souls mating

no segregation (a small liberation)
freaky friendships are ( )everlasting
one can only find them without searching

trusting has never been a crime
we grinned and joked most of the time
no worries
we were lovers (without kisses) who hugged (without a single touch)
long-distance-friends (who only once shook hands)

i was counting on you
you could on me too
winning without even playing
betting (and losing) the stakes
are staying

willing (but not having) to talk to you
caring (minding) without needing to

if you are down, you can still turn to me
i would never turn on you would still help me get up if i fall
are we still drawing (without a pencil)

every moment celebrating (life’s too short to be kept waiting)
(no worries)
the thrilling feeling
(believing in the unbelievable)
remains as a memory:

seeking a smile
finding laughter
expecting nothing
getting something
it’s a forever-lasting feeling

the mating of two souls

even if they, someday
grow apart

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Wiener Zukunft

dastunkn is no neamand, dafrorn san schon vüle“ – dieser Satz ist heute für mich gestorben. außer ihr hat nie jemand diesen Satz in den Mund genommen, geschweige denn davon gehört. sie ist heute gestorben, und hat den Satz mit sich gerissen. ich weiß leider nicht mehr, was er genau bedeutet, ich weiß nur noch, dass es quasi der Vorgänger gewesen sein dürfte von Furcht bringt deine Hose, aber nicht deinen Kopf ins Grab, und dass dieser Satz seit heute auch nicht mehr stimmt.

aber der Reihe nach. wenn man so lange kein Tagebuch mehr geschrieben hat, muss man ausholen. ich hole aus. Tagebuch, kann man das überhaupt sagen, wenn es keine Reihe von Tagen geführt wird? eigentlich müsste es dann ja Tagbuch heißen. ich führe hier ein Tagbuch, alle paar Jahre ein Tagbuch, kein ganzes Buch natürlich, aber doch nur ein einzelner Eintrag alle unheiligen Zeiten. ein „Jahrbuch“ sozusagen. aber das heißt, glaub ich, etwas völlig anderes. oder hat zumindest damals eine Bedeutung gehabt, an die man sich heute vielleicht noch erinnern könnte. an das Sprichwort, das heute gestorben ist, konnte nur sie sich noch erinnern.

ich will nicht über den Tod sprechen, ich könnte nicht. für mich lebt sie noch. sie könnte jederzeit wieder in mein Leben treten. wir würden lachen und ich würde ihr erzählen, wie wir alle dachten, sie sei gestorben, und dann würden wir vielleicht sterben vor lauter lachen. sterben vor lachen, das hab ich von ihr. heutzutage sagt man das glaub ich nicht mehr.

Bedeutung suchen wir immer noch. sie hat mir erzählt, sie hat jeden Tag Bedeutungen gesucht. hauptsächlich für ihre Arbeit. nebensächlich aber auch für ihr Leben. am Ende ihres Lebens, nach der Arbeit, dann nur mehr hauptsächlich fürs Leben. ich glaub, sie hat keine befriedigenden Bedeutungen gefunden. ich hab sie manchmal denken gehört. ihre Gedanken waren schön wirr. Chaos hat keine Bedeutung, aber ich hätte ihr das nie gesagt. vielleicht hätte ich ihr das sagen sollen. vielleicht muss ich jetzt eine Bedeutung für ihren Tod nicht nur suchen, sondern auch finden, damit sie glücklich sein kann. ich glaube, sowas hätten sie damals machen müssen. ich glaube, ich bin dieser Aufgabe nicht gewachsen. ich glaube, ich will es nicht versuchen. ich glaube, ich hab Angst vor der Bedeutung, die mir begegnen könnte. ich will nicht, dass mir eine Bedeutung begegnet, die mir nicht gefällt.

alle haben sie immer gelobt. sogar die Zeitungen haben sie herausgepickt und gelobt. wie gut sie nicht mit dem Fortschritt zurecht kommt. wie phantastisch sie sich nicht anpassen kann. sie hat immer gesagt, sie will das gar nicht, und, dass sie es nicht absichtlich macht. dass sie sich eigentlich sogar dagegen sperrt. das glaube ich aber nicht. ich habe sie nie gesehen, wie sie sich gegen etwas versperrt hat. sie war immer offen. sie war skeptisch, das stimmt. das stand auch überall. aber die Offenheit war stärker. das Talent. der Zufall. ihre Liebe zum Detail. sie hat mir einmal anvertraut, sie war einmal in einem bestimmten Zustand und hat mir anvertraut, dass sie sich das als Kind einmal vorgestellt hat, genau so. dass es Kameras gibt in den Augen. dass es authentischen Film gibt. mit deckungsgleicher Identifikation. sie hat sogar gesagt, das mit dem Fokus, das wäre ihr nie im Traum eingefallen, dass das wirklich passieren könnte, schon gar nicht zu ihren Lebzeiten. sie hat versucht mir das verständlich zu machen. aber ich bin damit aufgewachsen, ich habe nie alte Filme gesehen. es gibt keine alten Filme mehr zu sehen, die nicht modifiziert wurden, mit dieser magischen neuen Technik, wie sie es nannte. die Zeitungen fanden ihren Mix aus Naivität und Wissen immer sehr sympathisch. ich glaube, ich hab sie einmal beschimpft und gesagt, sie sei aufgesetzt. ich glaube, sie hat nur gelacht. sie hat selten gelacht, also richtig laut und öffentlich.

sie hat gesagt, der Fokus war früher generell, auf den ganzen Bildschirm verteilt, der Blick konnte wandern, auch über den Bildschirm hinaus. während einem Film. das muss man sich mal vorstellen! ich kann es auch nicht. sie hat gesagt, das war gut, das hat Freiheit ermöglicht. aufstehen und rausgehen, während einem Film. ohne auf Pause zu drücken. einfach so. nicht fertig schauen. sie sagt, es gibt viele alte Filme, die sie mir gerne zeigen würde. sie hat nie Titel erwähnt, kaum Inhalte. ich glaube, sie konnte sich selbst an keinen davon genau erinnern. oder vielleicht wollte sie einfach nur nicht zu wehmütig werden. sie redete oft von der Vergangenheit und bekam einen sehnsüchtigen Blick dabei. seit heute kann ich sie verstehen. ich würde nicht zurück wollen, das nicht. ich glaube, sie hätte auch nicht zurück gewollt. oder, vielleicht nur, um sich ein paar alte Filme und Abspielgeräte zu holen. aber nicht dauerhaft. ich glaube, dauerhaft will niemand mehr zurück. wir sind schon zu weit vorne.

wenn sie heute nicht gestorben wäre, wenn sie heute noch leben würde, dann würde sie wahrscheinlich schon zurück wollen. ich glaube, ich würde auch zurück wollen. wenn ich nicht wüsste, dass sich das in Zukunft ändern wird. wenn ich nicht wüsste, dass es nicht geht. wenn ich nicht wüsste, dass sich das sogar bei ihr wohl auch in Zukunft ändern würde, wenn sie noch so lang leben würde.

(aber, weiß ich das wirklich?)

heute war die Premiere von The Movie. ich kann verstehen, warum sie das Titelkonzept vermisst. ich will ja auch zurück, irgendwie. aber gleichzeitig bin ich einfach froh, noch jung zu sein, noch ohne Verpflichtungen und Arbeitsplatz, ohne Verantwortung. ohne plötzlichen Todesfall. sie hatten es ja angekündigt, aber nur ironisch. ich glaube, sie haben selbst nicht wirklich daran geglaubt. ich glaube, sie haben optimistisch einfach nur mit ein paar Krankenhausaufenthalten gerechnet. aber doch nicht damit. wenn ich ihr das erzählen würde. sie würde nicht nur den Kopf schütteln, ihr würde ungläubig der Mund aufklappen und sie würde vor sich hin starren, in die Vergangenheit. vielleicht auch in die Zukunft oder in die Gegenwart. jedenfalls würde sie starren und erschrocken drein schauen. hab ich ja auch. mein Spiegel hat mir gesagt, ich sehe aus wie sie. das hat mich aus meiner Starre gerissen. ich hab recherchiert. es ist alles wahr. so viele Bilder in so kurzer Zeit kann man gar nicht fälschen. außerdem hab ich auch viele Originalquellen aufgesucht. es steht alles noch drinnen, die Accounts wurden noch nicht gesperrt. oder zumindest noch nicht komplett gesperrt. ich kann noch alles sehen. immer noch sehe ich das alles vor meinem inneren Auge: der Saal, die letzten Nachrichten, die starre Leinwand, auf ewiger Pause. die toten Menschen, die nur ihre Arbeit machten. eine harmlose Arbeit, eine Arbeit, die keinen Platz lässt für eigene Gefühle zwar, aber dennoch eine Arbeit, bei der nichts passieren kann. eine Arbeit wie geschaffen für Familien. eine Arbeit, bei der zum Glück heute keinen kleinen Familienmitglieder dabei gewesen sind. ich weiß noch, die letzte Nachricht des letzten Überlebenden begann einfach nur mit „wtf“. das sagte der live Screenshot. sie hatten alle live Screenshots, zum Glück. die Polizei hätte das nie gemacht, sowas hat sich nicht geändert. sie ist immer froh gewesen, dass sich gewisse Dinge nicht ändern, selbst wenn es solche Dinge sind. die Polizei hätte den Film fertig sehen müssen und darüber schreiben, das hätte sie wohl gesagt, verlangt, gelacht. sie hat nicht so oft gelacht, ich glaube, ich dichte ihr dieses Lachen einfach nur an. genauso wie die Bedeutung ihres Sprichworts. irgendwas über den Tod sagt es aus, auch wenn ich das Wort nicht mehr darin finde. oder den Partikel. sie hat es nicht mehr erwähnt, dass ihr Sprichwort widerlegt wird. ich glaube, das ist eine mögliche Bedeutung von ihrem Tod. das Sprichwort muss sterben, damit ein neues leben kann. ab heute ist Angst tödlich. ab heute können die Maschinen die Menschen umbringen, drastisch gesagt. sie hat nie Angst davor gehabt, sie hat immer gewusst, wenn sowas kommt, dann erst lang nach ihrer Zeit. sie sollte recht behalten. heute können Maschinen immer noch keine Menschen umbringen, Menschen können nur Maschinen programmieren, die sie umbringen. Filme sind tödlich. das wird ein Aufsehen erregen in den Schulen. ich glaube, das könnte amüsant werden. vermutlich hätte sie das genauso gesehen. vermutlich hätte sie ihr Sprichwort abgeändert, sodass es mehr Sinn ergibt. „dafrorn is no neamand, dastunkn san schon vüle“. ich sollte herumfragen, ob das mehr Sinn ergeben würde, ab heute. aber ich glaube nicht, inzwischen versteht ja niemand mehr die Worte und Anspielungen. inzwischen bleibt uns nichts anderes übrig als die Tatsachen zu verdauen, und eigene Worte dafür zu finden. falls wir das wollen. ich glaube, ich will das nicht.

ein Abendbucheintrag

ein unsympathischer halber Nachbar, oder eigentlich, ein unsympathischer dreifacher Nachbar, doppelter Nachbar, vielleicht. nette Nachbarinnen. neutrale Nachbarinnen. Sternstunden des Buchdesigns, Sternstunden des Konsums, Sternstunden des Verkaufs. (ein verkauftes Buch.) zwei verkaufte Bücher? eine Visitenkarte, freiwillig, eine andere Visitenkarte, praktisch. eine Autorin, die sich zum Glück als solche selbst geoutet hat. ein Wein, mit einem rosa Sticker. kein Prozentgehalt. kein Impressum. keine Details. ein rosa Sticker mit weißer Schrift.

ein Dessert. kein Fleisch. Feigheit. ein Versäumnis von früher. kein Versäumnis für später? keine geplante Bekanntschaft. eine ungeplante Bekanntschaft, aber diese auch ungesehen. vorbeiziehende Menschenmengen, wellenförmige Andränge, bei allem und jedem. Transkriptionen. Bücher, Bücher, Nicht-Bücher, Bücher. eine sehr hohe Decke. eine Berühmtheit, live, wirklich live, endlich wieder etwas wirklich live! live verstohlen angeschaut und halb hingegangen, nicht zu nah. live wurde weggegangen, aus allen Blickfeldern heraus.

ein uneingelöstes Versprechen.* Neugierde, starke Neugierde. und Unbill. ein neues, altes, schönes Wort. ein ungelöstes Fragezeichen. ein Schlückchen Wein, gut, drei Schluck, sechs, aber ohne Sex, und ein, zwei Schluck vergossen, in ein Glas, auf Anfrage. (von K., die noch mit der U-Bahn heimgefahren ist.) Flasche heim. alles was gratis ist, ist gut. in der Luft wackelnde Füße. Becher auch heim. dort hätte es ja sowieso keinen Kühlschrank gegeben.

verstohlene Bücherdiebe. der geheime Wunsch, selbst Bücherdiebin zu werden, unehrlich zu sein, etwas mitzunehmen, einfach so. genug Menschen, viele Blicke. ohne Menge fallen sie alle mehr auf. außerhalb der Menge sind ihre Intentionen noch schwieriger zu bestimmen. mit einer Flasche Wein im Rucksack durch die schon viel zu lange Dunkelheit. Sternstunden im Winter erhellen die Nacht. eine lange Nacht.

zwei überaus nette ungeplante Bekanntschaften, gegen Ende. drei verkaufte Bücher auf einmal! (danke an das metallene Gestirn, S und L!) zwei komische Käuze an der Nachtbusstation. einer davon angeblich ein Italiener, dessen Akzent aber zu sehr nach Deutschland klingt. geteilter Wein, mit den erfreulichen Bekanntschaften, nicht mit den komischen Käuzen. komische angetrunkene Käuze machen misstrauisch.* auf ex. die unglasigen Gläser wie immer nur marginal gefüllt. die Bäuche erfüllt mit Wärme, mit Hunger, aber auch mit Wärme. kleine Abenteuer sind die wertvollsten. auch im Keim erstickte Freundschaften sind eine Erinnerung wert.

anfängliche Unsicherheit. schlussendliche Liebe. (klein, aber fein, dieses Messchen!) unbefriedigte Triebe. *klischeehaft, aber wahr.

eine erste Begegnung im Gehirngarten

sie kann sich nicht in den Spiegel schauen, sie schaut sich nicht in den Spiegel. schon vorm betreten des Badezimmers blickt sie gerade hinunter, auf den Boden. auf das künstliche Holz, das abrupt zu Fliesen übergeht – kann man das überhaupt sagen, „übergehen“, wenn es keinen Übergang gibt, sondern einen Bruch? diese, unbedeutende, wird abgelöst von einer anderen, akuteren, Frage: wie schaffe ich es, blind die Zahnpasta zu finden, die Zahnbürste zu finden, beides zusammenzuführen und letztendlich erfolgreich in meinem Mund zu platzieren? denn blind ist sie, blind für alles hinter dem Abfluss vom Waschbecken, vor allem für den Spiegel. aber da der Spiegel groß ist und reflektiert, da er hinunter reicht bis zum Waschbecken, da sie ihn nicht abgerissen hat, nicht abreißen hätte dürfen, da er auch nicht unkenntlich gemacht wurde, verklebt oder beschmiert mit dicken Farbschichten, darf sie nicht aufsehen, kann sie nicht aufsehen, es nicht riskieren, die Augen an den Rand des Waschbeckens wandern zu lassen, zumindest nicht an den Rand, der sich auf der anderen Seite befindet, an den Rand an der Wand, an den Rand direkt unter dem Spiegel. vorsichtig tastet sie mit ihren Fingern nach dem Becher und schenkt Wasser ein. dabei ist sie nicht blind, denn der Hahn endet direkt über dem Abfluss, der Hahn ist noch innerhalb der erlaubten Grenze. der Becher wird abgestellt, kurz und heftig klingelt es tief, sie erschrickt für einen Augenblick. aber auch heute tritt kein Plastikbecher an die Stelle seines Keramikpendants. sie greift etwas nach links und holt die Zahnbürste, der Kopf steckt wie immer schon drauf, aus der Halterung, dreht sie um, taucht den Kopf unter Wasser. mit der anderen Hand hat sie inzwischen die Zahnpastatube gefunden und versucht einhändig den Stöpsel abzuschrauben. die Bürstenhand kommt der Pastenhand zu Hilfe, nachdem das Ertränken erfolgreich beendet wurde. jetzt ist es nur noch eine Frage geschickter Balance und die Vorbereitung zur abendlichen Toilette ist in wenigen Sekunden vorbei. als endlich das lächerlich dünne Phallussymbol mit einem konstanten Vibrieren ihren Mund ausfüllt, dreht sie sich um und blickt, bereits in der Drehung, erleichtert auf. Freiheit. der Nacken ist nicht mehr gebunden wie ein kaputtes Glückshufeisen. die Augen, der Kopf, die Nase können frei umher wandern. die Aussicht ist allerdings nicht sonderlich spannend, eine weiße Heizung, vor grauen Fliesen, hellgrau verfugt, auf der ein blasses Handtuch hängt. sie stellt sich vor, um die Szenerie noch trister wirken zu lassen, dass das Handtuch früher einmal eine kräftige Hautfarbe besessen (und nicht ein bleiches Orange, wie es die Realität gewollt) hatte. vielleicht war es die Assoziation der imaginären Hautfarbe. vielleicht war es die Tatsache, dass ihr fröstelte. vielleicht war es ihre Hand, die zwischen ihrem Gesäß und dem Waschbecken zerquetscht wurde. vielleicht war es ihre Tagesverfassung. vielleicht war es Zufall. vielleicht war es die Erinnerung an einen bereits einmal gedachten, entfernten Gedanken.

das Bild in ihrem Kopf war schön und warm und dunkel. das Bild in ihrem Kopf schien unerhört. das Bild in ihrem Kopf ließ sie innerlich lächeln. bei diesem Bild in ihrem Kopf verspürte sie nicht sofort den Drang, es teilen zu müssen, wohl aus weiser Voraussicht, vielleicht aber auch nur aus stolzem Besitzanspruch. das Bild in ihrem Kopf würde ihr noch für längere Zeit erhalten bleiben. das Bild in ihrem Kopf war schön, und sie war zu verblendet um vollends zu realisieren, dass diese Schönheit sehr subjektiv war. das Bild in ihrem Kopf ließ sie alle Sorgen bezüglich des Spiegels vergessen. den Blick mit sich selbst forderte sie trotzdem lieber nicht heraus.

sie hatte weniger konkrete, praktische (also theoretisch-praktische) Vorstellungen als vielmehr ein Bild, ein Gefühl, eine Wortgruppe. sie hätte das Bild in ihrem Kopf nicht aufzeichnen können, selbst wenn sie noch so gut hätte zeichnen können, zumindest nicht zu ihrer vollsten Zufriedenheit. aber dessen sollte sie sich erst später bewusst werden, nachdem das Bild schon eingesickert sein würde, sie schon mehrmals besucht hätte, sogar, nachdem sie es bereits einmal geteilt haben würde, mit etwas erschreckten Reaktionen. bei der ersten, bei dieser ersten Begegnung mit dem Bild war sie noch viel zu begeistert, viel zu überrascht, um über die Beschaffenheit des Bildes zu reflektieren. vorrangig ging es ihr nur um das Bild selbst, um das Gefühl, um den Klang der losen Worte in ihrem Kopf, um die vermeintliche Ästhetik dahinter. wäre ihr das Bild früher untergekommen, und hätte sie es zufälligerweise am selben Tag in der Therapie besprochen, die Stunde wäre wohl anstrengend und besorgniserregend, vor allem aber weit weniger banal ausgefallen, als sie es letztendlich war. vielleicht hatte das Bild ja ein Eigenleben, war sich dessen bewusst, und pflanzte sich aus diesem Grund an diesem Abend erst in ihren Gehirngarten ein. (als Kind hatte sie sich ihr Gehirn immer als Garten vorgestellt, in dem die Ideen auf Bäumen und Sträuchern hingen und zu Boden fielen wenn sie reif und vollständig waren, von Vögeln in freiem Flug gestohlen wurden, wenn sie faul und unbrauchbar waren. als Kind hatte sie noch nicht viel von Botanik, und noch weniger von Neurologie verstanden. später dann, als Jugendliche, als sie in Biologie den menschlichen Körper durchnahmen, war ihr Gehirn immer noch ein Garten, ohne Vögel und ohne Boden, eher eine verwachsene Wildnis, die Synapsen waren Äste und Wurzeln und Blattskelette, die Knotenpunkte dazwischen nicht nur Früchte oder Kartoffeln, sondern auch Blumenstempel und Maulwurfshügel. als Jugendliche hatte sie mehr von Botanik und Neurologie verstanden als als Kind, aber seither war dieses Halbwissen nicht erweitert worden.) vielleicht war das Bild aber zuvor einfach nur faul gewesen, oder noch nicht ausgereift genug. jetzt war es zumindest so sehr gereift, dass es sich halten konnte, dass es bestimmte Assoziationen und ein zumindest unbestimmtes, unbeschreibbares Bild auslösen konnte. das Bild war im Gehirn angekommen, die Synapsen vernetzten sich neu, es wehte ein frischer Wind durch den Garten, alles zitterte ein wenig, weniges veränderte sich, bevor wieder Ruhe einkehrte.

ich will mich in deine Haut eingraben. in die Haut ein-, unter die Haut graben, sich unter die Haut graben. es wäre schön warm, vor allem dunkel wäre es. die Haut als Decke, ich decke mich mit der Haut zu, ich ziehe mir die Haut über den Kopf, wie einen Schlafsack, ich nähe die Haut um mich herum zu, ich nähe mich in der Haut ein, ich kann trotzdem noch atmen, aber ich habe es schön warm und schön ruhig. die Haut ist schalldicht, aber nicht luftdicht. ich decke mich mit der Haut zu bis zum Kinn, und über meine geschlossenen Augenlider senkt sich eine totale Finsternis. die Haut als Gebärmutter, das Bett, der Schlaf als ödipale Rückkehr in den Mutterleib – Vaterleib, für Frauen? die Haut wäre eine schöne flauschige Decke, angenehm weich, angenehm dicht, warm, still, wohl temperiert und ruhig. ich will mich mit dir zudecken, nein, ich will mich in dir zudecken, nein, ich will mich mit dir in dir zudecken, vielleicht klingt das richtig. das klingt auch nicht schön. ich will auf dir liegen und mich mit deiner Haut als Decke, und deine Haut als Decke benutzen. missbrauchen. es würde dir nicht wehtun. es würde dich nicht verletzen. ich will unter deine Haut kriechen können, ich will unter deine Haut kriechen, ich will unter deine Haut kriechen. Haut heben, Haut wieder senken, auf mich, auf einen fremden Körper, der doch kein Fremdkörper wäre. ich will kein Fremdkörper sein, ich will dir nicht wehtun, ich will es nur still und leise und ruhig und dunkel haben, vor allem dunkel will ich es haben. wenn ich mit deiner Haut zugedeckt bin wird es plötzlich dunkel werden, ob der Kopf auch drunter liegt oder nicht, es wird dunkel sein unter deiner Haut, deine Haut beschützt mich vor Licht, der Schatten von deinem Kopf usw. beschützt mich vor der aufgehenden Sonne. ich will unter deine Haut kriechen wie unter ein schützendes Versteck, ich will unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken. ich will schlafen. ich würde unter deiner Haut sofort einschlafen können. unter deiner Haut wäre es bequem, selbst wenn ich auf unbequeme Weise dorthin kriechen müsste. unter deiner Haut wäre alles bequem, unter deiner Haut wäre alles gut, alles still, alles dunkel, alles friedlich. unter deiner Haut wäre das Paradies. hervorkriechen müsste ich nie wieder unter deiner Haut, zumindest nicht bevor ich es nicht ausdrücklich wünschte. unter deine Haut kriechen, ich will unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken. ich will ins Paradies. ich will dir nicht wehtun, ich will nur, dass es mir gut geht, dass ich nie wieder, dass ich, dass ich glücklich sein kann und still und ewig schlafen, dass ich ewig schlafen kann unter deiner Haut, bis ich vielleicht, irgendwann vielleicht einmal aufwache und mich dazu entscheide, deine Haut wieder zu verlassen. bis es mir zu heiß wird unter deiner Haut oder zu langweilig. bis ich genug haben werde von deiner Haut. aber bis dahin würde ich gerne unter deine Haut kriechen und mich mit ihr zudecken und sofort in einen wohligen, ruhigen, dunklen, langen Schlaf sinken, in einen bequemen, schönen Schlaf. und träumen würde ich nichts unter deiner Haut, nichts außer von meinem Garten, ganz vielleicht aber nur. träumen würde ich vorwiegend und hauptsächlich von Dunkelheit, träumen würde ich nur, wenn es unbedingt sein müsste. ich würde die Bequemlichkeit im Schlaf vollkommen genießen und auskosten, diese Stille und Ruhe und Dunkelheit, diesen Frieden auskosten unter deiner Haut, dank deiner Haut. dank deiner Haut würde ich schlafen und glücklich sein können im Schlaf. ich will unter deine Haut kriechen und nie wieder hervorkommen müssen. vielleicht würde ich deine Haut irgendwann freiwillig wieder verlassen. niemand würde mich vermissen unter deiner Haut, zumindest würde ich es nicht wissen, würde mich jemand vermissen. unter deiner Haut herrscht vollkommene Ruhe. ruhen in Frieden könnte ich unter deiner Haut, und gleichzeitig auch träumen. ich will nicht sterben, ich will dir nicht wehtun. ich will nur schlafen, unter deine Haut kriechen und schlafen, bis ich ausgeschlafen bin für mein restliches Leben.“

später sollte sie diese Idee ausbauen, dieses immer wiederkehrende Bild vervollständigen, ergänzen, genauer bedenken. später sollte sie die Problematik der Masse erkennen, die Problematik der Größe. sie sollte jedes Mal individuell Lösungen dafür finden, sie sollte ihre Hautdecke überdimensional vergrößern und sich selbst gleichzeitig überdimensional verkleinern, sodass sie frei herumrennen könnte auf dem Brustkorb aus hautfarbener Decke. sie sollte sich den Fragen des aufreißens und zunähens widmen, und auch der Frage des Blutes. sie sollte erkennen, dass ein realistisches neues Bild sich fast unmöglich durchdenken lässt. sie sollte komplizierte, idealisierte Körper erfinden, bevor sie entdecken würde, dass sie die unterste Hautschicht nicht als Decke verwenden müsste, sondern auch als Bett benützen könnte. sie sollte auf diesem Weg viele komische Details hervorbringen und wieder verwerfen. Körper, unter der Hautdecke komplett abgeflacht, dennoch seitlich liegend, mit nur einem plastischen Kopf am Ende. eine Schläferin in Embryonalstellung, am Rücken des Hautdeckenspenders eingekauert, ein Muttermal. ein Baby, zugedeckt von der Haut seiner Eltern, sanft strampelnd unter dem neuen Gefängnis, ohne es zu zerreißen. sie war fasziniert von jedem neuen Bild, von jedem Ansatz einer Idee. anfänglich kamen diese Bilder nur gelegentlich zu ihr, aber mit der Zeit wurde es zur Obsession. mit der Zeit schaffte sie es nicht mehr, dies Phantasie loszulassen, wollte sich regelrecht in ihr eingraben.