Blut

es ist deine Lieblingskörperflüssigkeit. (denn du weigerst dich, Wasser als solche zu bezeichnen.)
es ist dir die liebste rote Flüssigkeit.
es ist dir die liebste dickflüssige Flüssigkeit. du liebst aber auch die dünnflüssigeren Tropfen und Tröpfchen, die noch hellrot sind.
es ist nicht dein Lieblingswort, aber deine Lieblingsbedeutung.

ein buntes Band. mehr Schmerz als nötig. (aber nicht genug, um dir etwas anmerken zu lassen.) weniger Desinfektionsmittel als sonst. eine rote Hand, eine weiße Hand. (vielleicht verstärkt das starke Licht den Effekt.) ein einziges Fläschchen nur.
es lässt auf sich warten.

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gefühllos

zuerst eine Einleitung, klassisch, wie du’s in der Schule gelernt hast. (oder dann eben doch wieder nicht.) um gleich zu Beginn für alle klarzustellen, worum es eigentlich geht: (um deine Gedanken zu ordnen, natürlich, um sicherzustellen, dass du keinen wichtigen Punkt vergisst:) es geht also um Gefühle. (genauer: um Worte, die mit „gefühl“ enden.) Zeitgefühl (weil du das nicht hast), Mitgefühl (weil du das zumindest teilweise besitzt), Fingerspitzengefühl (weil das – zumindest deine Definition davon – deine Spezialität ist). in genau dieser Reihenfolge, weil das Beste immer zum Schluss kommen sollte. (und das Beste in diesem Fall selbstverständlich das ist, was du kannst und nicht das, was du nicht kannst.) aus demselben Grund würdest du auch in einem Restaurant nie die Nachspeise zuerst bestellen. (etwas völlig anderes wäre es jedoch, ausschließlich ein oder mehrere Dessert(s) zu bestellen.) nicht, weil dir das zu unkonventionell wäre. (im Gegenteil: du hast ein Faible für Unkonventionalität.) sondern einfach, weil du dich dann nicht mehr darauf freuen könntest.

irgendwann hat sie dir einmal den Floh namens Zeitgefühl in den Kopf gesetzt. (ob es einer der ersten Flöhe war, weißt du nicht mehr, die Vermutung liegt deswegen natürlich nahe.) sie hat dir erzählt, dass sie am Strand oft stundenlang gelegen ist, ohne auf die Uhr zu schauen. (die Uhr war in der Tasche vergraben.) und dass sie dann, nach einiger, unbestimmter, längerer Zeit, diese jedoch auf eine Viertelstunde genau bestimmen konnte. das hat dich damals schon sehr beeindruckt, aber dir selbst ist es nie wirklich gelungen. (bis auf ein, zwei Mal vielleicht, aber das zählt ja nicht, das fällt unter die Kategorie „Zufall“. vielleicht auch unter die Kategorie „Wahrscheinlichkeit“, aber um das mit Bestimmtheit sagen zu können, hättest du damals im Mathe-Unterricht besser aufpassen müssen.) egal ob du auf den Sand, die Wellen, das Blau des Himmels, das Rot der Dächer oder die grauen Pflastersteine geblickt hast – immer lagst du daneben, viel zu sehr daneben. (du willst dir nicht die Blöße geben und hier Beispiele anführen. aber selbst wenn du das wollen würdest, könntest du es nicht, da du die meisten, die köstlichsten von ihnen bereits verdrängt, ähm, vergessen hast.)

mit dem Mitgefühl ist das so eine Sache. du hast es, du hast es nicht … „es ist kompliziert“ wäre wohl euer Facebook-Beziehungsstatus. denn meistens weißt du ja, wie andere Menschen sich fühlen, was sie ungefähr denken, von welchen Emotionen (hier wären wir also schon bei Gefühlen im Sinn von Gefühlen) sie gerade bewegt werden. das ist auch nicht weiter schwer, nicht allzu schwer zumindest. Mimik und Gestik sind da eine große Hilfe. oder die momentanen Gesprächsthemen, wenn du ein Poker Face mal nicht durchschauen kannst. (auf den komplexeren Fall, in dem Gefühlswahrnehmung und Gefühlszurschaustellung desselben Menschen nicht zusammen passen, willst du hier lieber nicht eingehen.) dann kämen wir aber gleich zum zweiten Schritt, der Spiegelung. und da hapert es oft ziemlich. hier kannst du dich nur damit brüsten, auf einem Begräbnis noch nie einen ernst gemeinten (keinen verrückten, keinen unkontrollierten, sondern einen ehrlichen) Lachanfall bekommen zu haben. gut, du hast auch noch nie während eines lustigen Films oder dergleichen Trauertränen geweint. (nicht zu verwechseln – vor allem nicht in diesem Fall! – mit den kleinen Tränchen, die dir manchmal beim Lachen aus den Augenwinkeln rollen und es aufgrund ihrer Größe – also: Kleinheit – nicht einmal bis zu deinem Kinn schaffen, weil sie vorher verdunsten oder einfach von deiner Wangenhaut aufgesaugt werden.) aber näher willst du dich in diese Materie lieber nicht vertiefen – immerhin hast du ja bereits begonnen, die Blöße auszusperren.

typisch für dich ist immer noch das Fingerspitzengefühl. (und wird es hoffentlich ewig bleiben.) selbstverständlich nicht in der Duden-Definition („Feingefühl; Einfühlungsgabe im Umgang mit Menschen und Dingen“), die wäre ja fast mit dem Mitgefühl gleichzusetzen. nein, dein Fingerspitzengefühl könnte eigentlich auch nur Fingergefühl oder Spitzengefühl (im Sinne von Spitze, nicht spitze) genannt werden. Fingerspitzengefühl präferierst du deshalb, weil es das längste der drei Worte ist (und du hast auch ein Faible für lange Worte) und weil es so viele Aspekte in sich vereint: Finger, Fingerspitze, Spitze, Gefühl. Spitzengefühl (diesmal im Sinne von spitze, nicht Spitze) könntest du eigentlich auch noch hinzufügen. denn immer wenn dein Fingerspitzengefühl zum Einsatz kommt, fühlst du dich großartig. frei. (infolgedessen klischeehaft.) spitze. (infolgedessen genervt von diesem Wortspiel.) und so weiter.

eine Einleitung verlangt natürlich auch nach einem Schlussabsatz. der Symmetrie wegen, der optischen, formalen, theoretischen Symmetrie wegen, denn Symmetrie ist dir wichtig. (wichtiger als exakte Symmetrie, wichtiger als ein aussagekräftiger Schlusssatz.)

fiktive Trauerrede für M. G.

wir haben uns heute hier versammelt, um uns von unserem Freund und Kollegen M. G. zu verabschieden. viel zu früh ist er von uns gegangen, viel zu kurz war die Zeit, die wir mit ihm verbringen durften, umso größer ist nun der Schmerz, den wir alle empfinden. {i weiß grad ned ob i lachen oder Angst vor mir haben soll. hm. *Dory voice* einfach schreiben, einfach schreiben, einfach schreiben, schreiben, schreiben.}

er war großzügig und verständnisvoll, bescheiden und talentiert. seine Freundschaften hat er gepflegt, als wäre ihm nichts auf der Welt wichtiger. {warum will i jetzt plötzlich nett zu ihm sein? i mach mi glaub i grad selbst fertig *Kopfschütteln*} zugleich freute er sich über jede kleine Zuwendung so sehr, als wäre sie ein Geschenk des Himmels.

ein Geschenk des Himmels. too good to be true. ein menschlicher Engel. ein Fels in der Brandung, auf den man sich immer verlassen konnte. {macht er mi fertig oder mach i mi fertig oder beides oder mach in Wirklichkeit i ihn fertig und merks einfach ned?} so beschreiben ihn einige Bekannte, die ich in Vorbereitung auf diese Rede nach passenden Bezeichnungen fragte. nach Worten, die ihm vielleicht ein bisschen gerecht werden können. zwei davon möchte ich selbst noch hinzufügen: verschmitzter Hoffnunsträger. „verschmitzt“ verwende ich hier, um sein Lächeln zu beschreiben, ein Lächeln, das ihm niemand nehmen konnte. seine Fröhlichkeit hat ihn in jedem einzelnen Moment seines Lebens (wie bizarr oder beunruhigend dieser auch scheinen mochte) begleitet. wenn ich „Hoffnungsträger“ sage, meine ich zweierlei: einerseits seinen unbändigen Glauben an das Gute im Menschen und auch die unübersehbare positive Tendenz seiner so poetischen Texte. {oder macht einfach 1 Teil meiner schizophrenen Persönlichkeit den andern fertig?} andererseits spiele ich damit (wie könnte es anders sein?) auf sein grünes Lieblingssakko an, das er auch heute und bis in alle Ewigkeit tragen wird. ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er mir einmal die Geschichte seines Erwerbs erzählt hat:

„V. {oida, so fertig war i no nie} hat sie mir geschenkt, zum Abschied. nicht eingepackt, natürlich. hätte ich auch nicht erwartet. war trotzdem ziemlich verblüfft. und so gerührt, dass sie überhaupt daran gedacht hatte. obwohl ich Kobold dann schon irgendwie zu zynisch fand. naja, was soll’s. typisch V. [*aufsehend* an dieser Stelle hat er in sich hinein gelächelt. *aus sich heraus lächelnd*] ich habe ihr eines meiner Lieblingsbücher gekauft, sie hat sich sehr gefreut. nie hätte ich damit gerechnet, dass sie mir auch etwas schenkt!“

ich möchte diese kleine Anekdote kurz wirken lassen und dann mit folgendem Zitat von Ralph Waldo Emerson, einem von M.’s Lieblingsautoren, abschließen [*dramatische Pause wirken lassend*]: „you cannot do a kindness too soon, for you never know how soon it will be too late.“

in diesem Sinne: lasst uns niemals vergessen, was wir M. zu verdanken haben. und lassen wir unsere Freunde niemals vergessen, wie dankbar wir ihnen sind. bis in alle Ewigkeit. Nema. {völlig; völlig fertig. mega fertig. fertiger als fertig. fast schon tot. angestorben, quasi.}

über die Schlaflosigkeit

du drehst dich auf die Seite, dein Herz schlägt schnell. (warum nur? du hast doch gar nichts getan. kein Sport vorm Schlafengehen, kein aufregender Film… was hast du eigentlich gemacht, kurz bevor du dich ins Bett gelegt hast? kannst du dich daran noch erinnern?
wenn du es nicht besser wüsstest, würdest du denken, du wärst verliebt.)

du änderst die Position deines Armes. (was ist bloß los mit dir? so unruhig warst du schon lange nicht mehr. ist heute Nacht vielleicht Vollmond? du weigerst dich aufzustehen, um nachzusehen – wer weiß, wann du es wieder schaffen würdest, dich hinzulegen. morgen musst du schließlich früh auf. außerdem brächte dir die Erkenntnis sowieso nur Ärger. wenn überhaupt. Ärger oder eine unzureichende Erklärung. darauf kannst du gut verzichten.)
du legst dich auf den Rücken. (vielleicht funktioniert es jetzt. meistens schläfst du in Rückenlage ein. glaubst du zumindest. den Kindheitstraum von der Videokamera neben dem Bett hast du dir bis jetzt nicht erfüllt. damals hast du in irgendeiner Kindersendung einen schlafenden Menschen in fast forward gesehen. ist sehr beeindruckend gewesen, daran kannst du dich noch erinnern. aber nicht daran, wer der Mann [war es überhaupt ein Mann?] gewesen ist. auch nicht an die genaue Reaktion deiner Mutter, nachdem du ihr eröffnet hast, dass du dich ebenfalls gerne jeden Morgen schlafen sehen willst.) du platzierst deine Hände um. (der Wunsch, deine Träume aufzeichnen zu können, ist dir geblieben. stammt sein Ursprung ebenfalls aus dieser Zeit oder kam er erst später? du würdest es jedenfalls immer noch gerne können. genauso wie luzides Träumen. ein, zwei Mal ist dir letzteres gelungen. vielleicht auch öfters und du hast es einfach vergessen, schon möglich. da käme wieder die Traumaufzeichnung ins Spiel, wenn es sie gäbe. natürlich könntest du auch aktiv an deinen Träumen arbeiten, mit aufschreiben und so weiter. aber das ist dir damals zu langwierig geworden. du kannst dich leider viel zu selten an deine Träume erinnern.)
als nächstes versuchst du es mit der Bauchlage, der Kopf liegt seitlich am Polster. kurz öffnest du die Augen (die Dunkelheit des Zimmers steht der Dunkelheit hinter deinen Augenlidern um nichts nach), um sie gleich darauf wieder zu schließen. (wozu sinnloserweise die Pupillen belasten? offene Augen würden dich nur umso mehr vorm Einschlafen abhalten. das ist das letzte was du jetzt brauchst, die Registrierung jedes noch so winzigen Lichtteilchens. oder war Licht eine Welle? du kannst dich nicht mehr erinnern.
genau genommen
kannst du dich an deine gesamte Schulzeit kaum erinnern. spärlich detailliert sind die wenigen Momente, die dir geblieben sind. hast du alles verdrängt? aber dafür müsste es doch einen Grund gegeben haben! ist dir wirklich einfach alles entfallen? aber so unwichtig war deine Schulzeit doch bestimmt nicht! waren die Erinnerungen zu langweilig, zu nichtssagend, hast du sie deshalb gelöscht? aber dich haben doch bestimmt täglich zahlreiche amüsante Situationen und [für damalige Verhältnisse] weltbewegende Probleme beschäftigt!)
du brauchst lange, um eine angenehme Position für deinen Kopf zu finden. (Kopf und Hände sind immer am schwersten.) dein kaltes Ohr bedeckst du mit der warmen Decke. (das Ohr auch. überhaupt alles, was leicht friert. für die Füße hast du normalerweise ja Socken, aber die sind bereits irgendwo am Fußende des Bettes verschwunden. zum Glück ist die Decke lang genug um deinen gesamten Körper gleichzeitig zu wärmen. wenn das Ohr nicht so kalt wäre – und wenn du wüsstest, wohin du deine Arme legen könntest, ohne dass du Sekunden später wieder den Drang verspürtest, sie woandershin zu bewegen –, dann könntest du vielleicht sogar einschlafen.) du seufzt.

ganz plötzlich schüttelt es dich unerwartet; du erschreckst kurz, bist dann aber erleichtert (das Gefühl des Fallens kommt pro Nacht höchstens einmal vor [du bist dir nicht einmal sicher, ob du es jemals schon öfters am selben Abend verspürt hast] und das kürzer vorm Einschlafen als du hoffen würdest).

abermals drehst du dich auf die Seite. (so, jetzt aber ganz ruhig. einatmen, ausatmen. du musst lachen, weil deine Gedanken dich zu Selbsthilfegruppen und Geburtsvorbereitungen führen. einen wirklichen Grund für dein Lachen gibt es allerdings nicht. weder Selbsthilfe- noch Geburtsvorbereitungsgruppen findest du für sich betrachtet ein solches Lachen wert.
ein gutes Zeichen also, die Müdigkeit setzt ein! du delirierst bereits im Halbschlaf, das muss es sein, eine andere Erklärung gibt es nicht – du lässt nicht zu, dass sich eine andere Erklärung anschleicht.)
du versuchst, völlig still zu liegen. (irgendwann einmal hast du irgendwo einmal gelesen oder gehört, dass jeder Mensch einschläft, wenn er sich für 15 Minuten nicht bewegt. du weißt nicht mehr, ob es mindestens 15 Minuten oder höchstens 15 Minuten oder ungefähr 15 Minuten waren. je länger du darüber nachdenkst, umso mehr zweifelst du an den 15 Minuten selbst – waren es vielleicht doch 20? mit Sicherheit weißt du, dass du dich damals schon gefragt hast, was genau mit bewegungslos gemeint ist. atmen wird wohl oder übel erlaubt sein müssen, aber fällt zum Beispiel die Schrecksekunde des Fallens auch darunter? müsstest du nach einer solchen wieder von vorne zu zählen beginnen? und was ist mit kleinen, winzigen Zuckungen der Finger, vielleicht nur halbbewusst ausgeführt? oder) du seufzt. (mit dem starken Anheben des Brustkorbs im Zuge eines tiefen Seufzers?) du beginnst zu zählen. (Silben, wie immer. du zählst die Sekunden nicht als Zahlen, wie du es früher getan hast [eins, zwei, drei, vier], sondern jede Silbe einzeln [fünf, sechs, sie, ben]. du weißt noch nicht, wie du ab hun, dert weitermachen wirst. meistens ignorierst du die großen Zahlen und tust so, als würde es nach hun, dert, und, eins, wieder mit zwei weitergehen. aber wenn du es doch etwas länger durchhältst, dann selbstverständlich mit dem und nach der Hunderterstelle. jede Silbe muss ausgenutzt werden, der Sinn der Sache ist ja, dass du dich verzählst, dass du wieder von vorne anfängst, dass du vergisst, bei welcher Zahl du gerade warst, dass du dieselben Silben viel zu oft hintereinander wiederholst – dass du endlich einschlafen kannst.)

there are two things in life for which we are never truly prepared

und, hast du Geschwister?“
„nein“

diese Frage taucht zwangsläufig am Anfang von jeder Freundschaft und Bekanntschaft auf.
diese Frage ist berechtigt, vielleicht sogar notwendig. ihre Antwort ist oft interessant.
diese Frage zwingt mich jedes Mal, über Lüge und Wahrheit nachzudenken.

sie sagten, ich sei ein Einzelkind. ich wiederholte, ich sei ein Einzelkind. bis in meine späte Kindheit war ich ein Einzelkind, glaubte, ein Einzelkind zu sein.
doch irgendwann erzählte mir meine Mutter von ihr. ich nannte sie „Lasi“, denn damals wollte ich Lisa heißen. und da ich ihr einen Namen geben musste, weil niemand das getan hatte, da wir ja irgendwie zusammen gehörten, konnte ich sie nicht „Marianne“ oder „Sonja“ nennen.

ich weiß bis heute nicht, ob ich ein Einzelkind bin oder nicht. ich weiß bis heute nicht, ob ich lüge, wenn ich behaupte, es zu sein. ich weiß, dass ich nicht immer ein Einzelkind war, aber ich weiß auch, dass ich mir dessen nie bewusst gewesen wäre.

meine Mutter trank zwei Gläser Schnaps, nachdem sie erfahren hatte, dass Zwillinge in ihr wuchsen. ich weiß nicht, was sie tat, nachdem sie erfahren hatte, dass eines der Embryonen krank war, Turner-Syndrom, und die Geburt nicht überleben würde. ich weiß nicht, was sie tat, aber ich weiß, dass sie erleichtert war. sie war erleichtert, weil sie Alleinerzieherin war, sie war erleichtert, weil sie arbeitslos war, sie war erleichtert, weil sie nicht gewusst hätte, wie sie zurecht gekommen wäre, mit zwei Kindern, eines davon schwer behindert.

ich mache ihr keinen Vorwurf. ich verstehe sie. wenn überhaupt, mache ich mir Vorwürfe. ich weiß natürlich, dass das mehr als sinnlos ist. ich weiß, dass ich sie nicht umgebracht habe. aber leider bin ich keine Atheistin, sondern Agnostikerin. deshalb stelle ich mir gewisse Fragen, auf die es keine Antwort geben kann.

habe ich eine Schwester? wenn ja, wo ist sie? wenn nein, wer war sie? warum musste sie sterben? warum darf ich leben? was kann ich tun, damit sie nicht in Vergessenheit gerät? will sie vergessen werden, ihre Ruhe haben?

seit vielen Jahren habe ich ein Bild im Kopf. es ist verschwommen und alt, älter als mein Erinnerungsvermögen. ein Bett im Krankenhaus, darauf liegt meine Mutter und neben ihr ein Neugeborenes. ich sehe das Bild aus der Vogelperspektive. ich weiß nicht, ob dieses Bild „real“ ist. ich weiß nicht, ob ich neben meiner Mutter liege. ich weiß nicht, ob dieses Bild die letzte, einzige Erinnerung von meiner Schwester ist. es wäre wohl die schönste Interpretation.

Sterben – Ein Tagebuch

der Tod ist
[dramatische pause]
unwahrnehmbar.

du gehst da eh wegen deiner oma hin.“

kerzenfotos,

tränenspuren,

ein lächeln? –

kälte.

angst? entschlossenheit.

wachsgeruch, ein wenig wärme.

es ist ja ein begräbnis, da weint man.„

die Lunge angerissen“,

aber

ihr Herz hat es wohl
nicht mehr mitgemacht.“

kalte finger,

eingefrorene gedanken.

dramatische musik, monotone bewegungen,

ein teelicht im stein.

ein trauriger witz, leider wahr.

und die üblichen streitereien.

der Tod ist
[dramatische pause]
unumgehbar.

ich habe keine tränen mehr;

ausgeheult.

schlechtes gewissen, heuchlerin?„

ja!„

leeres blech, gestank.

blättchenregen.

warmer stein,

durchsichtiges wachs,

runzelige haut.

schnell geschmolzen [schneeartig],

dunkelheit.

wir alle werden mit dem Tod konfrontiert, noch bevor wir geboren werden!„

der Tod ist
[dramatische pause]
unüberwindbar.

zugfahrt:
irgendwie vergeht die zeit.
die zeit vergeht immer
irgendwie

der Tod ist
[dramatische pause]
unendlich.

busfahrt:
atemberaubende schönheit,
atemraubende winterlandschaft.

zerbrochenes glas – unendliche scherben.

rosenkranzandacht – knieschmerzen.

gehen wir noch etwas trinken“ –
orangenpunsch.

warme kälte,

musik.

der Tod ist
[dramatische pause]
unhörbar.

eine brücke neben dem meer,
begangen von meiner
weißen schuhspitze.

schneestürmchen. schneedünen.

dann bist im windschatten“

luft und licht„.

es weht“ schnee. schneeweh.

drückende stille.
erdrückt.

überwältigender blumenduft„,
unüberwältigbar„,
gewaltig„.

guter verkehr„ –
güterverkehr“ –
guter güterverkehr„ –
gute güte, verkehr„.

der Tod ist
[dramatische pause]
unsichtbar.

begräbnistag: alte fotos, mittagessen, haus, kirche, friedhof, trivial pursuit, mikado, doku, nacht durchquatschen, aufdrehen.

der Tod ist
[dramatische pause]
eine

Dramatische
Pause

Anleitung zur Autodestruktion

du könntest dich nie kannibalisch ernähren, gib es zu. allein der Gedanke daran, das Fleisch eines anderen Menschen in deinem Mund … und es dann auch noch hinunter zu schlucken, es deinen ganzen langen Hals hinunter zu spüren (denn egal wie kurz er ist, er würde ewig scheinen) um es dann im Magen schließlich gefühlsmäßig zu verlieren, aber wirklich nur scheinbar, denn der Gedanke daran wäre immer vorhanden, auch, wenn du es schon längst ausgeschieden hättest. nein, du könntest dich wirklich niemals kannibalisch ernähren und es fällt dir auch nicht sonderlich schwer, dir diese Tatsache einzugestehen.

völlig anders verhält es sich jedoch mit dir selbst. für dich gelten andere Gesetze, wie immer. (du könntest nie einen Menschen töten, außer vielleicht dich selbst.) du würdest nie einen Menschen ernsthaft verletzen, außer vielleicht dich selbst.

die Ausnahme bestätigt die Regel; du hasst diesen Spruch. doch du bist die Ausnahme, deine eigene Ausnahme. von allen anderen Menschen ausgenommen nimmst du dich selbst aus. (du lachst über dieses geschmacklose Wortspiel.)
und dann fängst du an, wie immer, ganz nebenbei, ganz selbstverständlich. diesmal sind ausschließlich die Zähne am Werk, dort, wo sie keiner sieht, auch nicht du selbst. du beißt dir in die Innenseite deiner Lippe, links, rein zufällig. ohne bestimmte Absichten zuerst, ganz harmlos, ganz unwissend. bald merkst du, dass deine Haut geschwollen ist, und teilweise abgetrennt. dort, wo du auf sie eingebissen hast, hängen weiche Hautfetzen. (eingebissen. dir gefällt das Wort.) du beißt ab und schluckst runter, was sonst? es ist die einzig logische Schlussfolgerung, die einzig richtige. du lächelst. du machst nicht weiter, vielleicht aus Instinkt. vielleicht aber auch, weil der Schmerz gerade richtig ist, weil du nicht glaubst, mehr verkraften zu müssen. (verkraften. dieses Wort magst du nicht.) du fährst mit deiner Zunge über die Wunde, betastest sie, sanft, fasziniert. dir gefällt dieses Gefühl: Haut zu spüren, die das normalerweise nicht gewohnt ist. noch mehr gefällt dir der Geschmack des Blutes (deines Blutes), der sich jedoch leider nur kurzfristig hält. viel zu schnell ist er vorbei, ist es vorbei. du kannst nichts mehr beißen, oder: du beißt nicht mehr. deine Zunge liebkost die Stelle, die deine Zähne zuvor bearbeitet haben. (liebkosen. du findest dieses Wort unpassend, aber irgendwie auch nicht.) und bald schon vergisst du.

aber kein Vergessen währt ewig. spätestens, wenn sich eine Aphthe gebildet hat, wirst du dich wieder erinnern. (Aphthe. dieses Wort erinnert dich an Naphta aus dem Zauberberg. du magst Worte, in denen ein Ph vorkommt. und Worte in denen ein phth vorkommt, liebst du.) erinnern wirst du dich also, aber nicht gerne. denn wie viel Freude dir das Einbeißen (jetzt bist du verliebt in dieses Wort) auch bereitet haben mag – die Aphthe macht alles davon wieder zunichte. beim Essen und beim Trinken wirst du den Schmerz spüren, außer du bist klug genug, ihn zu vermeiden. (aber wer ist das schon?) und selbst wenn du klug genug bist, schmerzlos Nahrung aufzunehmen, wird das Spülen mit verdünntem Alkohol zu Desinfektions- oder das Einpinseln mit einer Salbe zu Heilungszwecken nicht angenehm sein. du wirst dich über diese Arten von Schmerz vielleicht sogar aufregen. wer wüsste, dass die eingebissene Innenseite der Lippe dir ebenfalls Schmerzen bereitet hat (Schmerzen, über die du nicht gejammert hast) würde das wohl inkonsequent finden (Inkonsequenz verabscheust du) – zu Unrecht jedoch, denn Schmerz ist nicht gleich Schmerz. gewollten oder auch nur halbwegs kontrollierten Schmerz (und alles, was dazwischen liegt) begrüßt du täglich. mit der anderen Sorte wirst du dich wohl niemals so sehr anfreunden können.

du wirst diesen Vorgang (und viele andere) wiederholen. nicht sofort, denn das wäre zu einfach, vielleicht auch zu gefährlich, auf jeden Fall zu langweilig. doch du wirst ihn wiederholen und nicht weniger genießen, in absehbarer Zeit. vielleicht wirst du bald auch neue Mittel finden, deine Autodestruktion zu befriedigen und sie diesem Repertoire hinzufügen. (befriedigen. du weißt immer noch nicht, was du von diesem Wort halten sollst.)