es flattert (nicht mehr)

es summt, es surrt, es brummt. nein. es flattert. du weißt, dass es flattert. es flattert schön. aber nicht wie ein Vogel. leiser; kleiner; anders. es flattert mit seinen Flügelchen und macht dabei dieses summende, surrende, brummende Geräusch – nein, das ist falsch, alles falsch. du kannst das Geräusch nicht beschreiben. es ist kein Summen, es ist kein Surren, genauso wenig wie es ein Brummen ist. es ist heller. es ist schön, ein schönes Flattern. ein panisches Flattern. ein verzweifeltes Flattern, ein hilfloses Flattern, ein Todeskampf-Flattern. wenn es doch nur schon tot wäre. wenn es sich schon ausgeflattert hätte, oder, noch besser, aufgeflattert, vollgeflattert, aufgeladen hätte und seinen Ausweg gefunden. das kann doch eigentlich nicht so schwer sein. du verstehst nicht, wieso es anscheinend unmöglich ist. schon eine Stunde wird es sein, dass es einen Fluchtweg sucht. unfindbar. unfähig. unschön. das Fallen ist unschön, wenn es zurückfällt, klirrt, zurück in die Mitte purzelt, zumindest nimmst du das an, du kannst es von unten ja nur schemenhaft erkennen, wenn es zurückfällt, klirrt es. es ist ein Sisyphoskäfer, zu müde, zu krank, um die steile Steigung zu bewältigen. wenn es kopfüber an der Decke krabbeln kann, müsste es doch auch bergauf und raus in die Freiheit kommen, denkst du dir – aber nein, daran darfst du nicht denken. und es ist offensichtlich auch nicht wahr. es ist verloren. gefangen; verdammt. für immer. es wird sich bald ausgeflattert haben. hoffentlich wird es sich endlich bald ausgeflattert haben, damit du es vergessen kannst, endlich das schöne Geflattere vergessen kannst und ruhigen Gewissens einschlafen.

du willst, dass seine Flucht gelingt, und du willst es doch nicht. du hast Angst, es könnte Superkräfte bekommen, es ist eine unbegründete, irreale Angst, eigentlich ist es keine Angst; aber der Gedanke ist trotzdem da, die theoretisch-potentielle Möglichkeit, im Paralleluniversum, das nicht das deinige ist, und es nie sein wird. die Angst, die keine Angst ist, sondern nur ein Gedanke: dass es nicht flattert aus lauter Verzweiflung, sondern um sich zu stärken, um sich aufzuladen wie eine Batterie, um wieder zu Kräften zu kommen, und wenn es stark genug ist, wenn es fertig ist, wenn es sein volles Potential erreicht hat, wird und muss es nicht mehr flattern (und du sehnst und fürchtest diese Stunde herbei), sondern kann ausbrechen, wird ausbrechen, entweder unrealistisch-spektakulär, indem es das Glas zerbirst und herausströmt wie aus einem frisch geschlüpften Ei, oder unrealistisch-realistischer, indem es nicht mehr auf sich selbst zurückfällt und in die Mitte geworfen wird, sondern endlich den steilen Aufstieg schafft, den Ausstieg, den Rand erklimmt, am Gipfel der Welt einen tiefen Atemzug holt.
in beiden Fällen fliegt es dann auf dich zu und greift an.

warum kann es sich nicht frei flattern. warum kannst du nicht versuchen ihm beim freiflattern zu helfen.
es würde im Staub ersticken. du würdest es befreien und es würde panisch durchs Zimmer flattern und entweder würdest du es nie mehr wieder sehen, nicht finden, nicht sterben sehen, oder es würde im Staub ersticken, vor deinen Augen, und du könntest nichts dagegen unternehmen.
so erstickt es nicht im Staub. wahrscheinlich nicht. wahrscheinlich verhungert es. vielleicht würde es verbrennen, wenn du die ganze Nacht das Licht anließest. aber du hast es extra abgedreht, damit es nicht verbrennt. damit du es nicht unnötig quälst. damit es nicht geblendet wird. damit du nicht geblendet wirst, falls du es doch retten willst. aber du kannst es nicht retten. es ist schon verloren. es flattert nicht mehr.
immer, wenn es nicht flattert, in den ganzen Flatterpausen, hältst du es für tot. auch wenn es bisher immer wieder weiter geflattert ist, irgendwann, und wenn es nicht geflattert ist, ist es gefallen, hat es geklirrt, und das war nicht weniger schlimm, aber weniger schön. geflattert oder gefallen. geflattert und gefallen. geflattert, gefallen. du magst nicht mehr sehen, wie es fällt. und hören willst du es schon gar nicht. du verstehst nicht, wieso es fällt. vielleicht will es nicht zurück in die Freiheit. vielleicht ist das Fallen wie eine Rutsche. vielleicht macht es ihm Spaß. vielleicht war es noch nie so glücklich wie in diesen Momenten. vielleicht liebt es dieses Gefühl, so wie du, dieses Gefühl des Herzens außerhalb des Körpers, das du von Achterbahnen kennst. vielleicht ist das Fallen wie eine Achterbahn. vielleicht liebt es Achterbahnen.

vielleicht würde es doch lieber verbrennen. aber du kannst ja nicht wissen, was es will. du kannst nur wollen, für dich, und für dich willst du, dass es nicht mehr flattert. aber natürlich geschieht das nicht.

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es hat nicht mehr geflattert. die ganze Zeit als du versucht hast, es zu retten, hat es nicht mehr geflattert. es war ganz verstaubt. es wäre wohl gelb gewesen unter dem Staub. aber es hat nicht mehr geflattert. es hat dir diese Freude nicht mehr gemacht. aber es ist auch nicht geflüchtet. es war wohl zu gelähmt um zu flüchten, zu gelähmt von der dünnen Staubschicht, die über seinen Flügeln lag. ob es deswegen nicht von selbst in die Freiheit krabbeln konnte. auf der senkrechten Außenwand deines Fensters hatte es jedenfalls keine Probleme mehr. vielleicht befreit der Wind es von dem Staub. oder hättest du es sanft bewässern müssen. die Spinne wird es fressen. wenn es nicht rechtzeitig wieder fliegen lernt, wird die Spinne es fressen. wenn es rechtzeitig wieder fliegen kann, wird es aufgrund seiner Schwäche leblos aus der Luft fallen und unwiederkennbar am Boden landen, wie gewöhnlicher Dreck. oder es wird direkt ins Netz der Spinne flattern.
in den Schlaf wird es dich nicht flattern. es kann dich mit seinem Geflattere nicht mehr vom schlafen abhalten.

es hat mit den Beinchen gezappelt. am Papier hat es mit den Beinchen gezappelt, als es am Rücken lag, und du hast die Falte geneigt, damit es wieder stehen konnte. dann war es immer noch gelb und immer noch staubig. wahrscheinlich hätte es die Achterbahn bevorzugt.

du hast vergessen, im fahlen Licht der Standleuchte seine Punkte zu zählen. es hatte viele Punkte. es muss schon alt gewesen sein.

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meine Meinung

kein Absicht, keine Absicht. kein Gram? keine Absicht, kein Gram?

Anteilnahme dämmt die Trauer? Anteilnahme sollte Trauer dämmen?

nein.
nicht bei dir.

keine Absicht, keine Absicht, aber Gram. keine Absicht, keine Absicht, trotzdem Gram. Trauer trotz Anteilnahme. Trauer trotz Taneilnahme. keine Absicht, keine Absicht, aber Gram.