„irgendwas mit Gedächtnis“

du erzählst Menschen Geschichten aus deinem Leben, um sie vergessen zu können. du erzählst Menschen Geschichten aus deinem Leben, um sie vergessen zu können, aber ohne, dass du das weißt. du erzählst Menschen, auch Menschen, die du noch nicht lange genug kennst, Geschichten aus deinem Leben, um sie vergessen zu können, aber ohne, dass du das weißt. du erzählst Menschen, auch Menschen, die du noch nicht lange genug kennst, Geschichten aus deinem Leben, die eigentlich keinerlei Relevanz besitzen, um sie vergessen zu können, aber ohne, dass du das weißt.
ja, das ist ein guter Anfang: du erzählst Menschen, auch Menschen, die du noch nicht lange genug kennst [vielleicht sogar nur Menschen, die du noch nicht lange genug kennst], Geschichten aus deinem Leben, die eigentlich keinerlei Relevanz besitzen [und die du deshalb vergessen haben wirst], um sie vergessen zu können, aber ohne, dass du das weißt [zumindest wusstest du es nicht, bis dich einer dieser Menschen, die du inzwischen doch schon etwas besser kennst, wieder daran erinnert hat].
er war zutiefst erstaunt gewesen über dein „das hab sogar ich vergessen“, war vielleicht sogar empört von deinem ernsthaften Lachen, denn dieser Mensch hat ein sehr schlechtes Gedächtnis, dieser Mensch hat quasi überhaupt kein Gedächtnis, er hat ein Gehirn, aber kein Gedächtnis, er merkt sich alles nur fragmentarisch, peripher, er weiß zum Beispiel, dass er unlängst jemandem erklären musste, was der Unterschied zwischen Gehirn und Gedächtnis ist, er weiß, dass er erklärt hatte, dass man ein Gehirn haben könne, dass man ein Hirn haben könne, ohne gleichzeitig auch ein (gutes) Gedächtnis zu haben, dieser Mensch erinnert sich daran, diesen Sachverhalt einem anderen Menschen nähergebracht zu haben, aber wer dieser andere Mensch gewesen ist, das weiß dieser Mensch, das weiß unser neuer Mensch nicht mehr, oder nicht, er weiß es nicht, vielleicht wusste er es auch niemals, vielleicht bildet er sich die gesamte Szenerie lediglich ein, vielleicht existiert sie wirklich nur in seinem gedächtnislosen, aber hirnbefüllten Kopf, vielleicht kam sie in seinem letzten Traum vor, an den er sich nicht erinnern kann, an den er sich nicht erinnern konnte, bevor ihm diese Szenerie eingefallen war, oder an den er sich immer noch nicht erinnern kann, wenn diese Szenerie ihren Ursprung nicht im Land der Träume hatte, sondern im Land der Realitäten, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, im Land der Grenzzäune und Zaunfarben, im Land der Lacke und Hosen, im Land der Wahnvorstellungen und Wahnwitzigkeiten, im Land des Wahnsinns, im Land der Gefühle und Erregungen, im Land der Spiegel und Spiegelreflexkameras, im Land der Sprachen, im Land der Universen, im Universum der Sprachen; dieser Mensch, dieser unser neuer Mensch würde, wenn er einen solchen Satz schriebe wie er hier geschrieben steht, gehen wir einfach einmal davon aus, dass unser neuer vergesslicher Mensch, unser hirnvoller aber gedächtnisloser Mensch diesen Satz hier schreibt, dass er ihn schriebe, ja, wenn er ihn denn tatsächlich schriebe wäre er über die Maßen verwirrt, wäre er unendlich und sehr und übermäßig verwirrt, wäre ziemlich durch den Wind und würde sich nicht auskennen, würde sich nicht mehr oder hätte sich gar niemals ausgekannt, der Satz, dieser Satz hier, dieser sinnige Satz hier würde ergo demnach keinen Sinn ergeben und keinen Sinn haben und wäre völlig frei und ohne und außerhalb jeglichen Sinnes, denn wenn dieser Mensch, dieser unser neuer Mensch einen derartigen Satz schreibt, der so lang ist, so ganz ohne Punkt, nicht ohne Kommata, im Gegenteil, ohne Punkt, aber dafür mit umso mehr Komma, also ohne Punkt aber Komma, wenn unser neuer Mensch einen solchen ohne-Punkt-aber-Komma-Satz schriebe, wie er hier geschrieben steht, so wäre er total verwirrt, wäre geistig umnebelt und umnachtet und im allergrößten, riesigsten, unendlichsten Sprachlabyrinth gefangen, wüsste nicht ein noch aus noch raus noch rein, noch wüsste er, wie weiter, wohin, woher, wovon, und so weiter, und somit ist es, denke ich, somit kann man mit einiger Sicherheit sagen, somit kann ohne Zweifel, zweifellos also, somit kann zweifellos festgestellt werden, dass der Mensch, der diese Zeilen schreibt, nicht derselbe Mensch sein kann, der ein paar Zeilen weiter oben beschrieben wurde, dieser neue, andere, eine, gedächtnislose, wenngleich hirnvolle Mensch, dieser gehirnvolle, gehaltvolle, dieser oben beschriebene Mensch gleicht dem schreibenden, dem denkenden, dem viele, sehr viele Kommata aber keine, fast keine Punkte setzenden Menschen überhaupt nicht, sie sind alles andere als ein und dieselbe Person, sie sind grundverschieden und komplett anders, würden sich in keinem einzigen Wesenszug ähneln, wenn man sie denn vergliche, in einer Excel-Tabelle, wenn man alle ihre Eigenschaften in einer Excel-Tabelle auflisten würde, gäbe es null Überschneidungen, niente, nada, rien, nothing, keine einzige, nicht das winzigste Fuzelchen an einer Überscheidung gäbe es, auf der Wortebene selbstverständlich, die Buchstaben, ja, die Buchstaben würden sich allemal überschneiden, die Buchstaben müssten ja die gleichen sein, die Buchstaben könnten nichts anderes tun als sich zu gleichen, für sich betrachtet, das wäre ja gänzlich – gut, gänzlich nicht, aber quasi – unmöglich, zwei verschiedene Alphabete für diese zwei Menschen zu nehmen, zu erfinden, zurate zu ziehen, nein, das ist nicht notwendig, sie teilen sich zwar nicht dieselben Wesenszüge, nicht einmal eine Eigenschaft gleicht sich bei ihnen, keine einzige, und auch die Sprache ist eine andere, der Mensch, der diese Zeilen schreibt spricht nicht unbedingt dieselbe Sprache wie der Mensch, über den der Mensch, der diese Zeilen schreibt, die letzten Zeilen geschrieben hat, nicht notwendigerweise teilen sie sich eine Sprache oder eine Sprachfamilie, also teilen sie sich zwangsläufig auch nicht dasselbe Alphabet, jedoch kann man wohl mit einiger Sicherheit sagen, dass sich die beiden doch immerhin die Schriftzeichen teilen, wenn schon nicht ihre Charakterzüge; die Schriftzeichen teilen sie sich also, nicht alle selbstverständlich, nur manche, den Großteil wahrscheinlich, aber es wird in jeder Sprache des einen auch Buchstaben geben, die in der Sprache des anderen nichts verloren hätten, ja die sogar vielleicht keinerlei Bedeutung entfalten könnten, selbst wenn sie es wollten, die eventuellerweise gar völlig fremd erscheinen würden für den einen, oder den anderen, je nachdem, wessen Schriftzeichen gerade betrachtet werden – aber zurück zu unserer Excel-Tabelle, zu ihrer Excel-Tabelle, zu der Excel-Tabelle, in der die Eigenschaften beider Menschen aufgelistet sind und wären, zurück also zu dieser Excel-Tabelle, die ein weiterer Beweis dafür ist – nicht, dass ein weiterer Beweis nötig wäre –, dass die beiden Menschen nicht ident sind, dass sie nicht identisch sein könnten, der Schreiber dieser Zeilen und der Vergesser der vorigen Zeilen, denn wären sie es, wären sie – einfach nur rein hypothetisch gesehen, nur für den theoretischen Fall, für das Experiment, für die Beweisführung, sie sind es nicht, aber rein als Gedankenspiel: tun wir einmal so, als wären sie – ein und derselbe Mensch, ein und dieselbe Person, wären sie das unmögliche, dann wären sie, ja, genau, eben das, dann wären sie unmöglich! denn wie wir bereits wissen, wie schon ausreichend dargelegt und beweisgeführt und bewiesen und veranschaulicht und beschrieben wurde, hat der eine Mensch, der zuerst beschriebene Mensch, der zuerst vorgestellte Mensch, kein Gedächtnis, hat also, hätte also, hat und hätte also keinerlei Erinnerung an seine Beschreibung, an seine Erwähnung, an die Erwähnung seiner selbst, was logischerweise beim anderen, kalkulierten, wissenden, man möchte fast sagen allwissenden, was also beim schreibenden, wunderbaren, klugen, gewieften, gedächtnishaften, erinnerungsvollen Menschen selbstverständlich nicht so ist – hiermit sollten nun auch die letzten Skeptiker überzeugt und die letzten Zweifel ausgeräumt sein und nun können wir uns wieder ganz dem Text zuwenden, nun kannst du dich wieder vollends auf die Worte konzentrieren, auf die langen, genau geplanten, überstrukturierten Sätze, auf die Satzgefüge, auf die Satzzeichen vor allem, auf die Worte und deren Bedeutungen, auf die Inhalte, die man dir vermitteln möchte, auf die Szenen und Szenerien und Ereignisse und Einfälle, die ich dir näherbringen möchte, die ich, der ahnungsvolle Erinnerungsspender, der diesen Text schreibt, dir, dem ahnungsvollen Erinnerungstanker, der diesen Text liest, näher bringen möchte.

 

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Aufzugskitsch

du hast auf den Knopf gewartet und auf den Aufzug gedrückt. du hast den Aufzug geschlossen und deine Augen gehört. du hast begonnen, mich zu öffnen, als du begonnen hast, wieder an deine Augen zu denken. die Türe hast du geöffnet, bevor du sie sehen konntest. überrascht von der Kühle in der Kabine im Vergleich zur Wärme im Stiegenhaus bist du kurz eingetreten; doch dann hast du gezögert. einen Augenblick lang – aber wirklich nur einen einzigen – hast du gewollt, wohin du dich frugst. dann hast du abermals einen Knopf umgedreht und dich betätigt. im Spiegel hast du dir zugestrichen und durchs Haar gelächelt. du hast dich bereits viel zu früh wieder umgeschaut und aus dem Glas gedreht. du hast tief Luft geseufzt und geholt. dass deine Augen wieder bemerkt waren, hast du irgendwie gar nicht geschlossen. irgendwann hast du geöffnet, dass sich die Sicherheitstüren hören. du hast automatisch einen Schritt nach vorne geblickt, ohne genau auf deine Füße zu gehen. du wurdest von einer heißen Luftwelle übertreten als du rausgeströmt bist. du bist aus dem Aufzug gedacht und hast an mich gekommen. du hast aus dem Aufzug gelächelt und bist mir zugegangen.

Sch wie Brief

du hast schlafen verlernt, es geht einfach nicht mehr. Licht und Lärm sind zwar immer schon Aufwachgründe gewesen, aber bis vor kurzem hätte Müdigkeit diese beiden noch als unvernachlässigbarer Weiterschlafgrund ausgestochen. (Keksmetapher, sehr saisonal) jetzt hast du nichtmal mehr sechs Stunden pro Nacht, geschweige denn acht. (schlechter Reim, ebenfalls sehr saisonal)
du hast schlafen verlernt, aber so richtig. so Schlaftabletten-recherchier-Level. aber das Schlaftabletten-kauf-Level ist noch nicht erreicht, denn du bist nicht müde; natürlich bist du müde, (saisonal bedingt?) aber du gähnst nicht sehr viel öfter als sonst, du drohst nicht, einzuschlafen, du kannst deine Müdigkeit vergessen, kannst über sie hinwegsehen.
vielleicht wurdest du auserwählt, das Buch nachzuspielen, nur anders. (dieses asaisonale Buch, du weißt schon!) vielleicht wirst du nur unwesentlich früher sterben, weil deine Tage nur unwesentlich länger und deine Nächte nur unwesentlich kürzer sind als bisher. vielleicht wirst du aber auch überhaupt nicht früher sterben, weil du gerade einfach weniger Schlaf brauchst, weil du ab jetzt immer weniger Schlaf brauchen wirst, also nicht weniger und weniger und weniger, bis du gar keinen mehr brauchst, (Adventskalender) sonder einfach nur weniger als früher, weniger als damals, weniger noch als vor wenigen Tagen, aber das kontinuierlich. (asaisonal)
du bist nicht krank geworden, das wäre ein Argument für diese These. du hättest krank werden müssen, sollen, können, wärst vielleicht krank geworden aufgrund des Schlafmangels; aber du wurdest nicht krank, daraus folgt, du brauchst nicht mehr Schafe. (das saisonalste Tier, weil es flauschig und weiß zugleich ist!)
wahrscheinlich ist es eine komische psychische Blockade: du willst schlafen und du willst nicht schlafen / du willst schlafen, aber du willst leben / du willst träumen, aber du willst leben / du willst schlafen und träumen und leben und Dinge tun und Sachen machen, aber dein Körper hat offensichtlich andere Pläne, andere Relationen im Kopf. (dein Körper hat sich noch nicht an dich gewöhnt.)
dein Körper braucht wohl keinen Schlaf mehr, sonst würde er ihn sich schon nehmen; (dein Körper als Anti-Christkind) er scheint ganz zufrieden zu sein mit den paar Stündchen pro Nacht, mit den Anfängen der Schlafstörung, den Einschlafstörungen, die du immer schon hattest, den Weiterschlafstörungen, die jetzt neu hinzukamen, den Durchschlafstörungen, die du dir vielleicht antrainieren solltest. (dann könntest du nach dem Aufwachen nochmals einschlafen und hättest demnach zwar nicht acht Stunden am Stück, aber insgesamt doch wohl mindestens sechs, sieben, sechzehn sogar, vielleicht, in zwei aufeinanderfolgenden Nächten.)
es könnte auch an der Kälte liegen, an der nicht vorhandenen Wärme, (an der Saison!) aber jetzt beginnst du schon nach den dünnsten Strohhälmchen (Zuckerstängelchen) zu greifen, versuchst, wenigstens einen zu fassen, mühst dich mit den unwahrscheinlichen Möglichkeiten ab, die du dir mühselig aus der Nase ziehen musst. (die du dir mühselig vom Tannenbaum pflückst.)

niemand hat dir je beigebracht, wie man richtig schläft, das musst du dir jetzt eingestehen.
liebes Christkind, zu Weihnachten wünsche ich mir, dass ich wieder besser schlafen kann!
sowas lernt man nicht, sowas bekommt man nicht beigebracht, zuhause nicht und in der Schule nicht und weder auf der Uni noch auf der Arbeit gibt es dazu Kurse, Seminare, Vorträge, Gespräche.
ich möchte doch nur wieder alle meine Nächte durchschlafen können und nicht gefühlte Jahre wach im Bett liegen.
du beneidest oder bemitleidest Menschen, die andere Schlafgewohnheiten haben können, eben je nachdem, was diese sein mögen.
lass mich doch nur schlafen können, dann belästige ich dich auch nicht mehr, nie mehr, dieses Weihnachten könnte von mir aus gerne das letzte sein!
Schnelleinschlafer und Immererstvomweckeraufwacher und Immerundüberalleinschlafenkönner zum Beispiel, die bewunderst du.
vielen Dank im Voraus, liebes Christkind, ich weiß deine Arbeit wirklich zu schätzen,
Graswachsenhörer und Alptraumchronisten und vor allem Niemehralszweistundenamstückschläfer hingegen bedauerst du.
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