Distinktion

du bist nicht wie andere Menschen, aber nicht nur auf diese jeder-ist-einzigartig-, alle-sind-anders-Art.
dir fällt jedesmal aufs neue auf, dass mit der Rolltreppe etwas nicht stimmt. du siehst, dass plötzliche eine Klopapierrolle weniger da ist und schaust sofort nach, ob man sie noch komplett nass in den Müll geschmissen hat. du sagst „damals“ und meinst irgendeinen Augenblick nach deiner Geburt. du kannst nur bedingt multitasken, Musik hören und lesen geht nicht, Musik hören und schreiben schon, Musik hören und nichtstun am besten. du magst den Anblick von Blut unter deinen Fingernägeln. du isst einen Tag fast nichts und am nächsten eine ganze Packung Müsli, obwohl du keinen Hunger hast. du haarst unter der Dusche. du kannst auch bei Licht schlafen, wenn du in der Dunkelheit wach warst. du kannst auch neben einem Minenfeld schlafen ohne aufzuwachen, selbst wenn du nicht extrem müde bist. du putzt dir deine Zähne immer mit Leitungswasser, aus Prinzip, egal aus welchem, egal wie grauslich es schmeckt. manchmal kaust du eine Packung Kaugummi und isst einen Kübel Nüsse am selben Tag und wunderst dich dann, dass du Durchfall bekommst. dir ist es oft peinlich, Menschen anzusprechen, selten auch unfremde. du hast ein komplett falsches Bild von dir selbst. du beißt dir an einem Tag öfters hintereinander in dieselbe Wange, ohne es zu wollen und legst somit den Grundstein für eine neue Aphthenlandschaft, ohne es gleich zu wissen. du regst dich über eine gute Note auf (aber nur indirekt!), weil du findest, dass sie unverdient ist. du bist feig, aber Feigen schmecken dir nicht besonders. dir ist kein Getränk lieber als Wasser, nichtmal Butterscotch, naja, meistens. dir gefällt kein Wetter besser als Regen, außer wenn du gerade geduscht hast und aus dem Haus musst.

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das mit dem Apfel

du hast zu oft stumm geweint, zu oft versucht, keinen Laut aus deiner Kehle zu lassen, hattest Spaß daran, niemanden akustisch wissen zu lassen, wie es dir geht, dir gefiel dieses Zurückhalten, dieses Zurückdrängen, dieses Schweigen, das jedoch nie vollkommen gelang, aber du hast es versucht, immer wieder, gerne, mit Vergnügen, einfach deinen Mund zu öffnen ohne etwas daraus entweichen zu lassen, abgesehen vielleicht von stummer Luft, aber wahrscheinlich nichtmal das, manchmal hast du auch so hoch geschrien, dass es für das menschliche Ohr nicht mehr wahrnehmbar war, das war anstrengend, mit der Zeit sehr anstrengend, aber mindestens genauso befriedigend wie ’nur so tun, als ob‘, bis auf die Momente natürlich, in denen die Stimme fiel, auf hörbares Niveau herunterkrachte, geräuschvolle Ernüchterung.
jetzt würdest du es gerne umkehren, gerne schreien, soviel du willst, solange du kannst, aber das geht nicht, du darfst nicht, du kannst nicht, du traust dich nicht, was, wenn plötzlich jemand klopft und du hörst es wegen der Musik auf deinen Ohren nicht, was, wenn plötzlich jemand nach dem Klopfen eintritt, also nicht ganz so plötzlich für jemand, weil ja das Klopfen und wahrscheinlich auch ein besorgtes Nachfragen vorher kam, aber sehr plötzlich für dich, weil du es ja nicht gehört hast, nein, das Risiko kannst du nicht eingehen, das kannst du unmöglich riskieren, stumme Erniedrigung.
du wäscht dir zwei grüne Äpfel, zwei von sechs, Nummer drei und Nummer vier, mit kaltem Wasser am Waschbecken, du schaffst es, während du den ersten Apfel vorm Waschbecken isst, ihn in das Waschbecken hineintropfen lässt, kein einziges Mal in den Spiegel zu schauen, du erblickst dich nicht einmal in deinen Augenwinkeln, ein wahres Kunststück, du kannst wirklich stolz auf dich sein, wirklich stolz, ein echter Erfolg, das würden sicher nicht viele schaffen, keiner vor dir und nur wenige danach – der Tränenschwall versiegt, langsam aber sicher, der Rotz lässt sich immer leichter zurück in die Nase ziehen, der Apfel schrumpft, dein Ausblick bleibt gleich spärlich, heuchlerische Ironie.
beim zweiten Apfel hast du dich vom Waschbecken entfernt, zuerst nur ein wenig, kaum einen Schritt und leicht zur Seite, aber weit genug um dich nicht im Spiegel zu sehen, selbst wenn du dich jahrelang darin suchen würdest, stattdessen blickst du auf ein leeres, vollgemülltes Zimmer, und die Tränen entscheiden plötzlich, doch noch nicht Feierabend zu machen, noch eine Runde nachzulegen, weiterzufließen, ohne jeden ersichtlichen Grund, außer diesem plötzlichen, spiegelverkehrten Anblick des bekannten Zimmers, Zimmerteils, aber das ist kein Grund, das ist nichtmal ein Zehntelprozentpunkt eines Grundes, taumelnde Prinzessin.
also entfernst du dich vom Spiegel, weiter weg diesmal, weit weg vom Waschbecken, aus der Sichtweite raus, einfach nur raus, ganz weit weg, nur nicht mit dem Rücken dazu, nein, das funktioniert nicht, ganz schlecht, ganz ganz schlecht, nein, nicht mit dem Rücken zu dir selbst, unebenbürtiges Spiegelbild.
ein Ton will sich aus deinem Hals stehlen, schafft es auch, ganz kurz, den Bruchteil einer Sekunde, aber eine Sekunde wäre schon sehr lang, also beißt du dir in den Daumen, ganz fest, ganz ganz fest, als würdest du ihn abbeißen wollen, bis auf den Knochen, und den Knochen auch noch durch, und der Schmerz tut so gut, ist so erleichternd, dass du glücklich einatmest und natürlich sofort husten musst, weil sich ein kleines Apfelstückchen, vielleicht sogar nur ein winziger Teil der grünweißlichen Haut, auf die falsche Rutsche gelegt hat, den falschen Eingang genommen hat, oder Ausgang, oder einfach: weil es deinen Wunsch erhört hat, erfüllen will, alle zukünftigen Schreie gleich mit einem Schlag verhindern will, die Luftröhre zusperren damit du sicher bist, vor deiner eigenen Stimme; aber so schlimm ist es natürlich nicht, nichts, was ein bisschen husten nicht wieder gut machen könnte, alles gut, nur eine Schrecksekunde, wahrscheinlich nichtmal das, und die Zufriedenheit vom Daumenschmerz dauert immer noch an, das muss ausgenützt werden, du hast heute schon genug Wasser verloren, du willst nicht noch zwei Liter trinken müssen, nein, neuer Schmerz, ja, du kratzt dir die kleine Wunde auf deinem Handrücken auf, es ist die andere Hand, nicht die Daumenhand, aber das ist wahrscheinlich nur Zufall, du kratzt dir das kleine, winzige Loch auf, und weißt schon längst nicht mehr, wie es entstanden ist, Insektenstich oder Zigarettenasche oder Papierkratzer oder Holzsplitter, du weißt es nicht mehr, und es könnte dir nicht egaler sein, nichts in diesem Moment könnte dir egaler sein als alles, abgesehen von dem Gefühl, das dir diese Wunde verleiht, dieses wunderschöne Gefühl des stechenden Schmerzes, aber nein, das Wort Schmerz wird dem Gefühl nicht gerecht, nichts wird diesem Gefühl gerecht, es ist perfekt, einfach nur perfekt, also streichelst du dir den kleinen roten Kreis mit deinem Finger voller Apfelsaft und schleckst ihn mit deiner wahrscheinlich bereits grünen Zunge ab und zuckst kurz zusammen, lächelst vielleicht sogar, auf jeden Fall in dich hinein und weißt, dass dich ein Orgasmus nicht mehr beglücken könnte, kurzfristige Vollkommenheit.
als du endlich den Mut findest, in den Spiegel zu blicken, bist du enttäuscht, man könnte glauben, nichts wäre gewesen, deine Lippen sehen ein bisschen kleiner aus als sonst, aber das kann genauso gut an deiner Enttäuschung liegen, und vielleicht ist dein Gesicht im Großen und Ganzen ein wenig breiter geworden, aber aufgeschwollen würdest du nicht sagen, nein, so siehst du nicht aus, zumindest nicht deiner Meinung nach, die Haare sind selbstverständlich zerzaust und die Wimpern noch nicht ganz trocken, aber rot sind deine Wangen sonst auch oft genug, kein nennenswerter Unterschied also, geräuschlose Ernüchterung.

es ist nicht wie es scheint

du sagst du willst mich nie wieder sehen und wirfst mich aus der Wohnung, aber wunderst dich, warum ich mir ein neues Zuhause suche. du sagst ich bin der hässlichste Mensch, der dir je begegnet ist, aber wunderst dich, wenn ich eine der folgenden Optionen wähle: Schönheitschirurgie, Selbstmitleid, Suizid. du sagst du wirst mich mein ganzes Leben über begleiten, immer bei mir sein, und lachst mich aus, wenn ich in meinen Tränen ersticke nachdem du mich verlassen hast. du sagst du wirst mich nie wieder umarmen und verfluchst mich, nachdem ich dir eine Watsche oder einen Messerstich oder einen Kopfstoß gegeben habe, weil du es doch versucht hast. du backst mir eine Torte mit der Aufschrift „iss mich nicht“ und schüttelst den Kopf als du sie drei Monate später verschimmelt im Kühlschrank entdeckst. du sagst du hättest gern schwarze Wände mit neonfarbenen Mustern drauf, aber brüllst mich an, als ich mit den Töpfen und Pinseln auftauche. du glaubst du verstehst mich, aber bist regelmäßig erstaunt von mir. du hast die Frechheit mir zu sagen, dass ich es wert bin, während du innerlich die Augen verdrehst. du hast die Frechheit mich betrunken wegzuscheuchen, während du innerlich nach Hilfe rufst. du behauptest, du wirst dich ändern, obwohl du genau weißt, dass es eine Lüge ist. du erwürgst mich mit vor Glück glänzenden Augen. du brichst neben meiner Leiche in schallendes Gelächter aus. du wirfst Äpfel nach mir, obwohl du mir nur erlaubst, Birnen zu essen. du lässt mich verhungern und gönnst dir währenddessen ein Festmahl. du hungerst dich zu Tode und zwingst mich, dir dabei zuzusehen und Popcorn zu essen, wie im Kino. du sagst A, machst B, denkst C, fühlst D. dein Alphabet hat nicht genug Buchstaben. du hast die Frechheit zu sagen „das wusste ich nicht“ oder „das war doch klar“ oder „du darfst mich halt nicht so ernst nehmen“. irgendwann werde ich die Frechheit haben, zu weinen und gleichzeitig zu lachen; dir wehzutun, aber es zu genießen; dir eine Freude zu machen, jedoch innerlich zu kochen; dir vorzuwerfen, dass du die Topfpflanzen zu sehr gegossen hast, obwohl ich gesagt habe, sie brauchen viel Wasser.

Polsterschlacht

sagst du ja oder nein, vielleicht oder wahrscheinlich, machst du einen Schritt nach vorn oder einen Schritt zurück, es sind unbewusste Entscheidungen, aber trotzdem Entscheidungen, es ist eine dünne Linie die deine Zukunft besiegelt, die den Stempel auf das heiße Wachs auf dem kalten Briefumschlag drückt, es ist nur eine Frage der Sichtweise, selbstverständlich ist es auch Ansichtssache, aber nein, du bist natürlich kein homophob und homosexuell bist du auch nicht, Rassismus liegt dir fern und Rasieren ebenso und wer ist ein homosapiens?, ichnicht!, ichnicht!, du auch nicht, ganz bestimmt, ich kann das bestätigen, ich kann das bezeugen, ich bürge dafür, als Bürger dieser Stadt, als Städter dieses Landes, als Landschaft dieser Welt, mit meinem Leben, mit meinem ganzen Leben, oder etwa doch nur mit meinem halben, es wäre wohl besser, ich würde nur mit meinem halben Leben bürgen, mit dem Teil des Lebens, der schon hinter mir liegt, da kann niemand mehr was verpfuschen, weil das ja alles vergangen ist, ich bürge also mit meinem damaligen Leben, unbestimmbarer Anteil also, Lebensanteil, aber bürgen tue ich bestimmt, komme was wolle, oh, eine _, wie schön, wie interessant, wie gebildet, wie flauschig, wie farbenfroh, wie glänzend, wie hübsch, wie überzeugend, wie stark, wie aussagekräftig, wie _, hm, was sagen Sie, also wenn das so ist, nun gut, meine Damen und Herren, Laden und Sanftmäuse, also dann, räusperräusper, überlege ich mir das noch einmal, das mit dem bürgen, war womöglich doch keine so gute Idee, sehen Sie, man muss sich nur zwingen, zwingen Sie sich selbst, tricksen Sie sich aus mit allen Mitteln die Sie kennen, spannen Sie den Bogen, aber nicht zu weit, nicht zu hoch und nicht zu tief, wer weiß, was dann geschehen könnte, man kann sich ja vorstellen was dann passieren würde, wenn die Leute plötzlich anfangen würden zu denken, der Bogen wäre absichtlich so hoch oder so tief, oder wenn sie anfangen zu tratschen, dass es ja eine Frechheit, eine Feigheit ist, dass der Bogen ja genau nach vorne zeigt, nach vorne oder nach hinten, je nachdem wo die Reporter stehen, wobei dann wahrscheinlich eher nach hinten, weil welcher Reporter stellt sich schon freiwillig in die Schusslinie, wer will schon freiwillig angeschossen werden, wer zählt heutzutage schon darauf, dass der Bogen in der letzten Sekunde noch nach oben schnellt oder nach unten oder vielleicht doch nach hinten, äh, nach vorn, äh, in die andere Richtung halt, direkt auf den Kameramann zu, direkt in die Linse hinein.

Verzweif atmet Lungen

und diese Momente in denen du nicht weißt, worüber du schreiben kannst, in denen du schreiben willst, denken willst, sterben willst, vergessen willst, alle Verantwortung von dir schieben und nie wieder mit irgendjemandem reden und schon gar nicht mit dir selbst, denn du –

in der Ruhe liegt die Kraft und in der Ruhe liegt die Panik und Ruhe ist immer dort, wo sie nicht sein soll und nie da wenn man sie braucht –

du bist von einem Menschen mit zwölf Stunden Schlaf zu einem Menschen geworden, der die Stunden zählt, die er schlafen kann, wird, zu einem Menschen, der schwere Finger bekommen hat und Rückenschmerzen und unbemerkbare Panikattacken und der –

sie schloss die Augen und wollte weinen, aber es kamen keine Tränen; es kamen nur Tippgeräusche auf der Tastatur und sie wünschte sich, sie hätte die Kraft und die Wahl und die Ausdauer und die Fähigkeit, sich in den Tod zu schreiben, so lange zu schreiben bis sie stirbt und nicht aufzuhören, egal was passiert, erst recht, wenn nichts passiert; aber ihr würden die Ideen viel zu früh ausgehen, das wusste sie, und –

das schlimmste ist nicht, dass du nicht weinen kannst, das schlimmste ist, dass du in die Zukunft sehen kannst weil du die Vergangenheit nicht geändert hast –

wenn die Ausbesserfunktion erstmal da ist verwendet sie niemand, –

und das Schlimmste ist, du versuchst dir nichts anmerken zu lassen und bist genauso fröhlich wie immer, tust genauso fröhlich wie immer, und niemand merkt etwas, und niemand sollte etwas merken, aber es fällt dir trotzdem unangenehm auf weil was ist, wenn du es ernst meinen würdest, was wäre, wenn du dir wirklich gefährlich würdest, sie würden es nicht merken, wahrscheinlich würden sie es gar nicht merken, und das würdest du zwar wollen, wahrscheinlich, aber vielleicht auch nicht und tun würden sie jedenfalls nichts dagegen weil sie es ja nicht merken würden, etc. –

Namen sind falsch und meaningless und wiederholen sich zu oft oder zu selten als dass sie irgendeine tiefere Bedeutung entfalten könnten; –

wie viele Sätze musst du schreiben bis etwas Brauchbares dabei ist, wie viel virtuelles Papier musst du zerknüllen bis du weißt, dass dein Papierkorb voll ist, wie lange kannst du so weitermachen, ohne, dass es jemand merkt –

der Vorteil an Schreibmaschinen ist, dass man sich darauf nicht verklicken dann, der Nachteil, dass blind schreiben nicht funktioniert, zumindest nicht ewig, zumindest nicht, ohne ein gewisses Wissen über die Ersatzteile und den Papiernachschub, zumindest glaube ich das, aber was weiß ich schon, ich hab ja noch nie mit einer Schreibmaschine geschrieben, zumindest glaube ich das –

hast du jemals Stille gehört, absolute Stille, wundervolle Stille; hörst du sie jetzt; nein, natürlich nicht, sonst würdest du nicht lesen, sonst würdest du die Stimme in deinem Kopf nicht sprechen lassen, würdest sie dir nicht diesen Text vorlesen lassen, sondern würdest stattdessen lauschen, angestrengt und gedankenlos und endlos lauschen und nie wieder einen anderen Wusch verspüren wollen –

Hoffnung hat mich getötet; noch nicht ganz, aber ich bin nah dran; sie holt dich ein, egal was du glaubst, egal wer du bist, egal wo; zumindest war das bei mir so; Hoffnung ist mächtig, egal ob du damit einverstanden bist oder nicht; Hoffnung ist tödlich; wie eine Kopfmassage, tödlicher noch als Zweifel und diese kleinen roten Wellen vom Rechtschreibprogramm unter einem Wort, das du eigentlich für richtig gehalten hast, tödlicher als Sucht, denn Hoffnung ist die schlimmste Sucht von allen, keine andere steht dir 24/7 bei, keine andere ist so tödlich –

erst wollen die Tränen gar nicht kommen, dann gibt es eine kurze Chance, aber du hältst sie zurück, dann versuchst du es wieder, weil du glaubst, du kannst es schaffen, aber das stimmt nicht, dann kannst du ein, zwei Läckchen rauspressen, nicht mehr, so stellst du dir eine Geburt vor, es kommt nicht, es kommt nicht, die ganze Zeit nur Wehen, nur Erwartungen, leere Erwartungen bis zu dem Moment der Explosion –

bin ich der einzige Mensch, dem es auffällt, dass bei den meisten Rolltreppen die Hand- schneller als die Fußstütze ist und dass wenn man sich an einer Körperstelle mehr oder weniger grundlos oder auch grundvoll kratzt, es oft an einer anderen Körperstelle zu jucken oder rinnen anfängt, weit entfernt oder etwas näher, aber ohne sichtlichen Zusammenhang, und bin ich der einzige der sich fragt, warum das so ist und ob das so sein soll, oder ist das vielleicht nur bei mir, nur in meiner Wahrnehmung so und ist das deshalb die Erklärung dafür –

du tust dir weh obwohl du weißt, dass es nichts bringt, aber du weißt nicht, was du sonst tun solltest, weil du nicht viel anderes kennst, weil du weißt, dass du etwas tun musst, weil du weißt, dass du glaubst, dass du es verdient hast und weil du es vielleicht wirklich verdient hast, aber natürlich auch, weil du den Schmerz magst, weil du ihn kontrollieren kannst, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, niemand kann dir garantieren, dass morgen ein Stein auf deinen Fuß fällt und niemand könnte dir den Schmerz vorhersagen, den das verursachen würde, Kontrolle ist das Beste; –

du streifst dir über deine Pulsschlagadern und denkst dir „wenn das ein Film wäre würde er sich umbringen, oder alle würden denken, dass er sich gleich umbringen wird, also warum glaube ich nicht, dass ich mich gleich umbringen werde, warum werde ich mich nicht gleich umbringen“, bis auf den letzten Teil, den denkst du dir nicht, stattdessen denkst du „blutrote Lippen, blutige Lippen, rot vom eigenen Blut, vom Blut der Lippen, ich sollte blutige Lippen googeln“ und tust es dann aber doch nicht –

Nacht

in Embryostellung zusammengekauert, ganz klein zusammengekauert, den Kopf auf den Knien, hinter den Knien oder vor den Knien, je nachdem wie du es sehen willst, unter den Knien jedenfalls nicht, nicht am Kopf, am Rücken liegen, höchstens auf der Seite oder sitzen, mit krummem Rücken in einer Ecke sitzen, oder an einer Wand liegen, auf der Seite, auf dem Arm, vielleicht auch in einer Ecke liegen, mit dem Kopf an die Wand und den Füßen an die andere, so schräg, oder ganz eingequetscht, platzsparend, längs oder quer, das kommt auf die Raummaße an, mit dem Rücken an der einen Wand und den Zehenspitzen an der anderen
Regenbild, Fleischberg, eine Rille im Fuß, eine kleine, tiefe, rosa Rille, von weißer Haut umgeben, endet in einem roten Tropfen, kann nicht anders enden, kann nicht anders aufhören, weil das manische Gefühl erst nachgibt wenn es von Schmerz abgelöst wird, nie früher, nie später, bis jetzt noch nicht später, ein Loch vielleicht auch, gleich daneben oder auf der anderen Sohle, ein kleines rotes Loch, Löchlein, füllt sich langsam mit Farbe, erinnert an die eine Taste auf der Tastatur die sich löchrig anfühlt weil sie kein Geräusch macht beim draufdrücken, weil sie schon halb kaputt ist oder weil irgendwas dazwischenkam, Hautfetzchen, Essensrestchen, Wasserschwällchen, oder weil sie einfach ausgeleiert ist und dann kommt es auf einmal zurück, ganz plötzlich, wie ein Schlag, Donnerschlag, Schlagstock, erschlägt dich und mich und uns alle, das Schriftbild, das Bild der Schrift auf dem Bett und in dem Bett und unter dem Bett, obwohl es dort niemand sieht, oder vielleicht gerade weil die Worte dort unsichtbar bleiben, vom Schatten versteckt, zeitweise oder für immer, je nachdem wo das Bett steht und von wo die Sonne kommt, je nachdem ob das Bett überhaupt ein Loch unten hat, oder ob man vielleicht garnicht drunterkriechen könnte, sich gar nicht unter dem Bett verstecken könnte, es sei denn man wäre eine Ameise oder eine Zecke oder ein ganz dünner Regenwurm, aber dann würde man sich bestimmt nicht unter dem Bett verstecken müssen, nein, wozu denn auch, unter dem Bett verstecken sich doch nur Kinder die Verstecken spielen oder Menschen die sich verstecken müssen, im Fernsehen, vor der Polizei oder vor einem Mörder oder vor einem Serienmörder oder vor den Buchstaben auf dem Bett, vor den Worten am Polster, vor den Sätzen auf der Matratze, vor den Büchern auf den Leintüchern und Bettüberzügen und vor den Bitten und Fragen auf den Pfosten, vorausgesetzt das Bett hat Pfosten und ist nicht ein unversteckbares Bett, ein Bett, unter dem man sich nicht verstecken kann, denn unter der Decke verstecken zählt nicht, hätte keinen Sinn, da stehen ja überall Antworten und Rätsel und Weisheiten und Sprichwörter und wer genau hinsieht und gut sucht findet vielleicht sogar auch ein weises Sprichwort obwohl die Betten derjenigen, die damit prahlen, sie vollgeschrieben zu haben, natürlich blitzblank weiß und frisch gewaschen sind und nichtmal gemustert und nichtmal ein Haar oder Härchen oder gar eine Hautschuppe aufweisen können, jaja

Die Zeit ist so verweht –– Hilfe, daß die Sonne so rot untergeht hinter meinen Bergen, und Augen, und Ohren .. bis wir alle endlich unser Ziel erreicht haben werden, nämlich Meister des Vergessens geworden sind und allesamt Meister der Erinnerungslosigkeit geworden sind und jenen endgültigsten aller endgültigen Zustände erreicht haben werden also den endgültigsten Grad unseres endgültigsten Verfalles .. (Wolken aus Zuckerstaub, verstehe wer kann).“
dieselben Worte für dieselben Dinge oder andere Worte, aber dieselbe Bedeutung und das gleiche meinen, aber es anders ausdrücken oder wie war das noch einmal?

die

ob da etwas zwischen Schuh und Socken oder zwischen Socken und Fuß ist und ob heute Feiertag ist, aber nein, mitten unterm Jahr gibt es keine Feiertage, die Hälfte der Geschäfte hat ja offen, es kann ja nicht Feiertag sein und das wundervolle Kribbeln im linken Ballen soll nicht aufhören, vergeht aber doch, und jede neuerliche Lektüre bringt neuerliche Erfahrungen mit sich und lässt neue Verleser entstehen und gebiert neue Assoziationen, nimm alles buchstäblich, wörtlich, wortwörtlich und literarisiert, und jeder exzerpiert auf seine Art, nur sie kann auf ihre Art schreiben, nur sie ist Sprache, völlig Sprache, nichts als Sprache, ein Sprachstrom und ein Wortfluss und ein Silbenmeer zugleich und außerdem noch Sätzefinderin und Phrasengenie und Schreibnatur und Wörter-finderin und Wört-erfinderin und Buchscheißerin und Bibliothekshüterin und Schreiberin, der Inbegriff der Schreiberin, nämlich Ausdruckshorterin und Exzerptesammlerin und Tintenliebkoserin und Textgöttin,
rund ist aber nicht nur der Buchstabe U sondern auch der Mund der ihn spricht, […] aber vielleicht ist das Foto nur so abgeschabt und abgewetzt also abgekratzt : […] erinnert ein wenig an Jugendbildnisse meines Vaters, sage ich, […] die Augendeckel, […] das will ich dann auch gleich geschnitten, […] das ist ein starker Standpunkt. Nämlich wie Kleist beim Anblick eines Bildes von Caspar David Friedrich (»Mönch am Meer«) gesagt haben soll : []“

durch

der Zwang zum Verlesen ist gegeben, nicht wegen der Tagesverfassung, der Uhrzeit, dem Müdigkeitsgrad oder dem Mageninhalt, sondern schon allein wegen der Tatsache, dass es ihr Text ist, der gelesen wird, verlesen wird, der ja bekanntlich auch zum Teil aus Verlesern entstanden ist, besteht, also muss es so weitergehen, als wäre es ein Kreislauf, was natürlich unmöglich ist, ein nieendender Kreislauf, schön rund und läufig und so wird die Schlampe aus der Stehlampe, der Hautrücken aus dem Handrücken, das Naschschmecken aus dem Nachschmecken, siechenden aus sichernden und kannst du mir flogen etc.,
tatsächlich bin ich kaum mehr imstande, Fremden, ja vertrautesten Menschen ohne Scheu und Befangenheit, ohne Gefühle oder Unterlegenheit, Unsicherheit und Furcht zu begegnen, alles ist schwierig geworden, alles ist undurchschraubbar geworden, alles hat an Wirkung eingebüßt, ich bin kaum mehr Herr meiner selbst, ein dauerndes Danebengehen, ein dauerndes teilnahmsloses neben sich selbst Stehen, sich selbst Zucker, zuckern, sich selbst Verdammen haben mir das Leben zur Qual, zum Wal gemacht, eine den ganzen Himmel überziehende plötzliche Dunkelheit, ich bin auch nicht sicher am Trauben“

Reise

sie ist meine Perfektion, sie ist die Perfektion, sie ist das perfekte Ich, sie rührt mich zu Tränen, sie rührt mich zu Blut, und Milch, und sie nimmt alles vorweg, nimmt mir alles weg, Assoziationsketten und Konjunktionen und Ideen und alles, sie ist perfekt und extrem, sie ist das Extrem, aber sie ist gefangen, sie ist wahrscheinlich nicht real sondern einfach nur gefangen, in den Buchstaben und Worten und Sätzen und Büchern gefangen, und niemand kann sie befreien, sogar ich nicht, ihr Seelenkind, Anmaßung, niemand kann sie befreien, auch ich, erst recht ich nicht, niemand soll sie befreien, darf sie befreien, ich bin nur eine Vorstufe, obwohl ich danach komme, eine lächerliche, kleine Vorstufe, was für die Verrücktheit der Zeit spricht, für die ver-, also wegge-rückte Zeit, sie nimmt mir alles, die Punktlosigkeit und das du und die Sprünge, sie nimmt mir alles und fügt noch mehr hinzu, viel mehr als ich je fassen könnte, als ich je schreiben könnte, als ich mir je merken könnte, und egal wie sehr ich mich strecke ich werde sie nicht erreichen, und egal was ich als Lesezeichen für sie verwende, es wäre nie passend, immer unpassend, entweder overdressed, wie ein ausgedrucktes Foto von ihr oder eine kopierte Seite aus einem ihrer Bücher, oder underdressed, wie eine leere Packung Kaugummi oder ein Eselsohr oder ein Gratis-Lesezeichen, und egal wie schnell ich lese, ich kann es nicht schaffen, und egal wie langsam ich bin, ich werde immer etwas überlesen und egal wie oft ich mir ihre Stimme vorstelle, denke, hoffe, daran glaube, dass sie mir vorliest, aus meinem Kopf, aus meinen Augen blickt und durch meinen Mund spricht, den ich nicht bewege, es wird nie so sein, und jede Inspiration die von ihr ausgeht ist mächtiger als alle anderen Inspirationen, sie ist wie ein Sog, ein Strudel, ein Tornado ohne Auge, der nichts so lässt, wie es war, alles aufwirbelt und die Finger wirbeln lässt, oder tanzen lässt, fliegen lässt über das echte oder fiktive Papier, über die echte oder gedankliche Tastatur, und zusammengekauert in einer dunklen Ecke mit ihrem Buch und daran denkend dass es ja gar nicht so kommen hätte müssen und unendlich dankbar dafür sein, dass es damals so gekommen war, dass es dazu gekommen war, dass alles angefangen hatte und wünschend, dass es nie wieder aufhören möge,
„Aber vielleicht sollte ich jetzt immer mit Handschuhen zu Bett gehen damit ich mich nicht blutig kratze im Schlaf, während ich schlafe, rufe ich, eingenäht in mein Märchenei oder jenseits der Straße die schnell wechselnden Assoziationen wie Hirschtiere über die Schneise, ich habe nicht immer so abstinent gelebt wie jetzt, aber eine gewisse Neigung dazu habe ich immer in mir verspürt, ich kratze mich blutig, kratze mich diese Nacht wieder blutig, stelle mir alles mögliche vor es zu vermeiden, ich stelle mir gerne etwas vor […]“

Teige

die Zeit scheint gerade zu verlaufen, objektiv immer gleich schnell und gleich langsam und gleichmäßig, messbar, verlässlich wie der klassische Typus des „Strebers“ oder der der „Streberin“, nie krank, immer vorbereitet, immer auf alles gefasst, immer vorwärts schreitend, nie zurück, ein Hut, ein Stock, ein Re-gen-schirm, und vorwärts, vorwärts, vorwärts, vor, und eins, und zwei, und drei, und vier, und zählbar selbstverständlich auch, messbar und zählbar und sehr verlässlich, zu verlässlich vielleicht, weil die Verlässlichkeit, die Regelmäßigkeit (ja, regelmäßig!) ja geradezu die Subjektivität herausfordert, anstachelt zur Sinnlosigkeit, zu eigenen, unobjektiven Wahrnehmungen, zu déjà-vus und anderen Chronologiebrüchen, zu subjektiven Stillständen wie beim Schlafen, zu noch subjektiveren Stillständen wie in diesen Momenten kurz vor dem Niesen, das die Nase nicht ermöglicht, aber so sehr ermöglichen will, zu Zeitdehnungen aus Langeweile und Wunschdenken und Angst, zu träumerisch-vorgriffigen, übergriffigen und unbegreiflichen Phantasien, Wunschdenkereien und Phrophezeiungen
und wenn niemand hinsieht, wenn es niemand merkt und vor allem weil es nie jemand merken würde, macht sich die Zeit einen Spaß daraus, sich diese verrückte, sinnlose, unnötige, nichtsnutzige Subjektivität anzueignen, sie pausiert, stoppt, rewinded, pflanzt Gedanken in Gehirne ein wie zum Beispiel: Menschen die ihren Skype-Namen nach einem Jahr bereuen sollten sich nicht für morgen einen Termin im Tatoo-Studio ausmachen und: Souvenirs sind nur was wert wenn niemand weiß, dass es welche sind und: alles was gratis ist, ist gut und muss ausgenutzt werden und: wie könnte ich mich am besten umbringen und: wie könnte ich jemanden am besten davon abhalten, sich umzubringen und: wie könnte ich mein Bett am schnellsten zu Fall bringen ohne selbst mitzufallen oder vielleicht doch auch und würde ich dabei verletzt werden oder einfach nur einschlafen und dann stehst du auf der Straße und wunderst dich woher diese Gedanken kommen, aus dem Nichts natürlich, denn niemand spaziert einfach so auf der Straße und denkt sich: der Himmel ist schwarz, obwohl er doch gerade so blau aussieht, oder grau und wolkenverhangen, oder gar nicht vorhanden im Sichtfeld ist und niemand sieht 15:57 auf dem Wecker stehen, denkt sich, gut, eh erst drei, steht auf, und wundert sich ein paar Minuten später, dass es ja bereits vier am Nachmittag ist, niemand wird aufgeweckt von Ängsten wie: habe ich meine Augen geschlossen oder könnte mir jemand im Schlaf die Sehkraft nehmen, jeder zuckt kurz vorm einschlafen oft plötzlich zusammen, aber niemand denkt dabei an Dinge wie: Diäten oder: selbstgebackene Torten oder: den Weltfrieden, normalerweise nicht, heißt: nicht, nie, vorausgesetzt, die Zeit verläuft chronologisch und regelmäßig und messbar und geradeaus, nicht rückwärts, seitwärts, stopp und verwirrt alles, was ihr in die Quere kommt.