der Mensch ist klein

die Zeit ist da, eine neue Lebensphase hat begonnen, eine, an die du dich erst noch gewöhnen wirst müssen, eine, von der dir niemand erzählt, auf die dich niemand vorbereitet hat, vor der du nicht gewarnt wurdest. dieser neue Abschnitt deines Lebens, jedes Lebens trägt wohl den Titel «jedes zehnte Gesicht (mindestens!) kommt dir irgendwie bekannt vor, aber nicht im Sinne von ‹hey, diesen Menschen hab ich doch schon einmal gesehen, irgendwo, oder, ich glaub ich kenn dich, wer bist du, woher kenne ich dich nur?›, sondern mehr im Sinne von ‹hey, Mensch, du, du erinnerst mich an irgendwen, ich weiß nicht, an wen, ich weiß manchmal vielleicht, an wen, aber nicht immer, aber Erinnerungen weckst du in mir, irgendwelche, dunkle, versteckte, irgendwie kommt mir irgendwas an dir irgendwie bekannt vor, deine Frisur oder deine Augen oder deine Haltung oder deine Kleidung oder irgendwas halt, irgendwas, das mich an irgendwen anderen denken lässt, oder das mich an irgendwen erinnert, den ich schon einmal irgendwo gesehen habe und nur flüchtig kannte, oder auch überhaupt nicht, aber ihr schaut doch eh alle irgendwie gleich aus, ist das zu fassen!› und du fasst dir in Gedanken an den Kopf oder nimmst diese Denkerpose ein und sinnierst darüber, wie klein die Welt denn nicht ist und wieso wirklich alle Menschen gleich ausschauen, es ist unfassbar, es gibt halt diese Bausteine und die sind etwas variabel, aber wenn du einmal genug Menschen gesehen hast, wenn dein Menschenkontingent eine gewisse Größe erreicht hat, dann brauchst du eigentlich keinen Menschen mehr zu sehen weil du eh schon jeden gesehen hast, gewissermaßen, dann brauchst du erst recht nicht mehr erstaunt zu fragen ‹was, du magst keinen Käse?› oder ‹was, du magst keine Rosinen?› oder ‹was, du magst keinen Tee?› um dann den Mund aufzureißen und entrüstet deinen Unglauben zum Ausdruck zu bringen: ‹wie kann man kein Marzipan mögen!›, ‹wie kann man keinen Spinat mögen!›, ‹wie kann man kein Humus mögen!›; es ist erstaunlich, wie vielen (nämlich wirklich vielen) Menschen du begegnen musst, bevor du verstehst, dass es bei solchen Dingen keine Norm gibt, denn manche lesen halt keine Belletristik und manche schauen nur halt Filme statt Serien und manche machen halt nur Sport in ihrer Freizeit und manche sind halt einfach Arschlöcher und manche sind halt Relikte vergangener Jahrtausende und manche haben halt Humor und manche planen halt ihr ganzes Leben im Voraus und die meisten wissen das alles schon längst, aber manche halt noch nicht».
es ist ein langer Titel, ein sperriger, aber auch ein wunderschön verschachtelter, der daher keine Kurzform braucht, aber trotzdem eine bekommt: der Mensch ist klein.

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ethisch verwerflich, un:

deine Gedanken gehören verprügelt, krankenhausreif geschlagen, nicht nur von dir, von allen anderen auch, sonst würden sie ja nichts draus lernen, sonst wäre es ihnen ja keine Lektion, sonst dächten sie sich ja, sie könnten weitermachen, fröhlich immer weiter, hoppa, hoppa Reiter, sie dächten sich, dass du überhaupt kein Problem damit hast, wenn sie weiter auf dir herumtrampeln, wenn sie dich frotzeln und unpassende unangenehme vergessenwollende schreckliche unangenehme unfruchtbare grausliche verwerfliche Bilder und Kopfkinos und Assoziationen wecken.
also trommelst du alle anderen zusammen auf deiner goldenen Trommel, also nicht nur die unnervigen Gedanken, auch deine phantastischen Freunde und nichtexistenten Verbündeten, du trommelst bis du tot bist und sie für dich gesiegt haben und bis deine Gedanken im Krankenhaus liegen, so lange trommelst du, vorausgesetzt, du stirbst nicht schon davor, ohne den Moment zu erleben, ohne diese Genugtuung genießen zu können, in vollen Zügen, in den Zügen, die in deinen Fingern und Händen unterwegs sind weil du so viel trommelst, in Zügen, die voll sind, weil du immer trommelst, voller Ameisen und Anmaßungen und voller Intensität.

Regen mit i

es war auf einer Hochzeit, ich weiß nicht mehr, wessen, als wir über Sex am Friedhof sprachen. ich weiß nicht mehr, welcher es war, aber eine Frau erzählte von einem bestimmten Friedhof, einem kleineren; der Zentralfriedhof ist es nicht gewesen. damals reizte mich der Gedanke, denn ich mochte Friedhöfe. ich mag Friedhöfe immer noch, aber der Gedanke, Sex in der freien Natur zu haben, schreckt mich inzwischen ab. in einem Zelt wäre es durchaus vorstellbar, aber wer nimmt schon ein Zelt auf den Friedhof mit, ohne Aufsehen zu erregen und wer baut schon am Friedhof ein Zelt auf, nur um Sex darin zu haben. ja, natürlich würde ich es tun, aber es wäre ja nicht einmal dasselbe. außer vielleicht, wenn es ein durchsichtiges Zelt wäre, vollkommen transparent, bis auf den Boden. dann würde zumindest die Stimmung nicht völlig abgeschottet werden. aber dann würden vermutlich alle glauben [wer weiß schon, wie viele Menschen sich wirklich nachts auf Friedhöfen herumtreiben um nach oder in durchsichtige(n) Zelte(n) (zu) (Aus-)(schau(en)) (zu halten)], dass es eine Mutprobe ist, oder dass ich Angst vor Gespenstern oder Zombies habe, und das wäre eine grobe Verzerrung der Realität. ich habe nämlich weder Angst vor Gespenstern, noch vor Zombies, noch vor nächtlichen Friedhöfen. wovor ich Angst habe, das sind Zecken, die sich am Geschlechtsorgan festbeißen. oder Spinnen, die ihre Eier in meinen Hals legen, und die vielen kleinen Spinnenkinder, die dann genau während dem Sex da rausschlüpfen. wie in Fargo: „they were – he was sleepin‘, and“ usw.

ein Zelt hätte den weiteren Nachteil, dass ich gleich merken würde, wenn es regnet. das gibt es in einem Haus oder in einem dieser riesigen, übergroßen, überdachten Gstopftengräber nicht, es sei denn, ich stehe direkt vorm Fenster bzw. im Eingang. aber auch hier müsste sich eine Möglichkeit finden, die Insekten draußen zu behalten. ein Fliegengitter gefällt mir sehr als Idee, die Frage ist nur, ob es so große Fliegengitter gibt, dass sie den ganzen Eingang zu diesen Einzelkatakomben völlig abdecken können. alle Tierchen, die sich dann nach dem Fliegengitteraufbau noch drinnen befinden, müssten entweder gesammelt und sicher verstaut oder getötet werden. etwas viel Aufwand für ein bisschen Friedhofssex, noch dazu wo die meisten dieser Reichen ja relativ nah am Friedhofseingang liegen, also mit Blick zur Mauer, da hat man keine schöne Aussicht auf die ganzen anderen Gräber, also immer noch keine ideale Option, aber dem Zelt definitiv vorzuziehen. das Regenproblem wäre zumindest gelöst. wenn es in der Nacht überhaupt regnet. aber wenn es dann anfängt zu regnen, gibt es oft diese Ambivalenz, denn meistens klingt Regen wie Wind. vielleicht ist es anfangs auch nur Wind, der sich später in Regen transformiert. oder ein kurzer, heftiger Schauer, denn man kann die einzelnen Tropfen nicht auseinanderhalten, gefolgt von einer starken Böe, gefolgt von tropfenauseinanderhaltbarem Regen. jedenfalls eine wunderschöne Doppeldeutigkeit. man darf halt dafür nicht gleich am Eingang liegen, so nah am Fliegengitter, dass die Gefahr besteht, es einzureißen, oder dass Regentropfen dadurch auf einen drauffallen könnten. aber hinter oder neben der Statue in der Mitte finden sich sicher genug lauschige Plätzchen.

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und wenn dann alles vorbei ist, renne ich das Fliegengitter ein, oder versuche es zumindest, und wenn es mir misslingt, nehme ich mein Taschenmesser und schneide es auf, nur ein Schnitt, nicht allzu groß, aber groß genug um hinauszugehen. und wenn es mir gelingt, dann falle ich slapstickartig mit dem Fliegengitter auf den Boden. dann lasse ich mich beregnen oder bewinden oder beides und überlege mir, was jetzt aus dem Fliegengitter werden soll. wenn ich davor zu viel gekauft habe, entscheide ich mich wahrscheinlich dazu, das kaputte runterzunehmen und irgendwo zu entsorgen oder zu reinigen und daheim als Erinnerung an die Wand zu hängen, zumindest Teile davon. und dann wird nochmal der Eingang vergittert, diesmal aber von außen, es soll ja niemand eingesperrt werden, außer vielleicht die paar Viecher, die schnell genug waren, sich zwischen runterreißen und neuaufhängen da reinzuschummeln, aber die sind dann selber Schuld, wenn sie verhungern oder sich nur von Hautschuppen und Kleiderfasern ernähren können. das letzte Problem, das es zu lösen gibt, ist dann die Frage, wie und von wo aus die Gesichter der Menschen, die an dem fliegenvergitterten Riesengrab vorbeigehen, am besten zu betrachten sind. ich sehe nur zwei Möglichkeiten, entweder verstecke ich mich irgendwo in sicherer Entfernung, weit genug weg, sodass das Lachen keine Chance hat, die verdutzten Friedhofsgeher zu erreichen. oder, weitaus praktischer, aber auch komplizierter zu verwirklichen, dafür gefahrlos: ich installiere eine versteckte Kamera, auf der Statue vielleicht, oder eingebaut in das Fliegengitter. wobei dann der Spaß natürlich vorbei wäre, sobald jemand es entfernt, nein, die Statue oder die hintere Wand vom reichen Grab eignen sich da schon besser.

und wenn ich an happy ends glauben würde, wäre der Mensch, mit dem ich das alles einmal wirklich durchziehe auch derselbe, der sich auf unserer Hochzeit anhören müsste, wie ich davon allen Gästen erzähle, vom Windregen und vom Friedhof und vom Sex.

{[(
nicht ganz unparteiisch, aber trotzdem wahr: meine erste Rezension auf einem befreundeten Blog.
)]}