Erinnerung oder Emission

du willst dich nicht erinnern müssen. du musst dich erinnern, du bist viel zu neugierig, aber du willst dich nicht erinnern müssen, du kennst dich zu gut.

du erinnerst dich. aus dem Nichts heraus erinnerst du dich, plötzlich ist sie da, plötzlich schlägt sie ein wie ein Meteorit, nur dass sie keine Dinosaurier tötet; in deinem Kopf gibt es schon längst keine Dinosaurier mehr, alle Dinosaurier sind bei Erdbeben und Vulkanausbrüchen und bei Dinosaurierkämpfen gestorben, die mit den roten Tüchern, die eigentlich gar nicht rot sein müssten, weil alle Tiere farbenblind sind – was? (in deiner Erinnerung sind Dinosaurier so klein und befedert wie Hühner, grüne Hühner sind es, schimmliges Fleisch, sie können vielleicht Feuer spucken, das ist zwar nur ein Gerücht, du hast es noch nie gesehen, aber du kannst dich an einen Zeugenbericht, an einen sehr glaubhaften Zeugenbericht erinnern, du kannst dich zwar nicht mehr daran erinnern, woher du das mit den Tüchern weißt, woher du weißt, dass nur die Bewegung zählt, die hektische Bewegung, und nicht die aggressiv deutende Farbe, du kannst dich nicht mehr Erinnern ob du das gelesen hast oder gehört oder gesehen, ob es auch nur ein Gerücht ist, vielleicht kannst du dich nicht mehr daran erinnern, weil es eines deiner eigenen Gerüchte ist, weil du es selbst in die Welt gesetzt hast, aber vielleicht hast du es auch aus einer seriösen Studie, du kannst dich nur daran erinnern, dass es stimmen muss, Erinnerung oder Emission, sie hat sicherlich nicht nur einen wahren Kern, sondern auch eine erwiesene Schale.)

was?
genau, du wolltest dich nicht erinnern, hast dich erinnert, musstest dich erinnern, erinnertest dich, kannst jetzt nicht mehr entrinnen.

du willst dir nicht wünschen müssen, dass du dich nicht erinnern kannst, du willst wissen können, dass du dich nur erinnerst, woran du dich erinnern willst, aber wie immer, je größer der Wunsch, umso unwahrscheinlicher seine Erfüllung, sonst würden die Dinosaurier ja heute noch leben, sonst hättest du einen kleinen Dino namens Tino in deinem Hinterstübchen, sonst würden größere Wachdinos deine Erinnerungen beschützen und vor allem diese Erinnerungen vor der Außenwelt bewahren, jedes unerlaubte Eindringen, vor allem von deiner Seite, verhindern, bespucken mit ihrem Feuer, das sie selbstverständlich speien könnten, wenn sie noch existieren würden, selbst wenn sie es damals noch nicht gekonnt hätten, obwohl du dich an den Zeugenbericht erinnern kannst, als wäre er gestern gewesen, obwohl du das Stottern vor dir siehst, als blickte es dir jetzt von der anderen Seite des Spiegels entgegen, obwohl du die wirre Frisur hören kannst, das Knistern der Haare riechen, als stünden die Zeugen in diesem Moment vor dir, als berichteten sie augenblicklich von den unglaubwürdigen Szenen, die sie vernommen, von den gewöhnlichen Dinos, mit ihrer schimmligen Haut, die, das Gesicht zur Sonne gewandt, und du erinnerst dich, hättest du Wächterdinosaurier und Wachdinos vor deinem Kerker gehabt, sie hätten das verhindern können, aber so musst du dich erinnern, dass du schon damals Zweifel gehegt hattest, dass die Zeugenberichte dir bereits zum Zeitpunkt ihrer Präsentation etwas skeptisch begegnet waren, die Sonne, die Sonne, die helle Sonne in ihrem frühmorgentlichen oder spätabendlichen Rot hatte wohl den Anschein erweckt, sie sei Feuer, sie sei Flammen, die Sonne war in den Zeugenberichten Feuer und Flamme für übernatürlich mutierte Dinosaurier geworden, Drachaurier, Dinorachen, du erinnerst dich weiter, plötzlich fällt es auf die Erde wie ein weiterer Meteorit, aber auch dieser bringt die Dinos nicht zurück, er macht alles nur noch schlimmer, er verdunkelt die Sonne, die Flammen sind weg, die Illusion der Dirachen verschüttet unter Staub und Asche, unter den Wolkenbergen des Meteorits, du erinnerst dich, du hast dich schon erinnert, deine Worte wussten es, bevor es in dein Bewusstsein gedrungen war, du hast keine Ahnung von Dinosauriern, du hast keine Ahnung von Drachen, die nächste Erschütterung folgt unmittelbar, du hattest nie eine Ahnung von Stieren, von Tieren, von stummen Tieren, von Stoffen, du weichst zurück, du gehst zurück, du läufst und rennst zurück, den Kopf in den Händen, den Oberkörper gebeugt, die Gedanken gefangen, die Erinnerungen verloren, für immer und ewig in den Erinnerungen verloren, die Erinnerungen verbannt, für immer und ewig zum erinnern verbannt, verbrannt von der Einsicht, gestürzt von der Scham, erstickt von den Schreien, nein, die Schreie erstickt, die Erinnerungen an all die toten Schreie erdrücken dich, die angehaltene Luft erdrückt dich, du drückst deine Knie an die Brust, drückst die Knochen durch die Haut, drückst den Kopf gegen die Wand, die Zelle, vor der die Dinos stehen und lachen, und wachen, und dich nicht beachten, gefangen von deinem Willen, nie mehr zum erinnern verdammt, verdammt mit deinen Erinnerungen zu leben, die Zelle ist leer, das Gitter ist weg, genauso wie deine Mobilität, erstarrt, starr vor Verwirrung versuchst du dich zu erinnern.

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Verzweif atmet Lungen aus

du gehst und du sprichst und du gehst langsam und du weinst und du umklammerst dein telefon und du gehst und du gehst um die kurve und du holst schlagartig luft und du drehst um und man sagt dir, dein schluchzen, dieses plötzliche nach-luft-schnappen beim weinen, man sagt dir, während du langsam gehst, dass es wie schnackerl klingt, und du musst lachen, du gehst, und du lachst kurz, während dir eine träne die wange hinabrinnt, du gehst, du lachst, du weißt selbst nicht, ob es ein echtes lachen ist, ein müdes lachen, ein trauriges lachen, ein erschöpftes lachen, ein erzwungenes lachen, du lachst und gehst, dann redest du weiter, gehst weiter, drehst um, gehst, drehst um, merkst, wie nass die hülle deines handys ist, registrierst, dass das display wohl mit tränen verschmiert sein musst, aber handelst nicht danach, drückst es weiter an deine wange, sprichst weiter, hörst weiter zu, versuchst weiter, zu denken, deutlich zu sprechen, nicht zu viel zu sagen, nicht zu konfus zu wirken, du drehst um, du bemühst dich, keine unnötige zeit in anspruch zu nehmen, deine gefühle zu verdeutlichen, versuchst, zu sagen, was dir auf dem herzen liegt, aber wie, wie sollst du es darstellen, wenn du nicht einmal sagen kannst, ob das lachen vorhin echt oder müde oder erschöpft war oder gekünstelt, du schluchzt wieder, du nimmst deinen arm und stützt damit deinen ellenbogen, legst deinen arm über deinen bauch, du redest unter tränen, deine worte sind tränenüberströmt, aber du willst fertig reden, du willst sagen, was du zu sagen hast, obwohl das, was du sagst, keinen sinn ergibt, zumindest keinen sinn ergibt im vergleich zu dem, was du dir gedacht hast, bevor du es gesagt hast, du drehst um, du gehst, du ärgerst dich darüber, dass du deine gedanken nicht unmittelbar ausdrücken kannst, ärgerst dich darüber, dass du dich nicht verständlich machen kannst, du gehst, du heulst, du schluchzt, du redest, du hörst zu, du denkst, du willst nicht denken, nicht daran denken, an nichts denken, willst es nicht zu ende denken, willst es nie gedacht haben müssen, willst eine zeitmaschine und dich gleich nach deiner geburt erwürgen, das willst du, und du gehst und gehst und drehst immer wieder um und gehst zurück und gehst hin und her, drehst um, gehst zurück, drehst um, gehst zurück, es ist ein ewiges hin und her, unterbrochen von gelegentlichen zwischenstopps im bad, in dem du dir die achseln abwischst, mit einem waschlappen, du wischt dir die schweißnassen achseln mit einem waschlappen ab, vorm waschbecken, während du das telefon an dein ohr presst und wieder registrierst, dass es selbst nass ist, du wischt dich ab von den ellenbogen bis zur hüfte, auf beiden seiten, klemmst das handy zwischen kopf und schulter, redest, hörst zu, nickst, obwohl dir bewusst ist, dass man dich nicht sehen kann, du gehst weiter, du gehst langsam weiter, drehst um, gehst zurück, schluchzt immer noch gelegentlich, aber man versteht dich inzwischen besser, du merkst, man merkt, das gespräch neigt sich dem ende zu, du merkst, deine entschlüsse scheinen gefasst, du merkst, du weißt was du zu tun hast, man merkt, du weißt was du zu tun hast, man fasst zusammen, man lobt dich, man sagt dir, du seist auf deine eigene lösung gekommen, du nickst, du sagst mhm, du sagst ja, du lachst, du glaubst nicht daran, du kannst dich nicht daran erinnern, du glaubst daran, du willst nicht daran glauben, du gehst weiter, gehst langsam weiter, musst weitergehen, umdrehen, weitergehen, umdrehen, weitergehen, dich weiterdrehen, umgehen, du hast dein längstes trockenintervall erreicht, das wird dir später so erscheinen, die tränen auf deinen wangen trocknen ein, es kommen keine neuen nach, auch kein schluchzen, dein kopf ist ruhig, fast leer, der kopf läuft auf akkusparmodus, in deinem kopf steht, was du tun wirst und in deinem kopf steht, dass es die richtige entscheidung ist, dein kopf versucht den rest möglichst auszublenden, die anderen möglichkeiten, die es theoretisch gäbe, die vergangenheit, die dich verletzt hat, die zukunft, die dich verletzen wird, die gegenwart, die dich vielleicht doch kurzfristig heilen kann, du gehst und nickst und lauscht, du lauscht der stimme an deinem ohr, die stimme hat recht, die stimme hat dir verdeutlicht, was du tun wirst, du wirst auf die stimme hören, denn auf deine eigenen stimmen könntest du nicht vertrauen, du atmest tränenlos, du kannst deinen eigenen stimmen nicht vertrauen, sie würden dir nichts sagen, sie würden nur weinen und schreien und sich zusammenrollen wie ein ball, du gehst und nickst und sagst mhm, deine eigenen stimmen würden dir sagen, dass du dich wie ein ball zusammenrollen sollst, dass du dich auf die seite legen sollst oder an die wand lehnen sollst mit dem hinterkopf, den kopf zwischen den beinen und dem bauch, den mund offen, die augen zu, aber geöffnet für tränenströme, du gehst und hörst und nickst und sagst ja und sprichst selbst noch ein paar abschließende worte, fasst dinge zusammen, fügst dinge hinzu, du denkst nicht daran, dass du jetzt eingerollt auf deinem bett liegen könntest, ein kleiner, armesliger ball, der in seiner verzweiflung aufgeht, ganz in seiner verzweiflung aufgeht, größer und immer größer wird, lauter wird und doch immer stummer, weil er zu laut schreit, um einen ton aus seiner kehle zu pressen, du denkst nicht an die stimmen in deinem kopf, die ruhig sind, die dir das sagen würden, das raten würden, wenn du ihnen die gelegenheit bötest, die dich automatisch in den kugelmodus versetzen würden, in den igelmodus, in den verzweiflungsmodus, du denkst nur an die stimme, die du hörst, jetzt an deinem ohr hörst, ganz nah, ganz ruhig, ganz vertraut, diese stimme, die dir sagt, was du tun wirst, die dir sagt, dass du dir eigentlich selber gesagt hast, was du tun wirst, die dir bestätigt, was du tun wirst, die es geschafft hat, dich zu beruhigen, vorerst zumindest, die es geschafft hat, dir glaubhaft zu machen, dass sie nur eine reflexion deiner selbst ist, diese stimme, die zu dir gehört wie keine andere.