eine weitere Distinktion

es gibt Kaffeemenschen und es gibt Teemenschen und dann gibt es noch Menschen, die von sich selbst behaupten, keine sozialen Interaktionen nötig zu haben, die sich mehrere Monate lang problemlos in ihrem Zimmer einschließen und sich nicht einmal an den wachsenden Müllbergen stoßen. diese letzte Art von Menschen ist die schlimmste. Kaffeemenschen haben ihre Riten, Kaffeemenschen trinken immer einen Espresso oder immer einen Capuccino oder immer einen Caffé Latte, Kaffeemenschen haben ihr Stammcafé und ihren Stammkaffee und wissen genau, mit welchen Worten sie letzteren überall auf der Welt bestellen können, ob in Italien oder in Ghana. Kaffeemenschen sind Teemenschen in ihrem Fachgesimpel sehr ähnlich. beide lassen sich nur allzu gerne allzu lang und noch viel breiter darüber aus, wieso ihr Getränk das Wahre ist, wieso du unbedingt zu ihnen gehören willst, auch so ein Mensch sein willst, denn sie haben zwar keine Cookies, wie sie die dunkle Seite gerne anbietet, dafür jedoch literweise heiße Magenfüller. Kaffeemenschen und Teemenschen wissen wenigstens, wonach sie süchtig sind oder können ihre Sucht zumindest leugnen, wenngleich sie doch wissen (und wenn schon nicht sie, dann ihr gesamtes Umfeld), dass es eine Lüge ist.
Kaffeemenschen und Teemenschen sind Menschen, aber Menschen wie du und ich sind keine Menschen. Menschen, die stundenlang still sitzen können ohne aufzuschauen, sind keine Menschen. Menschen, die ihre Gefühle weder nach innen noch nach außen kehren, weil sie keine Gefühle haben, sind keine Menschen. Menschen, die sich nur pro forma als Menschen bezeichnen, Menschen, die nur zum Schein menschliches Vokabular verwenden, dürften nicht als Menschen bezeichnet werden. aber die meisten dieser Menschen können lügen und betrügen und make believe und daher kann sie niemand von echten Menschen unterscheiden, nicht einmal sie selbst, außer bei sich selbst, und daher macht es auch wenig Sinn, daher macht es eigentlich gar keinen Sinn und daher wird es wohl nie irgendeinen Sinn machen, diese Unterscheidung zu treffen, zwischen Kaffemenschen und Teemenschen und Menschen, die eigentlich keine Menschen sind.
also nochmal von vorne: es gibt Kaffemenschen und es gibt Teemenschen. letztere kennen nicht nur den Unterschied zwischen Schwarztee und Grüntee, sondern wissen auch, dass weißer Tee existiert, wissen, wie viele Sorten von jeder Art ungefähr in Umlauf gebracht wurden und was man wie lang ziehen lassen muss, damit die erwünschte Wirkung erreicht wird. auch Teemenschen bieten nur Tee und keine Cookies an, aber viele Teemenschen essen Cookies zu dem Tee den sie trinken. oder sie schütten sich Zucker in den Tee oder Honig oder gewisse Geheimzutaten, die sie nur untereinander austauschen, und zu denen ich aus diesem Grund keinen Zugang habe. sagt man ihnen „ich trinke eigentlich nur manchmal Kräutertee, wenn ich krank bin“ so müssen die Teemenschen antworten „aber das ist doch kein richtiger Tee!“ und das Rufzeichen am Ende muss man hören, es muss sich ein oder es müssen sich zwei oder mehrere hörbare(s) Rufzeichen am Ende dieses Satzes befinden, sonst ist man ja kein richtiger Teemensch.

so viele Worte aber so wenig zu sagen und immer dieselben Gedanken aber verschiedene Niederschriften und andere Auffassungen aber derselbe Ursprung und eine Meinung aber zwei Ausdrucksweisen und zu viele Wörter

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stellvertretende Frage Version Zwei, künstlicher

manchen Fragen musst du („frage für eine[n] Freund[in]“) anfügen, weil es sonst offensichtlich wäre, zu offensichtlich, dass du es eigentlich wissen willst, um jeden Preis, sofort, dalli, dalli, komme was wolle, Hauptsache auf Zeit, scheiß auf die Qualität der Antwort, also im Idealfall natürlich nicht, aber eine mittelmäßige Antwort ist vollkommen ausreichend, solange sie nur mehr wahr ist als falsch und solange niemand weiß, niemand merkt, wie wichtig dir diese Antwort ist, wie sehr du sie brauchst, wie sehr du auf sie angewiesen bist. deshalb musst du dieses kleine Gsatzl hinten anfügen, damit man das alles nicht merkt, damit man denken kann, die Antwort hat Zeit, damit man in der dritten Person über einen Menschen reden kann, von dem man keine Ahnung hat, damit man Vermutungen über diese Person anstellen kann, die man alleine aus der Frage zieht, weil man annimmt, dass diese Frage zumindest teilweise von ihr stammt und nicht von dir und somit hast du dann schlussendlich nicht nur eine Antwort, wie mittelmäßig sie auch sein mag, sondern du hast auch etwas über dich gelernt, weißt danach, was Menschen über Personen denken, die eine solche Frage stellen und weißt in weiterer Folge auch in etwa, was man über dich denken würde, wenn man wüsste, dass es eigentlich deine Frage ist und nicht die Frage einer anonymen, unbekannten, für die antwortenden Menschen fiktiven, Person und so bist du dann nach der Antwort noch glücklicher, weil niemand vermutet hat, dass es deine Frage war und selbst wenn es jemand vermutet hat, hast du diese Menschen auf die falsche Fährte gelockt, wenn sie etwa Nachfragen angestellt haben wie „kenne ich diese[n] Freund[in] von dir, wieso will er/sie das wissen, kannst du mir vielleicht etwas mehr über ihn/sie erzählen, was hat X für einen Charakter“, dann hast du Dinge entgegnet wie „nein, du kennst diese[n] meine[n] Freund[in] nicht, er/sie steckt gerade in einer Lebenskrise oder ist unglaublich verliebt oder hat gerade eine schwere Zeit hinter sich oder versucht, zu diesem Thema so viele Stimmen wie möglich einzuholen, eine Umfrage quasi“ und was die Beschreibung der Person betrifft so wirst du dich auf deine allgegenwärtige und nicht einmal Ausrede-Ausrede „ich habe keine Menschenkenntnis“ berufen, oder du wirst ein, zwei Eigenschaften aufzählen, die für sich genommen noch sehr nichtssagend und im Großen und Ganzen ziemlich häufig sind oder du wirst es riskieren zu verlautbaren „er/sie denkt in diesen und jenen Punkten ziemlich ähnlich wie ich“.

stellvertretende Frage Version Eins, originaler

Gedankenaufzeichnungen können nur mit Stimmaufzeichnungen beginnen Obsessionen frage für meine Freundin du stellst eine Frage und schreibst danach in Klammer unter Anführungszeichen frage für eine Freundin oder frage für einen Freund je nachdem welches Geschlecht du hast je nachdem was ähm konformerweise mehr Sinn ergeben würde je nachdem welches da Geschlecht du hast beziehungsweise was konform jena oder abhängig davon was konformerweise mehr Sinn ergeben würde du fragst also für jemand anderen aber in Wahrheit fragst du für dich selbst durch die Anführungszeichen die aber niemand beachtet ähm enttarnst du quasi deine Lüge das ist der Beweis dafür die Anführungszeichen sind der Beweis dafür dass du lügst dass du nur so tust als ob du für jemand anderen fragen würdest aber in Wirklichkeit fragst du für dich selbst dann ist die Frage warum schreibst du das in Klammer unter Anführungszeichen wenn du eigentlich für dich selbst fragst du könntest es ganz weglassen aber dann könnte die Frage ko zurückkommen wieso willst du das wissen und das willst du vermeiden weil wenn du dann erst schreibst frage für eine Freundin frage für einen Freund für jemand anderen dann ähm dann würde es mehr wie eine Lüge wirken also musst du es gleich schreiben und du kannst es nicht ohne Klammern schreiben weil es ähm nicht wichtig ist und nicht zur Frage gehört weil es nicht einen Hauptbestandteil der Frage ausmacht ähm weil es eben nur nebensächlich ist nur als Erklärung gedacht ist so schreibst du es in Klammer und deshalb schreibst du es vielleicht sogar in die nächste Zeile wobei das dem ganzen dann natürlich wiederum mehr Gewicht geben würde ähm und also warum die Anführungszeichen nun du willst nicht lügen und du weißt dass niemand die Anführungszeichen beachten wird ähm und die Menschen die sie beachten werden denen sie auffallen werden die werden sie für ein Zitat halten für eine Ironisierung dieser Phrase für ein Spiel mit den zahlreichen Beispielen dieser Sätze und deshalb kannst du sorglos deine Lüge in Satzzeichen verpacken und somit ist dein Gewissen rein bis du eine Antwort bekommst dann wird ja etwas geschehen das du noch nicht vorhersagen kannst und die Antwort ähm die wird dich entweder ähm ja die Antwort die wird wahrscheinlich genau die Antwort wird gar nicht drauf eingehen auf dieses frage für eine Freundin weil sich die Antwort nur mit der Frage beschäftigen wird weil es die die Klammern und die Satzzeichen weil sie die Klammern und die Satzzeichen ignorieren wird und wenn sie sie nicht ignoriert dann wird sie maximal fragen für welchen Freund für welche Freundin und dann kannst du äh getrost sagen kennst du nicht du würdest die Person du würdest nichts von der Person wissen und deshalb hat es keinen Sinn dass ich dir überhaupt ihren Namen verrate und wenn aber mehr zurück kommen sollte dann ähm dann musst du deine Satzzeichenobsession noch einmal überdenken

kein Fragment, aber vielleicht doch

i-iii

du gehst aus dem Haus, vergisst deine Kamera, gehst zurück, vergisst deinen Fahrschein, gehst zurück, vergisst deinen Schirm obwohl du ihn vorher noch hattest, hast genug, willst nicht mehr und gehst nicht mehr zurück, es regnet, du wirst nass, sehr nass, zu nass, bis jetzt waren deine Haare nur im Badezimmer so nass gewesen, es musste wohl dieses erste Mal für dich geben, klatschnasse Haare auf offener Straße, wenigstens werden die Kopfhörer nicht kaputt.

stop asking what and start doing if, das solltest du dir öfters zu Herzen nehmen, es muss antrainiert werden, du musst dir deine Feigheit abtrainieren, denn jede zweite Chance ist schwieriger und kürzer als die erste und daher noch unbewältigbarer. das nächste Mal wenn du jemanden weinen siehst, wenn es so offensichtlich ist, dass du nicht verstehst, warum sich sonst niemand etwas anmerken lässt, aber wahrscheinlich achten sie einfach nicht drauf, wer achtet schon auf die Menschen, die man nicht kennt eher als auf die Menschen, mit denen man gerade zusammen ist, als auf das, weswegen man hier ist, nein, blind sind sie wahrscheinlich nicht, sicher nicht alle, aber vielleicht finden einige es richtiger, höflicher, diskreter, korrekter, sich nichts anmerken zu lassen, vielleicht lässt du dir zu viel anmerken, aber wer merkt es schon, wer achtet schon auf dich, niemand, und du achtest nur auf die Traurigkeit, als einziger Mensch im Raum achtest du auf die Tränen, die da sein müssen und den gesenkten Kopf und die Hand auf der Stirn und die Scham und die Verzweiflung und wenn du das nächste Mal in so eine Situation kommst, das schwörst du dir, wenn du noch eine dritte Chance bekommen solltest oder eher eine zweite erste, weil du die bisherigen bis dahin schon wieder vergessen haben wirst, dann gehst du hin, nah genug, sodass der Mensch unter dem Salzmeer dich nicht mehr ignorieren kann und dann fragst du „can I give you a hug?“ oder du fragst nicht und umarmst den schreienden Körper unter dem geschwollenen Kopf einfach, oder du bietest ein Taschentuch an oder deine Hilfe, versuchst eine objektive Perspektive einzunehmen und brauchbaren Rat auszuspucken, und die Angst, dass du alles schlimmer machen könntest einfach zu ignorieren oder zu Boden zu stoßen oder auszukotzen.

das Plakat verfolgt dich, zu lange schon, hast du es nicht vor einem Jahr zuerst gesehen, das ist komisch, bis jetzt fiel dir noch kein Plakat so lange auf und du hast angenommen, dass das daran liegt, dass einfach kein Plakat irgendwo so lang hängen bleibt, aber vielleicht liegt es an den Städten, Ländern, Erfolgen der Plakate, oder vielleicht kann sich einfach sonst niemand die Werbefläche leisten.

iv-vi

du sitzt einem älteren Ehepaar in der Straßenbahn gegenüber, sie links, er rechts, sie schauen sich an, schauen aus dem Fenster, wechseln kein Wort, ein klassisches altes Ehepaar halt, denkst du dir, haben sich nichts mehr zu sagen, dieses ungleiche Paar fasziniert dich, sie hat seine doppelte oder dreifache Körpermasse, beide haben mindestens eine Hand im Schoß, ob sie sich gestritten haben, anfangs hieltst du sie einfach nur für schweigsam, ruhig, für fähig, sich wortlos zu verständigen, aber inzwischen bist du dir nicht mehr ganz sicher, sie sieht dauernd auf die Uhr, schon zum zweiten, dritten Mal blickt sie auf ihre Armbanduhr, sie ist ungeduldig, so viel steht fest, sie scheint sehr ungeduldig zu sein, aber warum, warum sieht sie plötzlich so aus, als könnte sie jederzeit zu weinen anfangen, was ist passiert, bevor du dich ihnen gegenübergesetzt hast, welche Worte haben sie gewechselt, was geht in ihren Köpfen vor, wer hat den Streit begonnen, wovon handelte er überhaupt. ein kleines Kind quetscht sich auf die nicht dafür gedachte Ablagefläche hinter die Frau, auch es ist den Tränen nahe, du blickst es an, wie gebannt, willst nicht, dass es zu weinen anfängt, willst deinen schläfrigen Trancezustand nicht durch lautes Kindergebrüll unterbrechen lassen, zum Glück kommt es nicht dazu, das Kind verschwindet, oder die Mutter kommt zu ihm, jedenfalls sieht es fröhlicher aus, als du es das nächste Mal anblickst, aber du achtest nicht mehr wirklich darauf, du bist immer noch gefesselt von dem ungleichen Ehepaar, weißt, dass du dir keine Sorgen über ihre Tränen machen musst, alte Menschen weinen nicht in der Öffentlichkeit, oder wenn sie weinen, schreien sie nicht so laut wie kleine Kinder, nein, sie ist keine Gefahr, und wahrscheinlich spielt dir deine Wahrnehmung sowieso einen Streich, wahrscheinlich ist sie garnicht den Tränen nahe, woher denn auch, was könnte denn der Auslöser sein, außer ein unauffindbarer, nämlich ein innerlicher, gedanklicher, unsichtbarer, vielleicht erinnert sie sich an den Streit oder an einen Verstorbenen, vielleicht hat etwas außerhalb des Fensters ihre Aufmerksamkeit geweckt und lässt sie an eine traurige Filmszene denken, nein, wahrscheinlich ist es nur das Licht oder der Schatten oder deine Augen projizieren etwas in ihre Augen hinein, was garnicht da ist, die Traurigkeit scheint verschwunden. plötzlich stehen beide auf, fast gleichzeitig, aber er geht nach rechts zur hintersten Türe und sie nach links zur vorletzten, was soll das, fragst du dich, haben sie sich so sehr zerstritten, dass sie, nein, das ergibt doch keinen Sinn, erst jetzt kommst du auf die Idee, nach Eheringen zu suchen, findest einen an ihrer rechten Hand, aber von ihm kannst du nur die linke sehen, ja wäre es denn möglich, aber warum stehen sie dann bei derselben Station auf, sollte alles nur Zufall gewesen sein, er steigt aus, geht in die Gegenfahrtrichtung weg, aber sie bleibt noch an der Türe stehen und bewegt sich keinen Schritt aus der Straßenbahn heraus, lässt sich eine weitere Station führen, steigt erst dann aus und geht ebenfalls in die Gegenfahrtrichtung, das ist dann wohl der Beweis, sie kannten sich garnicht, überhaupt nicht kannten sie sich, wussten nicht einmal ihre Namen, ja ist das denn möglich, vielleicht haben sie aber auch nur einfach so getan, vielleicht probieren sie aus, welche Straßenbahnstation näher an ihrem gemeinsamen Heim liegt, vielleicht haben sie das alles bereits vorher abgesprochen, möglich, aber unwahrscheinlich, faszinierend. du lachst, das Fahrzeug ist inzwischen fast ganz leer, du lachst und schüttelst den Kopf und musst an eine Lesung denken, bei der du in einer Couch direkt vor dem Autor gesessen bist, und das restliche Publikum war seitlich schief platziert, du lachst und denkst an diese Lesung von damals, wie du knapp vor dem Beginn noch auf Aufforderung der Moderatorin dich auf die Couch begeben hast, weil alle anderen in ihren ungemütlichen Sesseln geblieben sind, du denkst an die bequeme Couch und an die Nähe mit dem Schriftsteller, an die lustige Lesung und an die lustige Verwechslung in der Bim von gerade eben, und du lachst immer noch.

in einem Raum riecht es nach Chlor, warum wohl, du denkst an ein Schwimmbad, an das Regenwetter draußen und an das Wasser drinnen, fragst dich, woher der Geruch stammen könnte und stolperst beinahe über eine lose Marmorfliese, na sowas, nicht nur die Backsteine auf den Gehsteigen sind reparaturbedürftig, sogar in einem Museum wackelt der Boden, du blickst hinab, eine handvoll Fliesen sind dabei, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, du meidest sie, um keine störenden Geräusche zu verursachen und deine Füße führen dich auf Metallplatten, die schön geordnet am Boden befestigt sind, eine lange Reihe, vier mal viel zu viele, es drängt sich die Frage auf, ob dieser Boden ebenfalls ein Kunstwerk ist, ob man darauf überhaupt spazieren darf, aber da du weder eine Absperrung noch ein Beschriftungsschild finden kannst, gehst du beruhigt weiter.

der graue Teppichboden ist so flauschig, dass du deine Schuhe wohlig seufzen hören kannst, am liebsten würdest du barfuß über ihn laufen, dich in ihm wie in einer Wiese wälzen oder einfach ein Stück fladern und zuhause verwenden, aber mit so vielen Kameras ist das ja unmöglich, mit so vielen Besuchern und Wärtern und so gibst du dich mit dem Mann im Schottenrock in der Garderobe zufrieden.

vii-ix

du gehst Blut abnehmen und schaust hin, siehst zu, wie die Nadel in deine Armbeuge gestochen wird, und es tut weh, aber nur ein bisschen. am nächsten Abend willst du das Pflaster entfernen, siehst zu, während du anreißt, und es tut weh, aber viel zu sehr. was ist das bloß für eine verkehrte Welt in der Menschen herumlaufen, deren Gesichter wie eine komische Maske aus dem Faschingsgeschäft ausschauen, weil sie eine schwarze große Brille, buschige Augenbrauen und eine runzelige Nase haben. was ist das bloß für eine verkehrte Welt in der Ponys neben Gleisen fröhlich schiefe Purzelbäume schlagen. was ist das bloß für eine verkehrte Welt in der die Pflasterentfernung unangenehmer ist als das Blutstehlen.

x-xii

wir besitzen Pferde und Kühe, wir halten Schweine und Schafe und auch Vögel, Kleintiere und Nagetiere. aber eingezäunte Rehkitze hatte ich noch nie gesehen.

bald roch die Haut nach Sonne oder nach Sonnencreme oder nach Sonnenbrand oder nach einer Mischung der drei.

über Schreibblockaden schreiben ist wie Filme über Regisseure drehen ist wie das Selbstportrait eines Malers, nein danke. halte dich lieber an deine flatternden Falter, blinden Bekanntschaften und argwöhnischen Alliterationen. stelle peinliche Fragen an Google, die NSA-Mitarbeiter wollen ja auch lachen. schau dir ein lustiges Theaterstück an, du willst ja auch lachen. erzähle deinen Freunden unabsichtlich einen Witz, die wollen ja auch lachen. rede dann einfach weiter, sag, dass du letztens Gras in der Straßenbahn gerochen hast und die nächste Station dann „Drogenbos“ hieß, auch wenn es nicht stimmt, auch wenn du es erfinden musst, erzähl von der gruseligen Katze, die in der Mitte vom Fenster saß und dich mit ihrem ganzen Kopf verfolgt hat, als du am Haus vorbeigegangen bist, die dich von oben herab gemustert und belauert hat, erkläre, dass du dabei an diese Bilder denken musstest, deren Augen einem überallhin folgen, beschreibe ausführlich, wie du einmal in einer Kindersendung einen Beitrag gesehen hast, in dem es darum ging, diese Augen mithilfe von Eierkartons selbst herzustellen, komm dann wieder auf die Katze zurück und lass dich nicht aus der Ruhe bringen, ignoriere alle Stimmen, die dich mit Fachbegriffen beirren oder mit Themenwechseln aus der Bahn werfen wollen, mache eine elegante Überleitung von Katze zu Taube und erinner dich zuerst an diesen humpelnden, hinkenden Vogel, der sich den allerletzten Moment zum Absprung vor dem Flug ausgesucht hat, an diese lebensmüde aber dann doch suizidunfähige Taube, die sich viel zu knapp erst vor dem Auto in Sicherheit gebracht hat, als dass man sagen könnte, sie wäre gesund gewesen, vielleicht war sie allerdings einfach nur träge oder übermüdet oder überhitzt oder schlicht und einfach faul, aber das alles ist schnell erzählt, zu schnell um das Thema Taube als abgehackt bezeichnen zu können, also folgt noch die Szene, die du damals beobachten durftest, oder die du dir gerade ausdenkst oder von der du einmal gelesen oder die du in einem Film gesehen oder erzählt bekommen hast: ein kleiner Junge in Handschellen jagt Tauben auf einem Platz, es waren keine echten Handschellen, vielleicht hast du sie dir ja sogar nur eingebildet, denn als du wenige Momente später wieder hingesehen hast, waren sie weg, aber davon musst du ja nicht unbedingt berichten, es reicht das Bild in deinem Kopf, das Bild vom kleinen Jungen in Handschellen, der Tauben hinterherjagt und am selben Tag bist du ja auch im Kino gewesen und hast dir alleine diesen Film angeschaut, der ein Happy End haben musste, aber von dem du für wenige Sekunden glauben konntest, dass er kein Happy End hat, bei dem du dir gewünscht hast, dass alles mit dieser einen Aufnahme der eingefrorenen Welt endet, oder zumindest, dass nach dieser Szene ein Schriftzug auf der Leinwand erscheint („das war das schlechte Ende, ein gutes folgt, bitte verlassen Sie unverzüglich den Saal, wenn Sie Hoffnung scheiße finden, der Abspann ist auf der Website gratis zum Download verfügbar“), aber natürlich kommt es immer anders als man denkt, fährst du fort, wer hat denn schon jemals das Gesuchte gefunden anstelle von etwas anderem, lange vermisstem, verloren geglaubtem? an dieser Stelle musst du dir jedoch selbst widersprechen, denn „immer wenn (nicht)“ beruht eindeutig auf selektiver Wahrnehmung, das hast du doch erst gestern eigenhändig experimentell überprüft, als du fast eine Stunde lang öffentlich durch die Stadt gefahren bist, ohne einem Kontrolleur oder einer Kontrolleurin oder einer Schwarzfahreraussieben-Absperrung zu begegnen, und dann wieder dieselbe Strecke zurück, ohne Fahrkarte, die du nämlich zuhause vergessen hattest, was dir aber zu spät aufgefallen war und so deine Annahme oder Hoffnung bzw. dein Wissen, das du wohl zuvor nicht ganz wahrhaben wolltest, bestätigen half, nämlich dass der Lauf des Lebens keine Ahnung hat, ob du normalerweise schwarz fährst oder eh immer einen Schirm mithast oder gerade einen Wintermantel brauchst und ob der Kirchturm eigentlich ein Leuchtturm für Vögel ist oder ein Möchtegern-Fluglotse oder ob die blinkenden Seitenlichter einem anderen Zweck dienen, diese Frage stellst du jetzt einfach so in den Raum, ganz plötzlich, um die Aufmerksamkeit wieder auf dich zu lenken, ganz genau so, wie du es im Rhetorik-Seminar, in dem du nie gewesen bist, gelernt hast, und es funktioniert auch blendend, wie versprochen, nur nicht dir.

xiii-xv

Züge sind toll, nicht nur wegen den gelegentlichen toten Vögeln auf den Gleisen, die man manchmal aus dem Fenster heraus fotografieren kann, nicht nur, weil sich darin Menschen befinden, die sich von ihrem Handy lautstark zum lachen bringen lassen ohne sich dafür zu schämen, die außerdem neben Menschen sitzen, die sich gerade schminken oder frisieren oder eine Zigarette drehen oder füllen oder essen oder schlafen, Züge sind auch toll, weil sie dir manchmal erlauben, in der ersten Klasse zu sitzen, alleine, obwohl dein Abo nur für die zweite Klasse gilt, obwohl du nicht so aussiehst, als könntest du dir die erste Klasse leisten, als wäre dir so etwas den Aufpreis wert, in einem einzelnen Sitz lassen sie dich sitzen und verscheuchen dich nicht, obwohl sie doch wissen müssen, dass du da nicht hingehörst, obwohl sie das ja sehen und erkennen, wenn schon nicht an deiner Kleidung und an deiner Ausstrahlung, dann doch mindestens an deinem Ticket, aber das Abteil ist ja sowieso fast ganz leer, und vielleicht ist die zweite Klasse überall überfüllt, vielleicht müsstest du dort stehen und sie dulden dich eigentlich nur weil du alleine bist und nicht redest und nicht rauchst und nicht isst und nur Musik hörst, aber so leise, dass kein Ton aus den Kopfhörern in die Umgebung dringt, und du also die anderen Passagiere nicht belästigst außer vielleicht maximal mit deinem Dasein, aber wo kämen wir denn da hin, nein, die können das ja nicht wissen und selbst wenn sie es wüssten, hätte sie kein Recht, dich zu verscheuchen, weil der Zug dich ja duldet, und sie sind nur Passagiere, genau wie du, gstopfte Passagiere zwar, reiche Menschen, die bereit sind, mehr Geld für ein bisschen mehr Fußfreizone zu bezahlen, oder vielleicht haben sie ihre Tickets auch geschenkt bekommen, zum Geburtstag, vielleicht hat der Zug ja gerade heute Geburtstag und ist deshalb so sehr mit anderen Dingen beschäftig wie Geschenke auspacken und andere Züge umarmen und peinlich in alle Richtungen starren, während für ihn gesungen wird, vielleicht ist es kein multitaskingfähiger Zug, sodass er einfach nicht bemerkt hat, dass du da falsch sitzt, dass du wo bist, wo du eigentlich nicht hingehörst, vielleicht kontrolliert er seine Passagiere erst bei der nächsten Station wieder, wenn du schon ausgestiegen bist, aber Züge sind vor allem deswegen toll, weil sie dich an deine Vergangenheit erinnern, daran, dass du früher versucht hast, ganz still zu sitzen, trotz des Ratterns und Rumpelns, dass du dich gegen die Hinwerfungen und Herwerfungen gewehrt hast, erfolgreich, damals, gefühlsmäßig, aber jetzt bekommst du das irgendwie nicht mehr, hin, jetzt bist du wohl schon zu alt oder noch fauler geworden oder hast einfach höhere Ansprüche als damals oder hattest wiederum damals nicht genug Ahnung von deinem Körper gehabt, sodass du dir quasi nur eingebildet hast, vollkommen still zu sitzen, während die anderen sich in den Kurven neigen und auch sonst leicht hüpfen, vom Sessel in die Höhe und dann wieder zurück.

xvi

nach Süchten süchtig zu sein ist die schlimmste Sucht.