ein Stück literaturlose Zeit

Literatur auf Zeitdruck, das ist wie ein Marathon aus dem Stand. die Definition einer Schreibblockade lautet: „Literatur auf Zeitdruck“.

Literatur ohne Zeitdruck, das funktioniert nicht. Literatur ohne Zeitdruck wäre wie ein Salzfass ohne Reiskörner.

Literatur auf Zeitdruck bewirkt nur, dass du der Sanduhr dabei zusiehst, wie sie sich immer mehr in ein großes Ganzes verwandelt, dass dir plötzlich bewusst wird, dass Glas Sand ist und Sand Glas, dass eine Sanduhr nicht mehr eine Sanduhr sein könnte als ein Stück Holz ein Stück Holz ist.

Literatur ohne Zeitdruck wird einfach nie fertig. Literatur ohne Zeitdruck bleibt weniger als ein Fragment.

Literatur auf Zeitdruck evoziert das Bild von einem Fluss in deinem Kopf, ein Fluss, muss nicht lang sein, darf auch klein sein, auf dem ein Motorboot dahinrast, das kann auch fiktiv sein, also unter Umständen ultra winzig, aber in Relation sollte es passen zur Größe des Flusses, also es darf ruhig auch so groß sein wie ein Kreuzfahrtschiff, oder noch größer, und selbstverständlich ist es wandelbar. dieses Motorboot rast also dahin, gegen den Strom, es kommt aus dem Nichts (also es kommt aus dem Meer, aber das ist unwichtig, das Bild beginnt nicht am Anfang oder Ende des Flusses, das Bild beginnt irgendwo) und es rast auf die Quelle zu, als hinge sein Leben davon ab. natürlich wird es gesteuert, muss irgendjemand drin sein, um es zu steuern, aber ob Mensch, außerirdischer Mensch oder tierischer Mensch, das ist egal. (meinetwegen kann es auch von einer Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses gesteuert werden, das ist nicht die Hauptsache des Bildes, aber das wäre deine Aufgabe, das Bild innerhalb des Bildes realistisch zu gestalten.) plötzlich, unvermittelt, erreicht das Motorboot die Quelle und wer auch immer es lenkt, was auch immer es lenkt, bleibt stehen, gezwungenermaßen. (und treibt nicht zurück. diese Form der Realität ist ausdrücklich ausgeschlossen von diesem Bild!) da steht also ein einsam verlassenes Motorboot an der Flussquelle, hoch oben an einem Berg vermutlich, wahrscheinlich kann man es gar nicht mehr Fluss nennen, worauf es steht, sondern eher Bächlein, aber dieses Vokabular tut nichts zur Sache, es geht hier nicht um Semantik, es geht um das Bild. die Schnecke innerhalb eines Schneckenhauses blickt um sich. (oder ein anderes menschliches Tier oder ein anderer menschlicher Außerirdischer oder einfach nur ein banaler Mensch, vielleicht auch einfach nur du.) links, rechts, links, rechts, nach hinten, nach vorne, rechts, links, rechts, links, blickt also im Kreis umher, verwirrt vielleicht, panisch, unter Umständen, ahnungslos, in jedem Fall. und das ist es, dieses Bild, das ist Literatur auf Zeitdruck, als Gemälde.

Literatur ohne Zeitdruck wäre hingegen einfach eine Leiche, die, noch von Lebenszeiten her sonnenverbrannt, langsam auf einer Luftmatratze am Meer treibt, das Cocktailglas am Bauch, was einen schönen weißen Fleck um den Nabel herum gibt. Literatur ohne Zeitdruck wären auch die Haie darunter, die sich durch das ständige Kreisen bereits selbst hypnotisiert haben.

Literatur auf Zeitdruck kann personifiziert werden durch die unangenehme Geschäftsmail, die schon seit Tagen ausständig ist und jetzt einfach abgeschickt werden muss, weil nach dem dringend überfälligen Klogang stehen so viel wichtigere Dinge an, an denen es zu Arbeiten gilt.

Literatur ohne Zeitdruck wird durch zwei große Wände voller Bücher repräsentiert, und einer Frau, die mit einem Kuchen durch die Türe tanzt, „2 Jahre Schreibblockade“ steht da drauf.

Literatur auf Zeitdruck lässt keinen Raum für Qualitätschecks und Wortwiederholungsausbesserungen, das ist das Schöne daran.

Literatur ohne Zeitdruck hat dafür vielleicht das Glück, in ein paar Jahren ganze Schulklassen tyrannisieren zu dürfen mit der Definition von „Fragment“.

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