grenzwertige Charakterstudie

sie hatte nur diese zwei Stichworte; nicht mehr, nicht weniger. gut, sie hätte mehr gehabt, aber „sie hatte nur diese zwei Stichworte; also fast“ hielt sie für einen schlechteren Anfangssatz. und Anfangssätze sind ja das wichtigste. wenn der erste Satz nicht so fest sitzt wie ein Kind im Hochsitz, sollte man gar nicht erst fortfahren. oder herzeigen. oder veröffentlichen. oder sich dahinter stellen. je nach Lebenslage und Schreibprozess.

sie hatte jedenfalls nur eine Charakterstudie und Grenzen als Selbstvorgabe. also, keine konkrete Charakterstudie, aber „sie hatte jedenfalls nur die Worte Charakterstudie und Grenzen als Selbstvorgabe“ klingt auch nicht so prickelnd. und es wäre auch nicht ganz richtig gewesen, denn unter „Charakterstudie“ hatte sie sich einmal etwas bestimmtes vorgestellt gehabt. das wusste sie. sie wusste nur nicht, was das gewesen war.

sie hatte sich also von diesem nichtssagenden Nomen inspirieren lassen und eine Charakterstudie zu schreiben, so wollte es die Notiz. und die Notiz wollte auch, dass derselbe Text von Grenzen handelte. eine grenzwertige Charakterstudie also, eine studiencharakteristische Grenze.

sie hatte keine Ahnung, wie sie anfangen sollte.

also begann sie damit, sich ein Konzept zu suchen, in ihrem Innersten. natürlich schnitt sie sich nicht wirklich auf, und selbst wenn sie es getan hätte, wäre sie nicht fündig geworden, aber sie konnte wohl schlecht schreiben „also begann sie damit, sich ein Konzept zu suchen, in ihrer unmittelbaren Umgebung, in ihrem müden Kopf, in ihrem dunklen Zimmer“.

Dunkelheit und Licht bilden eine Grenze, müde und wach bilden eine Grenze, es gibt eine Grenze zwischen den Fingern und dem Papier, zwischen den Fingern und der Tastatur, zwischen den Fingern und den Wänden, und diese Grenze ist die Luft.

sie überlegte kurz, wie sich wohl eine Charakterstudie der Luft läse. der Atmosphäre. des Sauerstoffs. sie verwarf diesen Gedanken sogleich, denn er schien ihr zu langweilig.

als sie mit ihren Fingerknöcheln knackte, kam ihr die Idee einer Selbstcharakterisierung, mit Vorgaben, mit Grenzen. („sie wollte über sich schreiben, aber mit gewissen Restriktionen; mit welchen, das wusste sie nicht.“) Grenzen zwischen sich und den anderen, Grenzen zwischen gestern und heute, Grenzen zwischen heute und morgen, heute als ihre Grenze zwischen gestern und morgen.

sie assoziierte freien Unsinn, denn sie wusste, eine weitere Autobiographie würde scheitern, sie hatte bereits alles über sich gesagt.

sie kratzte sich und dachte an die Grenze zwischen Schmerz und Lust. eine Grenze jedoch, die zu sehr sexuell konnotiert war. sowas konnte sie nicht dulden, sie konnte durch ihren charakterlosen Grenztext keine Menschen ausgrenzen oder eingrenzen. es sollte sich niemand begrenzt fühlen. es würde sich niemand begrenzt fühlen. sie würde sich selbst umgrenzen und damit alle anderen von sich ausgrenzen, aber somit wiederum zusammengrenzen, alle über ihre Grenzen hinweg zusammenführen.

endlich hatte sie eine Idee die ihr gefiel, mit einem schönen Bild im Kopf: ein Turm, ein Kokon, eine Blase, eine Aura (sie müsste sich das noch genauer überlegen) um sie herum, alle anderen unbegrenzt, außer von ihr.

sie wollte also mit diesem Bild beginnen, es zur Metapher ausformen, mit Bedeutung aufladen, seinen Charakter vergrößern.

aber sie konnte sich nicht entscheiden.

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Ein Gedanke zu “grenzwertige Charakterstudie

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