Schreiben – kein Tagebuch

ich wünschte, ich könnte schreiben, ohne mich zu bewegen, ohne einen Finger zu rühren, ohne eine Stirn zu runzeln, ohne einen Gedanken zu fassen. dann könnte ich schreiben im Schlaf, schreiben unter der Dusche, schreiben, wenn ich schon tot bin; dann könnte ich schreiben, ohne das Papier tränennass oder die Tastatur kekskrümelig zu machen.

stell dir vor du könntest im Koma schreiben, würdest du? stell dir vor du könntest im Grab schreiben, würdest du; oder im Sarg? stell dir vor du bräuchtest keinen Stift zum schreiben, würdest du es nicht viel mehr genießen, Formulare auszufüllen?

es würde einfach so herausschreiben aus dir, du müsstest dich nichtmal besonders anstrengen dafür. deine Aufsätze, deine Postkarten, deine E-Mails, deine Kurzmitteilungen, alles würde sich aus dir herausschreiben, auch deine Liebesbriefe. sie würden dich ausschreiben, deine Worte nach außen kehren und innen einen Leerraum lassen, einen ausgeschriebenen, herausgeschriebenen Leerraum. vielleicht sammeln sich dort die ganzen Satzzeichen, von denen gibt es ja immer viel zu viele. für jeden Buchstaben gibt es ein Satzzeichen, deshalb sammelten sich in dir drin ganz viele Punkte und Beistriche und Semikolons, in deinem Leerraum drinnen wären sie glücklich und warm und einsam, also gemeinsam einsam, sie hätten ja sich.
aber du hättest niemanden mehr, denn sie wären alle ausgeschrieben worden, und abgeschrieben. die, die dir die Stifte verkauft und die Zettel geborgt haben, alle weg, alle im äußeren Leerraum verschwunden. die, die dir die Finger geküsst und die Hände geschüttelt haben, alle weg, alle fortgegangen auf ihren zehn langen, ärmlichen Zehen. die, die für dich und mit dir geschrieben haben, sie wären am schnellsten geflüchtet, geflohen, hätten Reißaus genommen und dir dabei geholfen, deine inneren Buchstaben rauszureißen, auszuschreiben ohne sie.

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