die Bücherwand

du schlägst ein Buch auf, es ist groß und sein Einband ist schwarz und die erste Doppelseite, die du aufschlägst, ist leer, und du schlägst eine weitere Doppelseite auf, sie ist leer, du schlägst noch eine Doppelseite auf, auch sie ist leer, du klappst das Buch zu und stellst es ins Regal zurück, ganz nach unten, stellst es zurück und wirst es nie wieder anschauen, willst es dir nie wieder anschauen wollen, aus Angst, die Seiten könnten sich bis dahin gefüllt haben, wie in diesen Büchern; du willst nicht, dass dein Leben zum Klischee-Buch wird ―—― ein kleines Büchlein fällt dir in die Hände, ein Büchlein mit Text,in dem hinten leere Seiten für Notizen reserviert sind, eine Reservierung, die übergangen wird, die Reserveure können sich schwarz warten, weiß warten, leer warten, die Reservierung wird nicht mehr angenommen werden, die Chance ist groß, dass die Reservierung nie mehr angenommen wird ―—― du lässt die Seiten von einem gelben und einem weißen Buch durch deine Fingen laufen, als wären sie Daumenkinos, als würdest du erwarten, dass deinen Augen irgendwo etwas anders als Leere begegnet; du traust dich nicht, das Buch dazwischen zu öffnen, es hat einen schwarzen Einband wie das allererste, selbe Farbe, selbes Material (wahrscheinlich) es ist kleiner und dünner, aber umso leerer, aber diese Leere gestehst du ihm nicht zu, du erlaubst dir die Bestätigung dieser Leere nicht, wagst es nicht, sie einzuholen ―—― die obersten Bücher, die höchsten Bücher bleiben unerreichbar und dadurch sind sie die begehrtesten, die begehrenswertesten, die obersten höchsten Bücher sind die, die du lesen willst, weil du sie nicht lesen kannst, aber du würdest sie gar nicht lesen wollen, wenn sie erreichbar wären, wenn sie dir näher wären; wenn sie nicht so abgehoben und außer Reichweite wären, würdest du dich nicht so nach ihnen sehnen und verzehren, würdest sie nicht idealisieren und ihre Titel nicht zu entziffern versuchen ―—― du bist nicht systematisch vorgegangen, weil du an dieser Bücherwand noch nie systematisch vorgegangen bist, du gehst sonst immer systematisch vor, aber diese Bücherwand hat es dir nicht erlaubt, diese Bücherwand ist für sich selbst schon so unsystematisch-systematisch, dass ein systematisches Vorgehen äußerst unbefriedigend gewesen wäre und außerdem wenig zielführend, denn wenn systematisch, dann schon richtig systematisch, systematisch-systematisch, mit zählen und schauen und ent-stecken und wieder ver-stecken und gleichmäßigen Halsverrenkungen und ganz vielen Fingerstauberstickungen und kontinuierlichen Bedachtsmomenten und regelmäßigen Streicheleinheiten!

Advertisements

Symposion II

reden und reden lassen und überreden lassen und ausreden lassen und reinreden und wegreden und sich bereden lassen, während es draußen regnet, sich gegenseitig bereden und aufeinander einreden und aneinander vorbeireden und miteinander wohin reden und doch weit weg reden, während unten geklatscht wird und gelacht und geflüstert und aufgestanden und weggegangen und umhergeschlichen und getrunken und vielleicht sogar gegessen und zugehört und gesehen und geschrieben und gedacht, während es kein draußen gibt, weil es nur ein droben gibt, während sie oben redend und schweigend und fragend und antwortend und gestikulierend dasitzen, während sie oben zitternd und spannend und verwirrend Sätze von sich geben und ihre Stimme verlangsamend, ihre Argumente beschleunigend, während sie sich von sich selbst entfremdend bereden und zureden und verreden und umreden, sich berednend also, sich zurednend und verrednend und umrednend sitzen sie da und haben ein draußen im Regen, ein drunten im Keller und ein drinnen bei sich; aber die drunten, die Zuhörenden, die aufmerksam Seienden, die Sichkonzentrierenden, die haben kein draußen im Regen und keinen Keller drunter, die haben nur ein droben und unstumme Reden.

kommen können, nicht kommen können, kommen dürfen, kommen wollen, kommen; wegbleiben, wegbleiben wollen, unangemeldet wegbleiben, halb wegbleiben, nie wegbleiben; dabei sein, dabei sein dürfen, dabei sein können, dabei sein müssen, dabei gewesen sein; Symposien und Konferenzen und Vorträge und Gespräche und Entscheidungen:
sein oder da sein oder dabei sein oder gekommen sein oder sein müssen oder weg sein oder woanders sein oder schal sein oder müde sein oder fragwürdig sein oder Regen sein oder surreal sein oder leise sein oder vorbereitet sein oder wählerisch sein oder lustig sein oder lächerlich sein oder anwesend sein oder unangemeldet sein oder reingeschwindelt sein oder gelogen sein oder egal sein oder unaufhörlich sein oder aufhören, zu sein.

du wirst vergessen haben werden, was du dir gedacht gehabt hattest, du wirst vergessen haben werden, dass du dir überhaupt irgendwas dabei gedacht hattest, du wirst vergessen haben werden, dass es etwas gegeben haben wird, dass du vergessen konntest: meta.

das Skelett – eine Miniatur

das Skelett trug einen roten Schal, nur kurz. das Skelett hat einen Menschen überfahren, nur kurz. er war schon tot. das Skelett hat einen bereits toten Menschen überfahren, dessen roter Schal sich in den Rippen verfing.

es war ein anspruchsvoller Schal. bei dem toten Menschen auf den Gleisen gefiel es ihm nicht, bei dem Skelett in Unhöhen gefiel es ihm auch nicht. es war ein wechselhafter Schal, ein umtriebiger, rastloser, roter Schal. nicht einmal in den Wolken konnte er verweilen.

der tote Mensch, der erst sein Leben, dann seinen Schal, dann das Skelett über sich verloren hatte, blieb nicht auf den Gleisen liegen. das Skelett hatte ihn davongestoßen, das Skelett hatte ihn von den Gleisen verbannt, nachdem der Schal sich kurz in ihm verfangen hatte. sowohl der rote Schal als auch das Skelett wollten nichts mehr mit dem toten Menschen auf den Gleisen zu tun haben.

das Skelett – eine Maxiatur

du stehst vor der Bahnschranke, wartest, und ein Skelett fährt vorbei.

du sitzt am Bahnhof, hörst die Lautsprecherdurchsage, und ein Skelett fährt vorbei.

du bist im Zug, blickst aus dem Fenster, und ein Skelett fährt vorbei.

du denkst dir, drei Skelette an einem Tag sehen bringt sicher Glück. du denkst dir, ein Skelett an einem Tag sehen und sich zwei andere Skelette auszudenken, bringt sicher Glück. du denkst dir, sich drei Skelette an einem Tag auszudenken, sie sich vorzustellen, Situationen zu imaginieren, in denen du sie sehen würdest, verschiedene Situationen, mit Dialogen und Sinneseindrücken davor und danach und während der Sichtung der Skelette, sich so viele Details auszumalen, sich diese drei Skelette so sehr herbeizusehnen, das muss doch einfach Glück bringen, das geht gar nicht anders.
die Skelette sind immer dieselben: es ist immer dasselbe Skelett. dieses eine, reale, vergangene, tatsächliche, existierende Skelett. dieses Skelett, das sich so sehr in deinen Kopf eingebrannt, gestoßen, verliebt hat, dass es da jetzt nicht mehr raus geht oder kommt oder will. dieses Skelett, das kein Skelett ist, aber einem Skelett so ähnlich, dass das das erste Wort war, an das du dachtest, als du es gesehen hast. das erste Wort, das einzige Wort, das Wort, das sich dir aufgedrängt hat, es hat sich dir aufgezwungen, es hat alles andere verdrängt, alle Gedanken, die vorher vielleicht da gewesen wären, an die du dich jetzt nicht mehr erinnern kannst, alle Überlegungen hat es verdrängt, das Skelett, und das Wort Skelett.

du bist am Bahnhof gesessen, weit weg von den Gleisen, weit weg vom Lautsprecher, aber am Bahnhof bist du gesessen, am Bahnsteig bist du gesessen und hast doch die Melodie und die Stimme gehört, die dich auf den durchfahrenden Zug vorbereiten sollten und es irgendwie auch getan haben.
ja, auf den Zug haben sie dich vorbereitet, du warst nicht überrascht, als du ihn in der Ferne hörtest und spüren konntest, dass er immer näher kommt, du hast damit gerechnet, die Lokomotive zu sehen und viele Wagons hintendran und du hast mit der Geschwindigkeit und der Lautstärke gerechnet, wobei das vielleicht schon zu viel gesagt ist, aber überrascht hat dich das alles jedenfalls nicht; überrascht hat dich nur das Skelett. es kam so unerwartet. so plötzlich. aber es war so echt. so skeletthaft. du konntest deine Augen nicht von ihm lassen, du hättest deine Augen nicht von dem Skelett abgewandt, selbst wenn du mit jemandem gesprochen hättest (was aufgrund des Lärms sowieso schwer möglich gewesen wäre), selbst wenn du am Weg woandershin gewesen wärst, du hättest dich wahrscheinlich sogar dem Skelett zugewandt, wenn du es nicht von Anfang an gesehen hättest, nein, du hättest dich dem Lärm zugewandt und dich dann vom Anblick des Skeletts nicht mehr abwenden können, hättest nicht, wie vielleicht ursprünglich geplant, nur einen kurzen Blick auf den Zug geworfen und so getan, als würdest du warten, dass er endlich vorbeifährt, sondern hättest den Blick verlängert und in die Länge gezogen und dir gewünscht, hast dir gewünscht, dass der Zug immer länger wird und länger, dass so viel, wie du schon von dem Skelett gesehen hast, wiederholt wird, angehängt wird, nachdem es eigentlich vorbei wäre, dass sich das Skelett verdoppelt und vervierfacht und potenziert und potenziert, bis es dich ganz eingenommen hat, bis es dich aufgestochen und überwältigt hat, bis das Skelett das einzige ist, nicht nur das einzige, das du siehst oder das einzige, das du hörst oder das einzige, an das du denkst, nein, bis das Skelett das einzige ist.

du liegst da, frierst, und ein Skelett fährt durch deine Gedanken.

du blickst aus dem Fenster, seufzt, und ein Skelett fährt durch deine Gedanken.

du hast Angst und rennst, und ein Skelett fährt durch deine Gedanken.

Skelett ist ein besonderes Wort. besondere Wörter verlieren ihren Reiz nicht, egal wie oft sie ausgesprochen oder gedacht oder geschrieben oder gelesen oder gemeint werden. besondere Wörter besitzen das gewisse Etwas, das besondere Etwas, etwas undefinierbares, eine besondere, natürlich schwammige Eigenschaft, die sie abhebt von gewöhnlichen Worten wie Haus oder Kind, die so alltäglich und meistgenannt sind, dass sie nicht mehr schön klingen können; von komplizierten Worten wie Reminiszenz oder Unterbewusstseinsbewusstsein, die so zungenbrecherisch sind, dass man sie gar nicht oft genug hintereinander verwenden könnte, um sie komisch klingen zu lassen; von hässlichen Worten wie Stutzen oder Hängeleuchte, die bereits bei einmaliger Nennung hässlich klingen; besondere Wörter können so oft ausgesprochen oder gedacht oder geschrieben oder gelesen oder gemeint werden, wie sie wollen, sie bleiben auch nach tausend Mal noch so reizvoll wie bei der ersten Begegnung.

du hast dich in das Skelett verliebt. das Skelett hat sich in deinem Kopf eingenistet. es geht da nicht mehr raus weil es nicht mehr raus kommt, aber auch wenn es raus käme, ginge es nicht raus, weil es ja gar nicht raus will. das Skelett fühlt sich wohl in dem kleinen Knochennest in deinem Kopf.

du denkst und sprichst und schweigst und das Skelett klopft in deinem Kopf.

du atmest und schaust und bist starr und das Skelett klopft in deinem Kopf.

du schluckst und schreist und bewegst dich nicht und in deinem Kopf klopft das Skelett.

Symposion I

eine Frau, die ihren Kopf in den Nacken legt und dann ein senkrechtes Buch am Hals hat, beleidigt eine junge Frau, die davor mit einem alten Mann Händchen gehalten hat und später wieder mit ihm Händchen halten wird, sanft, zaglich. alle drei haben kurze Haare. eine andere Frau, mit längeren Haaren und Locken, kleidet sich ganz anders als die vorherigen: das Paar trägt Barfußschuhe und ist eher elegant gekleidet, sie weniger leger als er, die Schuhe ihre Füße zerstören das Gesamtbild; die Frau mit dem gelegentlichen Buch im Nacken ist sportlich gekleidet, von Kopf bis Fuß; der Lockenkopf trägt eine Brille, wie auch zwei der anderen, der Lockenkopf trägt als einziger auch eine Netzstrumpfhose und begeht wie die junge Frau einen Stilbruch, amüsant: sein linkes Handgelenk ziert eine Uhr mit dünnem Band, auf dem Autos zu sehen sind, bunt, groß, unpassend, unpassend für das Alter der Frau, unpassend für ihren Kleidungsstil, unpassend für das Gesamtbild, aber dann wieder doch nicht, weil es authentisch ist, originell, original, ich kaufe es ihr ab, genauso wie ich der jungen Frau die Barfußschuhe abkaufe und genauso wie ich einer fünften Person, einem fünften Mensch, dem fünften Rad am Wagen, der vierten Frau, wie ich dieser die Dringlichkeit abkaufe, mit der sie bereits eine halbe Seite mit ihrer Hand voll geschrieben hat, wie ich ihr den Ring und die Ohrringe und die nach vorne gebückte Pose und den Wechsel, den Umfluss der Konzentration abkaufe, die Versunkenheit, die Dringlichkeit, und die Liebe zu schönen Worten, zu Wiederholungen, zu den Ameisen in ihrem Bein, die sie der klassischen, klischeehaften Beineübereinanderschlagen-Haltung zu verdanken hat und die sie vorher der klassischen, unklischeehaften, anti-klischeehaften KnöchelaufKnieundKnöchelknieseitlichinderLuft-Pose zu verdanken hatte. diese letzte, fünfte Person hat die längsten Haare von allen.
der Lockenkopf mit der Fehl am platzenden Uhr macht der Schreiberin ein Kompliment für deren T-Shirt und die Schreiberin erinnert sich daran, dass komplimentieren als Verb nicht « jemandem Komplimente machen » heißt, weiß allerdings auch nicht mehr, was es denn sonst eigentlich heißt und fragt den Lockenkopf auch nicht, traut sich nicht, den Lockenkopf zu fragen; stattdessen reden sie über das Wetter. sie verabschieden sich nicht, sie werden sich nie voneinander verabschieden, aber sie haben sich auch nie vorgestellt, sie wurden einander nie vorgestellt, also ist alles symmetrisch und somit alles gut.

der Mensch ist klein

die Zeit ist da, eine neue Lebensphase hat begonnen, eine, an die du dich erst noch gewöhnen wirst müssen, eine, von der dir niemand erzählt, auf die dich niemand vorbereitet hat, vor der du nicht gewarnt wurdest. dieser neue Abschnitt deines Lebens, jedes Lebens trägt wohl den Titel «jedes zehnte Gesicht (mindestens!) kommt dir irgendwie bekannt vor, aber nicht im Sinne von ‹hey, diesen Menschen hab ich doch schon einmal gesehen, irgendwo, oder, ich glaub ich kenn dich, wer bist du, woher kenne ich dich nur?›, sondern mehr im Sinne von ‹hey, Mensch, du, du erinnerst mich an irgendwen, ich weiß nicht, an wen, ich weiß manchmal vielleicht, an wen, aber nicht immer, aber Erinnerungen weckst du in mir, irgendwelche, dunkle, versteckte, irgendwie kommt mir irgendwas an dir irgendwie bekannt vor, deine Frisur oder deine Augen oder deine Haltung oder deine Kleidung oder irgendwas halt, irgendwas, das mich an irgendwen anderen denken lässt, oder das mich an irgendwen erinnert, den ich schon einmal irgendwo gesehen habe und nur flüchtig kannte, oder auch überhaupt nicht, aber ihr schaut doch eh alle irgendwie gleich aus, ist das zu fassen!› und du fasst dir in Gedanken an den Kopf oder nimmst diese Denkerpose ein und sinnierst darüber, wie klein die Welt denn nicht ist und wieso wirklich alle Menschen gleich ausschauen, es ist unfassbar, es gibt halt diese Bausteine und die sind etwas variabel, aber wenn du einmal genug Menschen gesehen hast, wenn dein Menschenkontingent eine gewisse Größe erreicht hat, dann brauchst du eigentlich keinen Menschen mehr zu sehen weil du eh schon jeden gesehen hast, gewissermaßen, dann brauchst du erst recht nicht mehr erstaunt zu fragen ‹was, du magst keinen Käse?› oder ‹was, du magst keine Rosinen?› oder ‹was, du magst keinen Tee?› um dann den Mund aufzureißen und entrüstet deinen Unglauben zum Ausdruck zu bringen: ‹wie kann man kein Marzipan mögen!›, ‹wie kann man keinen Spinat mögen!›, ‹wie kann man kein Humus mögen!›; es ist erstaunlich, wie vielen (nämlich wirklich vielen) Menschen du begegnen musst, bevor du verstehst, dass es bei solchen Dingen keine Norm gibt, denn manche lesen halt keine Belletristik und manche schauen nur halt Filme statt Serien und manche machen halt nur Sport in ihrer Freizeit und manche sind halt einfach Arschlöcher und manche sind halt Relikte vergangener Jahrtausende und manche haben halt Humor und manche planen halt ihr ganzes Leben im Voraus und die meisten wissen das alles schon längst, aber manche halt noch nicht».
es ist ein langer Titel, ein sperriger, aber auch ein wunderschön verschachtelter, der daher keine Kurzform braucht, aber trotzdem eine bekommt: der Mensch ist klein.

ethisch verwerflich, un:

deine Gedanken gehören verprügelt, krankenhausreif geschlagen, nicht nur von dir, von allen anderen auch, sonst würden sie ja nichts draus lernen, sonst wäre es ihnen ja keine Lektion, sonst dächten sie sich ja, sie könnten weitermachen, fröhlich immer weiter, hoppa, hoppa Reiter, sie dächten sich, dass du überhaupt kein Problem damit hast, wenn sie weiter auf dir herumtrampeln, wenn sie dich frotzeln und unpassende unangenehme vergessenwollende schreckliche unangenehme unfruchtbare grausliche verwerfliche Bilder und Kopfkinos und Assoziationen wecken.
also trommelst du alle anderen zusammen auf deiner goldenen Trommel, also nicht nur die unnervigen Gedanken, auch deine phantastischen Freunde und nichtexistenten Verbündeten, du trommelst bis du tot bist und sie für dich gesiegt haben und bis deine Gedanken im Krankenhaus liegen, so lange trommelst du, vorausgesetzt, du stirbst nicht schon davor, ohne den Moment zu erleben, ohne diese Genugtuung genießen zu können, in vollen Zügen, in den Zügen, die in deinen Fingern und Händen unterwegs sind weil du so viel trommelst, in Zügen, die voll sind, weil du immer trommelst, voller Ameisen und Anmaßungen und voller Intensität.

Regen mit i

es war auf einer Hochzeit, ich weiß nicht mehr, wessen, als wir über Sex am Friedhof sprachen. ich weiß nicht mehr, welcher es war, aber eine Frau erzählte von einem bestimmten Friedhof, einem kleineren; der Zentralfriedhof ist es nicht gewesen. damals reizte mich der Gedanke, denn ich mochte Friedhöfe. ich mag Friedhöfe immer noch, aber der Gedanke, Sex in der freien Natur zu haben, schreckt mich inzwischen ab. in einem Zelt wäre es durchaus vorstellbar, aber wer nimmt schon ein Zelt auf den Friedhof mit, ohne Aufsehen zu erregen und wer baut schon am Friedhof ein Zelt auf, nur um Sex darin zu haben. ja, natürlich würde ich es tun, aber es wäre ja nicht einmal dasselbe. außer vielleicht, wenn es ein durchsichtiges Zelt wäre, vollkommen transparent, bis auf den Boden. dann würde zumindest die Stimmung nicht völlig abgeschottet werden. aber dann würden vermutlich alle glauben [wer weiß schon, wie viele Menschen sich wirklich nachts auf Friedhöfen herumtreiben um nach oder in durchsichtige(n) Zelte(n) (zu) (Aus-)(schau(en)) (zu halten)], dass es eine Mutprobe ist, oder dass ich Angst vor Gespenstern oder Zombies habe, und das wäre eine grobe Verzerrung der Realität. ich habe nämlich weder Angst vor Gespenstern, noch vor Zombies, noch vor nächtlichen Friedhöfen. wovor ich Angst habe, das sind Zecken, die sich am Geschlechtsorgan festbeißen. oder Spinnen, die ihre Eier in meinen Hals legen, und die vielen kleinen Spinnenkinder, die dann genau während dem Sex da rausschlüpfen. wie in Fargo: „they were – he was sleepin‘, and“ usw.

ein Zelt hätte den weiteren Nachteil, dass ich gleich merken würde, wenn es regnet. das gibt es in einem Haus oder in einem dieser riesigen, übergroßen, überdachten Gstopftengräber nicht, es sei denn, ich stehe direkt vorm Fenster bzw. im Eingang. aber auch hier müsste sich eine Möglichkeit finden, die Insekten draußen zu behalten. ein Fliegengitter gefällt mir sehr als Idee, die Frage ist nur, ob es so große Fliegengitter gibt, dass sie den ganzen Eingang zu diesen Einzelkatakomben völlig abdecken können. alle Tierchen, die sich dann nach dem Fliegengitteraufbau noch drinnen befinden, müssten entweder gesammelt und sicher verstaut oder getötet werden. etwas viel Aufwand für ein bisschen Friedhofssex, noch dazu wo die meisten dieser Reichen ja relativ nah am Friedhofseingang liegen, also mit Blick zur Mauer, da hat man keine schöne Aussicht auf die ganzen anderen Gräber, also immer noch keine ideale Option, aber dem Zelt definitiv vorzuziehen. das Regenproblem wäre zumindest gelöst. wenn es in der Nacht überhaupt regnet. aber wenn es dann anfängt zu regnen, gibt es oft diese Ambivalenz, denn meistens klingt Regen wie Wind. vielleicht ist es anfangs auch nur Wind, der sich später in Regen transformiert. oder ein kurzer, heftiger Schauer, denn man kann die einzelnen Tropfen nicht auseinanderhalten, gefolgt von einer starken Böe, gefolgt von tropfenauseinanderhaltbarem Regen. jedenfalls eine wunderschöne Doppeldeutigkeit. man darf halt dafür nicht gleich am Eingang liegen, so nah am Fliegengitter, dass die Gefahr besteht, es einzureißen, oder dass Regentropfen dadurch auf einen drauffallen könnten. aber hinter oder neben der Statue in der Mitte finden sich sicher genug lauschige Plätzchen.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

und wenn dann alles vorbei ist, renne ich das Fliegengitter ein, oder versuche es zumindest, und wenn es mir misslingt, nehme ich mein Taschenmesser und schneide es auf, nur ein Schnitt, nicht allzu groß, aber groß genug um hinauszugehen. und wenn es mir gelingt, dann falle ich slapstickartig mit dem Fliegengitter auf den Boden. dann lasse ich mich beregnen oder bewinden oder beides und überlege mir, was jetzt aus dem Fliegengitter werden soll. wenn ich davor zu viel gekauft habe, entscheide ich mich wahrscheinlich dazu, das kaputte runterzunehmen und irgendwo zu entsorgen oder zu reinigen und daheim als Erinnerung an die Wand zu hängen, zumindest Teile davon. und dann wird nochmal der Eingang vergittert, diesmal aber von außen, es soll ja niemand eingesperrt werden, außer vielleicht die paar Viecher, die schnell genug waren, sich zwischen runterreißen und neuaufhängen da reinzuschummeln, aber die sind dann selber Schuld, wenn sie verhungern oder sich nur von Hautschuppen und Kleiderfasern ernähren können. das letzte Problem, das es zu lösen gibt, ist dann die Frage, wie und von wo aus die Gesichter der Menschen, die an dem fliegenvergitterten Riesengrab vorbeigehen, am besten zu betrachten sind. ich sehe nur zwei Möglichkeiten, entweder verstecke ich mich irgendwo in sicherer Entfernung, weit genug weg, sodass das Lachen keine Chance hat, die verdutzten Friedhofsgeher zu erreichen. oder, weitaus praktischer, aber auch komplizierter zu verwirklichen, dafür gefahrlos: ich installiere eine versteckte Kamera, auf der Statue vielleicht, oder eingebaut in das Fliegengitter. wobei dann der Spaß natürlich vorbei wäre, sobald jemand es entfernt, nein, die Statue oder die hintere Wand vom reichen Grab eignen sich da schon besser.

und wenn ich an happy ends glauben würde, wäre der Mensch, mit dem ich das alles einmal wirklich durchziehe auch derselbe, der sich auf unserer Hochzeit anhören müsste, wie ich davon allen Gästen erzähle, vom Windregen und vom Friedhof und vom Sex.

{[(
nicht ganz unparteiisch, aber trotzdem wahr: meine erste Rezension auf einem befreundeten Blog.
)]}

lesen wollen usw.

lesen verlernen ist leichter als lesen lernen, du musst nur einfach immer alles lesen, was dich nicht interessiert, also Rezepte und Anleitungen und die Bildbeschreibungen in den Museen, um dadurch zu vergessen, dass du auch Dinge lesen könntest, die dir enorm Spaß machen würden, wie Witze und Glückwünsche und Liebesbriefe; von Büchern ist abzuraten, Bücher sind böse, denn jede Alliteration ist allgemeingültig, deshalb sind nur Geschichten gut, aber wer liest schon Geschichten ohne Bücher, das geht nicht, das bringt nichts, damit kannst du nicht angeben, das hat keinen Sinn. Geschichten sind also gut, aber auch Geldverschwendung, weil du sie sowieso nicht ohne die bösen Bücher käuflich erwerben kannst und wenn du die bösen Bücher nicht immer mit dir herumträgst und dauernd bei dir hast und ständig mitschleppst, dann merkt ja niemand, wie belesen du bist, dann kannst du deinen Alphabetismus ja nicht hinaustragen in die Welt, dann sieht nicht jeder wildfremde Mensch, der dich in der U-Bahn auch nur eine Sekunde eines Blickes würdigt, ob du Hardcover oder Softcover bevorzugst, oder soll es doch lieber ein E-Reader sein? dann kannst du es ja gleich bleiben lassen und völlig aufs lesen verzichten, ist doch nur reine Zeitverschwendung; Augen sind schließlich ausschließlich dazu da, um ausgestochen und gegessen zu werden.

reinstechen und ziehen und auffangen und aushöhlen und würzen oder marinieren und schneiden oder nicht und verschlingen und kauen und schlucken und die letzten Reste aus den Zahnzwischenräumen lecken und reinstechen und ziehen und auffangen und aushöhlen und würzen oder marinieren und schneiden oder nicht und verschlingen und kauen und schlucken und die letzten Reste aus den Zahnzwischenräumen lecken und den Mund abtupfen oder speiben oder zurücklehnen und wohlig seufzen oder weitere Alphabeten anlocken oder zu den Analphabeten übergehen, die noch in der Lage wären, zu lesen, wenn sie es denn könnten, was sie aber nicht könnten, weil du sie dann bereits gestochen und gezogen und aufgefangen und ausgehöhlt und gewürzt oder mariniert und geschnitten oder nicht und verschlungen und gekaut und geschluckt und die letzten Reste ihrer Augäpfel aus deinen Zahnzwischenräumen geleckt hättest, also hast du ein Paradox geschaffen und dieses Paradox hat seinen Ursprung in den bösen Büchern, denn Paradoxe sind pervers wollen deinen Willen verwirren, indem sie selbst nicht wissen, was sie wollen, etc.