Kornfeldkotzerei

die Kamera bleibt die ganze Szene über im Zug, man sieht aus dem Fenster hinaus. manchmal ist die Reflexion in der Scheibe präsenter als die Außenwelt, vor allem gegen Ende hin wird der Fokus auf die Landschaft immer unschärfer, aber meistens bildet die Silhouette des Protagonisten nur ein leises Hintergrundgeräusch. das Rattern des Zuges muss zu jeder Zeit im Vordergrund stehen, vielleicht hört man zusätzlich leise Geigen oder einen Popsong. die Atmung des Protagonisten ist ausgeblendet.

der Zug beschreibt eine flache Kurve. am Beginn dieser sieht der Protagonist ein braunes Saatfeld, etwas unterhalb der Höhe der Schienen. er sitzt gegen die Fahrtrichtung und blickt aus dem Fenster zu seiner Rechten. aufgrund seiner Position nimmt er die Szene nicht gleich von Anfang an wahr, aufgrund der Fahrstrecke, die den Zug zunächst einen Teil des Feldes umfahren lässt, kann er sie jedoch länger betrachten als sein Gegenüber.

man sieht also, nachdem der Zug bereits daran vorbeifährt, einen Mann mitten im Saatfeld stehen. als nächstes fällt der Blick auf sein Auto, geparkt auf der toten Straße, die zwischen dem Feld und der Anhöhe, die zu den Schienen führt, verläuft. der Mann steht gebückt im Saatfeld, die Hände auf seinen Knien aufgestützt, den Kopf gesenkt. der Protagonist vermutet, dass er sich übergeben muss, wird aber vom sichtbaren Ausbleiben eines Würgens enttäuscht. fasziniert von diesem Bild führt er den Kopf näher an das Fenster, d.h. die Kamera liegt nun auf der Scheibe auf. der Mann im Feld richtet sich auf, und geht über die nackte Erde, weiter weg von seinem Auto, auf die andere Seite des Feldes zu. wir hören die verwirrten Gedanken des Protagonisten in unserem Kopf widerhallen, nicht, weil plötzliche eine stimmliche Audiospur eingespielt wird, sondern weil es auch unsere eigenen Gedanken sind. was macht dieser Mann? was ist geschehen? sind andere Passagiere ebenfalls Zeugen dieser kuriosen Darbietung?

der Protagonist beugt sich weiter vor, aber Bäume und zunehmende Distanz zum seltsamen Geschehen verwehren ihm die Sicht.

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grenzwertige Charakterstudie

sie hatte nur diese zwei Stichworte; nicht mehr, nicht weniger. gut, sie hätte mehr gehabt, aber „sie hatte nur diese zwei Stichworte; also fast“ hielt sie für einen schlechteren Anfangssatz. und Anfangssätze sind ja das wichtigste. wenn der erste Satz nicht so fest sitzt wie ein Kind im Hochsitz, sollte man gar nicht erst fortfahren. oder herzeigen. oder veröffentlichen. oder sich dahinter stellen. je nach Lebenslage und Schreibprozess.

sie hatte jedenfalls nur eine Charakterstudie und Grenzen als Selbstvorgabe. also, keine konkrete Charakterstudie, aber „sie hatte jedenfalls nur die Worte Charakterstudie und Grenzen als Selbstvorgabe“ klingt auch nicht so prickelnd. und es wäre auch nicht ganz richtig gewesen, denn unter „Charakterstudie“ hatte sie sich einmal etwas bestimmtes vorgestellt gehabt. das wusste sie. sie wusste nur nicht, was das gewesen war.

sie hatte sich also von diesem nichtssagenden Nomen inspirieren lassen und eine Charakterstudie zu schreiben, so wollte es die Notiz. und die Notiz wollte auch, dass derselbe Text von Grenzen handelte. eine grenzwertige Charakterstudie also, eine studiencharakteristische Grenze.

sie hatte keine Ahnung, wie sie anfangen sollte.

also begann sie damit, sich ein Konzept zu suchen, in ihrem Innersten. natürlich schnitt sie sich nicht wirklich auf, und selbst wenn sie es getan hätte, wäre sie nicht fündig geworden, aber sie konnte wohl schlecht schreiben „also begann sie damit, sich ein Konzept zu suchen, in ihrer unmittelbaren Umgebung, in ihrem müden Kopf, in ihrem dunklen Zimmer“.

Dunkelheit und Licht bilden eine Grenze, müde und wach bilden eine Grenze, es gibt eine Grenze zwischen den Fingern und dem Papier, zwischen den Fingern und der Tastatur, zwischen den Fingern und den Wänden, und diese Grenze ist die Luft.

sie überlegte kurz, wie sich wohl eine Charakterstudie der Luft läse. der Atmosphäre. des Sauerstoffs. sie verwarf diesen Gedanken sogleich, denn er schien ihr zu langweilig.

als sie mit ihren Fingerknöcheln knackte, kam ihr die Idee einer Selbstcharakterisierung, mit Vorgaben, mit Grenzen. („sie wollte über sich schreiben, aber mit gewissen Restriktionen; mit welchen, das wusste sie nicht.“) Grenzen zwischen sich und den anderen, Grenzen zwischen gestern und heute, Grenzen zwischen heute und morgen, heute als ihre Grenze zwischen gestern und morgen.

sie assoziierte freien Unsinn, denn sie wusste, eine weitere Autobiographie würde scheitern, sie hatte bereits alles über sich gesagt.

sie kratzte sich und dachte an die Grenze zwischen Schmerz und Lust. eine Grenze jedoch, die zu sehr sexuell konnotiert war. sowas konnte sie nicht dulden, sie konnte durch ihren charakterlosen Grenztext keine Menschen ausgrenzen oder eingrenzen. es sollte sich niemand begrenzt fühlen. es würde sich niemand begrenzt fühlen. sie würde sich selbst umgrenzen und damit alle anderen von sich ausgrenzen, aber somit wiederum zusammengrenzen, alle über ihre Grenzen hinweg zusammenführen.

endlich hatte sie eine Idee die ihr gefiel, mit einem schönen Bild im Kopf: ein Turm, ein Kokon, eine Blase, eine Aura (sie müsste sich das noch genauer überlegen) um sie herum, alle anderen unbegrenzt, außer von ihr.

sie wollte also mit diesem Bild beginnen, es zur Metapher ausformen, mit Bedeutung aufladen, seinen Charakter vergrößern.

aber sie konnte sich nicht entscheiden.

Mantra

leg dich ganz still hin und versuche dich zu beruhigen. versuche dich zu entspannen. versuche deine Atmung zu regulieren, bis sie fast unsichtbar wird. vielleicht sehen sie dich dann und halten dich für tot. vielleicht erklären sie dich daraufhin sogar für tot. vielleicht rufen sie all ihre Verwandten und Freunde an, die dich auch kannten, und erzählen ihnen, dass du tot bist. vielleicht legen sie einen Termin fürs Begräbnis fest. vielleicht streiten sie sich bei den Vorbereitungen, vielleicht nicht. vielleicht haben sie einen offenen Sarg, vielleicht nicht. vielleicht kommen viele zu deinem Begräbnis, vielleicht nur wenige. vielleicht halten sie gute Reden. vielleicht gibt es schlechtes Essen. vielleicht weinen alle, wenn dein Sarg in die Erde gelassen wird. vielleicht wirst du verbrannt. vielleicht wirst du zu einem Diamant gepresst und als Ring getragen. vielleicht wird deine Asche verstreut. vielleicht trauern sie lange über dich, vielleicht kurz. vielleicht haben sie dich sehr gern gehabt, vielleicht nicht.
leg dich ganz still hin und versuche dich zu beruhigen. vielleicht, wenn du deine Rolle überzeugend spielst, kann die Hoffnung wahr werden. also leg dich ganz still hin und versuche dich zu entspannen.

Fragmentarium

dein Name hatte die Initialen einer Krankheit über die du nicht viel wusstest

Ameise in der U-Bahn, stirb schnell

Cola oder kleine Kinder (Verhörer)

Fahrrad auf den Schienen, eingeklemmt zwischen zwei Bims

Frau steigt aus dem Auto und weint

Frau mit Kleinkindern sperrt den Goldladen auf

Gegenzüge sind selten!“

geh weiter und wisse, dass die Ampel nur für dich grün wird

Je t’aime“ (Verhörer)

Kind in der U-Bahn sagt was ich mir immer dachte:

Kinder denken nicht, deshalb haben sie so viel Phantasie

Läufer zerschneiden sich an mir, der rote zum orangenen:

Mann bleibt im Auto sitzen und lenkt

Müllmann schreit:

sie winken

Telefonat in der U-Bahn:

Ticket, sonst weg da!“

„… Geburtenrate in 14 Tagen herum …“

something shallow

sometimes you wish you could express your pain. just throw it out there, with the help of words, brushes, instruments. but the fact is, you can’t. not when the pain is strong enough, not when it’s real, not when it’s overwhelming you.
then you realise you’ve become like your grandmother, because you’re using one single Kleenex in a half hour, constantly.
it fills you completely and you just want to get it out, although you don’t even really know what that’s supposed to mean. you wanna puke, but then again you promised yourself you wouldn’t, this year. and you’ve already broken that promise too often since January.
it’s completely wet and you don’t even care.
if you wished for one thing, it would be that the headache stops. but you don’t wanna take medication, you don’t even wanna search for it. maybe you wanna punish yourself. maybe you’re afraid that one single drop of water would actually make you puke. maybe you’re enjoying this pain, in a very weird and unhealthy way.
you can’t.
it comes in waves, the grief, just like the tides. there’s the crying periods, when the tears fill your eyes, your cheeks. the Kleenex starts to dissolve.
you’re too overwhelmed.
and then there’s the other periods, in between. they are still only a few, but they’ll grow, they’ll prevail, eventually. you know that. but again, you don’t really care. maybe you don’t even want it to happen. maybe you wanna keep and cherish the pain until you can figure out what it really is and how to make it go away properly. but of course you wouldn’t have enough patience for that.
the Kleenex is just a small, white curtain of liquid now. barely a dry corner left. it’s starting to tear excessively.
no matter which period you’re in right now, you’re agitated. searching for something to do, for something to get you off your thoughts. of course there’s no such thing. not yet, anyway.
it’s fascinating how a completely wet Kleenex can still fulfil its job. you’re wondering however that works. but, really, you don’t really care. as long as it doesn’t completely tear up, at least. as long as you can abuse it without going to the trouble to reach for a new one.
you’ve watched tv until just now, but it doesn’t work anymore. you don’t wanna have to concentrate. reading of course was never an option. probably you wouldn’t even understand a children’s book. and it’s not good for the headaches, anyway.
your nose cries in tides too. everything seems to lead back to the sea.
you know you should eat, but you just can’t bring yourself to do it. nothing would taste right. sleep would be the wisest thing, but trying is so hard. and trying is failing, of course.
but the tides just won’t wash you away. no matter how badly you hope for it to happen.