Hoffnung ist scheiße! oder über dein Lebensmotto

du wusstest, dass du die Prüfung nicht bestehen würdest. spätestens als du die Fragen vor dir gesehen hast, war es dir klar. zwei von fünf konntest du beantworten, irgendwie. also schon richtig beantworten (glaubst du zumindest, du hast es bis jetzt nicht überprüft), aber ausführlich hast du nicht geantwortet. konntest du nicht oder wolltest du nicht, wahrscheinlich beides. und die dritte Frage, bei der nur ein Name verlangt war, konntest du wirklich nicht beantworten. das hast du danach sogar überprüft, um sicher zu gehen, dass du den Namen nicht gewusst hattest. H.S. du hättest ihn nicht gewusst. du hast aber gewusst, dass du nicht durchkommen würdest, dass zwei von fünf Fragen nicht reichen, nicht reichen können. dass sich das unmöglich ausgehen kann, dass du die Prüfung wiederholen wirst müssen – trotzdem hast du gehofft. dass vielleicht die anderen auch nicht so viel mehr wussten und deshalb die Gesamtbenotung kulanter ausfallen würde. dass du, obwohl dir H.S. nicht eingefallen war, vielleicht trotzdem einen halben Punkt dafür bekommen könntest, dass du wusstest wer es nicht war (nämlich C. D., was naheliegend gewesen wäre). dass sich eine Vier ausgeht. dass du nicht nochmal lernen müsstest, länger diesmal, genauer, ausführlicher. dass es schon kein Fetzen sein wird.

als du dann die Note gesehen hast, warst du enttäuscht. du hattest ja gehofft, dass es sich ausgeht. du hast gehofft, dass es sich ausgeht, hast daran geglaubt, dass es sich ausgeht und warst dann überrascht und enttäuscht als du den Fünfer gesehen hast.

hättest du deinem Lebensmotto gemäß gelebt und es geschafft, nicht zu hoffen, wärst du nicht enttäuscht gewesen. es wäre dir gar nicht aufgefallen. du hättest den Fünfer gesehen, mit den Schultern gezuckt und wärst zu dem zurückgegangen, was du gerade unterbrochen hattest. du hättest nicht sekundenlang traurig auf den Bildschirm gestarrt, wärst nicht traurig und wütend auf dich selbst gewesen, nein, du hättest damit gerechnet und demnach nicht länger darüber nachgedacht.

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ein Fehler namens Eszeha

sie ist weg und du kannst nichts tun, um sie zurück zu holen.
sie ist weg und du weißt nicht einmal mehr, wann du sie zuletzt gesehen hast. bei dem Gedanken daran bekommst du eine Gänsehaut.
sie ist weg und trotzdem kannst du nicht weinen, du bist wohl noch zu geschockt.
sie ist weg und plötzlich wird dir klar, was das bedeutet:
du wirst sie nie wieder sehen können, nie wieder spüren. nie wieder bewundern und nie wieder wissen, wo sie sich gerade befindet. nie wieder dieses Glücksgefühl empfinden wenn du sie am erwarteten Ort gefunden hast. dir wird beim Gedanken an sie das Atmen immer schwerer fallen. irgendwann wirst du dich fast gar nicht mehr an sie erinnern können, daran, wie es war. du wirst nur noch wissen, wie es hätte sein können, wenn du sie nicht verloren hättest. irgendwann wirst du vielleicht an nichts anderes mehr denken können, wirst tausende Szenen unzählige Male in deinem Kopf wiederholen – da hattest du sie noch, da auch, da plötzlich nicht mehr. was war dazwischen? wie lange ist es her? warum hast du nicht besser auf sie aufgepasst? wie konntest du sie nur so im Stich lassen?

du würdest versprechen, dass du sie keinen Tag mehr aus den Augen lassen würdest, wenn du nur wüsstest, wem. du würdest sie küssen, wenn sie jetzt bei dir sein könnte, ganz egal, wie kalt sie wäre. die Tränen in deinen Augen würden sich in ihr spiegeln, wenn sie nur nah genug wäre.

und als du sie plötzlich wieder gefunden hast (wobei „du“ hier durchaus euphemistisch ist), ist dein erster Gedanke nach der anfänglichen, unglaublich großen Erleichterung: „ach, ich habe es ja nicht versprochen, ich wusste ja nicht, wem. ich muss mich nicht jeden Tag ihres Daseins vergewissern, ich werde sie schon nicht noch einmal verlieren, das wäre ein zu großer Zufall.“

der Versuch eines Märchens

es war einmal eine pseudomutige Frage. sie wollte, wollte nicht, wollte natürlich irgendwie schon, war andererseits doch feig, sprang dann aber schließlich aus deinem Mund. sie sprang und flog und erreichte ihr Ziel und schwebte fortan in der Luft, in deiner Luft, immer in deiner Nähe, immer vor dir her und um dich herum.
anfangs hast du dich noch etwas für sie geschämt. dann hast du sie fast vergessen. jetzt bereust du sie, willst sie einfangen, zurücknehmen, einsperren, ungeschehen machen. du weißt aber nicht, wie. du weißt nicht wie du deine Frage auflösen könntest.
du willst sie nicht töten, denn das hat sie nicht verdient. was kann sie denn dafür, dass du ihr erlaubt hast, aus deinem Mund zu sausen? du willst ihr auch keine andere pseudomutige Frage hinterherschicken – du hast schon zu viele Situationen erlebt, die dich eines besseren belehrt haben. du würdest sie gerne einsperren, dort, wo du nie hinkommst – aber dann müsstest du sie regelmäßig besuchen (und könntest sie also erst recht nicht vergessen), sonst würde sie ja sterben.

nach langen Überlegungen hast du eine Lösung gefunden, eine mittelfristige (doch wie du dich kennst, wird sie langfristig bestehen müssen): du wirst versuchen, deine Frage zu überreden, nicht mehr vor und um, sonder nur noch in deinem Hinterkopf zu kreisen. schlägt sie eine angemessene Bestechung vor, wirst du diese akzeptieren (was sie am meisten begehrt kannst du ihr jedoch nicht mehr anbieten).
und wenn du nicht gestorben bist, dann lebt ihr noch heute.

Möglichkeitenmanipulation

Ich hätte nicht anfangen sollen, aber       – .
Du hättest nicht darauf eingehen sollen, aber       .

Ich hätte nicht insistieren, sollen, aber         .
Du hättest das Gespräch abbrechen sollen, aber  ?

Ich hätte danach auf einer persönlichen Unterredung bestehen sollen, aber        …
Du hättest Dich melden sollen, aber      .

Ich hätte Dir sagen sollen, dass Mich Deine Worte irgendwie gekränkt haben, aber         .
Du hättest sagen sollen, dass Du das nicht so gemeint hast, aber       !

Ich hätte Dir zeigen sollen, dass Mir noch was an unserer Freundschaft liegt, aber     ?
Du hättest Mir zeigen sollen, dass Dir noch was an unserer Freundschaft liegt, aber     ?

Ich hätte mich von Dir verabschieden sollen.

Aber.

deine eineinhalbte Haut

du willst eine zweite Haut. also genau genommen keine zweite, sondern eine eineinhalbte. denn so verschieden soll, darf sie nicht sein: du brauchst eine zweite Haut, keine zweite Identität. und da sie nicht so verschieden von deiner ersten sein soll, eigentlich fast gar nicht, deshalb könntest du sie auch nicht einfach zweite Haut nennen, deshalb ist es nur eine halbe, auch weil sie nicht existiert und leider nie existieren wird. natürlich würdest du deine halbe Haut mehr verletzen als du das mit deiner jetzigen, einzigen tust. du würdest Dinge ausprobieren, die dir nie ernsthaft in den Sinn kamen, da du ja nur eine Haut hast, auf die du schließlich auch irgendwie etwas aufpassen solltest, die du beschützen musst vor dir selbst. mit deiner anderen Haut wärst du nicht so zimperlich, du würdest sie ritzen, beißen, bemalen, ausreißen. am idealsten wäre natürlich, wenn sie überhaupt nicht schmerzempfindlich wäre oder nur ganz wenig. dann könntest du dir wirklich alles erlauben, würdest deine wenigen bloßen Muskeln inspizieren und das Blut genüsslich und schmerzfrei mit deinen nur aus Blut bestehenden Lippen aufsaugen. aber du bist nicht ganz so anspruchsvoll und wärst auch vollkommen zufrieden, wenn deine halbe Haut Schmerzen genauso wie deine ganze empfindet. vorausgesetzt natürlich, die Schmerzen halten nur an, solange du die halbe Haut anhast. (ganz so anspruchslos bist du dann doch wieder nicht.) bis auf die Muskeln hinab würdest du es dann vermutlich nicht schaffen, aber das spielt keine Rolle. stattdessen könntest du tausende Narben gleichzeitig immer wieder aufkratzen. deine Finger und deine Lippen wären ein einziges rotes Meer. vielleicht würdest du auch damit beginnen, deine Haare auszureißen. ritzen wäre sicherlich eine Option, vielleicht ist das ja was für dein eineinhalb Häute habendes Ich. das einzige, von dem du deine ständig blutenden Finger lassen würdest, wären wahrscheinlich deine Augen und deine Genitalen. es kann aber auch gut sein, dass du dich irrst, wie lange machst du dir schließlich schon vor, dich tatsächlich, genau, zu hundert Prozent, aber wirklich, zu kennen? wer würde dafür garantieren, dass du nicht sofort auf deine Lider losgehst? Wimpern zupfen statt Augenbrauen könnte spannend werden. oder dir ein richtig großes Stück Zunge oder Wange abbeißen. wie viele Aphthen kann ein Mensch gleichzeitig im Mund haben? wie viel selbstverursachten Schmerz auf einmal ertragen? ohne Frage müsste deine halbe, neue, beliebtere Haut die Eigenschaft besitzen, alle Schmerzen (und vielleicht sogar gewisse Wunden, wenn du es willst) zu heilen, zu vergessen, sobald du sie ablegst und in die langweiligere, schönere, eifersüchtigere Version schlüpfst. sonst wäre der Spaß ja nicht einmal halb so groß. (Konsequenzen findest du generell oft überbewertet.) außerdem müsste genau so selbstverständlich sein, dass du beide Häute jederzeit mit dir trägst und so immer und überall auswechseln kannst. mit dem Problem, wie deine Mitmenschen reagieren würden, wenn sie dich in einer Sekunde in tadellosem Zustand und nach dem nächsten Lidschlag vollkommen verstümmelt erblicken würden, müsstest du dich erst näher befassen.

Jahresrückblick im Jänner

was war deine erste Lüge heuer? (wahrscheinlich fällt es dir schwerer, diese Frage zu beantworten als: „was war deine allererste Lüge?“)

wann hast du das erste Mal ein Buch nicht in der Bibliothek gefunden und danach dein erstes, halbwegs erfolgreiches Frustshopping (wenn auch nur virtuell) veranstaltet?
wann hast du das erste Mal in deinem Leben einen ganzen Weg lang wirklich nur (das heißt ausschließlich) nach unten und nicht einmal geradeaus geblickt?
wann hast du das erste Mal am Bahnsteig nach Sitzplätzen gesucht während du auf die U-Bahn gewartet hast, von dir selbst enttäuscht, weil dir sonst stehen bleiben doch immer Spaß gemacht hat?
wann hast du das erste Mal auf der Straße auf den Boden gespuckt, obwohl du eigentlich viel lieber getrunken hättest?
wann hast du dich zum ersten Mal bewusst deiner Autodestruktion gewidmet?
wann hast du zuletzt auf deinen sprachlichen Ausdruck geachtet und in diesem Zusammenhang an Psychopathia Sexualis von K.-E. denken müssen?
wann hast du das erste Mal das natürliche Rot deiner Lippen für schön befunden und daher beschlossen, sie öfters bluten zu lassen?
wann war es, als du das erste Mal die Hand vor deinen Mund gehalten hast, um zu versuchen, die Luft daran zu hindern, den inzwischen viel zu wenigen Hautschichten deiner Lippen Schmerzen zuzufügen?
wann hast du dir zuletzt geschworen, nicht jedem alles zu erzählen? wann ist es dir dann tatsächlich erst gelungen? (nie?)
wann bist du dir je hintergangen vorgekommen, als du herausgefunden hast, dass dein Körper sich selbst zerstört, ohne, dass du es eigentlich willst und ohne, dass du ihn dazu veranlasst hast? (ist hintergangen überhaupt der richtige Ausdruck?)
wann hast du zuletzt davon geträumt, dir alle Haare ausreißen zu wollen und wann hattest du den letzten Traum, bei dem du keinen Bezug zu deinem vortägigen Leben feststellen konntest?

wann hast du dich erinnert an das, was du längst vergessen geglaubt hast und an das, was du einige Minuten zuvor vergessen hattest und an das, was du immer vergessen wolltest aber nie konntest, und an das, wovon du gar nicht wusstest, dass du es vergessen hattest und wann hast du dich das letzte Mal daran erinnert, wann deine Freunde jeweils Geburtstag haben, auf die Uhrzeit genau.
weißt du überhaupt, in welchem Zimmer (nicht in welchem Haus, nicht in welcher Straße, nicht in welcher Stadt, nicht in welchem Land, sondern: in welchem Zimmer) du geboren wurdest? oder deine Geschwister? oder deine Eltern? oder dein erstes Haustier?
wann hast du deine erste Unterschrift (Überschrift) gefälscht, wann hast du deine erste eigene Unterschrift (Überschrift) gehabt? wann wusstest du, dass du ein Logo brauchst, wie lange hast du gebraucht, um es zu entwerfen?
was waren deine ersten Sätze jeden Tag? wie definierst du Tag?
auf welches Passwort bist du am stolzesten und warum musstest du gerade dieses ändern? welches Wort welchen Satzes welchen letzten Tages bildet dein Facebook-Passwort? (warum machst du dir Gedanken über dein Facebook-Passwort, obwohl du gar nicht auf Facebook bist?)

wie oft wolltest du alles beenden und hast geweint, aber nicht deswegen, sondern weil du wusstest, dass du dafür immer zu feig bleiben würdest?

wann bist du nicht aufgestanden und stattdessen eingeschlafen?

warum bereust du so wenig, aber zerbrichst dir über so vieles den Kopf?

warum weißt du nie, wann es Zeit ist, aufzuhören?

warum freut dich ein roter Fleck auf deiner Haut viel mehr als er sollte?

warum hat „nächstes Mal schiebe ich nicht alles bis zum Schluss auf“ noch nie funktioniert, bei keinem Menschen, und was sagt das über die Menschen aus?

seit wann stellst du dir Fragen, die mit warum beginnen?