke überdimensional vergrößern und sich selbst gleichzeitig überdimensional verkleinern, sodass sie frei herumrennen könnte auf dem Brustkorb aus hautfarbener Decke. sie sollte sich den Fragen des aufreißens und zunähens widmen, und auch der Frage des Blutes. sie sollte erkennen, dass ein realistisches neues Bild sich fast unmöglich durchdenken lässt. sie sollte komplizierte, idealisierte Körper erfinden, bevor sie entdecken würde, dass sie die unterste Hautschicht nicht als Decke verwenden müsste, sondern auch als Bett benützen könnte. sie sollte auf diesem Weg viele komische Details hervorbringen und wieder verwerfen. Körper, unter der Hautdecke komplett abgeflacht, dennoch seitlich liegend, mit nur einem plastischen Kopf am Ende. eine Schläferin in Embryonalstellung, am Rücken des Hautdeckenspenders eingekauert, ein Muttermal. ein Baby, zugedeckt von der Haut seiner Eltern, sanft strampelnd unter dem neuen Gefängnis, ohne es zu zerreißen. sie war fasziniert von jedem neuen Bild, von jedem Ansatz einer Idee. anfänglich kamen diese Bilder nur gelegentlich zu ihr, aber mit der Zeit wurde es zur Obsession. mit der Zeit schaffte sie es nicht mehr, dies Phantasie loszulassen, wollte sich regelrecht in ihr eingraben.

Erinnerung an gestern

Bücherwälder, Bücherwände, Bücherwälle. Büchermenschen, Büchermischen, Büchermatsch. Buchliebe, Buchhiebe, Buchtriebe. Buchlust, Buchleid, Buchseligkeit.

es ist ein surrealer Tag. die Blätter fallen.

Blätterregen, Blätterteig, Blätterschnee. Blattsalat, Blattabdruck, Blattlosigkeit.

es war ein langer Tag. die Gespräche machen übel.

Sprachlosigkeit, Sprachlosigkeit, Staunen.

es ist ein surrealer Tag. die Menschen sind freundlich und still.

Liebeserklärung, „Liebes“erklärung, Liebes„erklärung“. ein kitschiges Hyperbelgeständnis.

Buch,
B    uch,
Bü       cher.
es ist ein surrealer Tag. die Blätter fliegen aus den Regalen.

ein altes Spiel

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

das Bild verschwimmt, die Wahrnehmung, während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst, rufst du dir den Unterschied zwischen sehen und wahrnehmen in Erinnerung, zwischen bemerken und schauen, zwischen Augen und Kopf,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

machst dir Gedanken darüber, was die Reaktionen sein könnten, wie man aufnehmen wird, was du schreibst, was du über das Geschriebene schreibst,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

denkst du keine Sekunde darüber nach, wie du Stellung beziehen würdest, zu dem Geschriebenen, über das du schreibst, zu den Worten, die vorher da waren, vor dem Verschwimmen des Bildes in deinem Kopf,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

die Farbtöne vermischen sich, die Dinge verschwinden, verschwimmen, wie in einem Film wenn das Bild unscharf wird, aber anders, anders jetzt für dich als in jedem Film,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

wünscht du dir, dass die Tränen die Konturen noch unschärfer machen, aber der Wunsch wird nicht zur Kenntnis genommen,

während du schreist, während du über das Geschriebene schreibst,

wippst du ganz leicht mit deinem Fuß, um ihn zu beruhigen, um dich in Rage zu versetzen, damit du,

während du schreist, während du schreibst über das Geschriebene,

damit du, während du schreist und schreibst und irgendwann bemerkst, dass du weder das eine noch das andere,

während du schreist, während du schreist über das Geschriebene,

wippst du immer stärker und schreibst immer mehr, die Schreie können deine Gedanken nicht aufholen, die Schreie, die du,

während du schreibst, während du über das Geschriebene schreibst,

nicht aus deiner Kehle presst, du würgst sie aus dem Hals, sie kommen als bunte Tränen heraus,

während du schreibst, während du schreist über das Geschriebene,

während dein Rachen weint, deine Beine zucken, während dein Kopf rebelliert, schreibst du und schreibst über das Geschriebene:

da regnet es einmal und schon sieht man zwei Köpfe im Hof rollen.
du hast sie gehört bevor du sie gesehen hast; du hast wissen wollen, woher das Geräusch kommt, das du gehört hast, bevor du nachgeschaut hast; du hast dich gefragt, ob das donnernde Grollen nur in deinem Kopf ist, bevor du gemerkt hast, dass der ganze Hof es vernimmt.
das Donnern des Himmels vermischt sich mit den grollenden, rollenden Köpfen auf dem immer dunkler werdenden Asphalt.

Erinnerung oder Emission

du willst dich nicht erinnern müssen. du musst dich erinnern, du bist viel zu neugierig, aber du willst dich nicht erinnern müssen, du kennst dich zu gut.

du erinnerst dich. aus dem Nichts heraus erinnerst du dich, plötzlich ist sie da, plötzlich schlägt sie ein wie ein Meteorit, nur dass sie keine Dinosaurier tötet; in deinem Kopf gibt es schon längst keine Dinosaurier mehr, alle Dinosaurier sind bei Erdbeben und Vulkanausbrüchen und bei Dinosaurierkämpfen gestorben, die mit den roten Tüchern, die eigentlich gar nicht rot sein müssten, weil alle Tiere farbenblind sind – was? (in deiner Erinnerung sind Dinosaurier so klein und befedert wie Hühner, grüne Hühner sind es, schimmliges Fleisch, sie können vielleicht Feuer spucken, das ist zwar nur ein Gerücht, du hast es noch nie gesehen, aber du kannst dich an einen Zeugenbericht, an einen sehr glaubhaften Zeugenbericht erinnern, du kannst dich zwar nicht mehr daran erinnern, woher du das mit den Tüchern weißt, woher du weißt, dass nur die Bewegung zählt, die hektische Bewegung, und nicht die aggressiv deutende Farbe, du kannst dich nicht mehr Erinnern ob du das gelesen hast oder gehört oder gesehen, ob es auch nur ein Gerücht ist, vielleicht kannst du dich nicht mehr daran erinnern, weil es eines deiner eigenen Gerüchte ist, weil du es selbst in die Welt gesetzt hast, aber vielleicht hast du es auch aus einer seriösen Studie, du kannst dich nur daran erinnern, dass es stimmen muss, Erinnerung oder Emission, sie hat sicherlich nicht nur einen wahren Kern, sondern auch eine erwiesene Schale.)

was?
genau, du wolltest dich nicht erinnern, hast dich erinnert, musstest dich erinnern, erinnertest dich, kannst jetzt nicht mehr entrinnen.

du willst dir nicht wünschen müssen, dass du dich nicht erinnern kannst, du willst wissen können, dass du dich nur erinnerst, woran du dich erinnern willst, aber wie immer, je größer der Wunsch, umso unwahrscheinlicher seine Erfüllung, sonst würden die Dinosaurier ja heute noch leben, sonst hättest du einen kleinen Dino namens Tino in deinem Hinterstübchen, sonst würden größere Wachdinos deine Erinnerungen beschützen und vor allem diese Erinnerungen vor der Außenwelt bewahren, jedes unerlaubte Eindringen, vor allem von deiner Seite, verhindern, bespucken mit ihrem Feuer, das sie selbstverständlich speien könnten, wenn sie noch existieren würden, selbst wenn sie es damals noch nicht gekonnt hätten, obwohl du dich an den Zeugenbericht erinnern kannst, als wäre er gestern gewesen, obwohl du das Stottern vor dir siehst, als blickte es dir jetzt von der anderen Seite des Spiegels entgegen, obwohl du die wirre Frisur hören kannst, das Knistern der Haare riechen, als stünden die Zeugen in diesem Moment vor dir, als berichteten sie augenblicklich von den unglaubwürdigen Szenen, die sie vernommen, von den gewöhnlichen Dinos, mit ihrer schimmligen Haut, die, das Gesicht zur Sonne gewandt, und du erinnerst dich, hättest du Wächterdinosaurier und Wachdinos vor deinem Kerker gehabt, sie hätten das verhindern können, aber so musst du dich erinnern, dass du schon damals Zweifel gehegt hattest, dass die Zeugenberichte dir bereits zum Zeitpunkt ihrer Präsentation etwas skeptisch begegnet waren, die Sonne, die Sonne, die helle Sonne in ihrem frühmorgentlichen oder spätabendlichen Rot hatte wohl den Anschein erweckt, sie sei Feuer, sie sei Flammen, die Sonne war in den Zeugenberichten Feuer und Flamme für übernatürlich mutierte Dinosaurier geworden, Drachaurier, Dinorachen, du erinnerst dich weiter, plötzlich fällt es auf die Erde wie ein weiterer Meteorit, aber auch dieser bringt die Dinos nicht zurück, er macht alles nur noch schlimmer, er verdunkelt die Sonne, die Flammen sind weg, die Illusion der Dirachen verschüttet unter Staub und Asche, unter den Wolkenbergen des Meteorits, du erinnerst dich, du hast dich schon erinnert, deine Worte wussten es, bevor es in dein Bewusstsein gedrungen war, du hast keine Ahnung von Dinosauriern, du hast keine Ahnung von Drachen, die nächste Erschütterung folgt unmittelbar, du hattest nie eine Ahnung von Stieren, von Tieren, von stummen Tieren, von Stoffen, du weichst zurück, du gehst zurück, du läufst und rennst zurück, den Kopf in den Händen, den Oberkörper gebeugt, die Gedanken gefangen, die Erinnerungen verloren, für immer und ewig in den Erinnerungen verloren, die Erinnerungen verbannt, für immer und ewig zum erinnern verbannt, verbrannt von der Einsicht, gestürzt von der Scham, erstickt von den Schreien, nein, die Schreie erstickt, die Erinnerungen an all die toten Schreie erdrücken dich, die angehaltene Luft erdrückt dich, du drückst deine Knie an die Brust, drückst die Knochen durch die Haut, drückst den Kopf gegen die Wand, die Zelle, vor der die Dinos stehen und lachen, und wachen, und dich nicht beachten, gefangen von deinem Willen, nie mehr zum erinnern verdammt, verdammt mit deinen Erinnerungen zu leben, die Zelle ist leer, das Gitter ist weg, genauso wie deine Mobilität, erstarrt, starr vor Verwirrung versuchst du dich zu erinnern.

es flattert (nicht mehr)

es summt, es surrt, es brummt. nein. es flattert. du weißt, dass es flattert. es flattert schön. aber nicht wie ein Vogel. leiser; kleiner; anders. es flattert mit seinen Flügelchen und macht dabei dieses summende, surrende, brummende Geräusch – nein, das ist falsch, alles falsch. du kannst das Geräusch nicht beschreiben. es ist kein Summen, es ist kein Surren, genauso wenig wie es ein Brummen ist. es ist heller. es ist schön, ein schönes Flattern. ein panisches Flattern. ein verzweifeltes Flattern, ein hilfloses Flattern, ein Todeskampf-Flattern. wenn es doch nur schon tot wäre. wenn es sich schon ausgeflattert hätte, oder, noch besser, aufgeflattert, vollgeflattert, aufgeladen hätte und seinen Ausweg gefunden. das kann doch eigentlich nicht so schwer sein. du verstehst nicht, wieso es anscheinend unmöglich ist. schon eine Stunde wird es sein, dass es einen Fluchtweg sucht. unfindbar. unfähig. unschön. das Fallen ist unschön, wenn es zurückfällt, klirrt, zurück in die Mitte purzelt, zumindest nimmst du das an, du kannst es von unten ja nur schemenhaft erkennen, wenn es zurückfällt, klirrt es. es ist ein Sisyphoskäfer, zu müde, zu krank, um die steile Steigung zu bewältigen. wenn es kopfüber an der Decke krabbeln kann, müsste es doch auch bergauf und raus in die Freiheit kommen, denkst du dir – aber nein, daran darfst du nicht denken. und es ist offensichtlich auch nicht wahr. es ist verloren. gefangen; verdammt. für immer. es wird sich bald ausgeflattert haben. hoffentlich wird es sich endlich bald ausgeflattert haben, damit du es vergessen kannst, endlich das schöne Geflattere vergessen kannst und ruhigen Gewissens einschlafen.

du willst, dass seine Flucht gelingt, und du willst es doch nicht. du hast Angst, es könnte Superkräfte bekommen, es ist eine unbegründete, irreale Angst, eigentlich ist es keine Angst; aber der Gedanke ist trotzdem da, die theoretisch-potentielle Möglichkeit, im Paralleluniversum, das nicht das deinige ist, und es nie sein wird. die Angst, die keine Angst ist, sondern nur ein Gedanke: dass es nicht flattert aus lauter Verzweiflung, sondern um sich zu stärken, um sich aufzuladen wie eine Batterie, um wieder zu Kräften zu kommen, und wenn es stark genug ist, wenn es fertig ist, wenn es sein volles Potential erreicht hat, wird und muss es nicht mehr flattern (und du sehnst und fürchtest diese Stunde herbei), sondern kann ausbrechen, wird ausbrechen, entweder unrealistisch-spektakulär, indem es das Glas zerbirst und herausströmt wie aus einem frisch geschlüpften Ei, oder unrealistisch-realistischer, indem es nicht mehr auf sich selbst zurückfällt und in die Mitte geworfen wird, sondern endlich den steilen Aufstieg schafft, den Ausstieg, den Rand erklimmt, am Gipfel der Welt einen tiefen Atemzug holt.
in beiden Fällen fliegt es dann auf dich zu und greift an.

warum kann es sich nicht frei flattern. warum kannst du nicht versuchen ihm beim freiflattern zu helfen.
es würde im Staub ersticken. du würdest es befreien und es würde panisch durchs Zimmer flattern und entweder würdest du es nie mehr wieder sehen, nicht finden, nicht sterben sehen, oder es würde im Staub ersticken, vor deinen Augen, und du könntest nichts dagegen unternehmen.
so erstickt es nicht im Staub. wahrscheinlich nicht. wahrscheinlich verhungert es. vielleicht würde es verbrennen, wenn du die ganze Nacht das Licht anließest. aber du hast es extra abgedreht, damit es nicht verbrennt. damit du es nicht unnötig quälst. damit es nicht geblendet wird. damit du nicht geblendet wirst, falls du es doch retten willst. aber du kannst es nicht retten. es ist schon verloren. es flattert nicht mehr.
immer, wenn es nicht flattert, in den ganzen Flatterpausen, hältst du es für tot. auch wenn es bisher immer wieder weiter geflattert ist, irgendwann, und wenn es nicht geflattert ist, ist es gefallen, hat es geklirrt, und das war nicht weniger schlimm, aber weniger schön. geflattert oder gefallen. geflattert und gefallen. geflattert, gefallen. du magst nicht mehr sehen, wie es fällt. und hören willst du es schon gar nicht. du verstehst nicht, wieso es fällt. vielleicht will es nicht zurück in die Freiheit. vielleicht ist das Fallen wie eine Rutsche. vielleicht macht es ihm Spaß. vielleicht war es noch nie so glücklich wie in diesen Momenten. vielleicht liebt es dieses Gefühl, so wie du, dieses Gefühl des Herzens außerhalb des Körpers, das du von Achterbahnen kennst. vielleicht ist das Fallen wie eine Achterbahn. vielleicht liebt es Achterbahnen.

vielleicht würde es doch lieber verbrennen. aber du kannst ja nicht wissen, was es will. du kannst nur wollen, für dich, und für dich willst du, dass es nicht mehr flattert. aber natürlich geschieht das nicht.

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es hat nicht mehr geflattert. die ganze Zeit als du versucht hast, es zu retten, hat es nicht mehr geflattert. es war ganz verstaubt. es wäre wohl gelb gewesen unter dem Staub. aber es hat nicht mehr geflattert. es hat dir diese Freude nicht mehr gemacht. aber es ist auch nicht geflüchtet. es war wohl zu gelähmt um zu flüchten, zu gelähmt von der dünnen Staubschicht, die über seinen Flügeln lag. ob es deswegen nicht von selbst in die Freiheit krabbeln konnte. auf der senkrechten Außenwand deines Fensters hatte es jedenfalls keine Probleme mehr. vielleicht befreit der Wind es von dem Staub. oder hättest du es sanft bewässern müssen. die Spinne wird es fressen. wenn es nicht rechtzeitig wieder fliegen lernt, wird die Spinne es fressen. wenn es rechtzeitig wieder fliegen kann, wird es aufgrund seiner Schwäche leblos aus der Luft fallen und unwiederkennbar am Boden landen, wie gewöhnlicher Dreck. oder es wird direkt ins Netz der Spinne flattern.
in den Schlaf wird es dich nicht flattern. es kann dich mit seinem Geflattere nicht mehr vom schlafen abhalten.

es hat mit den Beinchen gezappelt. am Papier hat es mit den Beinchen gezappelt, als es am Rücken lag, und du hast die Falte geneigt, damit es wieder stehen konnte. dann war es immer noch gelb und immer noch staubig. wahrscheinlich hätte es die Achterbahn bevorzugt.

du hast vergessen, im fahlen Licht der Standleuchte seine Punkte zu zählen. es hatte viele Punkte. es muss schon alt gewesen sein.

grenzwertige Charakterstudie

sie hatte nur diese zwei Stichworte; nicht mehr, nicht weniger. gut, sie hätte mehr gehabt, aber „sie hatte nur diese zwei Stichworte; also fast“ hielt sie für einen schlechteren Anfangssatz. und Anfangssätze sind ja das wichtigste. wenn der erste Satz nicht so fest sitzt wie ein Kind im Hochsitz, sollte man gar nicht erst fortfahren. oder herzeigen. oder veröffentlichen. oder sich dahinter stellen. je nach Lebenslage und Schreibprozess.

sie hatte jedenfalls nur eine Charakterstudie und Grenzen als Selbstvorgabe. also, keine konkrete Charakterstudie, aber „sie hatte jedenfalls nur die Worte Charakterstudie und Grenzen als Selbstvorgabe“ klingt auch nicht so prickelnd. und es wäre auch nicht ganz richtig gewesen, denn unter „Charakterstudie“ hatte sie sich einmal etwas bestimmtes vorgestellt gehabt. das wusste sie. sie wusste nur nicht, was das gewesen war.

sie hatte sich also von diesem nichtssagenden Nomen inspirieren lassen und eine Charakterstudie zu schreiben, so wollte es die Notiz. und die Notiz wollte auch, dass derselbe Text von Grenzen handelte. eine grenzwertige Charakterstudie also, eine studiencharakteristische Grenze.

sie hatte keine Ahnung, wie sie anfangen sollte.

also begann sie damit, sich ein Konzept zu suchen, in ihrem Innersten. natürlich schnitt sie sich nicht wirklich auf, und selbst wenn sie es getan hätte, wäre sie nicht fündig geworden, aber sie konnte wohl schlecht schreiben „also begann sie damit, sich ein Konzept zu suchen, in ihrer unmittelbaren Umgebung, in ihrem müden Kopf, in ihrem dunklen Zimmer“.

Dunkelheit und Licht bilden eine Grenze, müde und wach bilden eine Grenze, es gibt eine Grenze zwischen den Fingern und dem Papier, zwischen den Fingern und der Tastatur, zwischen den Fingern und den Wänden, und diese Grenze ist die Luft.

sie überlegte kurz, wie sich wohl eine Charakterstudie der Luft läse. der Atmosphäre. des Sauerstoffs. sie verwarf diesen Gedanken sogleich, denn er schien ihr zu langweilig.

als sie mit ihren Fingerknöcheln knackte, kam ihr die Idee einer Selbstcharakterisierung, mit Vorgaben, mit Grenzen. („sie wollte über sich schreiben, aber mit gewissen Restriktionen; mit welchen, das wusste sie nicht.“) Grenzen zwischen sich und den anderen, Grenzen zwischen gestern und heute, Grenzen zwischen heute und morgen, heute als ihre Grenze zwischen gestern und morgen.

sie assoziierte freien Unsinn, denn sie wusste, eine weitere Autobiographie würde scheitern, sie hatte bereits alles über sich gesagt.

sie kratzte sich und dachte an die Grenze zwischen Schmerz und Lust. eine Grenze jedoch, die zu sehr sexuell konnotiert war. sowas konnte sie nicht dulden, sie konnte durch ihren charakterlosen Grenztext keine Menschen ausgrenzen oder eingrenzen. es sollte sich niemand begrenzt fühlen. es würde sich niemand begrenzt fühlen. sie würde sich selbst umgrenzen und damit alle anderen von sich ausgrenzen, aber somit wiederum zusammengrenzen, alle über ihre Grenzen hinweg zusammenführen.

endlich hatte sie eine Idee die ihr gefiel, mit einem schönen Bild im Kopf: ein Turm, ein Kokon, eine Blase, eine Aura (sie müsste sich das noch genauer überlegen) um sie herum, alle anderen unbegrenzt, außer von ihr.

sie wollte also mit diesem Bild beginnen, es zur Metapher ausformen, mit Bedeutung aufladen, seinen Charakter vergrößern.

aber sie konnte sich nicht entscheiden.