das Skelett – eine Miniatur

das Skelett trug einen roten Schal, nur kurz. das Skelett hat einen Menschen überfahren, nur kurz. er war schon tot. das Skelett hat einen bereits toten Menschen überfahren, dessen roter Schal sich in den Rippen verfing.

es war ein anspruchsvoller Schal. bei dem toten Menschen auf den Gleisen gefiel es ihm nicht, bei dem Skelett in Unhöhen gefiel es ihm auch nicht. es war ein wechselhafter Schal, ein umtriebiger, rastloser, roter Schal. nicht einmal in den Wolken konnte er verweilen.

der tote Mensch, der erst sein Leben, dann seinen Schal, dann das Skelett über sich verloren hatte, blieb nicht auf den Gleisen liegen. das Skelett hatte ihn davongestoßen, das Skelett hatte ihn von den Gleisen verbannt, nachdem der Schal sich kurz in ihm verfangen hatte. sowohl der rote Schal als auch das Skelett wollten nichts mehr mit dem toten Menschen auf den Gleisen zu tun haben.

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das Skelett – eine Maxiatur

du stehst vor der Bahnschranke, wartest, und ein Skelett fährt vorbei.

du sitzt am Bahnhof, hörst die Lautsprecherdurchsage, und ein Skelett fährt vorbei.

du bist im Zug, blickst aus dem Fenster, und ein Skelett fährt vorbei.

du denkst dir, drei Skelette an einem Tag sehen bringt sicher Glück. du denkst dir, ein Skelett an einem Tag sehen und sich zwei andere Skelette auszudenken, bringt sicher Glück. du denkst dir, sich drei Skelette an einem Tag auszudenken, sie sich vorzustellen, Situationen zu imaginieren, in denen du sie sehen würdest, verschiedene Situationen, mit Dialogen und Sinneseindrücken davor und danach und während der Sichtung der Skelette, sich so viele Details auszumalen, sich diese drei Skelette so sehr herbeizusehnen, das muss doch einfach Glück bringen, das geht gar nicht anders.
die Skelette sind immer dieselben: es ist immer dasselbe Skelett. dieses eine, reale, vergangene, tatsächliche, existierende Skelett. dieses Skelett, das sich so sehr in deinen Kopf eingebrannt, gestoßen, verliebt hat, dass es da jetzt nicht mehr raus geht oder kommt oder will. dieses Skelett, das kein Skelett ist, aber einem Skelett so ähnlich, dass das das erste Wort war, an das du dachtest, als du es gesehen hast. das erste Wort, das einzige Wort, das Wort, das sich dir aufgedrängt hat, es hat sich dir aufgezwungen, es hat alles andere verdrängt, alle Gedanken, die vorher vielleicht da gewesen wären, an die du dich jetzt nicht mehr erinnern kannst, alle Überlegungen hat es verdrängt, das Skelett, und das Wort Skelett.

du bist am Bahnhof gesessen, weit weg von den Gleisen, weit weg vom Lautsprecher, aber am Bahnhof bist du gesessen, am Bahnsteig bist du gesessen und hast doch die Melodie und die Stimme gehört, die dich auf den durchfahrenden Zug vorbereiten sollten und es irgendwie auch getan haben.
ja, auf den Zug haben sie dich vorbereitet, du warst nicht überrascht, als du ihn in der Ferne hörtest und spüren konntest, dass er immer näher kommt, du hast damit gerechnet, die Lokomotive zu sehen und viele Wagons hintendran und du hast mit der Geschwindigkeit und der Lautstärke gerechnet, wobei das vielleicht schon zu viel gesagt ist, aber überrascht hat dich das alles jedenfalls nicht; überrascht hat dich nur das Skelett. es kam so unerwartet. so plötzlich. aber es war so echt. so skeletthaft. du konntest deine Augen nicht von ihm lassen, du hättest deine Augen nicht von dem Skelett abgewandt, selbst wenn du mit jemandem gesprochen hättest (was aufgrund des Lärms sowieso schwer möglich gewesen wäre), selbst wenn du am Weg woandershin gewesen wärst, du hättest dich wahrscheinlich sogar dem Skelett zugewandt, wenn du es nicht von Anfang an gesehen hättest, nein, du hättest dich dem Lärm zugewandt und dich dann vom Anblick des Skeletts nicht mehr abwenden können, hättest nicht, wie vielleicht ursprünglich geplant, nur einen kurzen Blick auf den Zug geworfen und so getan, als würdest du warten, dass er endlich vorbeifährt, sondern hättest den Blick verlängert und in die Länge gezogen und dir gewünscht, hast dir gewünscht, dass der Zug immer länger wird und länger, dass so viel, wie du schon von dem Skelett gesehen hast, wiederholt wird, angehängt wird, nachdem es eigentlich vorbei wäre, dass sich das Skelett verdoppelt und vervierfacht und potenziert und potenziert, bis es dich ganz eingenommen hat, bis es dich aufgestochen und überwältigt hat, bis das Skelett das einzige ist, nicht nur das einzige, das du siehst oder das einzige, das du hörst oder das einzige, an das du denkst, nein, bis das Skelett das einzige ist.

du liegst da, frierst, und ein Skelett fährt durch deine Gedanken.

du blickst aus dem Fenster, seufzt, und ein Skelett fährt durch deine Gedanken.

du hast Angst und rennst, und ein Skelett fährt durch deine Gedanken.

Skelett ist ein besonderes Wort. besondere Wörter verlieren ihren Reiz nicht, egal wie oft sie ausgesprochen oder gedacht oder geschrieben oder gelesen oder gemeint werden. besondere Wörter besitzen das gewisse Etwas, das besondere Etwas, etwas undefinierbares, eine besondere, natürlich schwammige Eigenschaft, die sie abhebt von gewöhnlichen Worten wie Haus oder Kind, die so alltäglich und meistgenannt sind, dass sie nicht mehr schön klingen können; von komplizierten Worten wie Reminiszenz oder Unterbewusstseinsbewusstsein, die so zungenbrecherisch sind, dass man sie gar nicht oft genug hintereinander verwenden könnte, um sie komisch klingen zu lassen; von hässlichen Worten wie Stutzen oder Hängeleuchte, die bereits bei einmaliger Nennung hässlich klingen; besondere Wörter können so oft ausgesprochen oder gedacht oder geschrieben oder gelesen oder gemeint werden, wie sie wollen, sie bleiben auch nach tausend Mal noch so reizvoll wie bei der ersten Begegnung.

du hast dich in das Skelett verliebt. das Skelett hat sich in deinem Kopf eingenistet. es geht da nicht mehr raus weil es nicht mehr raus kommt, aber auch wenn es raus käme, ginge es nicht raus, weil es ja gar nicht raus will. das Skelett fühlt sich wohl in dem kleinen Knochennest in deinem Kopf.

du denkst und sprichst und schweigst und das Skelett klopft in deinem Kopf.

du atmest und schaust und bist starr und das Skelett klopft in deinem Kopf.

du schluckst und schreist und bewegst dich nicht und in deinem Kopf klopft das Skelett.