Symposion I

eine Frau, die ihren Kopf in den Nacken legt und dann ein senkrechtes Buch am Hals hat, beleidigt eine junge Frau, die davor mit einem alten Mann Händchen gehalten hat und später wieder mit ihm Händchen halten wird, sanft, zaglich. alle drei haben kurze Haare. eine andere Frau, mit längeren Haaren und Locken, kleidet sich ganz anders als die vorherigen: das Paar trägt Barfußschuhe und ist eher elegant gekleidet, sie weniger leger als er, die Schuhe ihre Füße zerstören das Gesamtbild; die Frau mit dem gelegentlichen Buch im Nacken ist sportlich gekleidet, von Kopf bis Fuß; der Lockenkopf trägt eine Brille, wie auch zwei der anderen, der Lockenkopf trägt als einziger auch eine Netzstrumpfhose und begeht wie die junge Frau einen Stilbruch, amüsant: sein linkes Handgelenk ziert eine Uhr mit dünnem Band, auf dem Autos zu sehen sind, bunt, groß, unpassend, unpassend für das Alter der Frau, unpassend für ihren Kleidungsstil, unpassend für das Gesamtbild, aber dann wieder doch nicht, weil es authentisch ist, originell, original, ich kaufe es ihr ab, genauso wie ich der jungen Frau die Barfußschuhe abkaufe und genauso wie ich einer fünften Person, einem fünften Mensch, dem fünften Rad am Wagen, der vierten Frau, wie ich dieser die Dringlichkeit abkaufe, mit der sie bereits eine halbe Seite mit ihrer Hand voll geschrieben hat, wie ich ihr den Ring und die Ohrringe und die nach vorne gebückte Pose und den Wechsel, den Umfluss der Konzentration abkaufe, die Versunkenheit, die Dringlichkeit, und die Liebe zu schönen Worten, zu Wiederholungen, zu den Ameisen in ihrem Bein, die sie der klassischen, klischeehaften Beineübereinanderschlagen-Haltung zu verdanken hat und die sie vorher der klassischen, unklischeehaften, anti-klischeehaften KnöchelaufKnieundKnöchelknieseitlichinderLuft-Pose zu verdanken hatte. diese letzte, fünfte Person hat die längsten Haare von allen.
der Lockenkopf mit der Fehl am platzenden Uhr macht der Schreiberin ein Kompliment für deren T-Shirt und die Schreiberin erinnert sich daran, dass komplimentieren als Verb nicht « jemandem Komplimente machen » heißt, weiß allerdings auch nicht mehr, was es denn sonst eigentlich heißt und fragt den Lockenkopf auch nicht, traut sich nicht, den Lockenkopf zu fragen; stattdessen reden sie über das Wetter. sie verabschieden sich nicht, sie werden sich nie voneinander verabschieden, aber sie haben sich auch nie vorgestellt, sie wurden einander nie vorgestellt, also ist alles symmetrisch und somit alles gut.

Werbeanzeigen