kein Text ohne Parodie

Männer duschen sich heißer als Frauen. vielleicht bist du aber einfach auch nur kaltblütig. vielleicht hast du wirklich einen Typ, du könntest ihn dann Heißduscher nennen und in eine eigene Schublade stecken. oder eine eigene Schublade dafür bauen, das wäre vielleicht auch ganz unterhaltsam.

ein Text ohne Menschen ist ein verlorener Text.

Frauen duschen sich kälter als Männer, denken sie das über alle, oder nur über dich? denken sie das überhaupt, haben sie das überhaupt gedacht, bevor du hergekommen bist, und ihren Hinterkopf genommen hast, und ihr Gesicht runtergedrückt hast, in den Sand, in den Schlamm, ins Wasser, bevor du ihre Nase am Asphalt gebrochen hast.

ein Text ohne Menschen ist ein gewinnender Text.

bevor du nicht dahergekommen bist, bevor du deinen Mund nicht aufgemacht hast und alle deine Worte aus ihm befreit hast, verstoßen, gestoßen, verbannt hast, davor hatten sie keine Ahnung, von nichts, und waren glücklich. jetzt haben sie keine Ahnung von nichts und sind verwirrt, weil du deine Lippen nicht vernäht hast, weil du sie nicht zugenäht hast, weil du ja überhaupt nicht nähen kannst.

ein Text ohne Menschen ist ein gewonnener Text.

kein Text ohne Menschen, sagt sie, und schreibt, der Autor ist tot, aber trotzdem zählt deine Meinung, schreibt sie, einem Autor, Stunden später, weil sie es vergessen hatte. (wie kann sie etwas stundenlang vergessen? wie kannst du noch nie stundenlang etwas vergessen haben!)
der Autor schreibt zurück, haha, aber was wenn ich tot bin.
sie schläft. sie träumt. sie wacht auf. sie dreht sich um. sie liest: haha, aber was wenn ich tot bin. sie blinzelt. sie schreibt zurück, was, du bist ja nicht tot haha. sie dreht sich wieder um und schläft weiter.

ein Text ohne Menschen ist wie eine Zeit ohne Raum, unmöglich.

sie zwingt sich zum schreiben, weil sie sich nicht zum lesen zwingen will. die meisten Uhren sind Wecker und eckig. sie wagt es nicht, ihre Augen nach der Zeit zu fragen. die meisten Zeiten sind wie Räume ohne Zeiten, unmöglich.

du hast Glück, sagt er, ich habe mich übergeben müssen, und legt sich wieder ins Bett. heiße Haut.
du hast Pech, sagt er, ich will schon mit dir schlafen, aber dann Kontaktabbruch. heiße Tränen.
du hast mich, sagt sie, und nimmt sich das erste Stück Schokolade. kaltes Wasser.

kaltes Wasser schmeckt nach Blut, murmelt sie, schüttelt den Kopf, und flüstert, rotes Wasser schmeckt nach Blut, rotes Wasser schmeckt nach Blut. sie schüttelt den Kopf immer heftiger, will sich fast selbst schlagen. sie sieht den Kopf vor sich, rot, blutüberströmt, sie schüttelt ihren Kopf und ist darüber entsetzt, was sie daraus gemacht zu haben scheint. rotes Blut schmeckt nach kaltem Wasser, sie deliriert. sie lacht, wie furchtbar wäre es, wenn Blut nach Wasser schmeckte! nach kaltem noch dazu! sie schüttelt den Kopf und fühlt sich verrückt. (kein Text ohne Blut, kein Text ohne unheimliches Kichern. in Kirchen.)
sie starrt das blutüberströmte Gesicht in ihrem Kopf an, starrt den roten Kopf in ihrem Kopf an, blickt ihm Löcher in den Schädel, bis er zerspringt, ein Springbrunnen, ein roter, blutiger Springbrunnen. ein comichafter Kopf, ein lächerlicher Schädel. kein Text ohne Happy End.

manches muss einfach getan werden, Gebete zum Beispiel.
manches muss einfach gesagt werden, Geliebte zum Beispiel.
manches muss einfach gefragt werden, Geburtstage zum Beispiel.
manches muss einfach gedemütigt werden, Geständnisse zum Beispiel.

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ein Jahr

Stille, vollkommene Stille; aber mit so vielen Geräuschen wie möglich. optische Stille, verbale Stille, haptische Stille, aber keine akustische Stille. akustische Stille ist der Tod, sagt er. bei akustischer Stille kann ich nicht schlafen, sagt er, konnte ich noch nie.

du stellst dir das schön vor, eine Aufnahme mit lauter Straßengeräuschen, schön und romantisch, im nicht-heraischen Sinne. das kann doch keine schlechte Kindheit gewesen sein, das kann doch nur eine schöne Kindheit gewesen sein, wenn ein Vater sowas für einen Sohn macht, extra Straßengeräusche aufnimmt, damit er schlafen kann.
wie hast du das aushalten können, fragst du dich, wie hast du das aushalten können, jede Nacht dieselben Hupen und Schreie und quietschenden Reifen, jede Nacht dieselbe Stille, noch dazu in der immergleichen Reihenfolge!
du fragst es dich, aber du traust dich nicht, auch ihn zu fragen.

kalte Stille ist warmer Stille vorzuziehen, immer. denn aus kalter Stille willst du fliehen, kalte Stille gilt es zu vermeiden, kalte Stille ist unangenehm.
warme Stille ist bequem.

warme Stille, sagst du, und spürst, wie dein ganzer Körper kribbelt, vom Opium, warme Stille ist der Tod.
nein, sagt er und schüttelt ernsthaft den Kopf, akustische Stille ist der Tod!
aber, sagst du, du räusperst dich und sagst, warme Stille ist bequem, und alles was bequem ist, ist schlecht. alle Erfrorenen erfrieren nur, weil sie es bequem haben, weil sie zu erschöpft sind, aufzustehen, und weil sie es zu bequem haben, in ihrer Wärme.
er lacht und sagt, sie erfrieren, sie verbrennen nicht. er lacht noch immer als du sagst, sei leise!

warme Stille ist der Tod, das weißt du besser als sie alle. jede Nacht stirbst du in deinem Bett, Tag um Tag. dein Zimmer ist immer vollkommen leise, viel zu leise. warme Stille ist böse. (Tränen beginnen sich in deinen Augenwinkeln zu sammeln.) warme Stille lässt dich nicht schlafen, und das schlimmste ist, irgendwann tut sie es doch. du kannst ihr nicht die Schuld geben, genauso wenig wie du ihr nicht die Schuld aus den Schuhen schieben kannst. warme Stille ist der Tod. (du starrst stumm vor dich hin und versuchst krampfhaft, nicht zu blinzeln.) warme Stille schluckt alles. warme Stille schluckt das Ticken deiner Wecker, das vielbeschriebene Klopfen der Äste an den Fenstern, den sehrvermissten Atem aus deinem Mund. warme Stille hat sogar schon gelegentlich das Kratzen von Stiften, das Kichern von Fremden, das Tippen von Fingern auf Tastaturen geschluckt, warme Stille ist ein Allesfresser. (du presst deine Augenlider zusammen, alle gleichzeitig, plötzlich, auf einen Schlag. die Salzspuren sind schnell und kitzeln dich fürchterlich.)

du hörst das Schnarchen und weißt, dass es nicht dir gehört. du willst erleichtert aufatmen, willst glücklich seufzen, aber bewegst dich so wenig wie möglich. du bewegst dich eigentlich überhaupt nicht, genießt nur die warme Stille. sie ist heiß geworden in den letzten Stunden. dein ganzer Körper schwitzt.
du hörst das Schnarchen und freust dich, und kannst trotzdem nicht einschlafen.
du hörst das Schnarchen und freust dich trotzdem, als es aufhört, freust dich, dass du dich wieder bewegen kannst, ohne es zu stören.
du bewegst dich und murmelst, warme Stille ist der Tod. was, fragt er verschlafen. du bemühst dich, lauter zu sprechen, deine Worte deutlich zu formulieren, und dabei nicht einzuschlafen. warme Stille ist der Tod, nuschelst du, hörbar.
es kommt keine Antwort.

Ableitung von Autodestruktion

rotes Blut auf weißer Haut, mal wieder.
ein Selbstverstümmelungstext, mal wieder.
mal wieder die Rede von Kontrasten und Grausamkeiten, die du nicht als solche empfindest, und Ästhetiken, die du dir mit niemandem teilen kannst.
da will man einmal teilen, da hat man einmal was zum teilen, da wurde einem so oft eingetrichtert in der Kindheit, teilen teilen teilen, teile, sei nicht geizig, teil dein Spielzeug, dein Essen, dein Leid, geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.
da will man einmal das anwenden, was sie einem jahrelang eingetrichtert haben, einmal will man sich an so einen Spruch halten, und dann ist es auch wieder nicht recht.
nie ist es recht, nie ist irgendwas recht;
es gibt kein Recht.

rotes Blut auf weißer Haut, mal wieder. rotes, eingetrocknetes Blut, auf weißer, glatter Haut. flauschig ist sie, und weich, sanft und zart. und verstümmelt, sonst wäre sie nicht deine. eine unverstümmelte Haut ist nicht deine Haut, deine Haut muss gebrandmarkt sein, muss erkennbar sein, muss sichtbar dir gehören. wäre deine Haut wie jede Haut, rein und langweilig, dann wäre sie nicht deine Haut, aber sie ist ja deine Haut. („mein Hut der hat drei Ecken …“) deine Haut, deine Regeln; deine Haut, dein Blut; deine Haut, deine Entscheidungen.

rotes Blut auf weißer Haut, mal wieder.
angefangen hat es diesmal aber nur mit Nagellack:
roter Nagellack auf weißen Nägeln, zur Abwechslung.
roter Nagellack auf weißen Nägeln, ein schöner Kontrast. (denn ein Kontrast muss es sein, das habt ihr so besprochen! ein Kontrast, ein merklicher Kontrast, ein Kontrast wie rot auf weiß oder schwarz auf weiß.)
roter Nagellack auf weißen Nägeln zieht rotes Blut auf weißer Haut nach sich, einmal mehr. (ein erstes Mal?)

weiße Haut versteckt sich unter rotem Blut.
weiße Haut unter rotem Blut ist nicht weiß;
oder doch?

deine weiße, flauschige Haut unter deinem roten, steifen Blut ist nicht mehr weiß und flauschig, sondern sie ist weg, sie ist futsch, sie ist abgetragen und auch schon rot geworden, rötlich, rosa.
sie versteckt sich also nicht, sie hat sich nur verändert.