tödliche Impression

sie sitzen in einem gelben Saal mit weißen Wänden, goldenen Mustern, und 32 hohlen Nippeln, die wohl den Klang verbessern sollen.
sie sitzen und sitzen. die meisten von ihnen atmen nicht mehr. wie die alte Frau in der ersten Reihe, die atmet bestimmt nicht mehr. ihre Hand ist an ihr Gesicht gewachsen wie ein Krebsgeschwür.

(Krebsgeschwüre sind visuelle lange dünne Äste, die Menschen pieken und necken und mit einem Stupser zerstören können. Krebsgeschwüre sind schwarze feste Spinnweben, die sich verselbstständigt haben. Krebsgeschwüre drehen und wenden sich wie sie wollen, sie knicken ein wie kaputte Finger und drehen und wenden sich so schnell wie kein verkrebstes Auge schauen kann. Krebsgeschwüre sind visuelle monochrome Messerspitzen, schwarz, auf weißem Grund, die weniger wirklich schneiden als vielmehr zustechen und dich zu Boden ringen.)

ihre Hand ist an ihr Gesicht gewachsen wie so ein solches Krebsgeschwür, der „Finger“, dessen Spitze an der Nase saugt, bildet eine lange, eckige Schnur, ein großes Loch kommt dazwischen zum Vorschein, ein großes gelbes Loch mit seltsamen Winkeln. der krebsige Finger bohrt sich in ihre Nase wie ein Messer am Ende einer Bohrmaschine, er ist bereits vollkommen in sie eingedrungen, ich habe ja gesagt, die alte Frau in der ersten Reihe, die atmet bestimmt nicht mehr.

das Konzert beginnt, ein Mann sitzt auf der Seite, er trägt eine flauschige weiche große dunkle flauschige Uschanka am Kopf, auch monochrom, fast schwarz, von der Konsistenz einer großen schwarzen Vampirfledermaus, ohne Kopf, ohne Flügel, die kleinen Beinchen festgekrallt an seiner warmen Glatze. das Tier schon längst tot, der Mann, jünger als die sehr alte Dame in der ersten Reihe, aber nicht sehr viel jünger, noch lebendig, zumindest seine Augen bewegen sich, huschen von seiner Sitznachbarin zu dir und treffen deinen Blick, huschen wieder zu seiner Sitznachbarin zurück, nur um später wieder deinen Blick zu treffen, wieder wegzuhuschen, wieder zu dir zu blicken, bevor du zu ihm blickst, wegzuhuschen, zu dir zu blicken, nachdem du ihn länger angestarrt hast, wieder wegzuhuschen, aber nie bewegt er mehr als seine Augen, sein Kopf bleibt starr. (er ist manierlich und will die flauschige warme dunkle große weiche flauschige Fledermaus, getarnt als Uschanka, nicht wecken. das würde einen Troubel geben, das würde die ganze seltsame Musik zerstören. nein, er ist manierlich. von einem berühmten TV-Arzt ist schließlich auch nichts anderes zu erwarten.)

die Musiker treten ein, von hinten, also von vorne, der Applaus ist spärlich, schließlich lebt es sich nicht zahlreich in diesem Saal, schließlich verbreiten sich Krebsgeschwüre äußerst rasant, schließlich ist eine uralte Dame mit schrägverwinkelten Fingern keine gute Nahrungsquelle und ein wenig jüngere Mann mit tierischer Kopfbedeckung kein gutes Ziel. der Applaus kommt von dir, aus den Augenwinkeln kommt er auch vom Uschankaträger, aus den Ohrenwinkeln kommt er auch noch von einer Handvoll anderer Überlebenden. die Musiker mit ihren Instrumenten in den Händen, klein und groß, sperrig und leicht, sie treten ein, setzen sich auf ihre Sessel vor ihre Notenständer mit ihren Notenblättern darauf.
die Musiker stehen wieder auf.
einige Plätze werden getauscht, sie setzen sich wieder hin. Sessel werden besessen, Sessel werden verrückt, das noch lebendige Publikum wird verrückt, du lachst. ein Instrumententräger rückt seinen Sessel zurecht, alle Augen, auch die des Kollegiums, sind auf ihn gerichtet, er lässt sich Zeit, verrückt den verrückten Sessel in aller Ruhe, probiert ihn an den verschiedensten Plätzen aus im Zusammenspiel mit seiner Kleidung und seinem Instrument und dem Notenständer und dem Klang und dem ganzen übrigen Exterieur. eine Instrumententrägerin, als er endlich fertig ist, macht es ihm nach, der Instrumententräger verdreht die Augen, du lachst, bald darauf stimmt das halbe Orchester in die verrückte Sesselrückerei ein, niemand spielt auf seinem Instrument, sie alle sind nur verrückt geworden, maximalst werden ein paar Probetöne ausgestoßen oder angefidelt, um den Klang zu testen, zwischen den Verrückungen, in den Lücken der Verrückungen. die Instrumente und das Interieur des Kollegiums und das Exterieur der restlichen Umstände veranlassen immer zahlreichere und vehementere Verrückungen. du lachst, und irgendwann hörst du auch vereinzelte andere Lacher, fremde Lacher, Nachlacher, die aber allesamt seltsam und falsch klingen, seltsam falsch, und dann merkst du dass das Krebsfingergeschwürmesser an der Nase der uralten Dame in der ersten Reihe verschwunden ist, und endgültigst bleibt dir dein letzter Lacher hinter dem Adamsapfel stecken, genau dort.

die 32 hohlen Nippel an den gelben Wänden verschönern den Klang.

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